Als ich am 12. September in Marseille ankam, wurde ich von den Eltern und meinem Austauschschüler Lucas empfangen und abgeholt. Es war, wie meist in der Provence, ein sonniger, heißer Tag. Wir fuhren mit dem Auto nach Aix, von wo aus Lucas und ich uns, nachdem ich mich eingerichtet, das Haus angesehen und wir alle gut gegessen hatten, mit dem Fahrrad in die Stadt aufmachten. Dies gab mir die Möglichkeit, gleich am ersten Tag eine gewisse Orientierung zu bekommen.
Am nächsten Tag, einem Montag, gingen wir in die Schule, wo ich dem Schulleiter vorgestellt wurde. Ursprünglich wollten wir direkt in den Unterricht gehen, doch die Lehrerin weigerte sich, mich in der Klasse aufzunehmen, da diese mit über 30 Leuten ohnehin schon groß war. Auf die schriftliche Anordnung des Schulleiters hin wurde ich schließlich doch eingelassen.
Natürlich habe ich an diesem Tag viele Jugendlichen kennen gelernt, deren Namen und Gesichter mich natürlich ein bisschen überforderten, doch bald konnte ich damit umgehen. Die Jugendlichen waren allesamt freundlich und teilweise sehr interessiert, was sich u.a. in vielen Fragen über Deutschland äußerte.
Den Unterricht fand ich teils sehr interessant, beispielsweise das Fach Wirtschaft und Soziales (SES), das es in dieser Form an meiner Schule nicht gibt. Es war für mich anfangs nicht möglich, dem Französischunterricht zu folgen, der sich über den sprachlichen Anspruch hinaus noch mit philosophischen Themen befasste.
Etwas, was mich am Unterricht in Frankreich störte, war die Lehrmethode: Im Gegensatz zu dem Schulsystem hier, wo die Schüler und Lehrer bestrebt sein sollten zusammenzuarbeiten, ist der Unterricht dort fast ein Monolog seitens des Lehrers, sprich die Schüler hören zu und schreiben mit. Doch auf Mitarbeit wird nicht gerade viel Wert gelegt. Oder besser gesagt: die Mitarbeit stellt sich anders dar, nämlich im Zuhören und im fleißigen Mitschreiben.
Außerdem kommt es selten vor, dass Schüler ihre Arbeiten oder Hausaufgaben vorlesen, vielmehr werden sie vom Lehrer eingesammelt und auch bewertet und zurückgegeben, doch nie gemeinsam verglichen. Ich habe den Eindruck, dass das dazu führt, dass die Schüler versuchen, den Vorgaben des Lehrers zu entsprechen, ohne einen Maßstab oder eine allgemeine Orientierung zu haben; doch man könnte natürlich auch argumentieren, dass es zur Selbständigkeitswerdung beiträgt.
Die Schule ging meist bis 4 oder 5, doch war es nicht viel anstrengender als hier, aufgrund der zweistündigen Mittagspause, in der man sich wirklich erholen konnte.
Das einzige naturwissenschaftliche Fach war „Wissenschaft des Lebens und der Erde“ (SVT), was daran lag, dass Lucas Klasse eine Wirtschaftsklasse war. Die Fremdsprachen, die Lucas lernte, waren Deutsch und Englisch, doch auch Spanisch und Italienisch waren sehr populäre Fremdsprachen, da sie von Franzosen ja auch leichter gelernt werden können als Deutsch oder Englisch. Natürlich konnte ich mich im Deutschunterricht sehr gut einbringen und sowohl der Lehrerin als auch den Schülern helfen, Unklarheiten zu beseitigen. In Bezug auf die Qualität des Deutschunterrichts habe ich nichts zu beanstanden und es hat mir selbst sehr geholfen, meine eigene Sprache aus der Sicht derer zu sehen, die sie noch lernen.
Die Schule war gut ausgestattet, was z.B. daran zu sehen ist, dass der Sportunterricht optional aus Klettern an einer schuleigenen Kletterwand besteht, was an meiner Schule nicht denkbar wäre.
