Arbeitstexte de travail

Heißt interkulturelle Ausbildung Bekämpfung von Stereotypen und Vorurteilen?

E. Marc Lipiansky

Inhaltsverzeichnis

II. Wahrnehmung des Anderen und Pädagogik der Begegnungen

Die Beobachtung deutsch-französischer bzw. internationaler Austauschprogramme, die Erfahrungen der Begegnungen und der Diskussionen, die sie ausgelöst haben, ermöglichen mir ein Phänomen genauer zu erfassen, das ich bereits mehrmals in anderen Zusammenhängen festgestellt hatte. Es handelt sich um eine bestimmte Vorstellung - vor allem bei Lehrern bemerkbar - darüber, was in der interkulturellen Kommunikation Quelle der Schwierigkeiten sei.

Diese Vorstellung könnte sich in folgendes Postulat fassen lassen: "Die eigentliche Schwierigkeit in interkulturellen Begegnungen (und besonders im Schulaustausch) seien die Vorurteile. Der Kern der Sache sei, daß die Leute (Jugendliche oder Erwachsene) gewisse stereotypisierte Vorstellungen über die fremde Kultur und die Personen haben, die dann oft zu negativen Einschätzungen führen, welche wiederum Quelle für Unverständnis und für Mißverständnisse seien. Das pädagogische Wirken insbesondere Jugendlichen gegenüber müsse somit dahin gerichtet sein, 'Vorurteile abzubauen' (die Franzosen sagen 'combattre les préjugés'). Erst wenn man die Nutzlosigkeit der Stereotypen gezeigt und die Falschheit der Vorurteile erläutert habe, können Jugendliche eine 'realistische', unverzerrte Wahrnehmung des Anderen haben. Dadurch würden sich die Verständnisprobleme zwischen den Völkern erübrigen."

Diese Auffassungen und Überlegungen sind nicht vollkommen haltlos. Sie finden sogar Unterstützung durch die berufensten Erkenntnisse der Sozialpsychologie. Diese hat, wie wir gerade gesehen haben, ans Licht gebracht, welchen Einfluß Stereotypen und Vorurteile auf die Wahrnehmung ausüben und daß sie einen wesentlichen Bestandteil der Beziehungen zwischen Gruppen darstellen (weniger in Verbindung mit den vermuteten Merkmalen der Gruppe, auf die sich die Stereotypen beziehen, als mit den sozialen Vorstellungen, die durch die Beziehungen zwischen Gruppen verursacht werden). Dergleichen hat die Psychologie die "Unschärfen der Wahrnehmung" erhellt, die durch die Prozesse der Kategorisierung, der Differenzierung und des sozialen Vergleichs ausgelöst werden, welche ihrerseits Mechanismen hervorrufen wie der Generalisierung, Akzentuierung, Stereotypisierung, Assimilierung, usw.

In dieser Perspektive wird das Stereotyp als "Fehler" der Wahrnehmung verstanden, der prinzipiell ausgebügelt werden kann.

Es geht also nicht darum, die Gültigkeit und Angemessenheit dieser Mechanismen anzuzweifeln, als vielmehr darum, vor der Versuchung zu warnen, alles darauf zu reduzieren.
Dieses würde dazu führen, die Wahrnehmung des Anderen (des Fremden), allein auf solche Mechanismen zu gründen und sie somit gleichsetzen zu wollen mit Stereotyp und Vorurteil. Genau aber diese Assimilation liegt dem pädagogischen Wirken, welches Vorurteile abbauen will, zugrunde und macht aus dem Lehrer so etwas wie einen Erben der Aufklärungsphilosophie, der die Schatten des Aberglaubens im Namen des Verstandes verjagen will.

