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3. Konflikte und Macht
Gruppenarbeit in Krisenzeiten
Max Pagès
Wir haben die Innovationsgruppe einige Jahre nach 1968 geleitet, in einer Zeit des massiven kulturellen, sozialen und politischen Protests vor allem bei der Jugend. Erinnern wir uns! Es war die Zeit der "sexuellen Revolution" und, auf einer mehr politischen Ebene, der linken Bewegungen, des ganz allgemeinen Protests gegen alle Formen von Autorität, gegen die Beziehungen zwischen den Generationen, gegen die soziale Organisation (Selbstverwaltung). In der Innovationsgruppe waren diese Strömungen zweifach präsent. Bei der Mehrheit der Gruppe in Gestalt einer - im übrigen ungleich verteilten - Bereitschaft, sich über diese Themen zu mobilisieren und sich mit ihnen zu beschäftigen. Eine ideologisch schärfere und militantere, vor allem französische Minderheit "definierte" sich über die Thesen und Praktiken der "institutionellen Analyse" (analyse institutionnelle). Diese Avantgarde rivalisierte intellektuell und beruflich mit einer anderen Avantgarde, vertreten durch die Animateure, die ihrerseits mit der "Psychosoziologie" identifiziert wurden. Die "Institutionalisten" standen den vom Deutsch-Französischen Jugendwerk institutionell anerkannten und ihnen als professionelle Autoritäten vorgesetzten "bürgerlichen" Animateuren mit Mißtrauen gegenüber. Ideenkonflikte und berufliche Rivalitäten waren unentwirrbar miteinander vermischt. Dies war Gegenstand endloser Debatten innerhalb der Innovationsgruppe, auf die ich hier nicht noch einmal eingehen möchte.
Ich möchte ein paar Gedanken zu den Erkenntnissen formulieren, die man aus diesen Erfahrungen mit der Animation in einer Zeit der Krise und des aktiven sozialen und ideologischen Protests ziehen kann. Was können wir daraus über die Animation unter derartigen Bedingungen lernen? Was können wir lernen über die Dynamik und Entwicklung von Krisen im allgemeinen, ob mikro- oder makrosozial?
Zwar hat sich der Kontext seit den siebziger Jahren gründlich verändert. Wir leben nicht mehr in einer offen revolutionären Zeit. An den Universitäten stehen die Zeichen nicht mehr auf Protest, die studentische Jugend ist "brav" geworden. Aber die sozialen Spannungen sind keineswegs verschwunden, im Gegenteil. In einer weniger ideologischen und weniger politischen Form haben sie "die Massen ergriffen" und manifestieren sich in Gestalt von Ausgrenzung und Gewalt: Drogen, Delinquenz, Spannungen zwischen Gemeinschaften usw. Dies bleibt nicht ohne Rückwirkungen auf die Probleme, die sich im Bereich der Gruppenarbeit im weiteren Sinne stellen: bei den Lehrern an Schulen und Collèges in Problemzonen, bei den Sozialarbeitern im Milieu der sozial Benachteiligten, bei den mit Aids konfrontierten Beschäftigten im Gesundheitswesen, usw.
Unsere begrenzte Erfahrung erlaubt uns keinerlei Aussagen zu diesen besonderen Fragen. Aber sie erlaubt es uns, über die Bedingungen von Animation nachzudenken, wenn es innerhalb der Gruppe in direktem Zusammenhang mit globalen sozialen Phänomenen zu Machtkonflikten und ideologischen Konflikten kommt. Was konnten wir beobachten?
Zunächst erlebten wie eine euphorische Phase, in der unsere Arbeitsmethoden, insbesondere die non-verbalen und körperorientierten Methoden, von der Gruppe einschließlich ihrer aufbegehrenden Minderheit begeistert aufgenommen und angewendet wurden. Einige Zeit später gerieten wir in eine Phase des radikalen Protestes. Protest gegen unsere als psychologistisch abqualifizierten Vorstellungen, gegen unsere Rolle als Animateure und deren durch unser Honorar symbolisierte Anerkennung durch die Institution. Eine Situation, die durchaus an die Entwicklung in Gruppen erinnert, in denen schwere ideologische und politische Meinungsverschiedenheiten aufbrechen.
