Animation interkultureller Begegnungen |
| VI. Methoden und Techniken in der Animation 40. Das bisher gesagte darf nicht mißverstanden werden, als wollten wir uns gegen den Gebrauch pädagogischer Methoden und Techniken in der Animation aussprechen. Wir wenden uns aber: - gegen den ritualisierten und repetitiven Gebrauch von Methoden, - gegen Methoden, die nicht mehr Ausdrucksmittel für individuelle und kollektive Interessen und Wünsche sind, sondern zum Selbstzweck werden, - gegen Methoden, die nur durch Spezialisten oder mit hohem technischem Aufwand verwendet werden können, - gegen Methoden, die nicht kreativ nach jeweiligen Situationen und Bedürfnissen veränderbar sind, - gegen Methoden, die nur funktionieren, wenn man sich strikt an ihre "Regeln" hält. 41. Methoden der Animation sind nach unserer Meinung falsch definiert, wenn sie nur die besonderen Fertigkeiten und Kenntnisse der Animateure benennen. Vielmehr hat jeder Teilnehmer ein Repertoire besonderer Fähigkeiten und Kenntnisse, das zugleich Ausdruck seiner Person wie seiner besonderen Interessen, seiner Kultur, seiner sozialen Lage, etc., ist. Alle solche Fähigkeiten tragen zur Entfaltung des Lebens einer Gruppe bei, genau wie sie Ansatzpunkt für Konfrontation und Konflikte sind. Ob es sich dabei um Fähigkeiten der Argumentation, des emotionalen Ausdrucks, des Umgangs mit künstlerischen und/oder technischen Medien, organisatorische Fähigkeiten oder Kochkenntnisse handelt, macht dabei keinen prinzipiellen Unterschied. 42. Das Problem, daß sich dabei wieder Hierarchien und Autoritätsverhältnisse bilden, anerkannte und weniger anerkannte Fähigkeiten sich zeigen, Stars und Außenseiter, Redner und Schweiger, läßt sich nicht dadurch bewältigen, daß die Animateure versuchen, die Rolle von Schiedsrichtern und Verteilern von Chancengleichheit einzunehmen. Wir glauben, daß auch dabei der Schaden meist größer ist, als der Nutzen, weil so noch einmal der Widerspruch konstruiert wird: Abhängigkeitsverhältnisse dadurch überwinden zu wollen, daß man eine neue Exklusivrolle, d. h. einen neuen Abhängigkeitsvertrag einführt. Statt dessen sollten die Animateure bei sich selbst überprüfen, wie weit ihr eigenes Interesse für solche weniger anerkannten Fähigkeiten und Lebensäußerungen reicht und das thematisieren. Einen Unterschied macht es auch, ob die Animateure selbst Modell für ein Verhalten sind, das vor allem gekonnt beherrschte Fähigkeiten produziert, oder ob sie ein experimentelles Verhältnis zu ihrem eigenen Leben in der Gruppe haben: d. h. ob sie es wagen, sich selbst auf einem Gelände zu bewegen, das für sie neu und unvertraut ist, Dinge ausprobieren, die sie noch nie versucht haben, etc. 43. Wir halten in dieser Arbeit alle Methoden für fragwürdig, die in irgendeiner Weise dazu führen, Teilnehmer zu Klienten und Behandlungsobjekten zu machen. Der beste Schutz gegen diese - oft ungewollt sich einschleichende - Tendenz ist, wenn der Animateur sein Methodenrepertoire nur dazu verwendet, eigene Interessen und Bedürfnisse für andere kommunikabel zu machen. Dies ist zugleich der beste Schutz dagegen, Methoden in steriler und ritualisierter Weise anzuwenden, und der Motor dafür, Methoden kreativ zu transformieren und neu zu erfinden. 44. Wir haben in der Innovationsgruppe die Erfahrung gemacht, daß es eine falsche Reduktion ist, sich auf solche Methoden zu beschränken, die eines besonderen szenischen Arrangements bedürfen (fast alle Sammlungen und Handbücher zu Gruppenmethoden und -Spielen beschränken sich darauf). Viel mehr Leben entsteht oft durch Methoden, die keine vorweg erklärte Bereitschaft "mitzuspielen" voraussetzen, sondern eher Impulse innerhalb des miteinander Lebens, Spielens, Redens sind: - ein Einfall oder eine körperliche Aktivität, die ein steril gewordenes Diskussionsritual unterbricht (z. B. die von den Frauen der Innovationsgruppe erfundene Methode, sich einfach in die Mitte zu setzen und die Köpfe zusammenzustecken, wenn sie das Gefühl hatten, die Männer monologisierten wieder unter sich), - Versuche, sich durch andere als verbale Ausdrucksmittel Gehör zu verschaffen, - Änderungen in den Orten und Arrangements der gemeinsamen Mahlzeiten, - Wandzeitungen, die einen permanenten Diskussionsprozeß auch außerhalb der "offiziellen" gemeinsamen Diskussionsrunden produzieren. Auch bei solchen Impulsen, wie bei allen Gruppenmethoden, ist wichtig, daß es sich um Ausdrucksmittel für eigene Wünsche und Interessen handelt, nicht um manipulative Impulse ("Ich wollte die eben mal animieren", "ich wollte mal sehen, wie sowas wirkt", "ich wollte denen zeigen, wie sie reagieren" etc.). 45. Animation nach diesem Konzept ähnelt einem Forschungsprozeß. Weder die Ziele noch die Methoden noch die Beziehungen zwischen ihnen können im voraus endgültig festgelegt werden. Wie in einem Forschungsprozeß ist das Verhältnis von Zielen und Methoden dynamisch, gibt es eine ständige Neudefinierung der Ziele sowie einen permanenten Prozeß der Anpassung bzw. Neuentwicklung von Methoden. Bei diesem Suchprozeß mitzuwirken ist die Aufgabe sowohl der Animateure als auch der Teilnehmer. |