PAULA DE SCHLESWIG-HOLSTEIN DANS L’ACADEMIE DE NANTES

Mein kleines Abenteuer, meine kleine Welt, die mich für zwei Monate in ihren Bann gezogen hat
Wenn ich jetzt an die zwei Monate zurückdenke, mich an den Anfang erinnern soll, muss ich zugeben, dass ich fast gar nicht mehr weiß, wie es war. Es ging alles viel zu schnell, als sich noch an alles erinnern zu können. Doch ist es klar, dass ich mich an die Höhepunkte, an Ereignisse und vor allem an Menschen sehr gut erinnere und sie wohl auch niemals vergessen werde.
Ok, jetzt frage ich mich: „Wie fing alles an? Wie war mein erster Tag in Frankreich?“ Ich erinnere mich kurz und weiß wieder: aufregend, interessant, und doch noch eines: unglaublich deprimierend! Frisch verabschiedet von Freunden und Familie begann die Reise auf dem Hamburger Flughafen, voller Ungewissheit, was einen erwartet, und doch voller Vorfreude, endlich die „Corress“ wiederzusehen, endlich ihre Welt kennen zu lernen, endlich die Leute kennen zu lernen, von denen schon so oft untereinander geredet wurde, und natürlich endlich meine „neue Familie“ zu sehen. Doch zum Glück musste ich nicht alleine in den Flieger steigen. Zusammen mit Karina, die ich durch den Austausch kennen gelernt habe, und die die Austauschpartnerin von der besten Freundin von Azeliz (meiner Corress) ist, trat ich die Reise an, und wir beide verließen Deutschland mit gemischten Gefühlen.

Am Flughafen von Nantes erwarteten uns auch schon unsere lieben Corress, die an der Glasscheibe vom Empfang klebten und uns zuwinkten und rumhüpften vor Freude. Uns trennte nur noch eine Plexiglasscheibe und das Gepäck, das auf sich warten ließ; natürlich kamen unsere beiden Koffer als zwei der letzten, was unsere Nervosität nicht gerade besänftigte. Schließlich konnten wir uns endlich wieder in die Arme schließen, und ich durfte auch gleich eine der großen Fragen kennen lernen, die mich noch zwei Monate verfolgt hat: Wie viele Wangenküsschen gibt man? Mein Austauschvater begrüßte mich sofort mit vier und erklärte auch gleich: „Ich gebe immer vier. Nicht weniger!“ Wir packten dann meine Sachen ins Auto (natürlich ein Citroen) und fuhren circa eine Stunde durch die Nacht in der Azeliz und ich uns eine Menge zu erzählen hatten, auch wenn das Gespräch auf deutsch stattgefunden hat, weil ich einfach zuviel zu erzählen hatte, das ich noch nicht auf französisch ausdrücken konnte.
Irgendwann kamen wir dann auch zu Hause an. Ich wurde schon von der Familie erwartet, sogar von den kleinen Geschwistern, die extra den ganzen Abend aufgeblieben waren, obwohl es doch schon ziemlich spät war und die Kleinen eigentlich in ihre Bettchen gehören sollten. Ich jedenfalls ging auch sofort nach einem kleinen Plausch, soweit man es denn so nennen konnte, zu Bett und schlief ausgesprochen gut in der ersten Nacht. Ich fühlte mich von Anfang an wohl in meinem eigenen Zimmer, das später sogar noch mit Postern und Bildern verziert wurde.

Am nächsten Tag wurde mir erst einmal meine neue Heimat gezeigt: Ein wunderschönes kleines Städtchen direkt am Atlantik zwischen den für die Gegend bekannten Salzgärten. Ich sah zum ersten Mal den Strand, die Kirche, die ich noch so oft sehen würde, die kleinen Lädchen wie die "Boulangerie" oder die "Crêperie" (die später zu meinem absoluten Lieblingsrestaurant wurde) und natürlich kam ich nicht mehr aus dem Staunen heraus, wie süß die Häuser doch alle aussahen! Alle waren noch in der alten französischen Art gebaut, mit teilweise groben Steinen als Wand. Dann hatte jedes Häuschen farbig gestrichene Fensterläden und Türen. (Natürlich nicht IRGENDWELCHE Farben, die Anwohner bekamen von der Gemeinde die Anweisung nur bestimmte Farben zu benutzen: blau, grün, rot oder braun. Schon allein das fand ich einfach fantastisch!)