Als Animateure machten wir eine Phase tiefster Verunsicherung durch. Zwar wurden nicht wir als Personen in Frage gestellt, aber die Grundlagen unserer Praxis und darüber hinaus jeder Form von institutionalisierter Animation, und zwar zugunsten des Ideals einer freiheitlichen, von der Gruppe selbst kollektiv übernommenen Gruppenleitung. Wir steckten in einem Widerspruch. Einerseits empfanden wir die Notwendigkeit, das Steuer in der Hand zu behalten, unsere Ziele weiter zu verfolgen und dafür auch unsere Rolle weiter zu spielen, von der wir meinten, daß sie gewissermaßen für eine analytische Funktion einstand, selbst wenn diese Analyse, ihre Ziele und die Rahmenbedingungen, unter denen sie stattfand, von der Gruppe abgelehnt wurden. Andererseits schien uns aus dem Protest, der sich gegen uns und über unsere Person gegen die Ideen und Praktiken richtete, für die wir standen, vieles zu lernen zu sein, was wir unmöglich negieren konnten.
Das Ineinandergreifen von psychologischen und sozialen Determinanten
Damals kam ich zu der Überzeugung, an der ich auch heute noch festhalte, daß in einer solchen Situation die miteinander konfrontierten Gruppen jeweils blinde Flecken haben, die zwar die andere Gruppe, nicht aber sie selbst beleuchten kann. Jede Gruppe ist in der Lage, in der ihr eigenen analytischen Dimension den Analytiker der anderen abzugeben, jede aber lehnt die Analyse ihrer selbst durch die andere ab, stellen sich doch beide auf einen hegemonischen und exklusiven Standpunkt.
In unserem Fall könnte man stark vereinfachend sagen, daß die offiziellen Animateure in der Lage waren, die psychologischen Dimensionen der Situation zu sehen und zu analysieren, vor allem die unbewußten kollektiven Autoritätprojektionen, die sie eben aufgrund ihrer Rolle aufdecken konnten, daß sie aber weniger sensibel für die mit ihrer Rolle verbundenen institutionellen, sozialen und politischen Aspekte waren. In der anderen Gruppe waren die analytischen Fähigkeiten gerade andersherum verteilt.
Damals kamen wir zu der Überzeugung, daß sich eine solche Situation weder nur aus politischen Determinanten im weitesten Sinne erklären ließ, also als eine Frage der Macht, noch nur aus kollektivpsychologischen Determinanten, sondern vielmehr aus dem Ineinandergreifen aller beider. Der Begriff sozio-mentales System, den wir damals entwickelt und in der Folge in weiteren Arbeiten ausgeführt haben Aubert, N., Pagès, M., Le Stress professionnel, 1989, Klincksieck, Paris; Pagès, M., L'emprise de l'organisation (in Zusammenarbeit mit Bonetti, de Gaulejac, V., Descendre, D.), 1979, PUF, Paris; Pagès, M., "L'analyse dialectique: propositions", in: Psychologie Clinique, 3, 1990., fand damals eine erste Anwendung. Seine zentrale Hypothese ist, daß sich das Sozialsystem einer Gruppe oder Organisation, ihre Ideologie, die Formen, die die Macht in ihr annimmt, auf der einen Seite und die unbewußte kollektive Mentalität ihrer Mitglieder auf der anderen Seite wechselseitig beeinflussen. Man kann die Analyse der sozialen Konflikte und der Antworten, die die Gruppe auf sie findet, nicht von der der psychischen Konflikte und der Abwehrsysteme ihrer Mitglieder trennen.
Die Innovationsgruppe ermöglichte es uns, diese Beziehungen zwischen den psychologischen und den sozialen Aspekten nicht auf einem gegebenen Stand und in einer Zeit relativ stabiler Abläufe zu analysieren, sondern in einer Krisensituation. Eine solche Krise ist permanent. Sie resultiert aus dem Konflikt zwischen den politisch-organisationellen Strukturen des Deutsch-Französischen Jugendwerks und der Natur einer interkulturellen Begegnung. Das Modell, das sich in Kapitel X des Manifests findet, stellt eine Analyse dieser Veränderungen als die eines soziomentalen Systems im soeben erläuterten Sinne dar.
