|
Begründung und Kontext
Weshalb sollen heute Verbindungen zwischen Schülern, Lernenden verschiedener Länder hergestellt werden? Wozu sollen sie sich Briefe oder e-Mails schreiben, mit Hilfe von selbst erstellten Dokumenten und Materialien zu einem gemeinsamen Thema, die sie sich gegenseitig zuschicken, miteinander kommunizieren? Zu welchem Zweck und mit welchem Ziel soll ihnen der Dialog über die Entfernung und gegebenenfalls auch die reale Begegnung ermöglicht werden?
Dazu werden wir hier lediglich ausgewählte, wichtige Gründe nennen, die auch helfen sollen, den dialogischen Ansatz in einen globaleren Zusammenhang zu stellen.
1. Schule und Wissen sind privilegierte Orte bzw. Instrumente des Zugangs zur Welt und zur Universalität, ausgehend von der Singularität einer bestimmten Kultur, Gesellschaft und Epoche, auch wenn der nationale Bezug noch deutlich bleibt. Obwohl andere Quellen und Orte der Information und der Bildung außerhalb der Schule vorhanden sind, ist es unseres Erachtens heutzutage wichtiger denn je, dass die Schule durch das, was sie an Inhalten, Kenntnissen und Umgang mit der Welt transportiert, Begegnungs- und Schnittpunkt zwischen Globalem und Lokalem, Universellem und Einmaligem, Kollektivem und Individuellem bleibt und Möglichkeiten der Be und Verarbeitung bietet. In der Schule muss die Möglichkeit vorhanden sein, die kollektive Verantwortung zu erfahren, zu definieren und auszuüben, die zur Erhaltung einer gemeinsamen und gerecht aufzuteilenden Welt notwendig ist.
2. Schule, Erziehung und Bildung als Ganzes werden im europäischen Integrationsprozess eine entscheidende Rolle spielen. Die europäische Dimension wird in der Bildung auf allen Ebenen immer deutlicher, bis da hin, dass wir schon auf dem Weg zu einem gemeinsamen europäischen Bildungsraum sind.
3. Die heutigen Schüler kommen in nächster Zukunft auf einen Arbeitsmarkt, der sich mittlerweile nach europäischen Maßstäben definiert; sie müssen bereit und fähig sein im europäischen Kontext in einem anderen Partnerland zu arbeiten und/oder berufliche Beziehungen zu einem oder mehreren Ländern mit anderen Sprachen und Kulturen zu knüpfen. Sie müssen also darauf vorbereitet werden, sich in einer komplexen und vielseitigen, längst multikulturellen Welt zu bewegen. Die einzige und schwierige Frage dazu ist allerdings: wie?
4. Der Tourismus, der die meistverbreitete Kontaktform darstellt, führt bei weitem nicht zum tieferen Verständnis für die "Gast-"Länder, -kulturen und sprachen. Zu oft findet ein Phänomen der "Kolonisierung der Touristenorte statt und die Tourismusindustrie setzt alles daran, wirkliche Fremdheitserfahrungen und echten (inter)kulturellen Kontakt zu vermeiden, sobald sie über Exotik und touristisches Programm hinaus gehen und nach anderen Wegen suchen.
5. Die Internationalisierung der Lebensformen schreitet zumindest oberflächlich gesehen immer schneller voran. Welches Produkt, welche Mode, welche Musik überschreitet heutzutage keine kulturellen, sprachlichen Grenzen? Zugleich, und dies wird in der reflektierten pädagogischen Arbeit nur bestätigt, führt diese Uniformisierung der Welt nur sehr bedingt zu einer wirklichen Verständigung zwischen Mitgliedern verschiedener Gesellschaften und Kulturen. Es wäre falsch und gefährlich, eine von der Wirtschaft stark vorangetriebenen Internationalisierung mit einer automatisch einhergehenden Verständigung gleich zu setzen.
6. Selbst wenn die meisten Schüler in den Ländern der Europäischen Union eine, zwei oder gar mehr Fremdsprachen im Lauf der Schulzeit erlernen und es heutzutage möglich ist, fast jede Fremdsprache außerhalb der herkömmlichen Schulstrukturen durch Fernunterricht, Auslandsaufenthalt, Schulprogramme im Fernsehen, im Bereich der Erwachsenenbildung usw.) zu lernen, bleibt das Kommunikationsniveau zwischen den verschiedenen linguistischen und ethnischen Gruppen in Europa viel zu niedrig.
7. Der Unterricht im allgemeinen und der Sprachunterricht im besonderen tragen die Hauptverantwortung für dieses Manko, ja oft sogar für die verbreitete Scheu, um nicht gleich Angst zu sagen, vor der direkten sprachlichen oder kulturellen Begegnung. Dadurch bleibt die Chance ungenützt, den eigenen Ethnozentrismus zu hinterfragen und die Möglichkeit wird vertan, eine durch die Begegnung und die Beschäftigung mit dem Fremden ausgelöste Reflektion über das Eigene anzustoßen.
8. Der (Fremd-)Sprachenunterricht und dessen Methoden müssen äußerst kritisch hinterfragt werden. Zu oft wird dort immer noch auf eine zu formelle Auffassung der Sprache zurückgegriffen, in der nur die Darstellung einer fertigen Welt vorherrscht, ohne dass auf den Kontakt mit der menschlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Realität in all ihren Schattierungen und auch Widersprüchen vorbereitet wird.
Der seit einiger Zeit in den didaktischen Konzepten und Materialien unverkennbare Wunsch nach Authentizität muss jedoch mit dem Erlebnis und der Erfahrung der Beziehung zwischen Individuen aus verschiedenen Ländern und Kulturen verknüpft werden. Die Öffnung nach außen und nach innen, die mit dem Erlernen einer Fremdsprache potentiell verbunden sein sollte, ist dennoch mit in sich geschlossenen, monologischen Bildungsstrukturen und Lernräumen unvereinbar. (Alix, 1999)
|