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2. Voraussetzungen interkulturellen Lernens im Sport Die Arbeitsgruppe "Leistungssportprogramme" hat sich in ihrer Arbeit von der folgenden Grundannahme leiten lassen: Der Sport ist ein kulturelles Phänomen und Bestandteil der Kultur eines Volkes. Er ist von dieser Kultur geprägt und übt seinerseits prägenden Einfluß auf die Kultur aus. Im Sporttreiben und der Beschäftigung mit Sport lassen sich bezeichnende Verweise auf die den Sport einschließende Gesamtkultur aufzeigen. Dies gilt besonders, wenn Sportler aus unterschiedlichen Kulturen zusammenkommen und die Unterschiede ihres Sporttreibens auf praktischer, organisatorischer und struktureller Ebene erleben und reflektieren. Sporttreiben und die Beschäftigung mit Sport in deutsch-französischer Gemeinschaft sind also ein mögliches und ausreichendes Feld interkulturellen Lernens. Die Hauptfragen, mit denen die Arbeitsgruppe sich beschäftigt hat, sind: Auf welche Interessen stößt dieser Anspruch, eine für das interkulturelle Lernen günstige Situation zu schaffen, bei Aktiven, Trainern und Verbänden? Welche Auskünfte über kulturelle Gemeinsamkeiten oder Verschiedenheiten lassen sich aus dem Erleben der sportlichen Bewegung und Leistung selbst gewinnen in einer Zeit, in der die Bemühungen um Leistungsoptimierung zu immer angenäherteren Bewegungsausführungen und Trainingsformen führen? Wie können die Rahmenbedingungen genutzt oder beeinflußt werden, um möglichst viel über die gesellschaftlichen, politischen, finanziellen Umstände zu erfahren, unter denen eine Sportart in dem einen oder anderen Land betrieben wird? Schon diese Fragen zeigen, daß der Sport zwar ein mögliches und ausreichendes Feld interkulturellen Lernens ist, daß dieses interkulturelle Lernen hier aber nicht automatisch erfolgt, sondern gewollt und gefördert werden muß. Hier geht es dem Sport aber nicht besser als dem Hochschulaustausch oder den künstlerischen Begegnungen - aber auch nicht schlechter.
2.1. Die Struktur der sportlichen Situation als "expérience commune / gemeinsame Erfahrung" (P. Irlinger) Wie kann diese Förderang aussehen? Da interkulturelles Lernen auf Kommunikation, gemeinsames Erleben und Betroffenheit angelegt ist, müßte zuerst einmal gefragt werden, ob die Extrem-Situation leistungssportlicher Betätigung solches überhaupt zuläßt. Hier sei auf Irlinger verwiesen. Er sieht im Leistungssport strukturell eines der wenigen Felder der internationalen und interkulturellen Übereinstimmung. Sport ist "expérience commune", "vie partagée" und "proximité" - ist also Ausgangspunkt für Zusammenarbeit und Verstehen. "Es muß besonders hervorgehoben werden, daß der Sport ein unmittelbares gemeinsames Tun erlaubt, des fast völlig von den Problemen sprachlicher Verständigung unabhängig ist. Nur wenige Aktivitäten verfügen über ein so präzises und universell akzeptiertes und respektiertes internationales Regelwerk, wie das der Sport tut. Angehörige verschiedenster Länder, die keine gemeinsame Sprache sprechen, können sich ohne Verhandlungen und ohne lange vorherige Festlegungen auf eine gemeinsame Aktion verständigen: die sportliche Aktivität. Diese Koordination der Aktionen, die durch ein gemeinsames Regelwerk ermöglicht wird, wird noch erleichtert durch eine Entwicklung zu einer Aufhebung der technischen und taktischen Unterschiede im Leistungssport . Dieses unmittelbar mögliche "gemeinsame Tun", egal ob es sich dabei darum handelt, gegeneinander zu spielen, eine Mannschaft zu bilden oder gemeinsam zu trainieren, schafft eine gemeinsame Erfahrung, ein "Stück geteilten Lebens", eine Nähe, die einen wertvollen Ausgangspunkt für eine Vielzahl von Austauschen und Kommunikationen zwischen Angehörigen verschiedener nationaler Kulturen darstellt."
2.2. Kommunikationsfördernde oder -hemmende Faktoren bei der Organisation des sportlichen Teils einer Begegnung Es ist aber auch relativ leicht festzustellen, daß selbst auf dieser Basis der "expérience commune" jeder Beteiligte auf sich selbst allein bezogen bleibt, wenn die Situation dies in Form von internationalen Meisterschaften, Länderkämpfen und Olympischen Spielen nahelegt - und zwar mit recht. (Zum Vergleich und besseren Verständnis nehme man einen studentischen Examenskandidaten. Ihn drei Tage vor dem Abschlußexamen in eine deutsch-französische Seminarsituation zu stellen und von ihm ein besonders kommunikatives Eingehen auf die Probleme der Kollegen zu erwarten, wäre wenig vernünftig.) Die Arbeitsgruppe hat sich daher darauf verständigt, daß einer der wichtigsten Punkte bei der Planung einer Leistungssportmaßnahme, die über die Möglichkeit des Zustandekommens von kommunikativen Situationen entscheiden, die zeitliche Nähe oder Entfernung vom Saisonhöhenunkt darstellt. Sie empfiehlt die Durchführung deutsch-französischer Leistungssportprogramme erst nach dem Saisonhöhepunkt. Auf keinen Fall kann die deutsch-französische Leistungssportmaßnahme der jeweils unmittelbaren nationalen Vorbereitung auf internationale Wettkämpfe dienen, da in dieser Situation außer dem Motiv der persönlichen Leistungssteigerung kein Engagement für eine interkulturelle Kommunikation erwartet werden kann. Mitentscheidend für die Kommunikationsträchtigkeit eines Lehrganges ist sicher auch die Altersgruppe und Leistungsstufe, der die Teilnehmer angehören. Da in den einzelnen Sportarten die Unterschiede groß sind, kann soviel gesagt werden: Natürlich sollten die Verhältnisse zwischen Franzosen und Deutschen gleich sein. Generell bieten die deutsch-französischen Programme den unteren Leistungskadern (D- und C-Kadern nach deutscher Einteilung und "jeunes espoirs sportifs de haut niveau" nach französischer) die interessantesten Erfahrungsmöglichkeiten. Die Trainingseinheiten bis hin zu abschließenden Wettkämpfen selbst sollten nach Möglichkeit von deutsch-französisch gemischten Trainingsgruppen durchgeführt werden. Diese Organisationsform erlaubt:
Dieses gemeinsame Training ist Voraussetzung für des Erkennen nationaler Unterschiede oder Gemeinsamkeiten und deren Ursachen. Für die Arbeit der Trainer ergeben sich folgende Konstellationen:
Zur Einleitung von Diskussionen zu diesen Beobachtungen eignen sich im hervorragenden Maß Video-Aufnahmen. |