Ich lernte gleich am ersten Tag die ersten Freunde von meiner Corress kennen und ich weiß noch genau, dass ich abends total deprimiert ins Bett gegangen bin, weil ich an diesem Tag so sympathische Leute kennen gelernt hatte, mich aber nicht mit ihnen unterhalten konnte, denn ich verstand sie nicht, und sie verstanden mich nicht...
So verbrachten Azeliz und ich die nächsten eineinhalb Wochen damit, Freunde von ihr zu treffen (wir hatten ja noch eine Weile Ferien, währenddessen meine Freunde in Deutschland alle weiterhin zur Schule gehen mussten), trafen unter anderem auch Karina, worauf ich mich immer tierisch freute, denn es fiel mir einfach so schwer, nicht viel zu reden und einfach „frei“ zu reden. Doch irgendwann gewöhnt man sich selbst an das.

Nach eineinhalb Wochen Sonne, Strand und ersten Kennenlernens musste natürlich auch die Schulpflicht mal ran. Es war mein zweiter Donnerstag in Frankreich, ich verstand schon etwas mehr Französisch, aber natürlich noch nicht viel. Azeliz war genau so aufgeregt wie ich, denn es war ihr erster Schultag in einem Lycée, was auch heißt, dass noch ungewiss war, mit welchen Bekannten und Freunden sie in eine Klasse kommen würde.
Wir betraten also die Schule und kamen in ein rundes Forum, wo sich an die 150 Schüler aufhielten. Später wurde mir klar, dass das allein die Schüler der „Seconde“ waren, also die Schüler, die an diesem Tag im Lycée eingeschult werden sollten. Alle drängten sich um ein Brett, an dem die Klassenlisten hingen. Nach einigem Gedränge und Schubsen erreichten wir endlich das Korkbrett und zu meinem Erstaunen konnte ich auch meinen Namen lesen. Zusammen mit einer Freundin von Azeliz kamen wir in die „Seconde 1“ mit 35 Schülern. Danach betraten alle Schüler das Theater der Schule, wo der Direktor und ein paar Klassenlehrer eine Ansprache hielten, in der es darum ging, was das Prinzip der Schule ist, wie die Schüler sich zu verhalten haben etc. Danach betraten wir zusammen mit unserer Klassenlehrerin das offizielle Schulgebäude, in dem sich die Klassenräume befanden. Nachdem sich alle vorgestellt hatten, bekamen wir dann eine kleine Führung durch die (ziemlich große und vor allem moderne) Schule. Jeder Lehrer, den wir in den darauffolgenden Stunden hatten, gab uns die Aufgabe, einen kleinen Steckbrief von uns schreiben mit unseren Schwierigkeiten in der Schule, Lieblingsfächern, Hobbies etc.
So ging der erste lange Schultag an mir vorbei, und um kurz nach sechs waren wir dann (täglich, bis auf mittwochs) zu Hause. Abends machten wir dann meistens nicht mehr viel: Hausaufgaben, Fernsehgucken, mit den Freunden aus Deutschland am Computer chatten oder Briefe schreiben.

