Vorschläge / Ausbildungselemente
Alles Vorangegangene wäre zweifelsfrei unvollständig, wenn wir nicht eine Reihe von Empfehlungen und Vorschlägen zur Ausbildung der Lehrkräfte und Schulleiter hinzufügen würden. Klar ist, dass die neuen angerissenen Perspektiven die Schule als Gesamtrahmen der pädagogischen Handlung mit relativer Autonomie sowie Austausch und Begegnung aus der Perspektive des Schülers und dessen, was er kann, konzipieren und mit den Kollegen/innen in- und außerhalb der Schule zusammenarbeiten nach Vorbereitung, Überlegung und Ermutigung der Mitwirkenden verlangen.
Bei jeder Aktion, die die Schule als Ganzes betrifft, spielt die Schulleitung eine wesentliche Rolle. Im Lauf der Projekte, die wir betreut haben, ist uns die Schlüsselrolle der Schulleitung und ihr positiver bzw. negativer Einfluss oft aufgefallen. In seltenen Fällen konnten wir beobachten, dass diese Handlungsweise auf eine Ausbildung auf diesem Gebiet zurückzuführen war (1). War das Engagement zugunsten der Austauscharbeit positiv, so konnte es den Ausbildungsmangel durch eine wohlwollende Haltung ausgleichen. Dies erklärt die große Unterschiedlichkeit der Verhaltensweisen, die eher von der Auffassung und dem persönlichen Engagement der Schulleiter abhängen als von einem Können aufgrund einer systematischen Aus- oder Fortbildung auf diesem Gebiet.
Gleichwohl ist es wichtig, eine Fortbildungsmaßnahme innerhalb der Schule einzuplanen, die das gesamte Kollegium sowie die restliche Belegschaft der Schule sowie natürlich auch die Elternschaft einbezieht, damit ein globales Projekt gemeinsam definiert werden kann. (2)
Dies kann nicht nur durch bloßes Hinzufügen zum Vorhandenen erfolgen. Zu lange hat sich die Grundausbildung der Lehrer auf die Weitergabe von fachbezogenem Wissen und den Unterricht im abgeschlossenen Universum der Klasse konzentriert. Die neue Nachfrage nach Öffnung, die Herausforderungen der Globalisierung, der Aufbau Europas, der Austausch und die Zusammenarbeit in der Wirtschaftswelt verlangen nach neuen Bildungsansätzen. Die Öffnung nach außen erfordert auch neue Formen der Vorbereitung auf diese Aufgaben sowie eine Funktionsweise mit zusammenarbeitenden Netzwerken.
Diese ganzen Fragen gehen weit über den Rahmen einer Austausch- und Begegnungspädagogik hinaus, auch wenn diese sozusagen die privilegierte Metapher einer Erziehung zur Öffnung darstellt. Das heißt, dass der Erfolg dieser Pädagogik und deren dauerhaftes Wirken von deren Integration in eine weiter angelegte Problematik abhängt:
- der Erfolg der Schüler und die Bekämpfung des schulischen Scheiterns, also die Aufwertung des Schülers und die ständige Förderung seiner Möglichkeiten trotz nachteiliger Bedingungen (3);
- eine Schule mit größerer Öffnung nach außen, die sich aber auch ihre Autonomie zu bewahren und die Gesellschaft kritisch zu betrachten weiß;
- eine Schule der Toleranz und der Zusammenarbeit (4), die sich am entstehenden Europäischen Bildungsraum orientiert.
Die Nachfrage nach Fortbildung, die die Lehrerschaft an die Adresse der Austausch- und Begegnungspädagogik formulieren kann, ist deshalb sowohl spezifisch auf dieses Gebiet bezogen als auch allgemeiner. Es ist genauso wichtig, dass bereits existierende Praktiken (beispielsweise Projektpädagogik und kooperative Pädagogik) in den "Austausch" einfließen und dass im Gegenzug durch Austausch anderen von ihm bislang weit entfernten Fächern neue Perspektiven (z.B. Naturwissenschaften) eröffnet werden. Das bedeutet, dass diese Fortbildung nur zum Teil spezifisch sein wird und sich in anderen Fällen die Lehrer/innen woanders holen werden, was sie brauchen. Alles, was zum Beispiel die Techniken der Gruppenmoderation angeht, ist wenig oder gar nicht vorhanden in der Ausbildung des "klassischen" Lehrers, weil dies nicht zu seinem herkömmlichen Wirkungsfeld, der Klasse, gehört. Dagegen bilden solche Techniken die Grundlage anderer Ausbildungen (Moderatoren, Freizeitpädagogen), bei denen das Phänomen der Gruppe und deren Handhabung im Mittelpunkt der Qualifikationen stehen.
