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Projektbeispiele

Ganzjähriger Materialaustausch: "Das Fest"
Berlin – Martigues

Karneval

Wie bereits erwähnt, erforderte die ehrgeizige Planung ein hohes Arbeitstempo, um die erste Sendung zusammenzustellen. Die Lehrerin dazu: "... Mich ergriff Ende Dezember die Panik beim Gedanken, dass es im Februar wieder etwas zu sagen geben sollte und ich überhaupt nicht wusste, was ... Als ich etwas vorsichtig von der 2. Sendung sprach, wurde mir bewusst, dass die Schüler während der Ferien bereits darüber nachgedacht hatten, was sie zum Karneval machen könnten!"

Zum Teilthema "Karneval" wurde dann folgendes erstellt:

In Berlin:

  • Karnevalsfiguren aus Papier zum Selber Anziehen und Kostüme (7. und 9. Klasse),

  • Karnevalswagen im Modellbau zu verschiedenen Themen (10. Klasse) wie "eine Berliner Liebesgeschichte" (Ost-West-Beziehung und "Kauf" von DDR-Bürgern), "Tabak und Alkohol", "Hunger in der Dritten Welt im Gegensatz zum Butterberg" (landwirtschaftliche Überproduktion in Europa (EWG), "das Waldsterben", "die Pershing II- und SS 20-Raketen", "die Welt, verschlafen und bedroht".

In Martigues:

  • Karnevalsmasken aus Pappe ("classe de 5ème") und aus Gips ("classe de 3ème", erarbeitet in Bildende Kunst),

  • ein Büchlein mit dem Titel "Carnaval" über Karneval in Nizza und in Martigues,

  • Fotos der Schüler/innen in Kostümen, die sie selbst entworfen hatten,

  • eine Videokassette mit einer schauspielerischen Improvisation zum Thema Karneval ("6.", "4." und "classe de 3ème", erarbeitet im Sportunterricht),

  • eine Sendung (Kassette), in Zusammenarbeit mit Radio Maritima erstellt, die die konkrete Arbeit und das gesamte Projekt vorstellte (Interview von Schülern im Studio).

c) Dialogischer Ansatz: Verwendung durch den Partner
Dazu die Äußerungen der koordinierenden Lehrerin in Frankreich: "Erst gibt es einen Schock, wenn das Paket ankommt, eine Mischung aus Überraschung und Begeisterung beim Auspacken: entdecken, anfassen, kosten, sozusagen eine Art Belohnung für eine vorausgegangene lange Arbeitsphase, eine einsame Phase, in der es für Schüler und Eltern schwierig ist, den Sinn der Arbeit zu begreifen. Mit der Ankunft des Paketes wird Vieles möglich. Die Motivation ist viel stärker als mit dem Unterrichtsbuch..."

Sie führt weiter aus: "Die Marionetten führten zum größten Erfolg. Die Schüler erfanden eine Verwendung, die nicht unbedingt vorgesehen war. Es gab unter den Figuren einen Zauberer und eine andere Person im Nachthemd mit der Aufschrift "Gute Nacht". Wir benutzten sie, um ein Spiel zu erfinden: eine der Personen war "Monsieur bonne nuit", und die andere "Herr Gute Nacht". Beide versuchten zu kommunizieren, wobei der eine Deutsch und der andere Französisch sprach. Die Klasse wurde in zwei Dolmetscheruntergruppen aufgeteilt, die zu vermitteln versuchten, damit sich beide verstehen. Dies war nicht ohne Schwierigkeiten, denn die Figuren halfen nicht dabei! Es hat den Schülern aber gut gefallen und der Unterricht war sehr gelungen".


Die Karnevalswagen
"Als sie ankamen, habe ich in allen "classe de 3ème" Besprechungen organisiert, um über die Karnevalsbräuche in Berlin aufzuklären, die natürlich sehr von denen in Nizza abweichen, aber auch um über die Bräuche in Köln und München und über die verschiedenen Themen zu sprechen, die auf den Faschingswagen aufgegriffen werden".

