II. BEISPIELE AUS DER PRAKTISCHEN ARBEIT
Wie im allgemeinen Teil dargelegt, setzt sich der deutsch-französische Austausch auf pädagogischer Ebene seit längerem mit den Problemen der Arbeitswelt auseinander. Dabei konnte nicht einfach auf Formen der schulischen oder beruflichen Bildung zurückgegriffen werden; es wurde vielmehr eine Reihe von spezifischen Ansätzen entwickelt, indem u.a. Erfahrungen und Konzepte der außerschulischen Jugendbildung, der Erwachsenenbildung, der Sozialarbeit 12) einbezogen wurden.
Projekt- und Produktorientierung
Grundsätzlich sind - bei aller Vielfalt der einzelnen Veranstaltungen - folgende Punkte festzuhalten: Bildungs- und Begegnungsveranstaltungen mit jungen Arbeitslosen und mit Jugendlichen, die von Arbeitslosigkeit bedroht sind, arbeiten vor allem projektorientiert. Es gibt kein fertiges Seminarprogramm, das sich an den Mustern institutioneller Ausbildung orientiert, sondern der Schwerpunkt wird auf überschaubare, in einzelnen Schritten lösbare Anforderungen gelegt, die sich aus einem gemeinsamen Beratungs- und Entscheidungsprozess ergeben. Auf diese Weise finden solche Veranstaltungen ihr eigenes Programm, das dann in Kleingruppen und mit einem vielfältigen Methodenrepertoire abgearbeitet wird.
Ferner besteht ein wichtiger Ansatz darin, Maßnahmen produktorientiert anzulegen. Die Teilnehmer setzen sich mit einem Thema oder mit einer Aufgabe so auseinander, dass es nicht einfach bei der kognitiven Aneignung bleibt. Statt dessen wird der Schritt hin zu einem Prozess der Gestaltung getan wird - wobei die konkrete Form der Produktion von den Teilnehmern und den Rahmenbedingungen der Veranstaltung abhängt. Wie erwähnt, kann sich dies in verschiedenen Materialien und Prozessen niederschlagen. Die Teilnehmer drehen z.B. einen Videofilm, erarbeiten ein Theaterstück oder eine Seminarzeitung, produzieren eine Fotoausstellung etc. Das Wichtige daran ist nicht die professionelle Produktion, sondern die Tatsache, dass die Teilnehmer damit für sich selber ein Fazit ziehen. Die Veranstaltung wird in einem Produkt, einem materiellen Ergebnis dokumentiert, das jeder mit nach Hause nehmen kann. Natürlich ist zu berücksichtigen, was in der verfügbaren Zeit herstellbar ist, denn die Teilnehmer sollen nicht mit Leistungsanforderungen konfrontiert werden. Vielmehr geht es darum, dass reduzierte und eingeschränkte Vorstellungen des Leistungs-Lernen, die bei den meisten Teilnehmern als demotivierendes Erlebnis schulischen Lernens virulent sind, aufgebrochen werden. Staat dessen sollen sie in einem selbstgesteuerten Lernprozess ihre eigenen Interessen entfalten und durch das produzierte Resultat ihr Selbstbewusstsein stärken. Hinzu kommt, dass solche Ansätze besonders geeignet sind, Sprachbarrieren zu überwinden und Hemmungen vor ungewohnten Seminarsituationen abzubauen.
Auch erlebnispädagogische Ansätze liegen in diesem Kontext nahe und haben sich bei Veranstaltungen mit benachteiligten Jugendlichen als produktiv erwiesen. Die Reise ins Ausland, die Begegnung mit Land und Leuten in Frankreich oder Deutschland stellen bereits eine besondere Erlebnisqualität dar, die gerade auch in der Hinsicht nicht gering geschätzt werden darf, dass dies für viele Teilnehmer den ersten Auslandsaufenthalt bedeutet. Die Benachteiligung der Jugendlichen drückt sich u.a. eben darin aus, dass sie keinen Zugang zu den touristischen Angeboten haben, die für andere Gleichaltrige als normal und selbstverständlich gelten.
12) Zur Übersicht vgl. etwa die Broschüre Fit für Leben und Arbeit - Neue Praxismodelle zur sozialen und beruflichen Integration von Jugendlichen, herausgegeben vom Deutschen Jugendinstitut, München 2000. Die Veröffentlichung geht auf einen Wettbewerb des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) zurück, an dem sich über 400 Projekte und Initiativen aus ganz Deutschland beteiligten. Zur beruflichen Weiterbildung liegt z.B. vor: Marta Aparicio/Alexandra Fliss, Lernschritte - Handbuch für die interkulturelle berufliche Weiterbildung. Stuttgart (1999). retour
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