| Programme für benachteiligte Jugendliche - Ein Resümee
Eine Arbeitsgruppe des Kuratoriums des DFJW hat sich mit den Programmen für benachteiligte Jugendliche befasst. In diesem Zusammenhang hat Alfred Debus folgende, hier auszugsweise veröffentlichte Einschätzung abgegeben:
Für benachteiligte Jugendliche ist in Deutschland die Jugendhilfe und insbesondere ein Teilbereich - die Jugendsozialarbeit - zuständig. Das Sozialgesetzbuch benennt als Zielgruppen der Jugendsozialarbeit Junge Menschen, die zum Ausgleich sozialer Benachteiligungen oder zu Überwindung individueller Beeinträchtigungen in erhöhtem Maße auf Unterstützung angewiesen sind. Was konkret unter sozialen Benachteiligungen und individuellen Beeinträchtigungen zu verstehen ist, definiert das Gesetz nicht. Die führenden Kommentare sind sich aber einig, dass hier der berufliche Bereich im Blick ist, und zwar insbesondere die Jugendberufshilfe. Konsens besteht auch darin, dass Jugendsozialarbeit mehr ist. Im Gesetz wird nicht interpretiert, was Unterstützung in erhöhtem Maße bedeutet. Nur soviel ist klar, dass in diesem Bereich der Jugendhilfe junge Menschen mehr Unterstützung und Förderung erhalten müssen als in anderen Bereichen und dass hier ein überdurchschnittlicher Bedarf besteht.
In Deutschland ist die Jugendhilfe schon seit längerem zu einer vierten Sozialisationsinstanz geworden neben Familie, Schule und Beruf. Sie hat de facto einen eigenständigen Erziehungs-, Bildungs- und Förderauftrag. Im Kontext der Jugendhilfe ist die Jugendsozialarbeit als der Handlungsansatz definiert, der sich spezifisch mit der schulischen, beruflichen und sozialen Integration junger Menschen beschäftigt. Sie soll junge Menschen auf ihrem Weg zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit begleiten und unterstützen. Sie soll Voraussetzungen für die dauerhafte Teilhabe an der Erwerbsarbeit und damit für eine aktive Teilhabe am Gemeinwesen schaffen.
Hier wird deutlich, welchen Spagat die freien Träger der Jugendsozialarbeit leisten müssen. Einerseits haben sie Verantwortung gerade für die besonders benachteiligten jungen Menschen und sind verpflichtet, sich solidarisch auf ihre Seite zu stellen, andererseits kennen sie auch die Regeln der Arbeitsmarktpolitik der Wirtschaft, der Schule, der Sozialpolitik, der Ausländerpolitik usw.
Benachteiligte Jugendliche weisen zum einen relativ klar zu benennende Eigenschaften auf, wie fehlende Schul- und Berufsabschlüsse, Langzeitarbeitslosigkeit, Sprachkenntnisse, Lern- und Leistungsbeeinträchtigungen usw. Andererseits lässt der Begriff soziale Benachteiligung aber auch vieles offen. Fest steht jedenfalls, dass es nicht um individuell und schuldhaft zuzuschreibende Defizite und Fehler, sondern um Versäumnisse in der Entwicklung geht. Für Ostdeutschland ist hierbei besonders zu beachten, dass der Begriff der sozialen Benachteiligung als gesetzliche Beschreibung und Feststellung fremd ist. In der DDR gab es Begriffe wie sozial Gefährdete oder Sozialkriminelle.
Zu beachten ist ferner, dass der Zustand des Ausbildungs- und Arbeitsmarktes direkten Einfluss auf und für die Zielgruppen der Jugendarbeit hat. In Zeiten schlechter Konjunktur werden auch junge Menschen zu Benachteiligten mit besonderem Unterstützungsbedarf, die sonst ihre berufliche und soziale Eingliederung selbst gemeistert hätten. Viele von ihnen würden bei einer hohen Nachfrage nach Ausbildungs- und Arbeitskräften selbstständig ihren Weg finden, und niemand käme auf die Idee, sie als Benachteiligte zu bezeichnen. Wer also zu der Gruppe benachteiligter Jugendlicher gezählt wird, hängt in nicht unwesentlichem Maße vom jeweiligen historischen, sozialen und konjunkturellen Kontext ab.
Heute wird in der Jugendsozialarbeit vor allem mit folgenden Zielgruppen gearbeitet:
Schülerinnen und Schüler, deren Schulerfolg gefährdet ist (Haupt-, Förderschüler),
Schulverweigerer und Schulflüchtige,
Jugendliche ohne bzw. mit schlechtem Schulabschluss,
Jugendliche, die auf Grund fehlender Qualifikationen keine Ausbildungsstelle finden oder erst gar nicht versuchen zu finden,
Jugendliche, die sich nicht für eine bestimmte Ausbildung entscheiden können,
Auszubildende, deren Ausbildungserfolg gefährdet ist,
Ausbildungsabbrecher,
Jugendliche und junge Erwachsene, die ohne Ausbildung geblieben sind,
Jugendliche und junge Erwachsene, die trotz Ausbildung keinen Zugang zum Arbeitsmarkt finden,
junge Aussiedlerinnen und Aussiedler,
junge Immigrantinnen und Migrantinnen und unter diesen Zielgruppen jeweils besonders Mädchen und junge Frauen.