Immer freute ich mich aufs Abendbrot, das anders aussah als zu Hause. Erst kam ein kleiner Salat, Käse oder Pastete mit Baguette. Dann kam das Hauptgericht, dass mir auch (fast) immer schmeckte. Nur den Schweinedarm hab ich dann doch nicht heruntergekriegt, sowie die Schnecken (ich habe immerhin eine gegessen) oder das rohe Fleisch (meine Austauschmutter war später aber immer so lieb und hat mein Fleisch länger braten lassen), und zum Schluss etwas Süßes oder Käse mit Baguette. Ich jedenfalls habe mich jeden Abend auf meine Mousse au Chocolat gefreut! So ähnlich sah auch das Essen in der Schule aus, nur lange nicht so lecker, aber auch nicht schlecht.

Nun ja, so zog sich das Schulleben so hin, in den meisten Fächern (meistens die, in denen Lehrer unterrichtet haben, die langsam sprachen) habe ich sogar den Unterricht mitgemacht. Die Lehrer sahen mich als ganz normalen Schüler an, respektierten aber, dass meine Sprachkenntnisse nicht so gut waren. Ich konnte aber auch feststellen, dass wir die meisten Themen in der Schule in Deutschland schon mal durchgenommen hatten (z.B. in Mathe, Biologie, Physik, und natürlich Englisch, denn meine Austauschpartnerin lernt gerade mal drei Jahre Englisch, also war das kein Problem für mich, auch wenn ich immer auf Französisch antworten wollte, wenn der Lehrer sich mit mir auf Englisch unterhielt).
Aber mein Lieblingsfach war natürlich der Deutschunterricht. Es machte mir Spaß, den Mitschülern die deutsche Kultur und Sprache etwas näher zu bringen. Zum Beispiel das Thema „Was die Franzosen von den Deutschen denken“. Dieses Thema war eines der interessantesten. Viele gaben als Beispiel an: „Deutsche sind dick, groß, essen Wurst und Brezeln und trinken Bier, laufen in Lederhosen rum etc.“ Da war es mir doch eine Freude endlich klar zu stellen, dass das nur Bayern entsprach und nicht für GANZ Deutschland gilt.
Die Deutschlehrerin hat sich natürlich auch gefreut und hat manchmal sogar aus Versehen mit mir alleine den Unterricht geführt. Ansonsten waren alle Lehrer sehr nett, vor allem die Französischlehrerin, die mir regelmäßig Extraaufgaben gab, um mich schneller der französischen Sprache anzunähern. Diese Aufgaben waren zwar meistens viel zu schwer für mich. (Ich hatte z.B. einmal eine Novelle bekommen, in der selbst Azeliz einige Wörter nicht kannte und von der ich eine Inhaltsangabe machen sollte. Am Ende der zwei Monate war ich dann sogar fertig!)

