Die Frage des sozialen Zusammenhalts wird in allen modernen Industriegesellschaften diskutiert. Individualisierung und Pluralisierung gelten als Herausforderungen, die die herkömmlichen Formen der Vergesellschaftung in Frage stellen. Neben den großen gesellschaftlichen Organisationen und Institutionen richtet sich hier der Blick besonders auf die familiären Strukturen - deren Leistungsfähigkeit angesichts des raschen sozialen Wandels in Frage steht und deren Zukunftsfähigkeit unterschiedlich beurteilt wird. Für Jugendliche sind damit ebenfalls Punkte angeschnitten, die für ihre Zukunfts- und Lebensplanung von großer Bedeutung sind. Dies betrifft etwa das Geschlechterverhältnis, die Rollenverteilung von Mann und Frau, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Neben diesen Zukunftsfragen sind benachteiligte Jugendliche in ganz unmittelbarer Weise vom Familienthema tangiert, da sich das familiäre Zusammenleben für sie oft sehr spannungsreich darstellt oder da sie in ihren Herkunftsfamilien oft keine adäquate Unterstützung erfahren. Solche Fragen werden auch von deutsch-französischen Begegnungsveranstaltungen aufgegriffen, so in einem Seminar für Auszubildende und Jugendliche in der Berufsfindung 19).
Das Seminar richtete sich an Jugendliche aus Frankreich, West- und Ostdeutschland, die unterschiedliche Bezüge zu dem Thema hatten. Teils befanden sie sich in Maßnahmen der beruflichen Eingliederung, die mit Hauswirtschaft oder ambulanter Familienhilfe zu tun hatten. Teils waren sie rein privat, als Heranwachsende, die sich aus ihrer Familie lösen, von dem Thema betroffen. Hinzu kam - neben den nationalen Unterschieden - eine gewisse Altersdifferenz der Teilnehmer, die für eine zusätzliche Multiperspektivität bei der Auseinandersetzung mit dem Thema sorgte.
Die Themenstellung des Seminars Gesellschaftlicher Wandel und seine Auswirkungen auf Eltern-Kind-Beziehungen eignete sich besonders dazu, eine Brücke zwischen der persönlichen und sozialen Ebene zu schlagen. Familienpolitik in den Ländern Europas beeinflusst in nicht unerheblichem Maße Familienstrukturen und Familienleben. Der binationale Zugang kann den Blick dafür schärfen: Während die deutsche Familienpolitik bislang eher auf eine Aufeinanderfolge von Kindererziehung und Berufstätigkeit von Frauen setzt, Kinderbetreuungseinrichtungen sowie die Schule in der Regel nur Teilzeitbetreuung garantieren und somit eine Berufstätigkeit von Frauen erschweren, setzt der französische Staat auf das Nebeneinander von Beruf und Familie, was durch Vollzeit-Betreuungseinrichtungen und die Organisation des Schulwesens ermöglicht werden soll.
Nahe liegender Weise lautete der Einstieg des Seminars Ich und meine Familie, wobei sich persönliche Vorstellung - durchgeführt anhand von Kleingruppeninterviews - und thematische Aspekte verbinden ließen. Dies leitete zu einer Bestandsaufnahme der nationalen Unterschiede über. Der Kommunikation in der Gruppe kam dabei zugute, dass einige französische Teilnehmerinnen Deutsch sprachen, so dass sich eine breite, engagierte und persönlich motivierte Gesprächssituation ergab.
Der zweite Schritt bestand in der Frage nach dem Wandel der Familie und ihrer Leitbilder. Hierzu wurden Produktionsgruppen gebildet, die zum Beispiel eine Reihe von Interviews bei Exkursionen durchführten, einen Fotoroman oder einen Videoclip produzierten. Im Laufe der Auseinandersetzung mit dem Thema zeigte sich aber auch die Individualisierung in ihrer unmittelbaren Form. Einige Teilnehmer erklärten, dass die gemeinsame Fragestellung sie nicht besonders betreffe; so lautete das Statement einer Teilnehmerin: Der Stress mit meiner Familie - das ist für mich vorbei, mich interessieren im Moment andere Sachen. Die Konsequenz war, dass einige Teilnehmer eine eigene Produktionsgruppe bildeten. Sie wählten - motiviert durch den Kosovo-Krieg, der zu diesem Zeitpunkt noch nicht beendet war - die Themen Krieg und Frieden, Gewalt unter Menschen und Möglichkeiten der gewaltfreien Konfliktlösung. Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen brachten sie auch in die Schlussphase des Seminars ein.
19) Mai 1999, Bonn. Veranstaltet vom Bildungswerk des Instituts für angewandte Kommunikationsforschung in der außerschulischen Bildung e.V. (IKAB), Poppelsdorfer Allee 92, 53115 Bonn, Tel. 0228/636460. retour