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Zum Begriff "Austausch"
Der Begriff "Austausch" bietet den Vorteil schon lange etabliert zu sein und auf eine reiche Tradition zurückblicken zu können. Allerdings hat er gerade aufgrund seiner großen Verbreitung zwei erhebliche Nachteile:
- er bezieht sich auf äußerst unterschiedliche Praktiken und Ziele und ist daher mehrdeutig. Dies mag auch erklären, warum er so leicht konsens- und lebensfähig ist; (Alix u. a., 1993, S. 18-19);
- der Kontext einerseits und das, war er beschreiben soll, hat sich im Lauf der letzten vierzig Jahre zum Teil erheblich gewandelt. So sind inzwischen sowohl die Erscheinungsformen als auch die Inhalte verändert und damit die Bedeutung inzwischen eine andere geworden. Für all diejenigen, die diesen Begriff nach wie vor verwenden, ist es also wichtig, sich dieser Bedeutungsverschiebungen bewusst zu werden.
Der "Austausch", bzw. die Austauschphilosophie als Referenzrahmen im deutsch-französischen, ja im europäischen Kontext lässt sich ursprünglich vor allem aus einer von Kriegen und kriegerischen Auseinandersetzungen geprägten und nach Frieden strebenden Generation von Menschen verstehen. Historisch gesehen ist die austauschpädagogische Praxis, so wie sie sich in Europa zunächst vor und nach dem Ersten und dann noch intensiver nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte, eng verbunden mit Kriegsvorbeugung und Nachkriegs"therapie". Dem "Austausch", dem persönlichen Kennen lernen von Menschen, die sich bislang wie Angehörige tief und lang verfeindeter Nationen gegenüberstanden wird eine vorbeugende, bzw. heilende Wirkung zugesprochen (M. Krüger-Potratz, 1994). In "postheroisch" orientierten europäischen Gesellschaften hat eine solche starke Motivation bei den jüngeren Generationen, so scheint es, viel an Zugkraft eingebüßt. Aufgrund ihrer oftmals vagen Kenntnisse der historischen Hintergründe einer solchen Versöhnungspädagogik wird außerdem diese Verbindung nicht mehr wahrgenommen, bzw. ist für sie kaum noch nachvollziehbar: es fehlt der historische und affektive Bezug zu den hauptsächlich in Europa geführten zwei Weltkriegen, wenn auch sicherlich nicht zu Kriegen generell. Demnach ist also zu erwarten, dass Austausch und Begegnungsaktivitäten für die betroffenen Jugendlichen heutzutage etwas anderes bedeuten. Dort werden sie etwas anderes suchen (und finden) als die Begegnung und die Berührung mit dem früheren vermeintlichen "Feind". So wichtig die Kenntnis der historischen Fakten auch ist, kann sie jedoch allein den gesamten politischen und psychologischen Zusammenhang einer Epoche vermutlich nicht vermitteln, die per se nicht ihre ist.
Dieser in der deutsch-französischen Beziehung bereits in Frage gestellte friedenspädagogische Bezug scheint im übrigen bei europäischen Programmen (1), in denen eine wirtschaftlich geprägte, stark gegenwarts und zukunftsorientierte Dimension eindeutig vorherrscht, noch weniger präsent. Dies mag ein gewichtiger Grund sein, weshalb die deutsch-französischen, ohnehin nur bilateralen (2) Austauschprogramme in den Augen mancher schlecht informierten Außenbetrachter vorschnell als zu traditionsbelastet und überholt eingestuft werden.
Wenn gleichzeitig aber von "Austausch-Pädagogik" und nicht mehr nur von "Austausch", bzw. "Austauschaktivitäten" die Rede ist, wird ein entscheidender qualitativer Schritt getan. Damit wird nämlich die Absicht bekundet, weg von einer Randaktivität an der Peripherie des Schulalltags hin zu einem durchdachten, integrierten Konzept zu gelangen, das im Rahmen der institutionellen Strukturen angesiedelt und im Schulprogramm abgestimmt wird (Alix, Lacher, 1993, S. 355).
Gerade um einen solchen Schritt sowohl in der Konzeption als auch in der Umsetzung geht es uns. Deshalb wird hier weniger von "Austausch" und lieber von einer Pädagogik des Austausches und der Begegnung gesprochen. Sie könnte definiert werden "als eine Pädagogik der Begegnung von Angehörigen zweier oder mehrerer Bildungssysteme mit ihren jeweiligen Werten (als Ergebnissen einer gemeinsamen Geschichte), ihren eigenen Zielen und Funktionsweisen mit dem Ziel, einen neuen pädagogischen Raum mit multiplem Bezugssystem zu schaffen. In diesem neu geschaffenen Raum lernen die Mitwirkenden, adäquat zu handeln und ihre Verhandlungs-, Interaktions- und Kooperationsfähigkeiten im Geist der Gleichberechtigung und der Gegenseitigkeit zu entwickeln" (Alix, Lacher, 1993, S. 348-349).
Damit sind die wichtigsten Merkmale des Konzeptes genannt:
- die Begegnung von Individuen und Gruppen,
- die unterschiedliche Zugehörigkeit der Teilnehmenden (nicht nur zu einer Nation, sondern auch zu einem (nationalen) Bildungssystem),
- die Entstehung, bzw. die Schaffung eines neuen Lernortes, dazwischenliegend, neutral, der in den bestehenden nationalen Bildungssystemen nicht vorkommt und auch nicht vorgesehen ist,
- die Interaktion zwischen den Akteuren mit all ihren Facetten: Diskrepanzen; Ähnlichkeiten, Unterschiede, Konflikte, usw.,
- der Status der Mitwirkenden: Gleichberechtigung und Gegenseitigkeit, also Gleichheitsprinzip und Solidarität im Sinne einer gemeinsamen Verantwortung für ein gemeinsames Projekt.
Daraus wird deutlich, dass "der Gedanke einer Pädagogik des Austausches und der Begegnung auf den Willen verweist, ursprünglich getrennte Personen, Gegenstände und Strukturen miteinander zu verbinden" (der touristische Aspekt besitzt im allgemeinen diese Funktion nicht!)... Die Begegnung zwischen diesen einander fremden Elementen schließt die Exploration und Schaffung neuer Lern und Erfahrungsräume ein, die sich vom normalen Umfeld der Mitwirkenden unterscheiden." (Alix, Bertrand 1994, S. 4)
1 : Hier sind allerdings diejenigen auszunehmen, die sich auf den Bereich des ehemaligen Jugoslawiens beziehen. Zurück
2 : Obwohl es bekanntlich schon lange auch trilaterale Programme gibt. Zurück
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