EVALUATION INTERNATIONALER BEGEGNUNGEN |
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6. Methodische Ansätze Welche praktischen Perspektiven für eine Stärkung des evaluativen Elementes in der Praxis internationaler Begegnungsprogramme lassen sich daraus ableiten? Grundsätzlich ist nach den bisherigen Ausführungen Evaluation von zwei Standpunkten aus möglich: als Fremdevaluation und Selbstevaluation. - Fremdevaluation heißt, mit irgend welchen Instrumenten Daten, z.B. Zahlen, Meinungsäußerungen, Beobachtungen zur internationalen Begegnungspraxis von außen erheben und zu Zwecken des Vergleichens aufzubereiten, um sie zum Gebrauch anderer zur Verfügung zu stellen. - Selbstevaluation heißt auf allgemeinster Ebene: davon auszuge-hen, daß die Praxis internationaler Begegnungen auf allen Ebenen in sich selbst ein kontinuierlicher Prozeß des wechselseitigen Erprobens, Abtastens, Anpassens, also ein praktischer Forschungs- bzw. Evaluationsprozeß ist. Dies gilt, obwohl dieser Selbstevaluationsprozeß oft - und ein Stück weit unvermeidlich - in verdeckter Form und jenseits von rationaler Argumentation verläuft. Eben deshalb muß darüber nachgedacht werden, wie Instrumente, Situationen und Betrachtungsweisen entwickelt werden können, die diesen faktischen Selbstevaluationsprozeß besser, durchsichtiger, steuerbarer machen. Solche Instrumentarien und Vorgehensweisen sind als Selbstevaluation im engeren Sinn zu bezeichnen. Im gängigen Alltagsverständnis wird Fremdevaluation gewöhnlich als die eigentliche, objektive, von Eigeninteressen unbeeinflußte Evaluation angesehen, während Selbstevaluationen (etwa in der Gestalt von Meinungsäußerungen Befragter) nur Material dafür sind (z.B. "Interviewmaterial"). Selbstevaluationen haben aus dieser Sichtweise gleichsam den Charakter von Rohstoff, der erst durch die Tätigkeit des Forschers von außen zur Evaluation im eigentlichen Sinne wird. In der hier vorgetragenen Betrachtungsweise wird dies Verhältnis ziemlich genau umgedreht. Denn die Forscher haben nicht die Aufgabe, die Lernprozesse derer zu lenken, die Begegnungsprogramme organisieren oder daran teilnehmen, sondern dazu beizutragen, ihnen zu einer besseren Selbstkontrolle zu verhelfen. Dies schließt keineswegs aus, daß durch Beobachtungen der Forscher auch verdeckte, unangenehme, als provokativ empfundene Beobachtungen zur Sprache kommen. Aber auch so sind die Arbeiten der Forscher Hilfsmittel und Informationsquellen und keine objektive Bewertungen. Fremdevaluationen sind auf allen Ebenen der Organisation und Durchführung internationaler Begegnungspraxis zweifellos hilfreich und wichtig. Aber sie sind es gerade als Hilfsmittel, als Informationsquellen, als Verständigungsinstrumente der Selbstevaluation und Selbststeuerung, nicht als deren objektive Kontrolle. Wird ihr praktischer Zweck anders bestimmt, wie das häufig geschieht, so führt das eher zu ideologischen Debatten über Scheinobjektivitäten als zu einer wirklichen Verbesserung der Arbeit. Zugleich ist in dieser Sichtweise die Verbesserung von Fähigkeiten der Selbststeuerung auf allen Ebenen auch das Ziel jener besonderen Evaluationsinstrumente und -verfahren, die i. e. S. Selbstevaluation genannt werden können. Im folgenden bleiben Instrumente und Verfahren der Fremdevaluation (z.B. Umfragen, Interviews, Beobachtungen durch nicht beteiligte Forscher, Teilnahmestatistiken etc.) ausgeklammert, weil sie allgemein bekannt sind. Wir beschränken uns darauf, die Möglichkeiten der Selbstevaluation i.e. S. deutlicher zu machen. Es werden dafür zwei unterschiedliche Zugänge vorgestellt, die in unserer Forschungsgruppe entwickelt wurden. Die Diskussion ist auch dadurch begrenzt, daß