Das Interessante an diesem Modell, für das ich zugegebenermaßen eine gewisse Schwäche habe, liegt darin, daß es eines der wenigen ist, in dem eine soziopolitische und eine von der Psychoanalyse herkommende psychologische Perspektive miteinander verbunden werden, und zwar, wie es meiner Meinung nach notwendig ist, auf gleichem Fuße und als einander wechselseitig Beeinflussende. Zwar hat das Modell nur einen heuristischen Wert und ist in mancherlei Hinsicht rudimentär, aber es kann einer späteren Reflexion als Ausgangspunkt dienen.
Das revolutionäre Phänomen
Ohne die beiden Phänomene gleichsetzen zu wollen, halte ich es für nützlich, über etwaige Analogien zwischen den "Großen Revolutionen" (der französischen, bolschewistischen, mexikanischen, chinesischen usw.) und jenen "kleinen Revolutionen" nachzudenken, die von Zeit zu Zeit in den Organisationen unserer Gesellschaften geschehen. Auf beiden Ebenen ist das revolutionäre Phänomen (denn ich bin überzeugt, daß es sehr wohl eine innere Dynamik und Gesetzmäßigkeit des Phänomens gibt, trotz seiner großen historischen Wandelbarkeit) seinem Wesen nach widersprüchlich. Es hat zwei Gesichter. Einerseits enthält es einen befreienden Aspekt, es bewirkt gesellschaftliche, politische, ideologische Veränderungen, es entspricht historischen Notwendigkeiten, liegt in der "Bestimmung der Geschichte", ein bekanntlich höchst umstrittener Ausdruck. Andererseits geht es unausweichlich mit Massakern einher, mit Terror aller Art, mit neuen mehr oder weniger dauerhaften Formen von Tyrannei und Barbarei. Historikern fällt es schwer, die Ambivalenz und Komplexität des Phänomens zu erfassen, teils weil sie selber nicht frei von politischen Leidenschaften sind, teils weil ihre Bezugsrahmen eindimensional sind. Die Traditionalisten verteufeln die Revolution. Wenn die Dämme brechen, die die Kirche, die Monarchie oder sonstwer darstellen, ist der Mensch dem Dämon ausgeliefert und fällt in die Barbarei zurück. Jakobinischen oder marxistischen Historikern machen die revolutionären Wirren zu schaffen. Erst einmal leugnen sie sie oder spielen sie herunter. Versuchen sie sich an Interpretationen im Sinne des Kampfs gegen die Konterrevolution (die klassische jakobinische Erklärung für den Terror von 1793) oder des Verrats an den revolutionären Idealen und des Triumphs der Bürokratie (trotzkistische Erklärung des Stalinismus), greifen ihre Argumente zu kurz. Sie sind außerstande, die massive affektive Unterstützung des Volks für ein tyrannisches Regime zu erklären, die Liebe zum Tyrannen, die sado-masochistische Komplizenschaft, die zwischen einem paranoischen Tyrannen, ob er nun Robespierre, Napoleon, Hitler, Stalin oder sonstwie heißt, und seinem Volk entsteht. Wie viele Millionen Sowjetmenschen weinten bei Stalins Begräbnis, 30 Jahre nach Beginn des stalinistischen Terrors?
Die revolutionären Phänomene sind weder rechts noch links und nicht einmal neutral, wenn man so sagen darf. Die sozioökonomischen Erklärungsversuche, die den Menschen rationale Beweggründe unterstellen, sind nützlich, aber unzureichend. Man muß auch den unbewußten Beweggründen Rechnung tragen, den kollektiven Systemen der Angstabwehr, den Schuldgefühlen, der Übertragung einer Schutzfunktion auf die Figuren mit sozialer Autorität, auf Apparate, Überzeugungen und Ideologien, und der Verschiebung dieser Übertragungen in Zeiten sozialer Umwälzungen. All dies ist im Modell von Kapitel X skizziert. Die wenigen Versuche, psychoanalytische Denkwerkzeuge auf die revolutionären Phänomene anzuwenden, sind sehr interessant, wurden aber von einem Standpunkt aus unternommen, der allzu ausschließlich psychologisch und allzu offensichtlich mit einem anti-revolutionären Vorurteil behaftet war (R. Laforgue, Stéphane). Bei den Historikern ist François Furets jüngste Aufarbeitung der Analyse der Französischen Revolution zwar durchaus interessant, greift aber auch zu kurz. Eine Methodologie der dialektischen Analyse des revolutionären Phänomens in seiner Komplexität ist meiner Ansicht nach überhaupt erst zu entwickeln. Sie müßte eine soziopolitische und eine soziopsychoanalytische Perspektive miteinander verbinden.
