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Leistungssport als Feld interkulturellen Lernens

- Ein Arbeitspapier -

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Verabschiedet von den Teilnehmern der Jahrestagung der deutschen und französischen Sportfachverbände am 4.-6.11.1992 in Hannover.  

Inhaltsverzeichnis

 

3.4. Das "allgemeine" Rahmenprogramm

3.4.1 "Eine Kultur mit den Augen entdecken"

An die Stelle der traditionellen Stadtbesichtigung sollte eine aktive Auseinandersetzung der Teilnehmer mit ihrer Umgebung in Form von "Stadtrallyes", "Jeux de découverte" oder nach dem vom DFJW entwickelten Ansatz "eine Kultur mit den Augen entdecken" treten.
Bei diesem Ansatz geht es darum, die Tatsache zu berücksichtigen, daß 80% der Informationen über ein fremde Kultur uns über die Augen erreichen, daß wir aber viel zu wenig gelernt haben, bewußt zu sehen: zu sehen, wie die Menschen in einer anderen Kultur mit Zeit umgehen, d. h. welche Bedeutung für sie z. B. Pünktlichkeit hat und ob sie "schnell" oder "langsam" leben. Wie gehen sie mit Raum um, wie strukturieren sie ihn, wie sehen die Städte aus, welche Beziehungen bestehen zwischen dem von Menschen gestalteten "künstlichen" Raum und dem "natürlichen" Raum? Wo im Raum sitzt die Macht? Wie verhalten sich im Raum die Menschen zueinander: Welche körperliche Distanz drückt Freundschaft, Liebe, Unterwerfung, Überlegenheit aus? Wichtig ist bei diesem Ansatz, nicht die Entdeckungsthemen vorzuschreiben, sondern es den Teilnehmern selbst zu überlassen, wofür sie sich interessieren, und sei es nur dafür, sich ein paar Stunden in ein Bistro zu setzen und zu schauen, was um sie herum abläuft. Im Grunde eignet sich jeder Beobachtungsgegenstand dazu, an ihm Unterschiede bzw. Ähnlichkeiten zur eigenen Kultur wahrzunehmen und sie zum Ausgangspunkt allgemeinerer Überlegungen zu machen.

Die "Photosprache" kann bei der Aufarbeitung einer Menge von Themen wie z.B. "Kultur", "Gruppe", "Kindheit", "Nation", "Zukunft, "Familie", "Staat, "Gewalt", "Technik", "Privatleben", "der Andere", "Macht", usw. angewendet werden. Man muß darauf achten, daß für jedes neue Thema eine eigene Bilddokumentation erstellt wird, daß heißt aber nicht, daß man bestimmte Fotos nicht für mehrere Themen verwenden kann.

Hier ein Beispiel zum Thema Stadterkundung:
Kleine Gruppen gehen zu Fuß oder fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Stadt. Im Verlaufe dieses Besuches fotografieren die Teilnehmer, was ihnen besonders auffällt. Für die Darstellung der Eindrücke muß sich jede Gruppe auf 3 Fotos beschränken (z.B. Graffiti, ein Denkmal, eine Schnellstraße, ein neuer Stadtteil, eine Sportanlage, ein Schaufenster eines Sportgeschäftes, etc.. Bei der Rückkehr legt jede Gruppe ihre 3 Fotos vor und begründet, warum sie diese Fotos ausgewählt hat.
Diese Methode garantiert eine sehr interessante Diskussion, die alle Bereiche mit einbezieht, sei es die soziale Gesetzgebung in beiden Ländern, sei es die Lokalpolitik, das Brauchtum, die Bedeutung des Sports in der Region, die Technologie, usw..

