Heißt interkulturelle Ausbildung Bekämpfung von Stereotypen und Vorurteilen? |
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I. Stereotypen und Vorurteile : Bilanz der psycho-soziologischen Forschungen Die Forschungen zum Thema Stereotypen und Vorurteile haben sich an drei Orientierungen entlang entwickelt: - Die einen Forscher setzten sie in den Zusammenhang mit Intergruppen-Beziehungen. - Andere haben versucht, die diesem Typ von Vorstellungen zugrunde liegenden kognitiven Mechanismen herauszuarbeiten. - Wiederum dritte haben einige theoretische und erklärende Hypothesen zum Entstehen der Vorurteile vorgeschlagen. Wir werden kurz diese drei Orientierungen erläutern. 1. Stereotypen, Vorurteile und Beziehungen zwischen Gruppen Das heute klassisch gewordene Experiment von Muzafer Sherif über die wechselseitigen Vorstellungen in Beziehungen zwischen Gruppen war das erste auf diesem Gebiet (1966). Es wurde mit Jugendlichen in einem Ferienlager durchgeführt und hat gezeigt, daß - unabhängig von jeglichem anderen Einflußfaktor - allein die Tatsache, zwei Gruppen miteinander in Wettbewerb zu setzen, schon genügt, um negative Stereotypen zu produzieren : "Es ist unbestreitbar, schreibt Sherif, daß Unterschiede des kulturellen Milieus und markante physische Unterschiede zwischen den Gruppen diskriminierende Reaktionen den Mitgliedern der out-group gegenüber verstärken. Es ist unbestreitbar, daß solche Unterschiede zu Feindseligkeit und zu Bildung von Vorurteilen zwischen den Gruppen beisteuern. Jedoch hat dieser Abschnitt des Intergruppenkonflikts gezeigt, daß weder kulturelle, noch wirtschaftliche Unterschiede nötig sind, um einen Konflikt zwischen den Gruppen auszulösen, feindselige Haltungen heraufzubeschwören und stereotypisierte Bilder der anderen Gruppe entstehen zu lassen" (1971, S. 97). Es liegt vielmehr an der Situation der Konfrontation selbst. Sie ist verantwortlich für diese Phänomene und sie allein genügt, um sie auszulösen. Lediglich die "Kooperation zwischen den Gruppen (...) wird schließlich die soziale Distanz zwischen den Parteien verkleinern können, indem sie die Einstellungen und feindseligen Stereotypen verändert und dadurch die späteren Konfliktmöglichkeiten zwischen den Gruppen verringert." (1971, S. 100) Außerdem ist deutlich geworden, daß wenn sich innerhalb einer Gruppe eine humanistische und demokratische Ideologie entwickelt hat, diese nicht unbedingt auf die Beziehungen mit anderen Gruppen erweitert wird und somit nicht ausreicht, negative Stereotypen zu überwinden. Selbst wenn die Mitglieder einer Gemeinschaft individuell betrachtet eine tolerante und offene Einstellung Ausländern gegenüber haben, können sie sehr wohl anders reagieren, wenn sie als Gruppe einer anderen Gruppe gegenüber stehen. Somit sind Freundschaft und Feindschaft zwischen Gruppen eben Gruppenprozesse und können nicht "auf einfache Schwankungen der persönlichen Beziehungen zwischen Individuen reduziert werden" (S. 165). Die von Sherif gezogenen Schlüsse sind weitreichend durch andere Forschungen belegt worden.