An den Wochenenden machten wir immer etwas Anderes: Da waren die Familienausflüge, Treffen mit Freunden (oder Karina), oder auch diverse Partys. Mit der Familie waren wir ein Wochenende lang in (bzw. bei) Brest, wo wir Oceanopolis besucht haben, einen riesigen Komplex, der sich nur auf Meereslebewesen beschränkt, mit ziemlich artgerechten Anlagen, was ich dazufügen muss. Nach einem Nachmittagsaufenthalt waren alle müde und wir fuhren gemeinsam zu einem alten Schloss, wo schon vorher die Zimmer für uns gebucht wurden. Abends gingen wir noch am schneeweißem Strand spazieren und sahen wie die Sonne hinten am Horizont verschwand. Nach so viel frischer Luft und Bewegung knurrte uns allen der Magen und wir gingen in einer Crêperie essen.
Spät abends fielen wir schließlich totmüde ins Bett. Nun ja, besser gesagt, ich „zwängte“ mich ins Bett, denn die Franzosen klemmen die Decke unter die Matratze und schlafen auch so. Am nächsten Morgen liegt dann die Hälfte auf dem Boden. Wir schliefen ein bisschen aus, und aßen dann das beste Frühstück auf der Welt: Croissants, Baguette und anderes französisches Gebäck. Dann machten wir uns auch schon wieder auf den Weg und fuhren an der Küste der Bretagne entlang, bis wir eine alte Festung erreichten, die im Ersten und Zweiten Weltkrieg als Bunker benutzt worden war. Es war eine kleine Festung, auf einer kleinen Insel, ca. 10 Meter entfernt vom Festland, die man früher nur bei Ebbe erreichen konnte, wo heute aber eine Brücke hinführt. Wir besichtigten sie, aßen noch gemütlich ein Picknick am Strand und machten uns dann auf die Heimfahrt.
Dann gab es noch kleinere Ausflüge, z.B. waren wir (natürlich ohne die kleinen Geschwister- sondern jeweils mit einem Elternteil) in Nantes shoppen. Einmal waren wir segeln und wir besuchten auch den „Planète Sauvage“, der unserem Safaripark gleicht. Nicht zu vergessen die kleinen Spaziergänge in der Umgebung! Die Strände und die gesamte Küste ist traumhaft schön, kein Wunder, dass es so viele Touristen in die Gegend zieht!
An anderen Wochenenden waren Azeliz und ich viel mit Fahrrad unterwegs (hat sich angeboten, weil die umliegenden Städtchen nicht weit entfernt waren) - bis mein Fahrrad am bitteren Ende noch schlapp oder besser gesagt „platt“ gemacht hat.
Wir besuchten viele Freunde (konnten den ersten Monat meines Aufenthalts sogar regelmäßig zum Strand gehen, weil es noch so warm war) und unternahmen auch ansonsten viel. Abends waren dann manchmal Partys oder auch „Soirées“ (meiner Meinung nach das Gleiche wie eine Party, nur etwas kleiner und intimer). Die machten mir immer am meisten Spaß, weil ich da die Gelegenheit hatte, die Leute außerhalb der Schule besser kennen zu lernen, denn die Stimmung war viel lockerer und man konnte sich einfach über alles mögliche unterhalten.

So wuchsen mir alle langsam ans Herz und gerade, wo ich anfing mich richtig einzuleben und vor allem mich zu integrieren und einfach mit den Leuten zu reden, mussten 2 Monate auch schon vorbei sein und ich musste „Au Revoir“ sagen. Ich bekam von jedem noch einen ellenlangen Abschiedsbrief, mit den Höhenpunkten meiner Zeit in Frankreich. Meine Klasse machte mir sogar ein riesiges Plakat, wo alle unterschrieben und ein paar liebe Wörter hinzufügten. Natürlich wurden auch die Adressen ausgetauscht und ich habe immer noch und ich hoffe noch eine ganze Weile Kontakt mit meinen französischen Freunden und meiner französischen Familie, die mir so viel gegeben hat. Neben kleinen Geschenken auch viel Verständnis, Unterstützung bei meiner Sprachkenntnisverbesserung und vor allem hat sie mich von Anfang an als ein neues Familienmitglied angesehen, was ich sehr geschätzt habe und was ich auch in meinem Abschiedsbrief geschrieben habe.

Al1es in Einem bin ich sehr froh, dass ich mich vor ca. einem Jahr dazu entschieden habe, an diesem Austausch teilzunehmen, denn es hat mir nicht nur die Sprache näher gebracht (auch wenn ich sie natürlich nicht perfekt beherrsche, sondern lediglich besser), sondern auch den Leuten und einem ganz neuen Leben. Ich weiß noch wie ich in Deutschland (mit ganz verheulten Augen) angekommen bin und mir alles so seltsam vorkam. Ich wurde zwar so freudig wie noch nie von meiner Familie und meinen Freunden begrüßt und ich freute mich auch riesig, doch braucht es seine Zeit, um erst einmal zu begreifen, dass ich mich wieder in meinem alten Leben befinde. Doch meine (deutschen) Freunde unterstützten mich riesig dabei und schon bald waren die Tränen vergessen, nicht aber die Menschen, die Zeit und das fröhlich leichte Lebensgefühl der Franzosen. Also kann auch ich sagen: „Ich will diese Zeit um nichts auf der Welt missen!“