exemples+konzepte
Methoden und Materialien zum Sprachenlernen im Tandem –
der Beitrag des Deutsch-Französischen Jugendwerks zur Entwicklung der Fremdsprachendidaktik

Dr. Fritz Kerndter, ehem. Leiter des Sprachreferats des DFJW
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Die ersten "Sprachateliers"

Die Erkenntnis, dass die Begegnung von Franzosen und Deutschen in jedem Fall eine faszinierende Gegenüberstellung von andersartigen Lebensgewohnheiten, Verhaltensweisen, Fähigkeiten und Motivationen darstellte, die für einen gegenseitigen, bereichernden Lernprozess verdeutlicht und fruchtbar gemacht werden konnten, wurde schnell zum Leitmotiv für die vom DFJW verfolgte Pädagogik des Austauschs und alle weiteren Bemühungen im sprachlichen Bereich. Brachte nicht der Franzose mit seiner eigenen Sprache und Kenntnis von "Land und Leuten" auf seiner Seite des Rheins genau all das mit, was der Deutsche erwerben wollte – und umgekehrt?! Konnte man ihn also nicht auffordern, dem Deutschen beizubringen, wie man sich in dieser oder jener Situation französisch ausdrückte, wie man reagierte – bis der Deutsche ihm seinerseits die gleiche Situation in deutscher Sprache und deutschen Verhaltensweisen verdeutlichte? Wenn das gemeinsame Tun so von den natürlichen Gegebenheiten ausging, die jeder Teilnehmer als Angehöriger seiner Kultur in die Begegnung einbrachte, war der Weg "zum Anderen" leichter offen, als bei einer nur formalen Beschäftigung mit der fremden Sprache als Regelwerk von Morphologie und Syntax – mochten die der Sprache unterlegten Inhalte sich auch noch so sehr an einer prä-konzipierten Realität der Begegnungssituation orientieren. Die wechselseitige Beschäftigung der Partner mit ihrer in die Begegnung eingebrachten Authentizität erlaubte im Prinzip keine Vorbehalte gegenüber dem "Anderssein" – sie enthielt zu schnell das Risiko, dass auch "der Andere" seine Vorbehalte einem selbst gegenüber geltend machte.

Solche Ahnungen von einer mehr in die Tiefe gehenden Tandem-Arbeit zwischen Deutschen und Franzosen enthielten zweifellos bereits die Grundzüge dessen, was erst rund 25 Jahre später "interkulturelles Lernen" genannt wurde. Doch die Erkenntnisse über die eigentliche Funktion der Sprache als Kommunikationsmittel und die Erfahrungen mit den neuen technischen Medien, die Sprechsituationen bildlich darstellen ließen und gesprochene Sprache authentisch wiederzugeben vermochten, führten die auch vielfach mit dem Jugendaustausch befassten Sprachdidaktiker aus Schule und freier Bildungsarbeit zunächst vor allem zu Überlegungen, wie für den sprachlichen Austausch geeignete Hilfsmittel zu konzipieren seien. Auf Veranlassung des DFJW wurde 1967/68 erstmals ein spezifisches Sprachmaterial für den deutsch-französischen Austausch entwickelt und in großem Umfang in Begegnungsprogrammen eingesetzt: die ersten "Ateliers linguistiques" entstanden. Arlette Grandmaître, die Sprachenreferentin der Abt. Paris des DFJW, hatte einen französischen Deutschlehrer, Pierre Bazin, von den Amicales Laïques du Nord, sowie Michel Wambach vom Centre international audio-visuel d’études et de recherches (CIAVER) in St.-Ghislain–Mons beauftragt, nach dem methodischen Prinzip der audio-visuellen Materialien des CREDIF eine Folge von Dia-Bildstreifen und auf Tonband aufgenommenen Dialogen zu erstellen, deren Inhalte sich am Ablauf einer deutsch-französischen Begegnung orientierten – von der Ankunft der Teilnehmer über die Situation bei Tisch, im Schlafraum, bei der Postverteilung, der Vorbereitung eines Ausflugs u. a., bis zur Abreise. Zu Standbildstreifen, die diese Situationen illustrierten, wurden über Tonband Dialogsequenzen vorgespielt, die zunächst mit Hilfe der Bilder verstanden werden sollten. Die Dialoge wurden anschließend in Einzeltandems deutsch und französisch erklärt, geübt und gelernt, bis sie "frei" von den Teilnehmern gesprochen und evtl. auch in einer entsprechenden Situation angewandt werden konnten. Ein weiterreichender Transfer war dann vorgesehen, wenn die örtliche Situation über den angenommenen Rahmen des Dialogs hinausging und zwingend Varianten vorgab: kein "Speisesaal in einem Gebäude", sondern ein Essenzelt am Strand, kein "Ausflug mit Besichtigung", sondern eine Fahrt mit der Seilbahn auf einen Berg... Jeden Tag sollte im Prinzip eine ein- bis zweistündige Phase des "Sprachateliers" im Begegnungsprogramm stattfinden. Die von den "Sprachanimateuren / Animateurs linguistiques" ( - auch diese Bezeichnung wurde bis heute vom DFJW beibehalten, wie der Begriff "Animation linguistique" - ) jeweils zusammengestellten "Sprachtandems" waren im Prinzip die ganze Begegnung über unauflösbar.