Sozialer Vergleich, Identität und Diskriminierung Andere Experimente haben unterdessen, ohne die ersteren zu widerlegen, diese nuanciert und erweitert. Sie haben erwiesen, daß Konflikt und Wettstreit keine notwendigen Bedingungen sind, um diskriminierende Einstellungen entstehen zu lassen beziehungsweise um bei Individuen eine positivere Bewertung der eigenen Gruppe im Verhältnis zur fremden Gruppe hervorzurufen. Hier können die Arbeiten von Tajfel (in Doise, 1979) angeführt werden. Er versucht, die Wirkungen der sozialen Kategorisierung in "wir" und "sie" zu ergründen, jenseits von jeglichem objektiven Interessenkonflikt und jeder vorher existierenden feindseligen Einstellung. Er zeigt, daß sogar unter diesen Bedingungen diskriminierende Einstellungen und Verhaltensweisen festzustellen sind. Es gäbe also eine Art allgemeiner sozialer Einstellung, die dazu führe, die in-group der out-group vorzuziehen und dies unabhängig davon, welche Beziehungen die Gruppen objektiv betrachtet miteinander unterhalten und unabhängig von bestimmten individuellen Motivationen. Um dies zu erklären, setzt Tajfel die Kategorisierung mit der Identität und dem Mechanismus des sozialen Vergleichs in Verbindung. Jeder Mensch baut sich in der Tat seine soziale Identität ausgehend von der Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen auf, der emotionellen Bedeutung, die er ihnen beimißt und der Einschätzung, die er von ihnen hat. Da der Mensch dazu tendiert, eine positive Identität zu suchen, ist er im allgemeinen dazu geneigt, seine Zugehörigkeitsgruppen positiv zu bewerten (oder aber sie zu verlassen, wenn dies nicht möglich ist). Allerdings lebt keine Gruppe isoliert; jede Gruppe neigt dazu, sich mit anderen zu vergleichen und dieser "soziale Vergleich" bewirkt, daß die Abwertung der anderen fast immer mit der gleichzeitigen Aufwertung der eigenen Gruppe einhergeht. Es ist festzustellen, daß diese diskriminierenden Einstellungen oft in der Heranbildung der Selbstwerteinschätzung vorhanden sind. John Turner zeigt, wie sich diese Problematik in den Rahmen des sozialen Wettstreits integrieren läßt. Auch er geht von der Prämisse aus, die positive soziale Identität sei an den Mechanismus des gegenseitigen Intergruppenvergleichs gebunden. Da aber jede Gruppe dieselbe Vorgehensweise hat, folgt daraus eine Art Wettstreit der Gruppen um die positive Identität, was wiederum eine Rivalitätssituation zur Folge hat. Somit ist ein objektiver Interessenstreit zwar nicht Bedingung für Wettbewerb und Rivalität zwischen Gruppen, kann sie aber wohl verschärfen. Die Funktion von Stereotypen und Vorurteilen in Beziehungen zwischen Gruppen Für die Analyse der spezifischen Funktionen von Vorurteilen und Stereotypen in der Kommunikation zwischen Gruppen empfiehlt es sich, drei Vorstellungsformen zu unterscheiden: induzierte Vorstellungen, rechtfertigende Vorstellungen und antizipatorische Vorstellungen (Doise, 1979). - Wenn man von induzierten Vorstellungen spricht, meint man, daß sie bestehende oder vergangene Beziehungen zwischen Gruppen widerspiegeln. So haben sich seit zwei Jahrhunderten die Stereotypen der Franzosen im Hinblick auf Deutsche entsprechend den Widrigkeiten der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen beider Länder entwickelt. - Mit den rechtfertigenden Vorstellungen kommen wir zu der am häufigsten durch Beobachtung und Experiment herausgearbeiteten Funktion. Man kann zum Beispiel feststellen, daß zu allen Zeiten Eroberer, Kolonisatoren und Unterdrücker ihre Macht durch ein abwertendes Bild der betroffenen Volksgruppen bzw. der unterdrückten Völker gerechtfertigt haben. - Aber Vorurteile können auch eine vorgreifende Funktion haben; sie bereiten dann auf der Vorstellungsebene die Situation vor, die die Gruppe ansteuert, oder die Handlung, die sie in die Tat umsetzen möchte. So sind im Nazi-Deutschland die negativen Stereotypen bezüglich der Juden, deren Verfolgungen vorausgegangen und haben diese begünstigt. Bilder, die einer Gruppe bestimmte Charakteristika zuordnen, erleichtern die Handlung, die ihr gegenüber unternommen wird.
