Interkulturelles Lernen in Begegnungsveranstaltungen hat seine Stärke darin, dass die kulturellen, nationalen Unterschiede hautnah gegeben sind und nicht als Stoff durch Dozieren und Referieren erst in die Veranstaltung eingebracht werden müssen. Dies bildete den Ausgangspunkt für eine Deutsch-Französische Begegnung am Ort des Partners 15), die zum Thema Lebensplanung und Berufsperspektiven Jugendlicher angeboten wurde. Die deutsche Gruppe reiste nach Frankreich und beschäftigte sich eine Woche lang vor Ort mit den Besonderheiten der französischen Situation, was Ausbildung, Arbeitsmarkt, Förderprogramme etc. betrifft. Entsprechende Partner auf französischer Seite waren vorhanden, doch - wie immer in solchen Maßnahmen - musste vieles improvisiert und anhand der aktuellen Gegebenheiten bzw. der sich herauskristallisierenden Interessen entschieden werden.
Teilnehmer waren auf deutscher Seite 23 (vorwiegend männliche) Jugendliche aus Maßnahmen des Benachteiligtenprogramms der Bundesanstalt für Arbeit sowie von zwei Trägern der beruflichen Bildung in Bremen. Diese nationale Gruppe war freilich bunt gemischt. Sie setzte sich aus in Deutschland geborenen deutschen, türkischen und kurdischen Jugendlichen, in den GUS-Staaten geborenen Aussiedlern und einem Asylbewerber aus Somalia zusammen. Es wurden also ganz unterschiedliche Erfahrungshintergründe eingebracht, die dann auf die fremde Situation im Ausland trafen. Vorausgegangen war der Besuch einer französischen Gruppe in Deutschland, der motivierend für einen Gegenbesuch gewirkt hatte.
Ziele der Maßnahme waren vor allem die Entwicklung von Strategien zur Orientierung in einer fremden Umgebung, die Stützung der Kommunikationsfähigkeit in einer anderssprachigen Umgebung durch Begegnungen und Wohnen unter einem Dach mit französischen Jugendlichen, vorwiegend Auszubildenden, in vergleichbarer Situation sowie die Stärkung der sozialen Kompetenz durch eine projekt- und prozessorientierte Anlage des Seminars.
Ein Schwerpunkt der Begegnung bestand in intensiven, selbstständig durchgeführten Erkundungen, die an Arbeitsgruppen delegiert und ins Plenum der Gesamtgruppe zurückgemeldet wurden. Vorbereitend hatte es zwei Sprachanimationen gegeben, die sich auf die Basis-Verständigung in Alltagssituationen richteten. Daran wurde bei den Erkundungen angeknüpft. Die Arbeitsgruppen erhielten den Auftrag, Besorgungen und Orientierungen in der Stadt selbstständig zu leisten. Sie wurden dafür mit einem Geldbetrag und mit grundlegenden Instruktionen ausgestattet, mussten aber über ihre jeweiligen Aktivitäten im Seminar Rechenschaft ablegen. So erhielten die Teilnehmer zum Beispiel Essensgeld und konnten sich individuell in Restaurants versorgen, wobei Quittungen oder Belege mitzubringen waren.
Diese Aufgaben waren in einen produktorientierten Ansatz einbezogen. Die einzelnen Aktionen wurden mit Polaroids bzw. mit einer Kleinbildkamera festgehalten. Im letzteren Fall musste sich die Gruppe dann darum kümmern, dass die Bilder in einem Stundenservice entwickelt wurden. Über die Erkundung wurde von jeder Arbeitsgruppe eine Präsentation erarbeitet, die mit Fotos, Stadtplänen, kurzen Texten zu den einzelnen Aufgaben, französischen Ausdrücken, Prospektausschnitten, Beobachtungen, Kommentaren je nach den individuellen Vorstellungen ausgestaltet wurden.
In der Auswertung am Ende des Seminars wurde die Einstiegserkundung von den Teilnehmern ausgesprochen positiv beurteilt. Als wichtiges Ergebnis wurde festgehalten, dass man auf diese Weise für sich selber Sicherheit in der neuen Situation erworben habe. Überhaupt wurde dies als persönlicher Erfolg betont: Unabhängig von den speziellen Eindrücken und Erkenntnissen vor Ort habe man dadurch das Gefühl gewonnen, eine Situation bewältigen zu können. Zwar hatte der Ansatz viele spielerische Momente, doch empfanden die Teilnehmer die Aufgabe so, wie sie auch bei der Bewältigung von Ernstsituationen gestellt werde. Alle Kleingruppen fühlten sich für das übernommene Geld und die damit verbundenen Einkäufe und Belege verantwortlich - und gingen damit auch entsprechend um. Gerade durch die Übertragung dieser organisatorischen Aufgaben fühlten sie sich ernst genommen.
Der Lernprozess, der hierdurch in Gang gesetzt wurde, hatte eine doppelte Wirkung. Zum einen ließen sich die deutschen Teilnehmer auf die neue Situation ein und legten somit die Grundlage für die späteren Begegnungen und Besuche, bei denen expliziter Fragen der Ausbildungs- und Beschäftigungssituation zur Sprache kamen - teils auch mit überraschenden Aspekten, die die französischen Projekte zu bieten hatten. Zum anderen wurde ein Prozess in der Binnengruppe angestoßen, der wichtige Lernchancen beinhaltete. Die heterogene Zusammensetzung der Gruppe erwies sich - vor allem durch die Kommunikation in den Kleingruppen und die entsprechenden Arbeitsaufträge - als Lernfeld. Konkret machten sich hier die unterschiedlichen biographischen Hintergründe bemerkbar: Die Jugendlichen, die durch das eigene Schicksal oder durch ihre Familien mit Migrationserfahrungen vertraut waren, konnten leichter und schneller auf die unvertraute Situation in fremdsprachiger Umgebung reagieren. Somit ergab sich auch im Binnenraum der deutschen Gruppe, die in ihrer multikulturellen Zusammensetzung etwas von der Normalsituation zuhause widerspiegelte, ein interkultureller Lernprozess.
15) Mai 1999, Reims. Veranstaltet von der Landesarbeitsgemeinschaft Arbeit und Leben Bremen, Bahnhofsplatz 22-28, 28195 Bremen, Tel. 0421/321559. retour