exemples+konzepte
Methoden und Materialien zum Sprachenlernen im Tandem –
der Beitrag des Deutsch-Französischen Jugendwerks zur Entwicklung der Fremdsprachendidaktik

Dr. Fritz Kerndter, ehem. Leiter des Sprachreferats des DFJW
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Sprachanimation gleichzeitig für Anfänger und Fortgeschrittene

Die Feststellung, dass in deutsch-französischen Begegnungen sowohl Anfänger der jeweils anderen Sprache als auch Fortgeschrittene vertreten waren, begründete zunächst eine intensive Reflexion über die Progression in der animation linguistique binationaler Gruppen und die Definition einer Einstiegsebene für Fortgeschrittene.

Die bis 1974 noch getrennt, wenngleich in enger Verbindung tätigen Sprachreferate des DFJW beschritten unterschiedliche Wege. Auf der französischen Seite wurde die Frage des Materials und der Arbeit mit Fortgeschrittenen teilweise gleichgesetzt mit den für spezialisierte Begegnungen charakteristischen Sprachproblemen, z.B. hinsichtlich des Vokabulars. Es entstanden die "Ateliers linguistiques II": eine Serie von Dialogmustern in Szenen aus "Plein-Air"-Programmen – ohne Bildstreifen, jedoch mit Tonbändern, da sich aus den bekannten Gründen gerade in Sportprogrammen der Einsatz von Bildprojektoren als schwierig erwies. Stärker als die deutsche Seite setzte Paris schon in jenen Jahren auf die notwendige Ausbildung der Sprachanimateure, die jetzt immer mehr aus den am Austausch beteiligten Verbänden selbst rekrutiert wurden. Für die Durchführung von Ausbildungskursen übernahmen die "Centres d’entraînement aux méthodes d’éducation active" (C.E.M.E.A.) unter Robert Jean, einem früheren Deutschlehrer, eine führende Dienstleistungsfunktion.

In der Bundesrepublik hatte Albert Raasch in Kiel die "Arbeitsgruppe Angewandte Linguistik Französisch" (AALF) gegründet, die sich auf breiterer wissenschaftlicher Grundlage und vielfach in Anlehnung an die gleichzeitig im Volkshochschulbereich durchgeführten Arbeiten der Frage der unterschiedlichen Sprachniveaus annahm. In Zusammenarbeit mit der Inspection Départementale de la Jeunesse et des Sports in Dôle und der Maison des Jeunes et de la Culture in Chambéry führte die AALF deutsch-französische Sprachprogramme durch, bei denen die ersten sog. "AALF-Materialien" erprobt wurden: Nur geschriebene Dialogvorgaben und Strukturmusterübungen – die Animateure sollten selbst das sprachliche Vorbild bieten! – in beiden Sprachen und auf verschiedenen Sprachebenen, zu Kommunikationssituationen im Verlauf einer Begegnung, ergänzt durch Diskussionsthemen wie Presse, Film u.a.. Die von den "Ateliers linguistiques" übernommene Tandemmethode erlaubte jetzt verschiedene Kombinationen der Teilnehmer: getrennt jeweils in Einzeltandems deutsche und französische Anfänger sowie deutsche und französische Fortgeschrittene, dann aber auch – in Gruppentandems – die Kommunikation z.B. zwischen deutschen Anfängern und französischen Fortgeschrittenen, jeweils über das gleiche "Centre d’intérêt". Für die gegenüber den "Ateliers linguistiques" offenere Arbeit in der deutsch-französischen Gruppe wurde die Zuhilfenahme auch anderer Hilfsmittel und Unterlagen empfohlen: touristische Prospekte, Bildmaterial, lokale und überregionale Zeitungen... Die Abwendung von der Unterstützung durch Tonträger – die bei den "Ateliers linguistiques" noch gegeben war – bedeutete bei der AALF eine deutliche Vernachlässigung der phonetischen Aspekte der Sprache, von Artikulation und Intonation als ebenfalls bedeutungsvermittelnden Elementen, zugunsten eines stärkeren Rückgriffs auf die Schrift und das realistische, photographierte Bild als Hilfsmittel zum Verständnis.

