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Inhaltsverzeichnis

Einführung

 Vorwort zur neuen Ausgabe

Fünfzehn Jahre sind seit der Herausgabe von "Zusammenarbeiten – gemeinsam lernen" (bzw. der ersten Ausgabe von "Coopérer et se comprendre") (1) vergangen. Die Erarbeitung einer neuen Ausgabe bietet die Möglichkeit das damalige Konzept und die dazu gehörigen Umsetzungsvorschläge aus dem Abstand zu betrachten und kritisch zu beurteilen. Als in Sachen Austausch inhaltlich engagierte Wissenschaftler war es damals unser Anliegen, sowohl kritische, anspruchsvolle als auch umsetzbare Impulse geben zu wollen. Dies scheint uns nach wie vor richtig und aktuell. Die in den neunziger Jahre entstandenen und seitdem sich stark entwickelnden europäischen Programme (insbesondere Sokrates und Leonardo) haben nur bestätigt, wie wichtig auch auf europäischer Ebene ausgearbeitete austauschpädagogische Konzepte sind, wie sie nicht zuletzt im bilateralen Kontext der deutsch-französischen Verständigungsarbeit entwickelt wurden. Nach fast dreißigjähriger intensiver theoretischer und praktischer Arbeit auf diesem Feld soll hier eine kritische Überprüfung bilateraler Schulzusammenarbeit in Ansätzen stattfinden, um die Qualität des Bestehenden zu sichern, und sei es nur durch eine bewusste Bestandsaufnahme, Neues anzuregen und nicht zuletzt den Beitrag deutsch-französischer Austauschpädagogik im europäischen Bildungskontext selbstbewusst einzubringen.

Bei der Entwicklung, Förderung und kritischer Überprüfung dialogpädagogischer Ansätze in Schule und Bildung halten wir drei Aspekte für zentral:

  • Die Öffnung der Schule nach außen (von der Nah– zur Fernwelt, soweit diese Unterscheidung sich heute aufgrund technologischer Entwicklungen überhaupt noch so übernehmen lässt) und nach innen, zum Kind und Jugendlichen hin. Beide Phasen (Kindheit und Jugendalter) unterliegen ebenso einem grundlegenden Wandel;

  • Die Neubestimmung und Neuverortung der Schule als Erziehungs– und Bildungsraum. Dabei geht es einerseits um ihre schützende und sozialisierende Funktion, mit einer Mischung aus Planung und Ereignissen, Kontakt zur Welt und Rückzug, mit vorgesehenen und festgelegten Lernfeldern und Freiräumen und andererseits darum, dass sie sich die Lernenden mit anderen Lernorten und- institutionen teilen muss. Schule muss sich zusehends mehr mit außerschulischem Lernen beschäftigen und darf sich vor allem nicht mehr als erste und letzte Etappe einer Lernbiografie, sondern als Anfang eines lebenslangen Lernens begreifen;

  • Die Öffnung der Schule zum Anderen, zum Fremden und gleichzeitig weiterhin auch zum Eigenen. Aufgrund der Entwicklung unserer Gesellschaften einerseits und der Welt insgesamt andererseits wird die Frage des Zusammenlebens in multikulturellen, sozial komplexen heterogenen Zusammenhängen immer stärker zu einer Aufgabe von Schule und Bildung.

Manche Ausdrucksweisen in übernommenen Texten mögen einem überholt vorkommen, die Perspektive mag sich zum Teil in eine etwas andere Richtung verschoben haben, andere, neue Fragen sind inzwischen aufgekommen. Die deutsch-französische Zusammenarbeit mag einen hohen Grad an Normalität und Selbstverständlichkeit erreicht haben und daher ihren Reiz zugunsten größerer, aktuellerer Herausforderungen, in erster Linie eines entstehenden europäischen Bildungsraumes eingebüßt haben.

Jedoch sind wir der Ansicht und möchten dies hier begründen und illustrieren, dass die im deutsch-französischen Kontext entwickelten und erprobten Konzepte von „Zusammenarbeiten – gemeinsam lernen“ weitgehend noch Gültigkeit haben und nicht vorschnell als antiquiert und überholt abgewertet werden können. Trotzdem müssen unseres Erachtens drei weitere Aspekte berücksichtigt werden, die keine bloßen Ergänzungen sind, sondern den Kern eines dialogischen Ansatzes betreffen.

Der erste betrifft wie bereits erwähnt die räumlich-kulturelle Erweiterung und die künftig notwendige Einbeziehung der europäischen Dimension, unter besonderer Berücksichtigung der Migrationsphänomene, seien sie wirtschaftlich oder politisch bedingt , d.h. damit faktisch eine weltweite Dimension. Obwohl Migration kein neues Phänomen ist – gab es jemals in der Geschichte Zeiten ohne Wanderungen? – symbolisiert es die tiefen Veränderungen, die sich in unseren Gesellschaften und in ihren Beziehungen zueinander vollziehen. Ein Phänomen solchen Ausmaßes zeigt sich inzwischen auch in schulischen Austauschprogrammen (durch die Schulpflicht) und hinterfragt womöglich auch eine etablierte Kooperation und Schulpartnerschaften. Schüler/innen mit Migrationshintergrund nehmen an deutsch-französischen Schulkooperationen teil. Auch wenn Schüleraustausch sich als Einübung von Aufgeschlossenheit dem Fremden gegenüber versteht, bringt diese neue Dimension manche liebgewordenen Gewohnheiten aus der Bahn: Wenn zum Beispiel deutsche Schüler/innen türkischer Herkunft oder französische Familien algerischer Herkunft beim deutsch-französischen Austausch aktiv sind und Deutschland und Frankreich in Sprache und Kultur formell vertreten. Auch wenn die deutsch-französische Annährung und Verständigungsarbeit noch längst nicht abgeschlossen ist, wird jedoch daran deutlich, dass sie sich längst nicht mehr allein als Nachkriegspädagogik bzw. Versöhnungspädagogik definieren kann, sondern sich gegenwärtigen und zukünftigen Entwicklungen stellen muss und kann
(siehe Projektbeispiel "Schule als Integrationsraum – eine erweiterte Perspektive: Frankfurt am Main – Marseille").

