Zu den persönlichen und sozialen Kompetenzen, die für Jugendliche in prekären Ausbildungs- und Beschäftigungssituationen wichtig sind, gehören die Orientierung in ungewohnten Situationen und das Erlernen solidarischen Verhaltens. Benachteiligte Jugendliche brauchen die Erfahrung, dass die unübersichtliche Welt des Ausbildungs- und Arbeitsmarkts nicht aus einer Verschwörung gegen ihr persönliches Fortkommen besteht, die dann in entsprechenden (rassistischen) Schuldzuweisungen abreagiert wird. Einen spezifischen Ansatz, solche Aufgaben des sozialen Lernens anzugehen, erprobt das Projekt Mobilität in Europa 17) (s.o.), das Trainingsprogramme in verschiedenen Städten durchgeführt hat.
Im Rahmen eines trinationalen Programms wurden etwa in der Ukraine und in Deutschland Aufenthalte angeboten, bei denen die Teilnehmer unter dem Motto Neue Stadt - neuer Job vorübergehend mit der Situation von Migranten konfrontiert wurden. Sie standen vor der Aufgabe, sich im sozialen Umfeld einer fremden Stadt zu orientieren. Sie machten die Erfahrung, wie ein Einwanderer draußen zu stehen, über keinen selbstverständlichen Lebensraum zu verfügen und überall sich erst Zugang verschaffen zu müssen. Konkret ging es darum, Ausbildungsmöglichkeiten, Jobs, Arbeits- oder Praktikumsstellen zu finden, Behörden aufzusuchen oder sich nach Wohn- und Freizeitmöglichkeiten umzusehen. In der Ausgangsanalyse wurden folgende Problemfelder bei den Jugendlichen festgehalten:
Angst vor der Fremde, vor dem Unbekannten
Verlust der Freunde und Freundinnen
Angst, nicht klar zu kommen
Sprachschwierigkeiten
Hilflosigkeit in unbekannten Situationen
Angst vor dem Versagen
Fehlen der vertrauten Umgebung
Komplementär stehen diesen Problemfeldern Chancen gegenüber, die die neue Situation bereit hält:
Abenteuerlust, etwas erleben wollen
Neue Leute kennen lernen
Unbekanntes erleben
Neue Herausforderungen kennen lernen
Sprachen lernen, als sinnvoll anerkennen und ausprobieren
Sich selber ausprobieren
Experimentieren, Situationen ändern
Durch das Wahrnehmen dieser Chancen lassen sich verschiedene Kompetenzen der Teilnehmer trainieren. Insbesondere wird hierdurch ein Anreiz gegeben, Einfühlungsvermögen und solidarisches Handeln zu entwickeln. Am eigenen Leibe Abwehr und Ausgeschlossensein zu erfahren, kann dafür sensibilisieren, angemessener auf die Situation anderer Menschen zu reagieren.
Methodisch bedeutete dies für die Teilnehmer meist eine große Herausforderung, da von ihnen eigenverantwortliche Lernformen in einer ungewohnten Umgebung verlangt wurden. Hier wirkte einerseits die Gruppe stabilisierend und motivierend, andererseits leisteten die Betreuer Hilfestellung, entsprechende Lern - und Handlungsstrategien zu entwickeln. Als Ergebnis war bei den Jugendlichen festzustellen, dass Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen gestärkt wurden, was sich in der Konzipierung der eigenen Berufs- und Lebensperspektive niederschlug, aber auch in konkreten Maßnahmen, die einzelne Teilnehmer nach dem Ende der Begegnung ergriffen.
17) Veranstaltet vom IB Erfurt, Netzwerk für Integration, Klingenthaler Weg 20, 99085 Erfurt, Tel. 0361/6431535, E-Mail: integration@erfurt.contrib.net . retour