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Projektbeispiele

Die Begegnung auf der Frioul-Insel im Jahr 1997
"Begegnung zwischen Inselbewohnern und Neuankömmlingen / Migranten"

Auszüge aus dem Tagebuch der Begegnung

Freitag, 5. Tag

Vormittags: Koordinierungssitzung zur Festlegung des Tagesprogramms, insbesondere des Ablaufs der Gruppenarbeit in drei Etappen:

Rückkehr der einzelnen Gruppen zum jeweiligen Arbeitsort (Einheimische und Neuankömmlinge)

Simulieren von Begegnungen zwischen Neuankömmlingen und Einheimischen (mögliche Begegnungsarten, Austausch von Produktionen und Identifikationskomponenten der einzelnen Gruppen)

Übergang zur großen Gruppe mit Integration der gemeinsamen Produktionen (Ausgangselemente, Begegnungsergebnisse) und Versuch, daraus eine "einbeziehende" Vorführung zu basteln.

Anmerkungen: Die Sitzung findet von 9.00 bis 10.00 Uhr statt; es fehlt Zeit, um etwas sowohl Strukturiertes als auch Offenes zustande zu bringen (vgl. Erste Überlegungsansätze). Wir warten auf die Tänzer, A. und Ad., die noch mal vom Festland zur Insel herüberfahren müssen. Ich habe das Gefühl, dass das Moderationsteam mehrheitlich die Synthese- und Gestaltungsarbeit auf sie "abwälzen" will (die Einen aus Mangel an Ideen, die Anderen aus der Tradition heraus, denn die Tänzer haben bei den vorhergehenden Begegnungen stets diesen Teil der Arbeit übernommen, was herrliche und beeindruckende "Finale" ergeben hat!

Es gelingt einigermaßen, ein Verlaufsschema aufzustellen, das die verschiedenen Phasen integriert:

  • eine Phase, um die einzelnen Gruppen wieder zusammenzuführen (vormittags, anderthalb Stunden),

  • das Wechselspiel zwischen Einheimischen und Neuankömmlingen am frühen Nachmittag
    (14.30 - 16.00 Uhr)

  • die Abschlussvorführung (eine Stunde von 16.00 bis 17.00 Uhr).

Ich bin nur bei der Abschlussvorführung der mit A. und Ad. vorbereiteten Begegnungstänze. Nach Angaben der bei früheren Begegnungen anwesenden Kollegen zeigt die Vorstellung Schwachstellen und die Schüler/innen sind schlechter involviert. Woran liegt es?

  • im Gegensatz zu früheren Jahren waren die Tänzer nicht die ganze Woche anwesend, so dass sie keinen vollständigen Überblick über das Geschehen hatten;

  • die Arbeitsbedingungen (meistens im Freien und über die ganze Insel verstreut) brachten viel Unaufmerksamkeit, Unentschlossenheit und Leerlauf mit sich;

  • die Abschlussvorführung, ebenfalls im Freien, litt darunter, dass das Spielfeld für das Agieren der Gruppen und die Choreografie der Vorstellung nicht klar eingegrenzt war.

Was sonst öfters gut gelungen war, nämlich zusammenzukitten, was nicht immer gut geklappt hatte, um daraus ein dennoch befriedigendes Ergebnis zu basteln, scheint diesmal nicht funktioniert zu haben. Dies ist zumindest die Meinung des pädagogischen Teams, denn die Schüler/innen selbst sind insgesamt zufrieden. Vielleicht richtet sich aber ihr Blick auf andere Dinge!

Erste kritische Überlegungen und Elemente für unsere Evaluationssitzung (offene Liste):

  • Rolle des Ortes (Entfremdungseffekt): die Ausgangshypothese, dass der (dritte) Ort einen entscheidenden Einfluss auf die Begegnung hat, scheint aufgrund der fünf Erfahrungen bestätigt. Jedoch war die Wahl einer Insel als Begegnungsort und -metapher zusammen mit dem gewählten Thema, nämlich "Begegnung und Konfrontation von Kulturen" nicht glücklich, da die Schüler/innen dieses für sich als weltfremd empfinden und nicht nachvollziehen können;

  • Sinn bzw. Rolle des Themas: Wie wird es ausgewählt und wahrgenommen? Was heißt Thema, muss man eines haben?; wenn ja, wozu dient es seitens der Lehrkräfte / Erwachsenen und der Schüler / Jugendlichen?

  • Verhältnis zwischen Zwängen – Vorschriften – Regeln und Zielen (sichtbaren und unsichtbaren)?

  • Pädagogische "Arbeit" setzt an verschiedenen Dingen und Ebenen an: Einhaltung der zum Zusammenleben notwendigen Regeln, Zusammenwohnen an einem Ort, Zeiteinteilung, Umgang mit kollektiver und individueller Verantwortung, Einübung von Verhandlungsfähigkeit zwischen Menschen, Kulturen, Generationen usw.

  • "Ganzheitspädagogik" ohne Spaltung, Unterteilung und Zersplitterung (Schule, Klasse, Familienleben, Gruppenbildung mit Seinesgleichen, ethnische bzw. religiöse Gruppe usw.).

  • Funktionsweise der Kommunikation: Bestätigung mancher Hypothesen über die Verwendung brachliegender Sprachkenntnisse bei Schüler/innen (Beispiel mit Arabisch, andere Beispiele gab es auch) und Lehrkräften (Rolle von Englisch zwischen den Lehrer/innen, zwischen Lehrern und Tänzern und Schülern – vgl. Beispiel von A. mit Englisch und Deutsch im "direkten" Einsatz).

  • Einarbeitung einer systematischen linguistischen Arbeit mit Französisch und Deutsch (sowie anderen "assoziierten" Sprachen) während und zur Vorbereitung der Begegnung (vgl. Vorschläge zur Arbeit in Tandemgruppen beispielsweise).

  • Fehlen bzw. Nichtverwendung anderer vorhandenen Mittel, Träger und Kompetenzen auf einem anderen, z.B. künstlerischen Gebiet (Ac. mit bildender Kunst, Ae. mit Französisch als Fremdsprache, B. mit Psychodramaturgie usw.).

  • Leibeserziehung und Sport im Allgemeinen sind zweifellos dabei, aber wenig durchdacht als Anwendungsgebiet auch für eine sprachliche Arbeit (Sportglossar, Sprachelemente, die eine gemeinsame Tätigkeit mit sprachlichem Hintergrund ermöglichen). Dies scheint mir möglich, ohne künstlich zu sein. Im Gegenteil, viele Schüler/innen wären bestimmt sehr froh, einen sprachlichen "Mehrwert" als Ergänzung zum Vergnügen des gemeinsamen Spiels zu bekommen!

Christian Alix, Frioul / Marseille Mai 1997

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