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1.1 Aufgaben und Ziele des Französischunterrichts
Schulischer Fremdsprachenunterricht (im folgenden durch FSU abgekürzt) soll einmünden in die Bereitschaft und die Fähigkeit, die erlernte Fremdsprache als Kommunikationsmittel (vor allem im Zielsprachenland) einzusetzen. Schüler sollen lernen, Ängste und Hemmungen vor dem Gebrauch der Sprache abzubauen, so daß sie sich mit französischsprechenden Menschen vorwiegend in Alltagssituationen in deren Sprache verständigen können. Sie sollen in der Lage sein, soziale Kontakte aufzubauen und zu pflegen (vgl. Niedersächsisches - im folgenden durch Nds. Abgekürzt - Kultusministerium 1993, Rahmenrichtlinien für die Realschule - Französisch. Hannover: Schroedel Schulbuchverlag, S. 5).
Der FSU stellt in sich eine Form des interkulturellen Lernens dar, sollte jedoch die weiterführende Aufgabe verfolgen, interkulturelles Lernen zu fördern und zu unterstützen. Als Möglichkeiten hierfür seien an dieser Stelle Schüleraustauschfahrten und Partnerschaften genannt.
Die eben genannten Qualifikationen der Kommunikationsfähigkeit und eines interkulturellen Lernens werden den sogenannten "Schlüsselqualifikationen" zugeordnet. Zu weiteren Schlüsselqualifikationen, die der FSU vermitteln soll, werden u. a. Verantwortungsbereitschaft, Teamfähigkeit, Kreativität, Anwendung von Lerntechniken und Lernstrategien sowie die Fähigkeit zum selbständigen Lernen gerechnet (vgl. Nds. Kultusministerium (1993), S. 26).
Hintergrund dieser Vorstellungen ist, daß die Ausbildung im FSU bzw. in der Schule im allgemeinen auch die sich abzeichnenden Anforderungen von morgen mitbedenken muß. Die Zielsetzung dabei ist, die Fähigkeit der Schüler auszubauen, auf neue Anforderungen in der Zukunft beweglich zu reagieren. Vor diesem Hintergrund ist die Diskussion über exemplarisches, entdeckendes, problem- und wissenschaftsorientiertes Lehren und Lernen entfacht worden. Es wird immer betont, daß selbständiges Lernen die Beherrschung bestimmter Arbeitstechniken und Lernstrategien voraussetzt (vgl. Mandl, H. & Friedrich, H. F. (Hrsg.) (1992), Lern- und Denkstrategien. Analyse und Intervention. Göttingen-Toronto-Zürich: Hogrefe, S. 3).
Auch im FSU werden Selbständigkeit, Selbststeuerung und Autonomie als übergeordnete Ziele angesehen, was eine Veränderung der Rolle der Lernenden und Lehrenden nach sich zieht. Lernende werden dabei zu Initiatoren ihres Lernens (vgl. das origin-pawn-Modell von de Charms, R. (1979), Motivation in der Klasse. München: Moderne Verlag GmbH, S. 14 ff.).
An diesem Punkt stellt sich die Frage, ob der FSU diese Anforderungen tatsächlich erfüllt.
Die Realität sieht anders aus. Die Schule zeigt sich zum großen Teil nicht in der Lage, Schülern praktische und erfolgreiche Möglichkeiten zu bieten, sich den Lernstoff anzueignen. Sie nimmt Schülern eher die Möglichkeit, Spaß und Begeisterung am Erwerb einer Fremdsprache zu entwickeln.
Das Globalziel des FSU, die Vermittlung einer am Alltäglichen orientierten sprachlichen Kompetenz, schlägt völlig fehl, wenn man bedenkt, daß der FSU zu einem erheblichen Teil auf das starre (Auswendig-)Lernen von grammatikalischen Strukturen ausgerichtet ist.
Auch die landeskundlichen Texte in Lehrwerken, so aktuell sie auch sein mögen, bleiben für Lerner in einer relativ großen Distanz. "Sie sind stereotypisierte Vorlagen für ein analysierendes Bearbeiten, nicht für ein selbstgesteuertes Erleben und Erkunden der fremden Realität." (Rattunde, E. 1993, Schülerkontakte im Französischunterricht - Plädoyer für ein Lernen mit offenen Lektionseinheiten im Rahmen von Klassenpartnerschaften. In Die Neueren Sprachen 93, S. 396). Lehrwerke erfüllen demnach die oben geforderten Ziele ebenfalls nicht in ausreichendem Maße.
Direkte Kontakte, z. B. Partnerschaften mit Schülern im Land der Zielsprache und Begegnungen im Rahmen von Austauschprogrammen und Klassenpartnerschaften, haben etwas zu tun mit dem Anliegen, Fremdsprachenlernern möglichst früh einen Kontakt mit der anderen sprachlichen, sozialen und kulturellen Wirklichkeit zu ermöglichen. Fragt man in der Praxis nach, so bestimmen eher Enttäuschung und Resignation bei den organisierenden Lehrern und eine gewisse Lustlosigkeit bei den teilnehmenden Schülern das Feld jener Maßnahmen. Außerdem werden diese Veranstaltungen nicht regelmäßig für alle Jahrgangsstufen organisiert, sondern sie beschränken sich in den meisten Fällen auf eine einzige. Für den Großteil der Schüler sind solche Austauschprogramme (wenn überhaupt) ein einmaliges Erlebnis.
Warum wird also in der Praxis nicht vehementer nach neuen Möglichkeiten einer Gestaltung des FSU gesucht? Das Anliegen und der Wert solcher Maßnahmen stehen außer Frage.
Eine dieser Möglichkeiten bietet das Tandemverfahren, welches in der vorliegenden Arbeit erläutert und in den oben genannten Kontext eingebaut wird.

1.2 Ansatz dieser Arbeit
Im einleitenden Kapitel wird zunächst ein Überblick über den Forschungsstand zum Spracherwerb im Tandemverfahren gegeben und dabei folgende Fragen beantwortet:
- Was ist Tandem?
- Welche Arten des Tandemverfahrens gibt es?
- Wie hat sich das Tandemverfahren entwickelt und verbreitet?
- Welche Zielsetzung verfolgt das Tandemverfahren?
Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt auf einer empirischen Untersuchung der Erfahrungen, die deutsche und französische Jugendliche während eines binationalen Aufenthaltes mit dem Tandemverfahren gemacht haben. Die Ergebnisse basieren sowohl auf einer Fragebogenerhebung als auch auf Interviews, die mit fünf Schülern durchgeführt wurden.
Bei dieser Untersuchung interessierten vor allem die Fragen, ob Schüler das Tandemverfahren tatsächlich als motivierend für ihren Fremdspracherwerb bewerten, was sie dabei lernen und vor allem, wie sie dabei lernen. Letztendlich wird untersucht, inwieweit das Tandemverfahren die in der Einleitung formulierten Richtlinien erfüllt, die jeder FSU verfolgen sollte. Abschließend werden Möglichkeiten genannt, wie man als Lehrer dieses Verfahren wirkungsvoll in den Unterricht einbeziehen kann.
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