Am Wochenende unternahmen wir eigentlich immer etwas, so auch am ersten: Am Sonnabend war in ganz Aix eine Art Tag der offenen Tür, an dem es möglich war, alle alten Gebäude zu besichtigen, die der Öffentlichkeit sonst versagt sind. Den Vormittag über taten wir das auch, dann gingen wir nach Hause, um mit den Großeltern gemeinsam zu Mittag zu essen. Diese beiden haben sich sehr gut gehalten, wie ich finde, genauso wie Lucas Eltern. Ich könnte mir vorstellen, dass das am schönen Wetter und am guten Essen liegt. Die Menschen scheinen in dieser Region auf jeden Fall langsamer zu altern, als hier in Berlin. Die Großeltern waren also noch recht vital, und es fiel mir leicht, mit ihnen zu sprechen.
Am Sonntag, wo ich also eine Woche lang dort war, sind wir ans Meer gefahren. Über die Autobahn ist es etwa eine halbe Stunde bis zur Küste, und wir fuhren an einen schönen, und sehr bergigen Küstenabschnitt, östlich von Marseille.
Wir verabredeten uns mit einer mit meiner Gastfamilie befreundeten Familie, stellten die Autos ab und machten uns auf den Weg. Es sollte nämlich nicht direkt zur Badestelle gehen, sondern über die Berge an der Küste war eine Wanderung geplant, die letztendlich um die 3 Stunden in Anspruch nahm und grandiose Ausblicke und Klettertouren beinhaltete. Doch als wir schließlich dort waren, war es fantastisch: wir waren an einer mittelgroßen, langgestreckten Bucht, die von steilen Felsen umschlossen, und mit klarem, grünlich-blauem Meerwasser gefüllt war, angekommen.
Natürlich badeten wir erst mal, nahmen dann ein Picknick zu uns, und ruhten uns aus. Es war toll.
Die Gegend mit diesen vielen Buchten heißt „Les Calanques“ und ist, soweit ich weiß, ein beliebtes Segel-, Surf-, Tauch- und Klettergebiet.
In der darauffolgenden Woche lief es in der Schule schon wesentlich besser. Ich konnte in manchen Fächern schon mitarbeiten, in den Fremdsprachen natürlich permanent.
An einem freien Tag unternahm ich alleine einen Ausflug nach Marseille. Ich nahm den Bus, der direkt über die Autobahn fuhr, und der ungefähr eine halbe Stunde brauchte. Nach anfänglichen Orientierungsschwierigkeiten in dieser zweitgrößten Stadt Frankreichs schlug ich schließlich den Weg zum Hafen, also zum Stadtzentrum, ein. Ich bin dort viel herumgelaufen, um möglichst viel zu sehen, und ich denke, das habe ich auch. Es gibt dort viele alte, schöne Gebäude und viele Sehenswürdigkeiten, sowie Unmengen prächtiger Kirchen und Kapellen.
Im Gegensatz zu Aix, die eine reiche, sehr bürgerliche Stadt ist, ist Marseille diesbezüglich wild durchmischt: Es gibt arme Gebiete, fast Slums, aber auch reiche Einwohner mit schönen Häusern; und es gibt viele Touristen. Bekannt ist die Stadt auch für ihre Kriminalität, in erster Linie für Taschendiebstahl, vor dem man mich im vorhinein mehrmals gewarnt hatte.
Nach einem Monat hatte ich mich schon sehr gut eingelebt, fühlte mich fast als Einheimischer, kannte Menschen und Orte, zu denen man gehen konnte und hatte auch die anfängliche Einsamkeit überwunden.
In der vorletzten Woche besuchten wir, und das fand ich großartig, schließlich noch Paris. Nach achtstündiger Autofahrt quartierten wir uns bei Bekannten der Familie ein und besuchten ein sehr teures Restaurant, das „Bofinger“.
Die darauffolgenden 6 Tage waren sozusagen ein Intensivtrip Paris: Tagsüber mehrere Museen oder Sehenswürdigkeiten, abends unterwegs in der Stadt. Natürlich besuchten wir das Louvre, die Abteilung für zeitgenössische Kunst. Ich sah den Eiffelturm, Notre Dame, die Sacre Cœur und vieles andere. Besonders hat mir das Musée d´Orsay gefallen, mit all den berühmten Impressionisten.
Wie es der Zufall wollte, waren zu der Zeit auch noch 2 andere Mädchen aus Lucas Schule in der Stadt, so dass wir auch ein paar Leute kannten. Doch trotz der intensiven Aktivitäten unsererseits braucht man natürlich mehr Zeit, um eine Stadt wie Paris wirklich zu entdecken.