Der zweite Aspekt bezieht sich auf die lern– und lebensgeschichtliche Dimension. Durch die Einführung einer obligatorischen Fremdsprache in der Grundschule wird die Frage eines direkten Erlebens der gelernten Sprache in Form von Kontakten, ja von Austauschaktivitäten noch früher relevant. Diese Innovation besitzt an sich eine hohe Symbolkraft, wenn die Grundschule, bis dahin Hoheitsgebiet der "Muttersprache", das "Ausland" gewissermaßen hereinlässt, zunächst in der Form der Sprache, jedoch gleich-zeitig oder später durch den lebendigen Kontakt mit denen begleitet, die diese Sprache sprechen (Briefpartnerschaft, e-Mail Korrespondenz, Besuch, "Austausch")! Durch den vorverlegten Anfang in einem früheren Stadium der Persönlichkeitsentwicklung wird mit der Struktur und dem Konzept von lebenslangem Lernen ernst gemacht. Dabei wird aber auch deutlich, dass sich das Fundament des später Gelernten verändern muss. Es wird wohl weder möglich noch sinnvoll sein, das sonstige Schul -und Lern- „Gebäude“ so zu belassen, wie es ist. Dadurch ändert sich alles, was danach kommt (Strukturen, Programme, Fortführung). Die Öffnung, die durch das frühe Erlernen einer Fremdsprache mit Aufenthalt im Ausland potentiell verbunden ist, stellt eine neue Dimension dar, die das Kind, den Jugendlichen und den Erwachsenen ein Leben lang begleiten kann und soll. Für die Schule und die Kooperation planenden und durchführenden Lehrkräfte bedeutet dies aber auch, dass sie eine Progression auch in Bezug auf diese Aktivitäten viel stärker als früher mit planen müssen.

Der dritte Aspekt (über den viel gesprochen wird!) betrifft die neuen Informations- und Kommunikations-technologien / IKT, also die "Neuen Medien", und ihre Verwendung und Nutzung. Sie ermöglichen und schaffen eine neue Beziehung zur Welt, zur bisherigen Raum– und Zeiterfahrung. Eine neue Kategorie zwischen Wirklichkeit und Fiktion entsteht damit, die mit dem Begriff „virtuell“ umschrieben wird. Handelt es sich jedoch dabei, wie behauptet wird, um eine radikale Veränderung, um einen Bruch oder eher um die Bestätigung und die Erweiterung eines älteren Phänomens, das mit dem Fernsehen eingeleitet wurde? Ferner wäre Misstrauen angebracht gegenüber der Illusion einer vollkommenen Innovation im Vergleich zum Vorangegangenen, als hätte sich das pädagogische und didaktische Geschehen nunmehr nur noch danach zu richten. Das Medium – damit also auch die „Medien“ - ist Bestandteil jeder Kommunikation. Diesen Aspekt der Dinge hatten wir in "Zusammenarbeiten – gemeinsam lernen" 1988 betont. Damals versuchten wir aufzuzeigen, dass eine Austauschpädagogik immer über ein Medium, eine Vermittlung, geht und dass diese eine wesentliche Rolle spielt. Eine Reihe von Vorschlägen und Umsetzungen dazu (Tondiaschau, Videotechnologie, aber auch das Telefax) lassen sich unverändert als mediendidaktische Umsetzungen und Impulse nun mit Hilfe anderer, neuerer Medien wie e-Mail, PowerPoint und Internet übernehmen. Das Werkzeug, wie innovativ auch immer, entbindet einen nicht vom ernsthaften Nachdenken über dessen Funktion, Möglichkeiten und Grenzen! Es geht lediglich darum, welche inhaltlichen Konzepte sich mit Hilfe welcher Mittel umsetzen lassen und welche spezifischen Möglichkeiten jedes einzelne Medium für sich bietet.

Aus diesen Gründen sind in dieser neuen Ausgabe Projektbeispiele beschrieben und analysiert, die zu verschiedenen Zeitpunkten in einem Zeitraum von 20 Jahren durchgeführt wurden. Damit möchten wir verdeutlichen, was im Lauf einer langen Entwicklung an Gedanken und Praxis zusammen kam, was in unseren Augen nach wie vor gültig bleibt und vor allem aber auch inwieweit der pädagogische, ja der gesellschaftliche Kontext, die Art der Fragestellung und die Wahl der Themen durch die Schüler beeinflusst. Sollten Schüler heute nach Themen gefragt werden, die sie als interessant aber auch als wichtig für ihre Zukunft betrachten, bekäme man u.U. andere Antworten, als diejenigen die 1984 als ihre größten Sorgen genannt wurden: in Berlin die Bedrohung durch die SS 20- und Pershing-Raketen und das Waldsterben und in Martigues die Jugendarbeitslosigkeit und den Rassismus! Aufgrund unserer langjährigen Erfahrung auf diesem Gebiet scheint uns nichts wichtiger als eine zeit -und kontextbewusste Betrachtung von Austausch –und Begegnungspädagogik. Dies soll ein kleiner Beitrag dazu sein.


1 : Die französischsprachige Neuauflage ist seit 2002 unter dem Titel „Coopérer, se comprendre, se rencontrer“ sowohl online abrufbar (unter http://www.ofaj.org/paed/exemples/cooperer/), als auch in Druckform verfügbar. Zurück

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