Es liegt in der Rückschau auf der Hand, dass die ersten "Ateliers linguistiques" schon bald nach ihrer Entstehung in einer Reihe von Punkten in ihrer Konzeption verändert werden mussten. Etliche Verantwortliche entzogen sich dem technischen Aufwand, den die Verwendung von Tonbandgerät und Diaprojektor darstellte. Die Empfehlung einer 1 – 2-stündigen Dauer des "Sprachateliers wurde von vielen Animateuren (die sich vielfach aus Sprachstudenten oder Sprachlehrern rekrutierten) dahingehend missverstanden, dass diese Programmphasen wie Schulstunden angesetzt wurden – was die Freude am Spracherwerb besonders bei jüngeren Teilnehmern nicht gerade stärkte. Oft spiegelte sich das Globalziel des Programms (z.B. berufsorientierte Begegnung von Lehrlingen, Kayak- oder Bergsteigerkurse) nur entfernt in den Inhalten der Dialoge wider. Als problematisch stellte sich die Empfehlung heraus, dass – gegen die Grundsätze der "animation" und der jetzt vielfach von deutschen Begleitern in die Diskussion gebrachten Gruppendynamik – die Tandempartner immer dieselben sein sollten. Es gab zahlreiche Beobachtungen darüber, dass dem einen oder anderen Teilnehmer an einer Begegnung durch die Zusammenarbeit mit einem nicht adäquaten Partner ein Teil seiner Motivation, sich mit der anderen Sprache zu beschäftigen, wieder genommen wurde.

Trotzdem waren diese "Sprachateliers" einer der wichtigsten Beiträge zur Pädagogik der Sprachvermittlung, die das DFJW in die didaktisch-methodische Diskussion der 60er und 70er Jahre, insbesondere in der außerschulischen Jugend- und Erwachsenenbildung, eingebracht hat:

  • Das Tandem-Prinzip, in einer ersten wissenschaftlichen Veröffentlichung später von Peter Scherfer als "Sprachen-Lehren und -Lernen auf Gegenseitigkeit" definiert, wurde erstmals auch bei Anfängern praktiziert und hatte sich bewährt. Die unter dem Schlagwort "Partnerlernen" zusammengefassten Bemühungen um Veränderung nicht nur der Inhalte sondern auch des Unterrichtsstils, in der Schule wie z.B. in den Französischkursen der deutschen Volkshochschulen, erhielten durch die Erfahrungen des binationalen Tandem-Lernens neue Impulse.
  • Die ab 1967/68 besonders in Deutschland propagierte "Zielgruppenorientierung" wurde in den "Sprachateliers" zumindest teilweise verwirklicht: das Material war für einen bestimmten (z.B. altersmäßig eingegrenzten) Personenkreis in einer bestimmten Lernsituation, der Begegnung, konzipiert und erlaubte trotz einiger Probleme eine Identifikation der Lernenden mit den ihnen vorgeschlagenen Lerninhalten.
  • Das globale Erlernen von Strukturen und längeren sprachlichen Sequenzen, aber auch von Intonation und Artikulation, in lebendig erlebten Kommunikationssituationen, ohne demotivierende grammatische Erklärungen, verdeutlichte für viele durch die Schulpraxis geprägte und verunsicherte Lernende schon in jenen Jahren die später erst von der Wissenschaft definierte "kommunikative Kompetenz".
  • Die Einsicht, dass der gelernte Stoff von unmittelbarem Nutzen für den Alltag war, bewirkte eine hohe Motivation für weiterreichenden und längerfristigen Spracherwerb. Die letztlich banale Erkenntnis, dass der Kontakt mit Sprechern der fremden Sprache schnellere Fortschritte ermöglichte, bewirkte in Deutschland wie in Frankreich bei vielen Jugendlichen neues Interesse für die Teilnahme an Sprachkursen.

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