 

3.4.2 Die Gestaltung von Feiern

Auch "Grillabende", "Disco", etc. bieten viele Gelegenheiten, den Partner und seine Gewohnheiten kennenzulernen, wenn man die Gestaltung dieser Feiern in die Hände der Teilnehmer gibt. Einkaufen in fremden Supermärkten, Kochen mit fremden Produkten, eine Feier in ungewohntem Umfeld nach einem vorher gemeinsam auszuhandelnden Konzept sagen mehr über die Lebensverhältnisse und -gewohnheiten als alle Vorträge.

 

3.4.3 Der Empfang beim Bürgermeister

Der "Empfang beim Bürgermeister" sollte gut vorbereitet sein; d.h. sowohl der Bürgermeister als auch die Sportler sollten ihre gegenseitigen Erwartungshaltungen definiert und bekanntgemacht haben.

 

3.4.4 Spiele zum interkulturellen Lernen

Spiele dieser Art erfordern jedoch schon eine gewisse Vertrautheit der Teilnehmer untereinander. Es versteht sich von selbst, daß diese Formen des Austausches erst zu einem fortgeschrittenen Zeitpunkt innerhalb der Maßnahme durchgeführt werden können. Zudem benötigen sie eine gewisse Vorbereitung durch den Betreuer, der darauf hinweisen muß, daß die im Spiel geäußerten subjektiven Empfindungen nicht verletzend für die Teilnehmer einer anderen Nation sein dürfen.
Ein bewährtes Beispiel einer Spielform zum interkulturellen Lernen ist die Methode der "Photolangage" - der Sprache oder des Ausdrucks über die Fotografie:

Dieses Spiel hat zwei Ziele:
1. Eine Sensibilisierung der eigenen kulturellen und nationalen Identität.

2. Durch die Beobachtung dieser Auseinandersetzung einer nationalen Gruppe mit der eigenen Identität durch Mitglieder eines anderen Kulturkreises eine Sensibilisierung für Unterschiede.

Spielablauf:
Die deutschen Teilnehmer werden vor Beginn der Reise gebeten, 1-2 Photos unter dem Aspekt: Was ist für mich typisch deutsch? auszusuchen. Die Franzosen suchen ihrerseits Bilder einer typisch französischen Darstellung. Während der Maßnahme selbst werden die Bilder einer Nation zunächst auf einem großen Tisch ausgelegt und jeder Teilnehmer der betreffenden Nation nimmt sich ein Photo (es muß nicht unbedingt das eigene mitgebrachte sein), welches seiner Vorstellung von "typisch Deutsch" am besten entspricht. Die deutschen Teilnehmer setzen sich mit den Franzosen gemeinsam an einen Tisch und erklären sich gegenseitig, warum dieses Bild für den Einzelnen als typisch deutsch gilt. Die Franzosen sind zunächst ihrerseits nur in der Rolle der Zuhörer und Beobachter und erklären sich in einer weiteren Runde, warum sie welche Bilder als "typisch französisch" ausgewählt haben, während die Deutschen nur zuhören und beobachten. Die wichtigste Grundregel ist jedoch zu befolgen: Es darf keine Diskussion oder Bewertung der Beschreibung eines einzelnen erfolgen, wie z.B. "das ist ja gar nicht typisch deutsch" oder "das ist falsch" etc. Jedem Beschreibenden ist seine Meinung unkommentiert zu lassen. Ziel des Spieles ist nicht, ein möglichst komplettes Bild einer Typologie zu geben, sondern das Ziel ist hier, wie bereits erwähnt, die Methode. Wenn Deutsche vor Franzosen sich selbst beschreiben, ist dies nicht nur ein wichtiges Moment zur Reflexion über die eigene Identität beider Gruppen, sondern läßt evtl. auch die Erkenntnis reifen, daß es bei einer Vielzahl von Beschreibungen des typisch Deutschen oder typisch Französischen" den typisch Deutschen oder den typischen Franzosen überhaupt nicht gibt.