In dieser Hinsicht lassen sich den Erfahrungen mikrosozialer Analyse der Proteste, Parolen, Diskurse und mikro-revolutionären Versuche der siebziger Jahre (Innovationsgruppe, Große Gruppe von Charbonnières (75), Institutionelle Analyse z. B.) theoretische Beobachtungen und Werkzeuge abgewinnen. Die Konflikte, die wir im Manifest beschrieben haben, waren zwar keine revolutionären Konflikte im politischen Sinne. Aber sie haben ähnliche Strukturen und führen in ähnliche Sackgassen. Man mag es bedauern, daß die Zeiten, in der die Praktiker der Humanwissenschaften zu derartigen sozialen Phänomenen Experimente in der Situation selbst (in vivo) anstellen konnten und wollten, vorbei sind.
Einstellung zur Macht
Aber wenden wir uns wieder der heutigen Zeit und den bescheideneren Proportionen unseres Berufs zu.
Seit den siebziger Jahren hat sich, zumindest was mich betrifft, eines verändert, nämlich unsere Einstellung zur Macht.
Bei unseren früheren Interventionen hatten wir uns von einem mehr oder weniger klaren und anerkannten Projekt des globalen gesellschaften Wandels leiten lassen. Noch dazu ein Wandel, der mehr oder weniger unmittelbar und konkret dort stattfinden sollte, wo wir gerade arbeiteten, Unternehmen, Öffentlicher Dienst, Ausbildungsgruppen. Wir trieben ihn mit Nachdruck und oft provokatorisch voran.
Nach und nach bin ich mir des messianischen und utopischen Charakters unserer Interventionen und des hinter ihnen steckenden unbewußten Allmachtwunsches bewußt geworden. In dieser Hinsicht waren Psychosoziologen wie ich, gemäßigter und "bürgerlicher" als manche Vertreter der Institutionellen Analyse (analyse institutionnelle) und von diesen auch entsprechend kritisiert, kaum weniger utopistisch und "omnipotent" als diese selbst, obwohl wir sicher bereits sensibler für den dialektischen Charakter des Wandels und die Notwendigkeit von Vermittlungen waren.
Die Entwicklung in diesem Sinne war, was mich betrifft, tiefgreifend, beeinflußt von einem persönlichen Reifungsprozeß, der Praxis der Psychotherapie, und, auf der Ebene der Ideenentwicklung, durch die gemeinsam mit Kollegen erfolgende allmähliche Konstruktion einer dialektischen Methodologie in den Humanwissenschaften, deren Kennzeichen der Verzicht auf den Hegemonieanspruch der Disziplinen und die Verknüpfung ihrer jeweiligen Bereiche unter Wahrung ihrer Autonomie sind.
Nach einer langen Unterbrechung meiner Interventionen als Sozialpsychologe, während der ich mich auf diesem Gebiet nur noch als Forscher betätigte, nahm ich sie wieder auf, vor allem im Krankenhaus- und Sozialbereich und, wenn auch in geringerem Maße, in der Industrie, wobei ich gleichzeitig meinem Hauptberuf als Psychotherapeut weiter nachging. Bei dieser Gelegenheit konnte ich feststellen:
- eine veränderte Einstellung meinerseits zu den Leitern und Vorgesetzten in den Betrieben und in den Einrichtungen des Öffentlichen Dienstes, in denen ich intervenierte. Sie beruhte, glaube ich, auf einer Art innerem Verzicht auf die Infragestellung der Legitimität der bestehenden sozialen Mächte, die einer anderen ökonomischen, administrativen, sozialen, politischen Logik als der meinen unterliegen.