sie sich vor allem auf Erfahrungen bezieht, die im Rahmen von experimentellen bzw. forschungsorientierten Programmen gemacht wurden. Dies bedeutet zwar, wie gezeigt, keine Einschränkung der grundsätzlichen Relevanz dort gemachter Erfahrungen. Wohl aber muß gesondert diskutiert werden, wie die dabei entwickelten Methoden der Selbstevaluation für andere, im Normalverfahren geförderte Programme oder auch für andere Ebenen der bikulturellen Zusammenarbeit nutzbar gemacht werden können. Darüber hinaus sei angemerkt, daß interkulturelle Pädagogik nicht einfach nur Übertragungen nationaler Pädagogiken ins Binationale oder allgemein ins Internationale sein kann. Unabhängig von den einzelnen Austauschbereichen ist die Gefahr groß, daß jegliche Evaluationsarbeit nicht über eine Wiederholung INTRAnationaler Praxis hinausgehen kann, wenn sie nicht Erwachsenen anvertraut wird, die speziell für die Pädagogik interkultureller und internationaler Beziehungen ausgebildet sind. Desweiteren beruht die Förderung interkultureller Begegnungen auf der Vorstellung, daß kulturelle Vielfalt für die Beziehungen zwischen Bürgern unterschiedlicher Nationen eine Bereicherung darstellt. Was bei diesen Begegnungen wirklich auf dem Spiel steht, scheint uns in der Möglichkeit der Anerkennung des Anderen zu liegen, sowie in der Erkennung seiner spezifischen Logik, was die Kenntnis jedes Einzelnen auch seiner eigenen Logik beinhaltet. Allerdings bleibt all das in den Begegnungen häufig verborgen, weil sie von ihrer Anlage her die Unterschiede eher nivellieren, indem sie in ihren Mittelpunkt vor allem die Beschäftigung mit einem gemeinsamen Gegenstand stellen. Wird diese Beschäftigung und die damit einhergehenden Aktivitäten - ausgehend von denen dann sich die Gruppen bilden - als für die Begegnung ausschlaggebend bezeichnet, so hat dies die Funktion bzw. die Wirkung, Unterscheidungsmöglichkeiten herauszunehmen. Im Vordergrund der Begegnung stehen dann die Gemeinsamkeiten: Z.B. das Treffen in einem Informatik-Seminar kann die Gelegenheit bieten, eine gemeinsame transnationale Sprache zu finden unter Ausklammerung einer Auseinandersetzung mit den Kulturen der sich begegnenden Personen. Ähnliches gilt meistens auch in anderen Bereichen, wie z. B. Kunst, Sport, Beruf, fachbezogenes Lernen (einschl. Schule und Universität) usw. Neben der Tatsache, daß sich die Wahrnehmung des Anderen dann im wesentlichen auch auf das "Technische" reduziert, tritt mit dieser Ausgangsposition die Überzeugung einer "guten Begegnung" an die Stelle von Anerkennung der Unterschiede, die Überbetonung eines Verständigungs-Ideals tritt an die Stelle gelebter Widersprüche. Unsere Forschungsarbeiten haben deutlich gemacht, wie bestimmte Beziehungsgeflechte zwischen den Einzelnen sowie ihre Überzeugungen als Identifizierung mit "friedlichen" Idealen ihre Möglichkeiten eingeschränkt haben, von der Auseinandersetzung zu profitieren, weil sie als gefährlich erlebt wurde. Die Beteiligten entfernen sich davon und vermeiden es, sich darauf einzulassen, weil sie sich die Regel des "guten Einvernehmens" als "Ideologie" zu eigen machen. Als Konsequenz folgt daraus, daß das Interesse am Anderen von einem "kulturellen Zaun" umgeben ist und nicht darüber-hinwegsteigen kann. Hinter zur Schau gestellten Äußerungen verdecken sich bei den Personen, häufig ohne es zu wissen, stereotypierte Vorstellungen der Einzelnen. Wir haben aber unsererseits die Erfahrung gemacht, daß eine wirkliche Auseinandersetzung und deren Verarbeitung sich in der Entwicklung aufeinanderfolgender Phasen vollzieht. Es können Fähigkeiten erweitert werden, die es erlauben, auch tief verankerte Bilder zu überwinden und