Die Konfrontation von Teilnehmern deutsch-französischer Veranstaltungen mit fremden Milieus, Verhaltensweisen, Normen etc. ist nicht das Ziel interkultureller Begegnung - jedenfalls nicht in dem Sinne, dass Gegensätze zugespitzt und eskaliert werden sollen. Grundsätzlich gehört jedoch die Erfahrung von Unterschiedlichkeit und Gegensätzlichkeit zu solchen Veranstaltungen dazu, was von den Leitern und Betreuern berücksichtigt werden muss. Eine Komplikation kann dadurch entstehen, dass benachteiligte Jugendliche sich Haltungen und Strategien zurechtgelegt haben, die als Reaktion auf die feindliche, sie ausgrenzende Umwelt ebenfalls ein hohes Maß an Aggressivität enthalten - und unter Umständen den Übergang zur körperlichen Gewalt und zur Regelverletzung machen. Eine Deutsch-französische Medienwerkstatt für arbeitslose Jugendliche 13) hat damit ihre spezifischen Probleme gehabt.
Die Begegnung stand unter dem Motto Am Rande stehen - nein danke! Wir machen mobil gegen Ausländerfeindlichkeit und soziale Ausgrenzung. Sie richtete sich an arbeitslose Jugendliche, wobei auf deutscher Seite 16 Jugendliche (14 weiblich, zwei männlich) aus Rostock und Umgebung teilnahmen, die im Rahmen eines Förderlehrgangs als Gruppe zusammengefasst waren, während die 16 französischen jungen Langzeitarbeitslosen (ausschließlich männlich) ohne Schulabschluss nur lockeren Kontakt zu einem Sozialzentrum hatten und darüber für die Veranstaltung (nach dem Ausfall der ursprünglich vorgesehenen Gruppe) gewonnen wurden. Hierbei handelte es sich vorwiegend um Kinder von Einwanderern aus den Maghreb-Staaten.
Bei der Veranstaltung prallten die verschiedensten Elemente aufeinander und führten zu einer kritischen Situation, die zwar nicht den Abbruch der Begegnung bedeuteten, die aber eine Verkürzung und Veränderung des Begegnungsprogramms herbeiführten. An diesem Beispiel werden die Schwierigkeiten einer solchen Arbeit deutlich - wobei diese in der Praxis oft durch organisatorische und externe Faktoren verstärkt werden können.
Die Gegensätze entzündeten sich an den Punkten Geschlecht, ethnische Zuordnung, Privateigentum, Alkohol/Drogen, Regelverletzung (Schwarzfahren, Hausordnung etc.) und konnten in unterschiedlicher Weise aufgearbeitet werden, so dass sich zwischenzeitlich die normale Seminarsituation wiederherstellen ließ. Schließlich wurde jedoch die letzte Übernachtung der französischen Gruppe gestrichen und die Heimfahrt nach der Abschlussveranstaltung angetreten. Männliche Teilnehmer zeigten zum Beispiel ein dominantes, aggressives Verhalten gegen über den weiblichen Teilnehmern: Man platzte nachts in deren Zimmer hinein, ließ sich keine Zurückweisung gefallen etc. Andererseits zeigten dieselben Teilnehmer, die sich rücksichtslos gegenüber den Interessen und dem persönlichen Bereich anderer verhielten, eine hohe Empfindlichkeit und Verletzlichkeit, wenn es um die (tatsächliche oder vermeintliche) Diskriminierung ihres ethnischen Status ging. Die Mädchen aus Rostock, teils mit Gewalt- und Missbrauchserfahrungen belastet, reagierten besonders sensibel auf die Anmache der Jungen und sahen darin mehr als die übliche Kaschierung von Unsicherheit. Beim Thema Drogen und Alkohol gab es ungewöhnliche Fronten: Auf deutscher Seite hielt man hochprozentigen Alkohol für eine selbstverständliche Zutat bei Feier und Geselligkeit, um sich entsprechend in Stimmung zu bringen. Die jungen Franzosen konnten dem nicht folgen, hielten dagegen den Haschisch-Konsum für ein vertretbares und recht harmloses Vergnügen. Dies irritierte die deutschen Teilnehmer, die darin sowie in anderen Bekenntnissen zu subkulturellem Verhalten gleich ein Abgleiten ins kriminelle Milieu vermuteten.
Ein großer Teil der Konflikte eskalierte weniger im Rahmen des Seminars als auf der disziplinarischen Ebene, was dann eine entsprechende Regelung im Bildungshaus oder in der Umgebung (Schwarzfahren, Ladendiebstahl) erforderte. Die internen Konflikte konnten im Grunde noch durch den Diskussionsprozess aufgefangen werden.
Das Seminar war als produktorientierte Veranstaltung angelegt, die sich am Schluss in drei Produktionsgruppen vollzog. Es gab eine Hip-Hop-, eine Video- und eine weitere Gruppe, die sich mit der Gestaltung von Plakaten, Buttons und Postkarten befasste. Thema waren vor allem die verschiedenen Aspekte von Ausländerfeindlichkeit und sozialer Ausgrenzung. Über die gemeinsame Produktion kamen Kontakt und Kommunikation zustande, die sich vorher, etwa bei der Vorstellungsrunde oder beim abendlichen Feiern auf den Zimmern, nicht herstellen ließ.
Mit der frühen Abreise der französischen Teilnehmer wurde zwar ein Scheitern der gemeinsamen Arbeit dokumentiert. Aber auf der anderen Seite war eine Reihe von Prozessen in Gang gekommen. Das männlich-aggressive Verhalten wurde zurückgedrängt, die Probleme der ethnischen Stigmatisierung wurden thematisiert und in einem - appellativ hoch angesetzten - Verhaltenskodex der Teilnehmer eigenständig gelöst. Hinzu kommt, dass die kritische Schlussphase und das Eingreifen der Betreuer bei den Teilnehmern einen Reflexionsprozess auslösten. Das eigene Verhalten wurde von den betreffenden Personen problematisiert, wobei dies nicht nur auf der verbalen Ebene verblieb, sondern auch eine materielle Wiedergutmachung im Fall der angerichteten Schäden einschloss. Wenn man diese Gesichtspunkte zusammenfasst, bleibt als Resümee, dass sich selbst unter schwierigen Bedingungen produktive Lernprozesse initiieren lassen.
13) März 1999, Bonn. Veranstaltet vom Bildungswerk des Instituts für angewandte Kommunikationsforschung in der außerschulischen Bildung e.V. (IKAB), Poppelsdorfer Allee 92, 53115 Bonn, Tel. 0228/636460. retour