- eine vertiefende Rückbesinnung auf meine Werte als praktizierender Psychologe, der im Dienste der Verringerung des Leidens steht, der Entwicklung der psychischen Gesundheit und der Selbstverwirklichung. In dieser Hinsicht spürte ich die trotz unterschiedlicher Arbeitsmethoden bestehende Kohärenz zwischen meiner Arbeit als Psychotherapeut und meiner Arbeit als psychosozialer Berater.
- als Sozialpsychologe konzentrierten sich meine Bemühungen weitgehend auf die Untersuchung der in der Organisation auftretenden Interferenzen und Konflikte zwischen den konkurrierenden Logiken, von denen bereits die Rede war.
Der Verzicht auf die Infragestellung der Legitimität der sozialen Mächte impliziert weder, daß ihnen gegenüber eine Unterwerfungshaltung eingenommen wird, noch, daß wie beim Reformismus nach Kompromissen um jeden Preis gesucht wird. Die Politik der Gruppen der Leitenden, das Spiel der verschiedenen Logiken werden ohne irgendwelche Zugeständnisse untersucht. Man stellt fest, daß in unseren entwickelten Gesellschaften die Logiken, die die physische oder psychische Gesundheit der Arbeitskräfte und der Bürger im allgemeinen betreffen, zwar nicht gerade ganz fehlen, aber doch den ökonomischen, administrativen, politischen usw. Logiken untergeordnet sind. Oder sie sind dem Leitprojekt der Organisation integriert worden und dienen wie beim Marketing oder beim Management weitgehend als Propaganda- oder Indoktrinierungsinstrumente. Ist das moderne Management nicht zu 80 % angewandte Psychologie? Aber angewandt worauf, nach welchen Kriterien? Ist angewandte Psychologie überhaupt noch Psychologie? Oder werden die Disziplinen der physischen und mentalen Gesundheit, wenn sie unabhängiger sind, auf spezielle Orte, Momente, Aktivitäten abgeschoben, die zwar nützlich sind, aber sie von den Orten fernhalten, an denen die Entscheidungen fallen, die Politik bestimmt wird: auf soziale, psychologische, erzieherische Dienstleistungen, Ausbildung, Psychotherapie, und zu Zwecken, die im allgemeinen mehr reparativer als präventiver Natur sind.
Die Rolle der Humanwissenschaften besteht meiner Ansicht nach eher darin, in ihrer jeweils eigenen Sphäre zur Entwicklung dessen beizutragen, was man die kreative Konfliktfähigkeit in den sozialen Beziehungen nennen könnte, zur Herstellung oder Wiederherstellung eines freieren Zusammenspiels zwischen den konkurrierenden Logiken, von denen keine, bei allen Hegemoniebestrebungen, die jeweils anderen ignorieren kann. Die Konfliktfähigkeit wirkt sich sowohl individualpsychologisch aus, nämlich durch die Entstehung eines mobilisierenden Bewußtseins von den individuellen Konflikten und Zwangslagen, als auch auf der Ebene von Kleingruppen, Organisationen und Institutionen, als auch zwischen diesen Ebenen. Die Dialektik der so verstandenen Konfliktfähigkeit steht weder im Gegensatz zur freien Gestaltung noch zur Kooperation, deren Grundlage sie im Gegenteil darstellt.
Ich habe im Feld feststellen können, daß es durch die Analyse der Interferenzen zwischen konkurrierenden Logiken, durch das von den Äußerungen der Akteure selbst ausgehende Wiederaufrollen von Konflikten auf individueller und kollektiver Ebene, zu neuer Dynamik und vermehrter sozialer Kreativität kommen konnte. Zugleich stieß die Intervention der Psychosoziologen, die weniger spektakulär und provozierend, aber effizienter als früher sein mochte, auf mehr Toleranz und wirkte nachhaltiger, sicher weil sie mehr Rücksicht auf die Autonomiebereiche der Akteure nahm.