2. Sozio-kognitive Mechanismen Stereotypen und Vorurteile sind Teil einer spontanen Neigung des menschlichen Geistes zur Schematisierung als Versuch, die Umwelt zu beherrschen. Dieser kognitive Prozeß der Schematisierung enthält gut bekannte Mechanismen, die hier nur angeführt seien: Klassifikation, Zuschreibung und Kategorisierung. Genauer gesagt wird ein Mensch aufgrund bestimmter Merkmale (wie zum Beispiel sein Äußeres) und unter gleichzeitiger Vernachlässigung anderer einer Kategorie zugewiesen. Die Zugehörigkeit eines Menschen zu einer bestimmten Gruppe aber führt wiederum dazu, daß ihm alle Charakteristika dieser Kategorie zugeordnet werden. Je weniger man über einen Menschen oder eine Gruppe weiß, desto eher ist man dazu geneigt, ihm die Merkmale derjenigen Klasse, der er angehört, zuzuordnen. Der Mechanismus der Schematisierung dient also dazu, die soziale Umwelt zu erfassen, zu ordnen und zu systematisieren. J. Bruner und H. Perlmuter haben die Entstehung des ersten Eindrucks untersucht, wenn sich fremdländische Personen gegenüber stehen (in Doise, 1979). Sie haben den Einfluß der Kategorisierung auf diesen Prozeß herausgestellt. Wenn man jemandem einen Franzosen, einen Deutschen und einen Amerikaner vorstellt, so wird sein jeweils erster Eindruck die nationalspezifischen Unterschiede betonen: so wird ihm der Franzose "besonders typisch französisch", der Deutsche "besonders typisch deutsch" und so weiter, erscheinen. Die Zugehörigkeit zur Kategorie wird umso mehr die Vorstellung, die man sich von einer Person oder Gruppe macht, beeinträchtigen, je schlechter man die Kategorie kennt. Folglich wird der Mensch bei interkulturellen Kontakten oft dazu neigen, die Unterschiede zwischen einem Ausländer und einem Landsmann zu übertreiben, und er wird eine umso stereotypisiertere Vorstellung vom Ausländer haben, je weniger ihm dessen Kultur bekannt ist. Eine Person als einer Kategorie zugehörig zu erkennen, führt dazu, ihr die mit dieser Kategorie verbundenen Merkmale zuzuschreiben und insbesondere diejenigen zu betonen, welche ihre Kategorie von der eigenen, zu der man selber gehört, unterscheiden. (Ein Franzose wird einen Deutschen mit den Zügen "versehen", die, wenn man so will, die beiden Nationalitäten voneinander unterscheiden: Ernsthaftigkeit, Diszipliniertheit, Schwerfälligkeit, und so fort). Andere Studien, wie die von H. Tajfel zeigen, daß die Unterschiede zwischen Mitgliedern einer Volksgruppe in Bezug auf stereotypengemäße Merkmale geringer eingeschätzt werden, als in Bezug auf solche Merkmale, die nicht zum Stereotyp dieser Volksgruppe gehören. Es gibt also eine Tendenz, die Angehörigen einer Nationalität als ähnlicher und als "typischer" wahrzunehmen, als sie es in Wirklichkeit sind. (So würde man urteilen, die Franzosen haben generell einen Sinn für's "sich zu helfen wissen", wohingegen man sie, was ihren Unternehmergeist betrifft, differenziert betrachten würde). Zusammenfassend kann man sagen, daß die Wahrnehmung des Ausländers und Fremden mehrere Mechanismen beinhaltet: - einen Kontrasteffekt, der dazu führt, die Unterschiede zwischen den Angehörigen verschiedener Nationen zu betonen;
3. Erklärende Theorien In einer geraumen Anzahl von Theorien wurde versucht, das Entstehen von Vorurteilen und Stereotypen bei Individuen oder in Gruppen zu erklären. Die einen stützten sich dabei auf eine psychoanalytische Sichtweise (Dollard, Adorno, ...), andere auf die Theorien vom sozialen Lernen. J. Dollard war einer der ersten, die versuchten, die Vorurteilen zugrunde liegende psychologische Dynamik zu erklären. Seine Hypothese lautet, Vorurteile kämen durch angestaute Aggressivität in Frustrationssituationen zustande. Bei Frustrationen werden in der Tat Spannungszustände ausgelöst, die, wenn sie sich nicht am Verursacher entladen können, auf Sündenböcke