Ein weiteres Spiel mit ähnlichem Ziel und Grundmuster verläuft folgendermaßen:
Die deutschen Teilnehmer schreiben auf ein Wandplakat zwei Aussagen über Frankreich oder die Franzosen; die französischen Teilnehmer schreiben zwei Statements über die Deutschen oder Deutschland. Zunächst setzen sich die französischen Teilnehmer in einem inneren Kreis zusammen und diskutieren die Aussagen der Deutschen, welche als Zuhörer in einem äußeren Kreis um die Diskutierenden herumsitzen. In einer weiteren Diskussionsrunde werden dann die Rollen vertauscht.

Auch hier bringt die Methode die wichtigen Erkenntnisse und nicht ein vermeintliches Ergebnis einer Diskussion, bei der evtl. herauskommen könnte, ob die Aussagen der Teilnehmer der anderen Nationalität "Wahrheiten" über die eigene Nation gesagt haben, oder umgekehrt. Es liegt auf der Hand, daß es die "Wahrheit" in diesem Zusammenhang nicht geben kann. Wichtig ist hierbei, in einer gemeinsamen Auswertungsrunde die Fragen zu stellen, wie ein Fremdbild zustande kommen kann; wie subjektiv es sein kann und welche Gefahren darin liegen.

 

3.4.5 Die spielerische Sprachvermittlung

Von besonderer Bedeutung für die Kommunikation im Lehrgang sind die Ansätze zu spielerischer Sprachvermittlung:
Sprachanimation in einer dt.-frz. Begegnung zu betreiben, heißt, die deutsche bzw. die französische Sprache zum Gegenstand eines interkulturellen Lernfeldes zu machen. Es kann hier die Chance genutzt werden, natürliche sprachliche Kommunikationsdefizite als Motivation für eine gemeinsame Beschäftigung mit der fremden und zwangsweise auch mit der eigenen Sprache zu nutzen.

Wie der Name besagt, bedient sich die Sprachanimation der Mittel aus der Spiel- bzw. Animationspädagogik, das heißt, es kann sich nur um eine spielerische Auseinandersetzung mit Sprache handeln. Folglich werden fast alle Elemente des schulhaften Lernens ausgeschlossen. Ziel der Sprachanimation ist die Auseinandersetzung der Teilnehmer mit Funktionen der Sprache allgemein, jedoch wird die Auseinandersetzung mit der Kultur und der individuellen Art und Weise des Partners, damit umzugehen, in gleicher Weise angesprochen. Der spielerische Ansatz und die völlige Absage an schulische Methoden sollen den Teilnehmern mögliche Freiräume schaffen, die ihre Kommunikationsfähigkeit erweitern können und vielleicht auch den Vorsatz erzeugen, nach der Begegnung die Sprache des anderen zu lernen.

Der Vorteil der Sprachanimation liegt darin, daß die Betreuer der Maßnahme selbst nicht unbedingt gute Kenntnisse der Fremdsprache haben müssen, in der gespielt wird. Die Aufgabe der Betreuer liegt lediglich in der Organisation von Spielgruppen und der Erklärung des Spieles. Die Teilnehmer sind dann aufgrund der einfachen Spielregeln in der Lage, sich selbst zu "animieren". Es versteht sich, daß Sprachanimationsspiele so gestaltet werden müssen, daß alle Teilnehmer, ob Anfänger oder Fortgeschrittene sich mit einem oder mehreren Spielpartnern der eigenen und der fremden Nation zusammensetzen können. Hier zwei Beispiele:

Wörterkette (in Klein- oder Großgruppe zu spielen)
Die Gruppe sitzt im Kreis, abwechselnd je ein französischer und ein deutscher Teilnehmer. Der erste (z.B. ein Franzose) denkt sich ein Wort in seiner Muttersprache aus (z.B. carrefour), schreibt und malt es auf ein Blatt und zeigt es seinem deutschen Nachbarn. Dieser schreibt, wenn er die deutsche Bedeutung des Wortes erkannt hat, die deutsche Übersetzung dazu (carrefour = Kreuzung) und erfindet, schreibt und malt seinerseits ein neues, deutsches Wort, das aber mit dem letzten Buchstaben des französischen Wortes beginnen muß (carrefour - Regal). Der nächste französische Partner versucht wiederum, die deutsche Entsprechung herauszufinden und erfindet seinerseits ein französisches Wort, welches mit "L" beginnt z.B. carrefour - Regal - Lumière. Für die in der Fremdsprache fortgeschrittenen Teilnehmer könnten in einer weiteren Runde die Deutschen nur französische Wörter erfinden und umgekehrt die Franzosen nur deutsche.