schöpferische Kräfte von Personen und Gruppen zu entfalten. Diese Be- und Verarbeitung sind das Ergebnis von Subjektivitäten, die hervortreten, wenn Personen ihre eigenen Beschäftigungen mit ihrer eigenen Geschichte, ihren eigenen Werten, Konflikten, ihren Vorstellungen einbringen können. Dies sind Aufgaben, die sich heute für junge Menschen und besonders in krisenhaften Übergängen (z.B. von der Ausbildung in den Beruf) unvermeidlich stellen. Solche Erfahrungen sind auch das Ergebnis intersubjektiver Prozesse, die sich teilweise aus der besonderen Begegnungssituation entwickeln. Daraus zeichnet sich eine andere interkulturelle Herangehensweise ab: Ihr wichtigstes Ziel ist die Entwicklung von Eigenständigkeit sowie die Unterstützung von Versuchen erfinderischer Neuordnung der Realität. Durch die Verminderung von Abwehrmechanismen und Ängsten können solche Be- und Verarbeitungen Energien für Neues freisetzen. Der erste der nächsten Beiträge ist von Jacques Demorgon. Er entwickelt eine Theorie der Kommunikation in deutsch-französischen Gruppen, die als Anleitung zum Verstehen der Kommunikationsprobleme und der Schwierigkeiten ihrer Auflösung in solchen Gruppen zu lesen ist. Der Beitrag unterscheidet "geschlossene", dem oben beschriebenen schulischen Typus entsprechende, und "offene" Begegnungsprogramme. Letzteres sind Begegnungen, bei denen die gemeinsame Selbstevaluation der gemeinsamen Erfahrungen, das "Verstehen" der Begegnung zum Ziel wird. Die Unterscheidung von "geschlossen" und "offen" ist nicht empirisch, sondern idealtypisch gemeint. D. h. es wird nicht unterstellt, daß es Begegnungsprogramme gibt, die nur "geschlossen" oder nur "offen" sind. Vielmehr wird argumentiert, daß die Tendenz zur Offenheit der Ziele und zum Vertrauen auf die Möglichkeiten der Selbstevaluation auch besondere Chancen für interkulturelles Lernen eröffnet. Der zweite, von mir verfaßte Text beschreibt einen Perspektivenwechsel. Er geht von der Annahme aus, es sei hilfreich, probeweise davon abzusehen, daß deutsch-französische Begegnungen Veranstaltungen sind, auf denen etwas "gelernt" werden soll: z. B. der Abbau von Vorurteilen. Statt dessen sei es hilfreich, sich vorzustellen, daß in diesen Veranstaltungen etwas inszeniert, daß eine Art Theaterstück aufgeführt wird: Eben immer neue Fassungen des Stückes "Deutsch-Französische Begegnung". Dies Bild bzw. Gedankenexperiment will die These bekräftigen, daß die Evaluation internationaler Begegnungsprogramme weniger ausschließlich, weniger unter didaktischen und mehr unter ästhetischen Gesichtspunkten entwickelt werden sollte. Die Annahme dabei ist: Die Teilnehmer solcher Begegnungen "spielen" bzw. agieren in irgendeiner Form - bewußt und zum Teil auch unbewußt - sich selbst und ihre jeweilige Alltagskultur ebenso wie ihre Vorstellungen von der "anderen Seite", ihre Erwartungen, Neugier, Ängste etc., die sie von zuhause mitbringen. Das Begegnungsprogramm selbst besteht in dieser Sicht im wesentlichen nicht aus einem zu vermittelnden Lernstoff. Vielmehr entwickelt es sich in Gestalt von szenischen Arrangements (geplanten und ungeplanten), welche ermöglichen, daß die TeilnehmerInnen ihre mitgebrachten Erwartungen auch wirklich agieren und interagieren können, statt sie für sich zu behalten und sich zurückzuziehen. Was heißt dann Evaluation? Solche szenischen Arrangements können besser oder schlechter sein, ebenso wie das "Mitspielen" erfolgreicher und weniger erfolgreich sein kann. Insofern kann beides, das Arrangement und die Mitspieler bzw. Regisseure auch kritischer Betrachtung und Beschreibung unterzogen werden. Der Beitrag entwickelt aus dieser Perspektive Kriterien für die Selbstevaluation. |