3. Lernen erlernen
Lernen heißt nicht nur Lernen, sondern "Lernen erlernen". Jedes vom Inhalt und von der Form her neue Erlernen bietet die Gelegenheit, früheres und vertrautes Lernen zu hinterfragen und weiter zu entwickeln. Der dialogische Ansatz bietet die Möglichkeit, sowohl das Verhältnis zum Anderen, zum Fremden als auch zu sich selbst, zum Eigenen, zur eigenen Gruppe, zur eigenen Kultur zu bearbeiten und zu reflektieren. Es betrifft den Gegenstand der dialogischen Arbeit, d.h. das Verhältnis zum Anderssein und zu sich selbst im allgemeinen, aber auch unzertrennlich davon die Formen und Erscheinungen im konkreten Fall.
Die Beobachtung der eigenen Lernprozesse und derjenigen der Kooperationspartner, ihre Verarbeitung, der reflexive Umgang damit ist über das unmittelbar tangierte Thema hinaus Ausgangspunkt und Gegenstand einer möglichen Reflektion über Lernen im allgemeinen.
Wenn zwei gleichaltrige Gruppen parallel über ein gemeinsames Thema recherchieren, finden sich etliche Anhaltspunkte im Vergleich, um über Beziehung, Kommunikation und Zusammenarbeit nachzu-denken. Das Thema bildet dabei das gemeinsame Bezugselement. Die Gleichaltrigkeit sorgt dafür, dass sich die Schüler gegenseitig als natürliche Gesprächspartner akzeptieren. Man lernt nicht zuletzt auch durch die Anderen und wird dadurch zum Nachdenken und zur Hinterfragung dieses oder jenes Handlungs- oder Lernverhaltens angeregt. Wie an vielen Projekten konkret zu beobachten ist, übernehmen die Schüler im Lauf des Austauschs Ideen und Anregungen voneinander.
Die Erfahrung zeigt außerdem, dass Schüler "mit Schulschwierigkeiten", die sich vom normalen Schulbetrieb wenig angesprochen fühlen, hier einen Rahmen finden, in dem sie sich oft besser äußern können. Dadurch, dass möglich ist, dieselbe Frage über ganz unterschiedliche Wege anzugehen, können andere als die in der Schule traditionell anerkannten Lernformen und Kenntnisse ihren Platz finden.
Jedes Lernen ist an einen besonderen Gegenstand gebunden, gleichzeitig aber in Bezug auf seine Implikationen generalisierbar. Es muss dennoch als solches begriffen werden. Das Erlernen einer Fremdsprache stellt faktisch eine wunderbare Gelegenheit zum allgemeinen Nachdenken über das Training zur Kommunikationskompetenz dar. Da bieten sich viele Möglichkeiten, den Blick auf sich und die Anderen zu schärfen und die praktischen und theoretischen Werkzeuge für eine offene und tolerante Haltung zu entwickeln.
Könnte man also nicht behaupten, dass ein solches Lernen, das den Umweg über den Anderen erfordert, mehr als ein zusätzliches Lernen darstellt, das nur bereits Bekanntes ergänzen bzw. wiederholt? Dass es im Keim die Grundzüge eines qualitativ neuen Lernens enthält, d.h. eines neuen Typs von Lernen sowohl in der Form als auch im Inhalt, dessen Auswirkungen weit über den Bereich hinausreichen, in dem es stattfindet?
Immer wieder sollte der Lehrer die Schüler an den bereits beschrittenen Weg und die inzwischen erworbenen Kenntnisse erinnern, um die Schüler zu ermutigen und das Nachdenken über Lernen zu fördern.
Solche Lernprozesse fordern vom Lehrer eine Art "aktive Zurückhaltung": Er ist zwar anwesend, aber nicht allgegenwärtig. Seine Rolle ist es nicht, ein genormtes Wissen zu erklären und zu vermitteln, sondern dem Schüler beim Aufbau seines Wissens zu helfen, indem er ihm zum geeigneten Zeitpunkt die notwendigen Wissenselemente liefert. Interkulturelles Lernen, das immer zugleich Aufbau der eigenen Identität bedeutet, kann sich nicht auf das Erwerben und das Übernehmen von Normen und endgültigen Erklärungen beschränken. Im Gegenteil: die Schüler/innen müssen sich im dialogischen Prozess der Normen und Regeln der eigenen und der fremden Gesellschaft bewusst werden und ihnen gegenüber dann Stellung beziehen können.