Rollenspiel (Spielersatz: 6 Leute - drei Deutsche, drei Franzosen)
Drei deutsche Teilnehmer bereiten einen ganz kleinen und knappen Dialog z.B. für einen Cafébesuch mit einem Kellner und zwei Gästen vor und spielen die wirklich kurze Szene den anderen Teilnehmern in ihrer Muttersprache vor. Nach einem weiteren Vorspielen der gleichen Szene übernimmt ein Franzose die Rolle eines deutschen Spielers und versucht eventuell mit Flüsterhilfe des deutschen Partners, dessen Platz er eingenommen hat, die gleiche Szene noch einmal mit den beiden deutschen "Kollegen" auf Deutsch zu spielen. In zwei weiteren Runden werden nach und nach die deutschen "Schauspieler" durch Franzosen ersetzt, sodaß die Franzosen den deutschen Dialog komplett durchspielen können. In der nächsten Runde beginnt ein französisches Team auf Französisch und wird nach und nach durch Deutsche ersetzt, die dann ihrerseits die Szene komplett auf Französisch spielen können.

Bei der Sprachanimation sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt. Traditionelle Spiele wie z.B. Monopoly oder Memory können so verändert werden, daß dort französische und deutsche Wörter auftauchen. Comics oder Texte in Deutsch- oder Französischbüchern können so verändert werden, daß Deutsche und Franzosen gemeinsam daran "arbeiten" können. Werbeanzeigen und Texte bieten sich zum spielerischen Umgang mit Sprache besonders an.

 

3.4.6 Gruppendiskussionen

Themen für Gruppendiskussionen können auch dort gefunden werden, wo sportliche und allgemein gesellschaftliche Probleme sich überlappen.

Beispiel aus einem Programmbericht der Luftsportjugend:
"Umwelt und Luftsport in Frankreich und in Deutschland bildete das Schwerpunktthema des Abends. Ausgangspunkt für die Diskussion war die Frage nach der Umweltverträglichkeit des Fallschirmsports. Als wesentlicher Aspekt dieser Frage bildete sich schnell des Lärmproblem heraus. Sowohl die französischen als auch die deutschen Teilnehmer wußten von einigen Fällen zu berichten, wo der Fallschirmsport als Quelle von Lärmbelästigung in die Kritik gekommen war und schließlich Einschränkungen erfahren hatte. Auf der Grundlage der Leitlinien des DAeC für umweltfreundliches Verhalten im Luftsport und einer Broschüre des Luftfahrtbundesamtes zur Lärmproblematik wurden verschiedene Reaktionsmöglichkeiten in dieser Frage erörtert. Dabei kam eine anwohnerfreundliche Festlegung der Platzrunde ebenso zur Sprache, wie der Verzicht auf Starts zu bestimmten Tageszeiten. Um ihre Naturverbundenheit zu dokumentieren, beschlossen die Teilnehmer, gemeinsam an einer geeigneten Stelle außenzulanden und eine Müllsammelaktion durchzuführen".

Weitere Themen könnten sein: Doping, Gewalt, Sicherheit, Mädchen und Frauen im Sport, Familie und Sport, Wertewandel im Sport, etc..

 

3.4.7 Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Sie können ebenfalls von den Teilnehmern in die Hand genommen werden. Möglichkeit der Anwendung von Sprachkenntnissen, Verständigung über Texte und damit über Ziele und deren Verwirklichung im durchgeführten Programm.

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