Austausch im Berufsbereich
Begegnungen für arbeitslose Jugendliche

Inhaltsverzeichnis

I. JUGENDARBEITSLOSIGKEIT UND DEUTSCH-FRANZÖSISCHER AUSTAUSCH

5. Identität, Begegnung, Pädagogik

Angesichts der Enge des Arbeitsmarktes, des Anstiegs der Fremdenfeindlichkeit und der zunehmenden sozialen Ausgrenzung erweist sich die Fortsetzung dieser Programme heute als dringlicher denn je.

Man sollte aber Vorsicht bei der Definition einer spezifischen Pädagogik für diesen Bereich walten lassen, denn es muss verhindert werden, dass die bestehende Marginalisierung durch eine pädagogische Zusatzveranstaltung, durch eine „Stigmatisierung“ auf der Ebene der Konzeption, verdoppelt wird. Wenn man dies berücksichtigt, ist es angebracht, von zwei großen Teilnehmerkategorien auszugehen. Dies sei hier an beispielhaften Überlegungen verdeutlicht:

1) Der arbeitslose Kfz-Mechaniker, der sich voll mit seinem Beruf identifiziert, ist fast zu eindeutig in seiner Identifikation - mit der Mechanik, mit seiner Automarke usw. Die pädagogische Herausforderung ist augenfällig: Man muss vom Besonderen zum Allgemeinen gehen, vom Beruf zur Sozialisation, man muss den Beruf als Mittel benutzen, um sich kennenzulernen. Es geht also darum, den beruflichen Bezug zurückzudrehen, und dies um so mehr, als diese Identität nicht einfach dazu dient, sich positiv zu definieren, sondern auch dazu, sich zu verteidigen bzw. eine Front gegenüber anderen aufzumachen. Die nationalen Marketingstrategien finden eben bis in die Begegnungssituation hinein ihren Nachhall... So kommt es zu dieser Verteidigungsattitüde, die sich in wirtschaftlichen Krisenzeiten tendenziell verschärft und auch zur Offensive übergehen kann.

2) Die Lage der „jungen Arbeitslosen“, die einen Arbeitsplatz oder eine erste Anstellung suchen, da sie noch nie ins Arbeitsleben integriert waren, stellt sich in einem anderen Licht dar. Im Unterschied zum oben genannten Berufstätigen, der den Verlust seiner Arbeit beklagt und auf die Wiedereingliederung setzt, scheint hier alles einfacher zu sein: Für diese Jugendlichen gibt es keine Zuflucht in einen Beruf, auf den sie sich fixieren und der ihnen als unverrückbares Bezugssystem gilt. Hier kann man von Null ausgehen, es liegt keine Identifikation in einem Punkt vor, der gleichzeitig zur Abgrenzung von anderen führt.

Die Wirklichkeit ist natürlich komplizierter. Zu dem Fehlen einer beruflichen Identifikation kommt im zweiten Fall noch eine starke Ambiguität der nationalen, sozialen, kulturellen, religiösen Identitäten hinzu. Auf den ersten Blick scheint hier alles möglich und offen zu sein: Man steht nicht einer Suche nach einem identischen Anderen gegenüber, aber dafür hat man es mit Personen zu tun, die sich in einer Situation der Schwäche befinden und leicht zu verwirren sind. Hier gilt es, die Zerstückelung der Identität zu vermindern und die verschiedenen Bestandteile der Identität stärken.

Demgegenüber ist die Situation ganz anders, sobald man es mit „Ausländern“ (Türken aus Deutschland) oder Franzosen anderer kultureller Herkunft (non-nationaux de souche) zu tun hat. Dies kann Auslöser dafür sein, dass sich Deutsche und „angestammte“ Franzosen (nationaux de souche) Fragen dazu stellen, worin die wesentlichen Komponenten ihrer Identität bestehen (nationale, religiöse, ideologische u.a. Gesichtspunkte). Einen besonderen Fall stellen Gruppen aus Deutschland dar, bei denen junge Türken vor der Situation stehen, junge Aussiedler, denen die gewohnten Anhaltspunkte in ihrer neuen gesellschaftlichen Umgebung fehlen, zu „lenken“ oder zu „führen“.

Die pädagogische Aufgabe bei Jugendlichen im beruflichen Eingliederungsprozess ist gewissermaßen die Umkehrung der Pädagogik für junge Berufstätige. Bei den jungen Arbeitslosen braucht man nicht den „Umweg“ über das Austauschen berufsbezogener Themen zu gehen, bei dem bestimmte Fragen (Nationalität usw.) lediglich am Ende angeschnitten werden. Ihre soziale Lage führt viel leichter zum Gespräch, als das im beruflichen Austausch der Fall ist. Gewisse Dinge in Frage zu stellen, ist völlig undenkbar bei jungen Berufstätigen, die eine Arbeit haben, die ihre ganze Energie in ihren Beruf, in die Identifikation mit ihrem Beruf und mit ihrem Unternehmen gesteckt haben - sich womöglich sogar im Kampf gegen die „ausländische“ Konkurrenz sehen. Demgegenüber sprechen die Berichte von jungen Arbeitslosen, die einen Aufenthalt im Ausland verbracht haben, so gut wie ausschließlich vom Kennenlernen und von der Kultur des anderen Landes; der Aspekt der beruflichen Ausbildung kommt hier erst an zweiter Stelle.

