Mit der Einführung eines obligatorischen Fremdsprachenunterrichtes in der Grundschule wird das Prinzip einer einzigen Muttersprache, die als die "natürliche" angesehen wird, bei Kleinkindern aufgegeben (3). Akzeptiert man damit auch die Tatsache, dass heute jedes Erlernen einer Fremdsprache von einer quasi gleichzeitigen "richtigen" Übung mit derselben ausgeht, so beinhaltet diese Entscheidung (implizit) bereits die extraterritoriale Erfahrung, eine Fremdheitserfahrung. Die Frage eines Aufenthaltes im anderen Land und somit des Kontaktes mit "den Anderen" stellt sich also heute früher. Was sagt dazu die Entwicklungspsychologie?
Austausch ist für unsere Entwicklung erforderlich
Auf der Ebene der interindividuellen Beziehungen setzt ein Austausch die Anwesenheit von mindestens zwei "Parteien" (seien es zwei Personen, eine Person und eine Gruppe, zwei Gruppen usw.) voraus. Deren Kontakt muss nicht direkt sein; er kann über andere Medien als das gesprochene Wort (Brieffreundschaft o.ä.) gehen. Im Idealfall ist der Austausch kontinuierlich, d.h. über eine Zeit fortgesetzt. Dieses Phänomen wird bereits ab der Geburt (und sogar vorher) in den Beziehungen zwischen Säugling und Bezugsperson (zumeist seine Mutter) beobachtet. Das Besondere an dieser Beziehung sind die Empathie und die Bemühungen von beiden Seiten, der Wunsch nach Übereinstimmung mit dem Ausdruck des Anderen. Man spricht hier auch von Intersubjektivität und dann später von affektiver Einigkeit einer Beziehungsart, die dem kleinen Menschen ermöglicht, die ihm zur Verfügung stehenden Kommunikationsfähigkeiten zu benutzen und zu entwickeln. Dank diesen ersten Austauscherfahrungen und deren Kontinuität kann das Kleinkind in Wechselwirkung mit den Personen seines Umfeldes nach und nach seine Persönlichkeit aufbauen. Ich komme darauf zurück.
Beide Personen (nehmen wir diesen Fall an) bewegen sich aber nicht in einem bedeutungslosen Umfeld. Sie agieren in einem kulturellen Zusammenhang die Kultur vermittelt zwischen den Personen. Warum? Der Erwachsene verhält sich dem Kind gegenüber nicht "irgendwie" oder "ganz nach eigenem Dünken"; er verhält sich diesem Kind gegenüber, wie er selbst gelernt hat, wie man sich einem Kind gegenüber verhält, d. h. nach den Regeln, die seiner Kultur eigenen sind. Er gibt ihm nur eine bestimmte Nahrung, er erwartet von ihm Gehorsam oder Selbständigkeit usw. Da er diese Regeln, die von vielen Anderen (seiner Gruppe) mit ihm geteilt werden, selbst in seiner Kindheit gelernt und sie verinnerlicht hat und er in der Regel auch wenig Kontakt zu Personen anderer Kulturen gehabt haben wird, die möglicherweise ein Nachdenken über das Wesen von Kultur und wie sie uns prägt, angestoßen hätten, wird er sie nicht in Frage stellen. Die Kultur, obwohl vom Menschen erzeugt, erscheint ihm ganz "natürlich".
1 : Aus dem Französischen, Originalbeitrag siehe. Alix / Kodron 2002, S.81-84. Zurück
2 : Ich danke Michel Piolat für seine Mitarbeit an der Ausarbeitung dieses Textes. Zurück
3 : Faktisch war dies durch die zahlreichen Kinder anderer Muttersprache schon länger in Frage gestellt und ad absurdum geführt! Wir lassen dies auch hier außer Acht. Zurück