geleitet werden. Häufig sind es die schwächsten Gruppen (wie Ausländer) die als Zielscheibe für solche Angriffe ausgewählt werden. Aus diesem Grund stellt man regelmäßig fest, daß in Wirtschaftskrisen und in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit, die in der Gesellschaft große Frustrationen erzeugen, die Ausländerfeindlichkeit und der Rassismus zunehmen. Auch T. Adorno (1950) ist durch die psychoanalytische Sichtweise angeregt worden. Er versuchte, unter dem Begriff der "autoritären Persönlichkeit" das Profil der Menschen herauszustellen, die zu ethnischen Vorurteilen neigen. Er zeigt, daß es sich um starre Persönlichkeiten handelt, die einer strengen Erziehung unterworfen waren und so ihre aggressiven Impulse ihren Eltern gegenüber unterdrücken mußten; sie projezieren diese später nach außen auf ausländische Gruppen, zeigen aber gleichzeitig ein unterwürfiges Verhalten den Autoritäten gegenüber. Der Antisemitismus der Nazis hat selbstverständlich als Paradigma für Adornos Theorie gedient. Die vom Behaviorismus beeinflußten Theorien des sozialen Lernens postulieren, daß Vorurteile und Stereotypen während des Sozialisationsprozesses des Kindes erlernt werden. Die Einstellungen und Einflüsse innerhalb der Familie und später in der Schule spielen eine tragende Rolle. Diese Einstellungen sind wiederum selbst oft durch von den Medien verbreitete Bilder geprägt. Es besteht die Tendenz, dominante Repräsentationen zu verinnerlichen, weshalb bestimmte Minderheiten die negativen Bilder, die ihnen von der dominierenden Gruppe entgegengebracht werden, annehmen.
Aus dem Forschungslabor ins Feld Zum Abschluß dieser kurzen Übersicht können folgende Bemerkungen gemacht werden. Einmal belaufen sich die meisten Untersuchungen auf sehr dürftige Vorstellungen (Repräsentationen). Sie interessieren sich kaum für vielfältigere, differenziertere und komplexere Wahrnehmungen, die man von Mitgliedern einer anderen Kultur haben kann. Zum anderen wird der soziale, wirtschaftliche und politische Hintergrund, vor dem Stereotypen und Vorurteile auftauchen, wenig beachtet. Es wird vielmehr versucht, diese Einstellungen aus dem historischen Rahmen, in dem sie zum Ausdruck kommen, herauszulösen. Zudem haben sie sich meistens auf Experimente im Labor gestützt und mit künstlichen Gruppen gearbeitet. Die Situation im Forschungslabor aber ist steril, sehr entfernt von der konkreten Wirklichkeit, ohne daß etwas wirklich auf dem Spiel steht. Das ist so ziemlich die mahnende Bilanz, die Bourghis und Leyens unter den derzeitigen Stand der Forschungen in der Sozialpsychologie ziehen: "Wäre es nicht an der Zeit, daß sich die Forscher der sozialen Kognition mit Wirklichkeitssinn um die Begegnungen kümmerten, die in der Praxis zu Reibungen führen, als weiterhin kurzlebige Kontakte zu kreieren oder aber diese denjenigen Eliten zu überlassen, die auf der Suche nach individueller Mobilität nicht aber nach sozialem Wandel sind." (1994, S. 357) Dies ist eben die Orientierung - und darin liegt ihre Originalität - der vom Deutsch-Französischen Jugendwerk angeregten Forschungen. Sie sind an der Erfahrung (und weniger am geschlossenen Experiment) orientiert und gehen von der Beobachtung echter Begegnungssituationen aus. Sie haben bereits zu interessanten, neuen Ansätzen und zu zahlreichen Veröffentlichungen geführt, darunter die von Hans Nicklas ("Alltag, Vorurteile und interkulturelles Lernen", DFJW Arbeitstexte Nr. 1, 2. Auflage Dezember 1989), von Jacques Demorgon (1989), von Jean-René Ladmiral und Edmond Marc Lipiansky (1989), von Burkhard Müller ("Das Thomas-Mann-Syndrom oder: Die Wiederentdeckung der Vorurteile", DFJW Arbeitstexte Nr. 9, Neuauflage 1995). Diesem Ansatz fühle ich mich in meinen Forschungsarbeiten selbst verbunden und möchte die folgenden Überlegungen in diesen Zusammenhang stellen. |