Ein Beispiel für die pädagogischen Aufgabe, die hier besteht, ist die Vorstellungsrunde am ersten Tag. Zwei denkbare Fehler können dabei unterlaufen, nämlich

- mit jungen Berufstätigen nur eine persönliche Vorstellung ohne vorrangigen Bezug auf die berufliche Identität vorzunehmen;
- junge Arbeitslose zu fragen, wie es um ihre Lage oder um ihre Situation als Arbeitslose steht.

Bei jungen Arbeitslosen muss man von dem ausgehen, womit sie sich identifizieren können - unter Berücksichtigung des Umstands, dass viele junge Arbeitslose unter einer allgemeinen Schwäche ihrer Identitäts-Bezugspunkte leiden. Die Situation der Begegnung bewirkt zwar, dass die Identifikation mit der Herkunftsregion oder -kultur verstärkt wird, aber junge Berufstätige (d.h. junge Menschen, die schon einmal gearbeitet und sich mit ihrem Beruf identifiziert haben) können sich, wenn sie sich angegriffen fühlen, viel effektiver über ihren Beruf verteidigen oder hinter ihm verstecken. Jugendliche ohne Arbeitserfahrung sind wesentlich verletzbarer.

Diese Anfälligkeit und Verwundbarkeit können die Betreuer durchaus vor Situationen stellen, die schwer nachzuvollziehen und zu regeln sind. Die Identifikations-Probleme können nämlich in ihrem scheinbaren Gegenteil zum Ausdruck kommen - in einem rüden, aggressiven Macho-Verhalten seitens der Teilnehmer, bei denen sich im Grunde Angst und Neugierde die Waage halten. Vor diesem Hintergrund müssen die Betreuer auch auf ihre Kommunikationsweise untereinander achten. Ihre Vorbildfunktion ist hier wesentlich stärker gefragt als in anderen Formen von Bildung und Begegnung. Die Vermittlungsinstanz ist hier ausgesprochen wichtig.

Ein besonderes Problem kann aus möglichen Spannungen zwischen den Animateuren der Begegnung und den sonst für die Gruppe Verantwortlichen erwachsen. Es ist unbedingt erforderlich, dass die Animateure professionell reagieren, aber sie müssen es auch verstehen, jede Form von bürokratischen Regelungen und die entsprechenden Folgen (Verlust an Empathie usw.) zu vermeiden.

Entscheidend ist hier die pädagogische Professionalität, Übernahmen von fremden Professionalitätsmustern helfen hier nicht weiter. Die Reality Show-Ideologie oder die Animation als Re-Animation können in dieser Art von Begegnung verheerende Wirkungen haben. Es ist relativ einfach, eine künstliche, oberflächliche Einmütigkeit zu schaffen, insbesondere durch einen spielerischen Aktivismus (z.B. in der Art des Club Méditerranée) - und solche Elemente mögen sich auch in andere Begegnungen ohne große Probleme einbauen lassen. Hier geht es aber darum, Unterschiede deutlich zu machen, dahin zu gelangen, dass ein jeder den anderen und sich selbst erkennt, eine realistische Selbsterkenntnis und ein stabileres Selbstwertgefühl entwickelt. Erlebnis- und handlungsorientierte Programme können Teilnehmern, die anderen unterlegen sind und sich für nicht qualifiziert halten, die Möglichkeit an die Hand geben, persönliche Handicaps zu überwinden. Dies setzt jedoch ein hohes Niveau der Reflexion, der Beobachtung und der Kommunikation auf Seiten der Programmverantwortlichen voraus. Das Programm beginnt in diesem Fall bereits bei den ersten Überlegungen der Planungsphase.

Es handelt sich hier um Probleme allgemeiner Art, die in der außerschulischen Pädagogik an der Tagesordnung sind, die aber bei den Austauschbegegnungen junger Arbeitsloser eine besondere Tragweite erlangen. Da die grundlegenden Orientierungen auf beiden Seiten im Allgemeinen unterschiedlich - wenn nicht gar gegensätzlich - sind, ist die entsprechende Kommunikation der Gruppe von besonderer Bedeutung ebenso wie auch die Vorbereitung der Begegnungsmaßnahme. Es wäre wünschenswert, diese Vorbereitung noch früher anzusetzen, als das bei Begegnungen üblich ist, damit sich die Vorbereitungsaktivitäten nicht allein auf die Behandlung technischer und organisatorischer Fragen beschränken, sondern es im Gegenteil erlauben, so grundsätzlich wie möglich die gesamten hier aufgeworfenen Fragen anzugehen. So ließe sich dann weitgehend sicherstellen, dass die Erwartungen sowie die institutionellen und nationalen Ziele untereinander kompatibel sind.