Die von den Abteilungen des DFJW immer wieder neu angeregte Zusammenarbeit deutscher und französischer Praktiker führte um 1970 erstmals auch zu einer Kooperation zwischen dem Sprachinstitut CAVILAM (Gaston Schott), der AALF (Peter Scherfer) und der Doppelorganisationen "Gesellschaft für übernationale Zusammenarbeit" (GüZ) und "Bureau international de liaison et de documentation" (B.I.L.D.). Eine von Schott und Scherfer für die "Sprachstudienzentren" von B.I.L.D./GüZ verfasste Serie von deutschen und französischen Dialogen wurde im Verlauf einer Begegnung im Jugendhof Vlotho in Deutschland mit Schwarz-Weiß-Dias "illustriert". Erstmals wurden in diesen Bildern auch bewusst Elemente der Landeskunde eingeführt. Eine entsprechende bildliche Unterstützung durch Photos aus Frankreich wurde allerdings nicht verwirklicht, so dass das Material später nur in wenigen Programmen eingesetzt wurde. B.I.L.D. / GüZ orientierten sich in ihrer Arbeit mit binationalen Gruppen später an anderen, z.T. ebenfalls von der AALF entwickelten Materialien.

Das immer noch steigende Interesse an deutsch-französischen Sprachprogrammen und ein zunehmendes Engagement auch der Verbände hatte in wenigen Jahren zu einer Vielzahl von Initiativen und "Produktionen" von Sprachmaterialien geführt:

  • Deutsche und französische Organisationen entwickelten 1971 einen Programmtyp, die "Sessions linguistiques binationales", für die im Deutschen der Begriff "Binationale Intensivsprachkurse" verwendet wurde: drei- bis vierwöchige Kurse mit ca. 25 Stunden Unterricht pro Woche, mit "Voix et Images de France" und "MAV d’allemand", deren thematische Inhalte nur mit Mühe in Einklang zu bringen waren. Das auch in diesen Programmen praktizierte Tandemprinzip wurde methodisch nicht näher präzisiert – immer wieder auftauchende Probleme führten daher zu meist nur laienhafter Bemühung um "deutsch-französische Zusatzmaterialien".
  • Bei den AALF-Gruppen in Kiel, Saarbrücken und später in Konstanz entstand nach und nach eine umfangreichere Sammlung von "Centres d’intérêt", ein Baukastensystem von sehr offenen Dossiers zu neun Großthemen (Gastronomie, Alltag, Region, Presse, deutsch-französisches Zusammenleben, Freizeit, Kultur, Wirtschaft, Geschichte). Nur wenige Dialogmuster, jeweils für Anfänger und Fortgeschrittene, wurden vorgegeben. Strukturübungen (zu denen nie Tonbänder erstellt wurden) sollten das "Einschleifen" nützlicher Sprachsequenzen fördern. Bestandteil der Dossiers waren karikaturenhafte, z.T. sehr lustige Strichzeichnungen auf Klarsichtfolien zur Projektion mit dem Overheadprojektor, die einerseits zur Kommunikation in der Gruppe anregen sollten, andererseits auch zur Steuerung der Strukturübungen konzipiert waren. Doch gerade dieser technische Aspekt, die Notwendigkeit der Verwendung eines technischen Gerätes, das im übrigen – im Gegensatz zu Deutschland – in Frankreich nur wenig verbreitet war, verhinderte erneut (zusammen mit dem Fehlen einer kohärenten Konzeption für die Ausbildung der "Sprachmoniteure"), dass das Material in größerem Umfang – außer in einigen Programmen von B.I.L.D. / GüZ – in Begegnungen eingesetzt wurde.
  • Das Sprachinstitut C.E.F.P. in Cap d’Ail, unter Jean Moreau, experimentierte in Zusammenarbeit mit deutschen und französischen Sprachlehrern und Psychopädagogen, mit Methoden der "théatralité" – es wurde nie ein deutscher Begriff für das Konzept gefunden, dass Körpersprache und szenisches Spiel in bestimmten Kommunikationssituationen zwischen Deutschen und Franzosen schließlich den freien sprachlichen Ausdruck ermöglichen und fördern sollten.

Das Fehlen klarerer Definitionen der Zielgruppen für Spracharbeit und präzisere Lernzielbeschreibungen für einzelne Programmtypen führte Mitte der 70er Jahre letztlich zu einer gewissen Ratlosigkeit hinsichtlich des Fortgangs der Überlegungen – trotz der inzwischen durch diese Arbeit herbeigeführten, z.T. sehr engen Kooperation der unterschiedlichsten deutschen und französischen Sprachinstitute, Hochschulgruppen und Verbände, und der Tatsache, dass einzelne Mitglieder der für das DFJW tätigen Arbeitsgruppen aus ihrer Arbeit nützliche persönliche Erkenntnisse gewannen, die nachweislich ihrer anderweitigen Tätigkeit als Sprachlehrer in Deutschland und Frankreich wieder zugute kamen. Doch da gab ein Beschluss des Kuratoriums der Spracharbeit des DFJW eine entscheidende Neuorientierung, die in den 90er Jahren auch zum wichtigsten Schwerpunkt der Tätigkeit des DFJW insgesamt wurde.

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