Zur Familie kann ich dann noch Folgendes erzählen: Neben Lucas haben die Eltern noch zwei jüngere Mädchen. Die Eltern sind Mitte vierzig. Die Mutter arbeitet als pädagogische Beraterin für Schüler und Lehrer und ist an Schulen unterwegs. Der Vater hat früher hohe Gebäude, Dächer von Kirchen und zum Beispiel auch den Eiffelturm restauriert, was er aufgrund seiner Bergsteigerausbildung konnte. Auch war er Bergführer im Gebirge. Jetzt hat er Knieprobleme und ist im Moment im Maklergeschäft tätig.
Der Vater kommt aus dem Elsass, die Mutter aus Paris. Bis vor 2 Jahren hat die Familie auch in Paris gelebt, bis sie nach Aix-en-Provence gezogen sind.
Da der Vater in seiner Kindheit auch ein wenig auf deutsch sprach, konnten wir manches Kommunikationsproblem lösen, doch eigentlich habe ich praktisch nur Französisch gesprochen, ohne große Mühe und mit Vergnügen.
Manchmal gab es in der Familie heftige Diskussionen oder Streit, in erster Linie zwischen der älteren Tochter, die gerade absolut rebellisch gesinnt war, und den Eltern; vornehmlich jedoch stritten sie um Kleinigkeiten. Dies schien mir sowieso eine Eigenschaft der Franzosen, nämlich über Kleinigkeiten zu streiten. Ich blieb von diesen heftigen Diskussionen glücklicherweise verschont.
Doch dies hat meine Freude, in dieser Familie zu sein, kaum gemindert, denn es waren herzliche und freundliche Menschen, an die ich mich sehr schnell gewöhnt und mit denen ich mich gut verstanden habe.
Zu der Küche, die ich dort kennen gelernt habe, muss ich sagen, dass ich sie sehr gut fand. Natürlich kann ich nur das beurteilen, was ich in der Familie kennen gelernt habe, doch es schien mir nicht allzu weit von meiner heimischen entfernt zu sein. Es gab jeden Abend ein gutes Essen, einen Salat und anschließend Brot mit Käse, was mir sehr sympathisch war. Die zentrale Rolle, die der Käse in der französischen Ernährung spielt, ist mir ebenso sympathisch, vor allem da seine Qualität dort sehr viel besser ist als in Deutschland. (Wie gesagt: Aix ist eine relativ reiche Stadt, und mir ist klar, dass nicht alle Franzosen die Möglichkeit haben, alle ihre Lebensmittel frisch auf dem Markt und alle Käsesorten nur beim Käsehändler zu kaufen.)
Das zweite Vorurteil über die französische Küche, den Wein, sah ich ebenso bestätigt wie das erste; der Wein gehört einfach dazu, und mit einem Schluck Rotwein kann man auch die übel riechenderen Käsesorten besser ertragen.
In Bezug auf die französische Jugend kann ich natürlich wieder nur von Aix sprechen. In der Klasse wirkten sie sehr erwachsen, doch mit der Zeit hatte ich eher das Gefühl einer allgemeinen Lethargie, die mit Sicherheit auch durch das permanente Blabla des Lehrers hervorgerufen ist, das wohl das Denken ein wenig lähmt.
Im Gegenzug dazu hatte ich in der Freizeit und der Pause manchmal das Gefühl, es mit verspielten Kindern zu tun zu haben, mit denen ich gar nichts anfangen konnte. Das liegt wohl daran, dass die Gesellschaft eine Reife von ihnen fordert, der sie nicht entsprechen können. Dies ist natürlich ein weltweites Phänomen, doch dort habe ich viele solcher Menschen gesehen und ich könnte mir vorstellen, dass es stark mit dem Schulsystem zusammenhängt, welches, angefangen von den sechzigminütigen Schulstunden bis hin zur Rolle der Lehrer, mehr Verantwortung fordert.
Ich hatte auch das Gefühl, die Franzosen liebten es mehr, ihr Leben unbefangen zu genießen, als sich den Kopf über selbiges zu zerbrechen. (Wie gesagt, ich kann das nur so subjektiv beurteilen wie das, was ich sehe, begrenzt ist.)
Natürlich gibt es dort wie hier ganz unterschiedliche Menschen und zusammenfassend kann ich sagen, dass mir mein Aufenthalt eine Unmenge wichtiger Erfahrung eingebracht hat.
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