Die Interaktionen zwischen den verschiedenen Kategorien von Konflikten und den Instanzen, zwischen denen sie sich abspielen, stecken das Feld der Humanwissenschaften ab. Jede von ihnen, Psychologie, Psychoanalyse, Psychosoziologie, Soziologie, Anthropologie, ist somit aufgerufen, sich mit den anderen kreativ auseinanderzusetzen und mit ihnen ebenso zu kooperieren wie mit Disziplinen, die zu anderen Bereichen gehören, der Ökonomie oder der Biologie zum Beispiel, ohne daß eine von ihnen Anspruch auf Hegemonie erheben könnte. Damit erhöhen sich die Chancen, daß sie verlieren, was ihnen noch an Reduzierendem anhaftet, und im Gegenteil mehr dazu beitragen, die sozialen Verhältnisse in ihrer Komplexität zu erfassen sowie die Autonomie der Akteure zu stärken.
Es ist nicht Sache der Humanwissenschaften, Utopien zu produzieren, sondern wirksame Instrumente eines kreativen konfliktorientierten Dialogs zu entwickeln, miteinander und mit anderen Disziplinen.
Übersetzung aus dem Französischen von Hella Beister
Kommentar von Burkhard Müller:
Mit der selbstkritischen Einschätzung, die Max Pagès dem Kapitel des "Manifestes" über Konflikte und Macht widmet, bin ich grundsätzlich einverstanden, obwohl ich auch hier aus den schon oben angesprochenen Gründen eine andere Perspektive zu wenig berücksichtigt finde. Ich frage mich, ob es genügt, das Manifest als Dokument einer Animation in einer Periode der gesellschaftlich-politischen Krise zu charakterisieren, als Ausdruck einer Epoche der Verunsicherung traditioneller Rollen und Autoritäten, die von der heutigen "vernünftig" (assagie) gewordenen Jugend gar nicht mehr verstanden wird. Diese Selbstkritik trifft sicher zu, wenn man das "Manifest" als antiautoritäres Rezeptbuch versteht und gegen dies Mißverständnis war es wohl nicht genug geschützt. Aber gerade die Ausführungen des "Manifestes" über "Konflikte und Macht" wären nicht richtig verstanden, wenn sie als Programm einer "antiautoritären" Epoche gelesen würden, statt - wie ich oben schon sagte - als Analyse der Folgen gelesen zu werden, welche "interkulturelle" Situationen mehr oder weniger unvermeidlich erzeugen. Voraussetzung dafür, daß daran fruchtbar gearbeitet werden kann, ist allerdings: Es müssen die notwendigen Bedingungen, z. B. hinreichendes gegenseitiges Vertrauen und die erforderliche Dauer für eine Arbeit der Reflexion und Vertiefung gegeben sein. Erst dann ist es möglich, über die längerfristigen Wirkungen interkultureller Situationen auf Individuen und Gruppen Aufschluß zu geben.
Auch Max Pagès hebt ja vor allem den analytischen Wert der Aussagen über Konflikte und Autorität hervor. Nur: Wenn das "Manifest" wirklich als Studie von "revolutionären" Prozessen und Phänomenen im Kleinen, als "analyse de micro-révolutions" gelesen werden muß, dann sollte zugleich deutlich sein: Es geht bei der Analyse nicht so sehr darum, festzustellen, was mit Organisationen, Gruppen oder pädagogischen Programmen passiert, wenn sie in revolutionärer Absicht verändert werden. Es geht eher um die "Micro-Revolutionen" wider Willen, die unvermeidlich dort zunehmen, wo der Zwang zur Bewältigung interkultureller Erfahrungen zunimmt. Natürlich ist die erste Lesart möglich. Schon die damalige Kuratoriums-Kommission (s. Einleitung) hat es ja so gelesen und ihre Konsequenzen gezogen, nämlich daß das DFJW so "radikal" doch nicht sein möchte. Verständlicherweise. Aber damit geht verloren und bleibt unverstanden, welche Bedeutung ein solchens "micro-revolutionäres Experimentierfeld" - wenn man es denn so nennen will - für die Prozesse interkulturellen Lernens haben könnte.
