Jugendlichen Arbeitslosen erscheinen ihre Zukunftsperspektiven meist in einem düsteren Licht. Das Schlagwort No Future hat sich in der Jugendforschung seit den 80-er Jahren eingebürgert, um das Lebensgefühl einer ganzen Generationen zu beschreiben: Hiermit soll die fundamentale Verunsicherung über den eigenen gesellschaftlichen Status - eine Verunsicherung, die klassische Vorstellungen von Planung, Vorbereitung und jugendlichem Aufbruch obsolet werden lässt - auf den Punkt gebracht werden. An diesen Aspekt knüpfen zahlreiche Veranstaltungen mit arbeitslosen Jugendlichen an. Ich bin - ich wurde - ich möchte sein lautete etwa das Motto eines Deutsch-französischen Seminars für Jugendliche in Programmen zur beruflich-sozialen Eingliederung, das in einer deutschen Bildungsstätte durchgeführt wurde 16). Es wollte benachteiligten Jugendlichen ein Angebot machen, wie sie sich gemeinsam auf die Suche nach Identität, Lebensstil und Zukunftsperspektiven begeben können.
Die Veranstaltung richtete sich an Jugendliche ohne Arbeit und Ausbildung aus Ostdeutschland und Nordfrankreich, die an verschiedenen Programmen zur beruflich-sozialen Eingliederung teilnahmen. Die französischen Teilnehmer kamen aus drei Jungarbeiterwohnheimen der Association Prim Toit, einem Verein, der sich insbesondere an arbeitslose Jugendliche und Jugendliche in sozialen Schwierigkeiten wendet. Die ostdeutschen Teilnehmer stammten aus den Bundesländern Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg, wo sie sich in Maßnahmen der Berufsorientierung und Berufsvorbereitung befanden. In diesem Fall war die einwöchige Veranstaltung eingebettet in die langzeitpädagogische Arbeit der jeweiligen Partnerorganisationen.
Das Programm orientierte sich an den Schlüsselqualifikationen beruflichen Handelns, also an den kommunikativen und sozialen Kompetenzen, die über die fachlichen und kognitiven Gesichtspunkte hinaus für das moderne Berufsleben von entscheidender Bedeutung sind. Insbesondere wurde das Schwergewicht auf die Verarbeitung der eigenen Lebensgeschichte und der biographischen Brüche gelegt, um daraus Perspektiven für die Zukunftsgestaltung zu gewinnen. Dementsprechend nahm die Vorstellung der eigenen Person einen besonderen Raum ein, was durch das Arrangement der Gruppen-Kommunikation und die jeweilige Vorbereitung der Teilnehmer unterstützt wurde. Die Präsentationen - begleitet durch Sprachanimationen, Tandem-Gruppen und Übersetzungshilfen - fügten sich darüber hinaus in den produktorientierten Ansatz des Seminars ein und fanden in Kleingruppen ihre Vertiefung.
Ein wichtiger Programmteil bestand in Übungen zur Selbst- und Fremdwahrnehmung; als Einstiegshilfe fungierten spielerische Elemente, Kostümierungen etc. Das Spiel mit Masken und Verkleidungen konnte dabei wegen der Karnevalszeit in Deutschland - glücklicherweise fand das Seminar im Rheinland statt - außerhalb des Seminars fortgesetzt werden. Das Vorgehen konzentrierte sich dann, nachdem die Gesprächssituation aufgetaut war, in drei gemischten Arbeitsgruppen auf Methoden der biographischen Kommunikation. Zunächst wurden die Stationen des eigenen Lebenswegs reflektiert und im Austausch mit den anderen Teilnehmern nach Punkten der Übereinstimmung oder Differenz gesucht, um die Klärung für sich selbst voranzubringen. Darauf folgte der zweite Schritt, der zum Abschlussteil der Veranstaltung hinführte. In mehreren Produktionsgruppen setzten sich die Teilnehmer mit der Frage nach den Zukunftsperspektiven auseinander. So produzierte eine Videogruppe ein Magazin mit Nachrichten, Kommentaren und Interviews, das das Leben in Europa im Jahre 2050 zeigte. Im Mittelpunkt stand dabei die Darstellung einer Gesellschaft mit Vollbeschäftigung, mit verringerter Arbeitszeit und mit der Förderung gemeinwesenorientierter Aktivitäten. Weniger Konsum, mehr zusammen machen, mehr Spaß, weniger Einsamkeit lautete das Motto der Gruppe. Eine andere Gruppe wählte sich für ihre Produktion das Thema Zukunftsräume. Die Jugendlichen gestalteten in Kleingruppen so genannte Traumwolken; diese Plakate zierten die Wände des Raums, in dem der Abschlussabend stattfand. Hier gab es nicht nur rosarote, sondern auch schwarze Wolken, die all das symbolisierten, wovor die Jugendlichen sich im Blick auf die Zukunft fürchteten. Andere zeigten, welche Beiträge die Jugendlichen für sinnvoll hielten, damit die Zukunft für alle lebenswert wird.
Träume und Räume, Ängste und Hoffnungen, der Blick zurück und der Blick nach vorn - dies alles kam zur Sprache und eröffnete eine Kommunikation, in der sich die einzelnen in einer neuen und produktiven Form mit ihren Zukunftserwartungen auseinander setzen konnten. Hierbei standen zunächst Überlegungen zur persönlichen Situation im Vordergrund. Doch die Reflexion über den eigenen Lebensstil und Lebensentwurf führte zu der Frage, wie dies von anderen wahrgenommen und beurteilt wird. Daraus ergab sich der Blick auf die gesellschaftlichen Bedingungen. So wurden die beruflichen Probleme in einen neuen Blickwinkel gerückt. Dabei gab es auch Anregungen und Ideen für das Vorankommen in beruflichen und Ausbildungs-Angelegenheiten, aber vor allem konnten die Teilnehmer Energie für die Bewältigung ihrer jeweiligen Schwierigkeiten tanken.
16) Februar 1999, Bonn. Veranstaltet vom Bildungswerk des Instituts für angewandte Kommunikationsforschung in der außerschulischen Bildung e.V. (IKAB), Poppelsdorfer Allee 92, 53115 Bonn, Tel. 0228/636460. retour