Bildungsmaßnahmen, die sich auf die bloße Verbreitung der Information über bestehende Programme (deutsch-französisch, europäisch oder andere) beschränken, so wichtig diese auch in einem Bereich sein mögen, in dem die Schuleinrichtung nur einen Teil der Kosten trägt, können jedoch nicht die schwierigen pädagogischen Fragen beantworten, die sich aus den "Austauschaktivitäten" selbst ergeben.
Ein solcher Ansatz fußt auf einer anderen Konzeption und Philosophie der Ausbildung, in der der Begriff der ständigen Weiterbildung eine zentrale Rolle spielt. Es gibt nicht nur eine Art, sich in einer bestimmten Pädagogik zu schulen, sondern vielmehr Bestandteile dafür und vor allem gibt es der Lehrkraft, der seine Ausbildung in die Hände nimmt und aufgrund seines Wissens, seiner Erfahrungen und seiner Bedürfnisse entscheidet, was für ihn zu einem bestimmten Zeitpunkt geeignet ist (5). In diesem Zusammenhang sind Begegnungen vorrangig: Das Praktikum, das Seminar, ob regional, national oder erst recht international, wird zum privilegierten Augenblick, der den Austausch von häufig verstreuten und schwer verfügbaren Erfahrungen und das Knüpfen von Informations- und Netzwerken ermöglicht. Dies gilt umso mehr, wenn ausländische Partner zum Aufbau einer Partnerschaft, zur Vorbereitung oder Auswertung eines Projektes gefunden werden sollen (vgl.: Partnerwahl*).
Im übrigen glauben wir, dass ein Bildungskonzept, dessen Ziel es ist, Lehrkräfte und Erwachsene dazu zu bringen, sich für neue Aufgaben zu qualifizieren und sich mit einer Pädagogik mit größerer Risikobereitschaft vertraut zu machen, beinhaltet, dass sie sich selbst mit der Situation des Austauschs, der Entfremdung und der Entzentrierung auseinander setzten muss. Unter diesem Gesichtspunkt stellt der Lehreraustausch eine interessante Formel innerhalb einer ständigen Weiterbildung dar, auch wenn er zahlenmäßig nach wie eine geringe Bedeutung hat. Er müsste viel systematischer mit den Praktiken der Partnerschaft und des Schüleraustauschs verbunden und integriert werden (vgl. Schule als Integrationsraum eine erweiterte Perspektive Frankfurt am Main - Marseille und den Austauschaufenthalt einer Frankfurter Lehrerin im Marseiller Partner-Collège). Außerdem müsste effektiver verbreitet werden, was die bisherigen Austauschmaßnahmen gebracht haben (6).
Vorrangig für solche Bildungsprogramme sind deshalb der Aufbau von Datenbanken, die Sammlung von Erfahrungsberichten (vgl.:Außendarstellung*), deren Verbreitung und vor allem das Organisieren von Begegnungen, die den Auf- und Ausbau sowie die Pflege von Netzwerken ermöglichen. Viele Einrichtungen und Vereinigungen arbeiten in diesem Sinn: Das DFJW natürlich, aber auch beispielsweise die französische Vereinigung für die Förderung der Austauschprogramme und des Bildungsvergleichs (AFDECE (7)) und die Europäische Lehrervereinigung (AEDE (8)). Ohne Zweifel kann dabei Internet auch sehr hilfreich sein (vgl. Internetquellen*) und die Nutzung des European Schoolnet http://www.eun.org.
Zahlreiche Erfahrungen und Innovationen bieten sich an, aus denen Mut und Anregungen geschöpft werden können. Es zeigt deutlich, dass das Rad nicht immer wieder neu erfunden muss und bei Null angefangen ist. In einem Bereich, in dem jedoch nicht alles fest und etabliert ist, ist es die vorrangige Aufgabe jeglicher Ausbildung, den Beteiligten die nötigen Arbeits- und Denkwerkzeuge bereitzustellen und insbesondere sie in ihrem Engagement zu bestärken und zu unterstützen.
1 : Vgl. Alix / Bertrand 1994, S. 144-147 das Beispiel "Austauschprojekt, Schulprofil Standpunkt eines Schulleiters". Zurück
2 : Vgl. Alix 1996, S. 109-124. Zurück
3 : Der ADECE Kongress 2000 hat das Thema "Internationale Austauschmaßnahmen und Schulerfolg für alle". Zurück
4 : Vgl. Byram / Zarate 1996. Zurück
5 : Vgl.: Zajac / Alix 1996. Zurück
6 : Vgl. Alix / Erhard 1996. Zurück
7 : "Association française pour le développement des échanges et de la comparaison en éducation" (früher ohne "française", siehe Internetquellen. Zurück
8 : Association Européenne des Enseignants (AEDE / EAT); European Association of Teachers, der deutsche Zweig: Europäischer Bund für Bildung und Wissenschaft (EBB), siehe Internetquellen. Zurück