Die von manchen der betroffenen Jugendlichen durchlebten Identitätskrisen haben auch eine andere Dimension, nämlich nationaler und/oder ethnisch-kultureller Art. Das Problem von Jugendlichen „angestammter Nationalität“ (nationaux de souche) ist dabei in der Regel nicht so sehr in einer überzogenen als vielmehr in einer fehlenden nationalen Identität zu sehen. Diese Manko, das noch durch ein Gefühl der Ohnmacht verstärkt wird, kann diese Jugendlichen, insbesondere dann, wenn es sich um Langzeitarbeitslose handelt, für rechtsextreme Themen, speziell Rassismus und Fremdenhass, empfänglich machen. Dagegen verfügen Türken aus Deutschland oft über starke Anhaltspunkte für ihre Identität, Kultur und Religion - im übrigen stärkere als die Maghrebiner der zweiten Generation (oder sogar als die Landsleute der jungen Türken in Istanbul). Dieser Faktor stellt für die Begegnungen eine Bereicherung dar, da er dazu führt, die Gruppe der Teilnehmer „nicht-angestammter Nationalität“ nach dem „Aufnahmeland“ zu differenzieren und so das allzu monolithische Konzept des Begriffs „Einwanderer“ (immigré) aufzulösen.

In diesem Zusammenhang ist die Leistungsfähigkeit der deutsch-französischen Begegnungen traditionell am stärksten zu bewerten: An dieser interkulturellen Schnittstelle können sie eindeutig ein wirksames Potential entfalten, wie schwer auch die Ermittlung der mittel- und langfristigen Wirkungen im einzelnen sein mag. Dies gilt aber genauso für andere Arten von Begegnungen bzw. für den ganzen Bereich von außerschulischer Bildung, der sich einer unmittelbaren Erfolgskontrolle entzieht. Wie bei allen Zielgruppen erweist sich auch hier die Wirkung noch tiefer gehend, wenn die Jugendlichen an einem Zyklus, d.h. an mehreren, aufeinanderfolgenden Begegnungsmaßnahmen, teilnehmen können.

Länger anhaltende Arbeitslosigkeit kann natürlich - wie bereits angesprochen - zur Entwicklung und Verschlimmerung der Aggressivität, des Fremdenhasses usw. beitragen; es gibt auch Theorien, die solche rassistischen Einstellungen direkt auf die Ausbildungs- und Arbeitsplatzkonkurrenz zurückführen
10). Internationale Begegnungen weisen hier aber einen eindeutigen Pluspunkt auf: Sie können genau den Effekt herbeiführen, dass Jugendliche, die von vielen Dingen, insbesondere von Auslandsreisen, ausgeschlossen sind, sich neue Horizonte erschließen. So spüren Jugendliche „angestammter Nationalität“ hautnah, was es bedeutet, Ausländer oder im Ausland zu sein. 11) Selbstverständlich bleibt die Gefahr bestehen, dass dieser Effekt nur vorübergehender Natur ist - wenn sich nämlich an der Situation der betroffenen Jugendlichen nichts ändert. Insofern ist auch vielen kritischen Diagnosen - etwa den Autoren der Shell-Jugendstudie zuzustimmen -, dass mit Bildungs- und Begegnungsarbeit nicht die Probleme gelöst werden können, die als gesellschaftspolitische Aufgaben auf der Agenda der Nationalstaaten bzw. der EU stehen.



10) Vgl. z.B. zuletzt Jugendwerk der Deutschen Shell (Hg.), Jugend 2000 - 13. Shell Jugendstudie, Opladen 2000. Die Thesen von Prof. Richard Münchmeier, dass man es hier mit einer ‘uneigentlichen’ Ausländerfeindlichkeit zu tun habe und (politische) Bildungsmaßnahmen fehl am Platze wären, haben allerdings kontroverse Stellungnahmen ausgelöst. retour



11) Vgl. zu diesem Komplex etwa Klaus Alheim/Bardo Heger, Vorurteile und Fremdenfeindlichkeit, Schwalbach/Ts. 1999. Zur deutsch-französischen Situation vgl. E. Marc Lipiansky, Heißt interkulturelle Ausbildung Bekämpfung von Stereotypen und Vorurteilen? (DFJW-Arbeitstexte, Nr. 14/1996). Eine praxisorientierte Einführung in die grundsätzlichen Möglichkeiten von außerschulischer Bildungs- und Gruppenarbeit liegt mit Klaus-Peter Hufer, Argumentationstraining gegen Stammtischparolen - Materialien und Anleitungen für Bildungsarbeit und Selbstlernen, Schwalbach/Ts. 2000, vor. retour












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