Ich habe oben schon angedeutet, daß ich "interkulturelles Lernen" bzw. "interkulturelle Situationen" hier in einem erweiterten Sinn verstehe: nämlich im weitesten Sinn die Bewältigung von Situationen in Gruppen und/oder Organisationen, für die es keine vorgegebenen Regeln gibt, bzw. wo die Anwendung eingefahrener Regeln und Sinnsysteme nicht funktioniert oder dysfunktional wird, so daß Verständigungsformen und sinnvolle Aktivitäten gleichsam neu erfunden werden müssen. Die vielfältigen Bereiche eines gesteigerten internationalen und interethnischen Austausches, die heute unser Alltagsleben mitprägen, sind ein besonders markanter wenn auch keineswegs der einzige Bereich, in dem wir heute herausgefordert sind, höhere Grade einer "Deregulation" unseres Lebens zu verkraften. Natürlich kann diese Deregulation nie total sein, weil dies gar nicht auszuhalten wäre. Das Ende aller nicht hinterfragten Regeln, Konventionen, Autoritätsstrukturen und Abhängigkeiten wäre zugleich das Ende unseres sozialen Lebens und das Ende aller organisatorischen Verläßlichkeit. Dies ändert aber nichts daran, daß wir lernen müssen, mit weniger Vorgeregeltem auszukommen, mehr Fähigkeit zur Selbstregulierung entfalten müssen, wenn wir nicht Opfer der Überkomplexität unserer realen Lebensbedingungen werden wollen.
Die Alternative dazu ist, daß die Fundamentalismen aller Arten und in allen Lebensbereichen zunehmen, die vor der Ungeregeltheit, Ungewißheit und Überkomplexität der Welt schützen und dafür den Preis eines Wirklichkeitsverlustes fordern. Gerade auch revolutionäres Pathos neigt zum Fundamentalismus. Denn dieser ist, im weitesten Sinne, kein vormodernes, sondern ein modernes ja postmodernes Phänomen. Fundamentalismus ist geradezu zu definieren als Reaktion auf das unerträglich werdende Überschwemmtwerden mit interkulturellen Erfahrungen, die nicht verarbeitet werden können. Seine Attraktivität beruht wesentlich darauf, angesichts dieser Unerträglichkeit Lösungen zu bieten, darin scheinbare Sicherheit zu gewähren. Dabei macht es in dieser Hinsicht wenig Unterschied, ob das "Fundament", an das man sich klammern kann, aus starren religiösen Regeln und Verteufelung des "Fortschritts" oder aus starren technokratischen Denkmustern und Idealisierung des "Fortschritts" besteht.
In jedem Fall scheint mir die allgemeinste Aufgabe einer interkulturellen Pädagogik in einem "Antifundamentalismus-Training" im weitesten Sinne zu bestehen. Wobei das "Anti" eigentlich falsch ist. Denn es geht nicht darum, den Bedarf nach Struktur und Sicherheit zu denunzieren oder zu bekämpfen, sondern ihn objektiv zu verringern. Wenn man also sagt, es müsse "Experimentierfelder für Micro-Revolutionen" geben, Felder, in denen die Konflikte studiert werden können, die sich aus Situationen ergeben, wo nur noch individuelle Interessen und Wünsche (bewußte und unbewußte) aber keine vorgegebenen sozialen Verbindlichkeiten zu existieren scheinen; wenn man weiter sagt, daß internationale Begegnungsprogramme zumindestens ein Stück weit den Charakter eines solchen Experimentierfeldes haben müßten, dann formuliert man kein utopisches oder messianisches Programm und fordert keine "revolutionären Kaderschulen", sondern tut das genaue Gegenteil: Man fordert Experimentierfelder und Trainingsmöglichkeiten gegen die Generaltendenz zur "fundamentalistischen" Verleugnung und Verkürzung der Wirklichkeit, die ebenso mächtig im Vormarsch ist, wie die interkulturelle Durchmischung selbst zunimmt.
Noch einmal: Bleibender Wert des "Manifestes" scheint mir - bei aller notwendigen Kritik seines "prophetischen" Tones - darin zu bestehen, daß es exemplarisch ein solches Experimentierfeld und die darin sich entwickelnden Konflikte beschrieben hat. Vorschriften und Verfahren, wie die Animation internationaler Begegnungsprogramme gestaltet werden sollte, lassen sich daraus nicht direkt ableiten. Wohl aber läßt sich mit seiner Hilfe besser verstehen, was in internationalen Begegnungen aller Art faktisch abläuft - ebenso, wie in alltäglicheren Formen interkultureller Erfahrung selbst dann, wenn niemand es wissen und sehen will.
Ende
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