Die offizielle Formulierung Programme für benachteiligte Jugendliche ist übrigens verräterisch. Sie geht nämlich von einem defizitären Ansatz aus. Darin ist sie ein Spiegelbild des deutschen pädagogischen Systems und auch der Jugendberufshilfe, das vor allem auf die Feststellung und die anschließende Kompensation von Defiziten ausgerichtet ist. Es wird viel zu selten wahrgenommen, dass auch Benachteiligte neben allen möglichen Defiziten ganz zweifellos Stärken und Kompetenzen haben.
Und noch viel seltener wird in der pädagogischen Arbeit gerade und vor allem an diesen Stärken und Kompetenzen angesetzt, um sie zum Hebel zu machen, mit dem die Defizite überwunden werden können. Gründe dafür können sein, dass diese Stärken und Kompetenzen oft in Bereichen liegen, die vordergründig mit den Anforderungen einer beruflichen Sozialisation wenig oder nichts zu tun haben. Sie können auch in Bereichen liegen, die unter moralischen oder rechtlichen Gesichtspunkten allgemein als nicht gut beurteilt und deshalb zunächst gar nicht als Stärken oder Kompetenzen erkannt und bewertet werden. Auch nicht von den jungen Menschen selbst.
Inzwischen findet das Assessmentverfahren glücklicherweise auch in der Benachteiligtenförderung zunehmend Anwendung. Es kann helfen, Stärken und Fähigkeiten heraus zu finden. Dies ist aber nur möglich, wenn vorher definiert wird, was eigentlich Stärken und Fähigkeiten sind. Es kommt also darauf an, den Blick und die Wahrnehmung der Pädagoginnen und Pädagogen zu schulen, um auch in grundsätzlich unerwünschten, schädlichen oder destruktiven, in unscheinbaren, nebensächlichen oder verborgenen Verhaltensweisen die persönlichen Stärken und Kompetenzen erkennen zu können. Der Ansatz der akzeptierenden Arbeit geht hier nicht weit genug. Es reicht nicht aus, den Menschen so zu akzeptieren, wie er ist, und zwar als widersprüchliches Wesen. Darüber hinaus ist es notwendig, systematisch in das pädagogische Handeln einzubauen, dass in den Schwächen auch die Stärken, im Unwichtigen auch das Wichtige, im Schlechten auch das Gute wahrzunehmen ist und gerade hier angesetzt werden muss, es zu bestätigen und zu fördern. Denn wer sich seiner Kompetenzen und Stärken in bestimmten Bereichen bewusst ist, kann viel leichter die Defizite und Schwächen im anderen überwinden.
In diesem Punkt können wir in Deutschland viel von Frankreich lernen. Der Schwerpunkt der französischen Arbeit wird stärker auf die Entwicklung und Förderung kultureller, kommunikativer, sozialer und sportlicher Kompetenzen gelegt, um damit eine Persönlichkeitsstärkung zu erreichen, die generell das Überwinden von Hindernissen und Hürden erleichtert. Möglicherweise ist an diesem Punkt auch die Ursache dafür zu finden, dass bis heute an den Programmen für junge Arbeitslose erheblich mehr Franzosen als Deutsche teilgenommen haben.
Über mögliche Konsequenzen für das DFJW ist deshalb nachzudenken. Ich sehe sie vor allem in folgenden Punkten:
Korrektur in der Darstellung sozialer Benachteiligung Jugendlicher. Wenn ein Jugendclub Besuch bekommt, sind die pädagogischen Betreuer geneigt, die Jugendlichen als sozial benachteiligt vorzustellen. Gegen diese Zuschreibung sozialer Benachteiligung durch Erwachsene wehren sich die Jugendlichen. Hier ist eine neue Sensibilität im Umgang miteinander gefordert.
Programme sollten mit sozialbenachteiligten Jugendlichen gemacht werden, nicht für sie. Wenn an den Stärken und Kompetenzen der Jugendlichen angeknüpft wird, besteht die Chance, ihre Schwächen zu verändern.
Ein hoher fachlich-personeller Aufwand ist notwendig für die Durchführung von Programmen mit sozialbenachteiligten Jugendlichen. Es ist zu akzeptieren, dass solche Programme im Vergleich zu anderen teurer sind.
Sprachanimation ist eine hervorragende Möglichkeit für sozialbenachteiligte Jugendliche, sich etwas zuzutrauen. Sie sollte nach Möglichkeit in allen Programmen eingesetzt werden.
Das Leitungsteam muss mit den Problemen, die bei sozialbenachteiligten Jugendlichen verstärkt auftreten, wie Gewalt, Drogen, Diebstähle usw. besonders vertraut sein.
Daraus leiten sich zwei aktuelle Forderungen an das DFJW ab:
1. Das DFJW sollte gemeinsam mit seinem Partnern interkulturelle Konfliktmanagement-Seminare für Teamer von Programmen mit sozialbenachteiligten Jugendlichen entwickeln.
2. Das DFJW sollte eine trägerübergreifende Auswertung aller Programme mit sozialbenachteiligten Jugendlichen verstärken.
|