Wir erwähnen hier nur als Beispiel für die Verwendung von zwei Arbeiten aus Berlin, weil sie zwei sich ergänzende und dennoch unterschiedliche Ansätze darstellen. Wir überlassen dabei wieder der französischen Lehrerin das Wort:

"Ich komme wieder auf die Karnevalswagen und die Marionetten zurück, weil diese Beispiele den Unterschied am besten unterstreichen. Die Karnevalswagen sind eine künstlerisch wertvolle, außerordentlich gelungene Arbeit. Sie veranschaulichen ihre Themen unglaublich gut. Man kann über Berlin reden, man kann aber keine Anwendung für die Wagen finden, weil sie zu typisch sind. Dagegen können die Marionetten durch die Kostüme dazu dienen, Karneval zu demonstrieren; mit ihnen kann man ein Märchen spielen, einen Dialog erfinden. Ein solches Material ist zugleich interessanter und leichter zu verwenden." (vgl:
Material / Medium*)


Verallgemeinernde Bemerkungen
Das hier kurz vorgestellte Projekt scheint uns besonders interessant, weil es eine ganze Reihe von Ansätzen und Kriterien liefert, die sich durchaus auf andere Zusammenhänge anwenden bzw. übertragen lassen.

Wenn die Schüler von vorneherein wissen, dass es keine Begegnung geben wird, bemühen sie sich, ihre Lebensweise auf die Entfernung mittels verschiedener Träger, Medien und Mittel (im wahrsten und allgemeineren Sinn dieses Wortes) zu vermitteln. Daher die Bedeutung der Gegenstände, die das behandelte Thema veranschaulichen. Auch wenn die Anwendung Bildender Künste auf der Berliner Seite eine besondere ästhetische Qualität und großes handwerkliches Geschick in der Erstellung der Gegenstände (Karnevalswagen und Weihnachtsdekoration als Beispiel) fördert, kann man dies jedoch nicht allein darauf zurück führen. Vielmehr ist der Ansatz ausschlaggebend, die Kultur "auseinander zu nehmen" und dann "wieder zusammen bauen" zu lassen. Er erklärt wahrscheinlich durch sein Aufforderungs– bzw. Angebotscharakter das Interesse, ja die Lust der südfranzösischen Schüler und Schülerinnen, damit zu hantieren, zu spielen, zu arbeiten, also mit anderen Worten aktiv zu werden. Da die Partner körperlich nicht anwesend sind, haben die von ihnen geschickten Gegenstände eine Stellvertreter- und Botschafterrolle und sollen ihre Anwesenheit ersetzen (vgl. Bemerkungen der Lehrerin bei der Ankunft des Paketes).

Außerdem ist ja nicht nur der Gegenstand, das Dokument oder das Material als fertiges Produkt wichtig, sondern auch dessen Erstellung, Art und Verwendung, also seine Vermittlerfunktion. Das Gebäck soll von der französischen Empfängergruppe nicht nur als fertige Ware verzehrt werden, sondern anhand der mitgeschickten Rezepte und Backformen nachgebacken, nachgeahmt werden. Es handelt sich hierbei weder um eine Zufallshandlung seitens der Absender noch um einfaches Nachmachen seitens der Empfänger. Es geht um die erklärte Absicht der Berliner Schüler/innen, ihren Partnern in Martigues die Möglichkeit zu geben, etwas von ihren Erlebnissen und Gefühlen in der Weihnachtszeit zu vermitteln, indem sie ihnen die Teile eines (wieder)zusammenzubauenden Puzzles liefern.

Dieser von den Schüler/innen benutzte, wenn auch nicht explizit formulierte Ansatz enthält die Schlüsselelemente einer vertieften (inter)kulturellen Verständigung:

Verstehen heißt innerlich nämlich soviel wie Wiederzusammenstellen/-bauen einer "Geste" (im Sinn des interaktiven Symbolismus von H. G. Mead) und nicht nur imitieren/reproduzieren.

  • Diese Verständigung geht mit einer sensorischen und ästhetischen Dimension einher und besteht nicht aus reinem (kognitiven) Entziffern.

  • Sie setzt eine Öffnung voraus, entweder vom Ansatz her (Entwurf eines Weihnachtstextes bei der Berliner Gruppe zum Beispiel) oder in der Empfangsbereitschaft.

Es ist bezeichnend, dass die Karnevalswagen, obwohl von besonderer Qualität, nicht so viel Erfolg wie die Marionetten hatten. Liegt der Grund dafür darin, dass sie sehr anschaulich waren und den Empfängern jedoch keinen Platz fürs Ergänzen, Wiedererfinden, Vervollständigen, Neuerstellen ließen? Steckt nicht darin die Bestätigung eines der entscheidenden Kriterien für dialogisches Lernen, bzw. Dialogfähigkeit: "dem Anderen zu denken übrig lassen", ihm einen Platz lassen, damit er sich dort einbringen und niederlassen kann?

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