Bezugspunkt der Begegnungsmaßnahmen ist das Beschäftigungssystem. Der Arbeitsmarkt bietet Arbeitsplätze, für die in Deutschland und in Frankreich bisweilen ähnliche, bisweilen unterschiedliche Kriterien gelten.
In Deutschland eine Lehre zu absolvieren heißt, den Beweis zu erbringen, dass man imstande ist, sich in den Arbeitsprozess zu integrieren. Damit besitzt die Lehre - neben der unmittelbaren beruflichen Qualifizierung - auch eine ideologische Funktion. Wesentlich ist, eine Lehre absolviert zu haben, als Nachweis der allgemeinen Eignung des Kandidaten - in welchem Beruf spielt dabei eine eher untergeordnete Rolle.
Zwischen deutschen Auszubildenden und französischen Apprentis (Lehrlingen) gibt es mehr Unterschiede als zwischen deutschen und französischen Arbeitslosen, wobei zu beachten ist, dass 20 bis 25 % der in einer Berufsausbildung befindlichen jungen Franzosen einen Lehrvertrag unter der Regie der Handwerks- und Handelskammern haben, also mit einem dem deutschen Lehrvertrag ähnlichen Statut ausgestattet sind. Für junge Franzosen hat der Abschluss einer Berufsausbildung oft einen ziemlich großen, aber im engeren Sinne beruflichen Wert; dem deutschen Berufsabschluss kommt dagegen eine integrative Funktion zu, die sowohl - wenn nicht sogar stärker - in sozialer als auch in beruflicher Hinsicht wirkt.
In französischen Eingliederungsmaßnahmen wird praktisch nie auf Ansätze einer Gruppenpädagogik Bezug genommen. Oft werden sich die Betroffenen nur in einer Seminarsituation ihrer Zugehörigkeit zu einer (übrigens rein informellen) Gruppe bewusst und damit auch der sozialen Vorteile, die sie für sich persönlich daraus ziehen können.
Bei Jugendlichen, die sich in einer beruflichen Ausbildung befinden, kann man von der Unterscheidung zwischen savoir-faire (Tun-Lernen, Know-How) auf französischer Seite und savoir-vivre (Leben-Lernen) auf deutscher Seite sprechen. Diese Unterscheidung trifft allerdings nicht in gleichem Maße auf die arbeitslosen Jugendlichen zu. Bei ihnen besteht vielmehr ein anderer Gegensatz, nämlich zwischen dem Ansatz, der in Frankreich von den Missions locales gefördert wird und der auf ein Lernen, in der Gesellschaft zu leben, ausgerichtet ist, und dem Ansatz, auf den in Deutschland eher Wert gelegt wird und der auf ein Lernen, sich im Betrieb und im Berufsleben zurechtzufinden, ausgerichtet ist. Selbstverständlich handelt es sich hier nicht um sich ausschließende Dimensionen - der berufliche Aspekt fehlt in den französischen Eingliederungsmaßnahmen ebensowenig wie der Aspekt der allgemeinen Sozialisation in den deutschen.
Auf deutscher Seite bestehen Schwachpunkte namentlich auf der Ebene der Integration in den Gruppenprozess. Natürlich wird hier, wie erwähnt, der Aspekt der Persönlichkeitsbildung und -entwicklung nicht gänzlich ausgeschlossen, dieser Aspekt gewinnt sogar in zunehmendem Maße an Bedeutung, insbesondere im Rahmen der politischen Bildung 8). Fest steht aber, dass bislang der Schwerpunkt auf die Integration in den Arbeitsprozess und in das Arbeitsleben gelegt wird.
Auf französischer Seite wird vielmehr Wert darauf gelegt, dass der Einzelne seine schöpferischen Fähigkeiten und seine beruflichen Potentiale entdeckt, allerdings ohne dass dabei die Erlangung und die Anerkennung eines Abschlusses vorrangiges Ziel sind. In institutioneller Hinsicht schlägt sich dieser Ansatz in der Form des CFI, der projektgebundenen individuellen Hilfen, nieder. Der Zugang zur Arbeitswelt führt über die Entdeckung der Potentiale des Einzelnen und über die Stärkung der individuellen Identität. Dessen ungeachtet haben sich so genannte entreprises intermédiaires (alternative Betriebe) herausgebildet - teilweise unter dem Einfluss der Alternativunternehmen in Deutschland, wobei jedoch die einzige Ideologie die der gesellschaftlichen Nützlichkeit ist, die im übrigen in den ihnen zugrundeliegenden offiziellen Texten nicht definiert ist.
Das Ziel der Professionalisierung ist vergleichbar, aber ihm liegen unterschiedliche Wahrnehmungen und Intentionen zugrunde. Französischerseits wird von der Gruppe und vom Leben in der Gruppe eine positive Wirkung auf den Einzelnen erwartet. Die Gruppe ist ein Mittel unter anderen zur Entwicklung der individuellen Persönlichkeit. Die Funktion des Pädagogen dabei ist es, Tun-Lernen (savoir-faire) zu vermitteln. Auf deutscher Seite hat der Pädagoge die Aufgabe, das Leben-Lernen (savoir-vivre) in den Arbeitsprozess einzubringen, wobei anzumerken ist, dass unterschiedliche Kategorien von pädagogisch tätigen Personen betroffen sind (Erzieher, Ausbilder, Lehrer). Es kommt hier mehr darauf an, die Integration des Individuums in die Arbeitsgemeinschaft zu fördern, für die die Gruppe (z.B. der Arbeitslosentreff) gewissermaßen ein Ort des Lernens ist 9).
Es fällt allerdings schwer, eine genaue Aussage darüber zu machen, inwieweit diese Unterschiede auf eine objektive Unterschiedlichkeit zwischen den Gruppen (individuelle Rekrutierung einerseits, konstituierte Gruppen andererseits) oder auf dahinter liegende Gründe verweisen.
8) Vgl. z. B. das Programm Entwicklung und Chancen junger Menschen in sozialen Brennpunkten, das das Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) 1999 ins Leben gerufen. Über das Programm, das sich als neuer Ansatz in der Jugendpolitik versteht und das Elemente von Sozialpädagogik und Politischer Bildung verbindet, informiert Praxis Politische Bildung, 2/00. retour
9) Zu den Unterschieden in den nationalen Programmen vgl. Ehmann/Walter (Anm. 6). retour