Ich möchte hier die folgenden zwei Anschauungen vertreten:
- zum einen: die Wahrnehmung des Anderen, selbst wenn sie zu einem mehr oder minder großen Teil von Stereotypen und Vorurteilen bestimmt sein kann, ist nicht allein auf diese Phänomene zurückführbar.
- zum anderen: nicht allein Vorurteile - als Produkte der sozialen Gedankenwelt
- wirken sich in der Beziehung zum Anderen problematisch aus, sondern ebenso und in mindestens genauso hohem Maße die Wirklichkeit selbst.

 

1. Vorstellungen als komplexes Phänomen

Die Vorstellung, die man sich von einem Fremden machen kann, ist ein komplexes Phänomen, in das vielfältige, unterschiedliche Elemente (kognitiver, affektiver, verhaltens-mäßiger, ideologischer Natur ...) einfließen. Einige davon können überhaupt vor jeglicher Begegnung existieren; sie entstehen weniger im Kontakt mit dem Anderen selbst, als vielmehr im Bade der die andere Kultur umgebenden Stimmung, der kulturellen Bilder aus der Geschichte, welche durch den sozialen Dialog, das familiäre Milieu und die Medien weitergegeben werden. So gibt es in Frankreich eine bestimmte Vorstellung von "dem Deutschen", welche von einer langen Tradition, beruhend auf den fast ein Jahrhundert lang konfliktreichen Beziehungen zwischen den beiden Ländern, getragen wird; so kann sogar jemand, der noch nie Deutsche gesehen hat, dennoch ein Bild von ihnen haben: dies ist die reinste Form des Vorurteils.

Man hört oft, diese Vorurteile stammten aus einem anderen Zeitalter, seien heute überwunden und die heutige Jugend sei weitgehend von ihnen befreit... Sicherlich, die Vorurteile der Franzosen den Deutschen gegenüber haben heute an Schärfe verloren und haben sich vielleicht verändert (wenngleich auch die Umfragen eine manchmal erstaunliche Unerschütterlichkeit bestimmter Stereotypen zeigen). Es wäre aber absolut illusorisch zu glauben, daß die jungen Leute, nur weil sie die Zeiten der Konflikte und Kriege nicht erlebt haben, frei von allen Vorurteilen seien. Ein Kind ist sogar sehr empfänglich für sie; es hat weniger als der Erwachsene die Fähigkeit zu relativieren und die Urteile und Vorstellungen, die ihm durch Kultur und Gesellschaft übermittelt wurden, in Frage zu stellen. Der zeitliche Abstand zu den traumatischen Ereignissen der deutsch-französischen Beziehungen hebt nicht unbedingt die Last der Geschichte auf. Nur, je mehr Zeit vergeht, umso verschwommener und schematischer wird das verbleibende Gedächtnisbild dieser Geschichte und führt damit oft zu einer vereinfachenden, verkümmerten Sicht der Vergangenheit.

Aber Stereotypen sind nicht unbedingt auf Vorurteile zurückführbar. Weitere können auch im Kontakt selbst entstehen. Auf einer Reise nach Deutschland, zum Beispiel, trifft ein Franzose einige Bewohner dieses Landes; aufgrund eines Generalisierungsmechanismus, kann er daraus ein bestimmtes Bild "der" Deutschen ziehen. Diese Wahrnehmungen werden teilweise von seinen vorher bestehenden Vorstellungen beeinflußt, die die Tendenz aufweisen, seinen Selbstwert zu bestätigen (man meint die Leute so zu sehen, wie sie sind, weil man glaubt, daß sie so sind, wie man sie sieht). Aber diese Wahrnehmungen resultieren auch aus der direkten Erfahrung, welche allerdings immer nur partiell ist (da der Kontakt mit Leuten passiert, die einem bestimmten sozialen Milieu angehören, in dieser oder jener Stadt wohnen, die in dieser oder jener Region liegt ...). Von daher ist jegliche Generalisierung unsicher. Es handelt sich um eine Art "metonymischer Illusion", die darin besteht, einen Teil für das Ganze zu halten. Diese Verallgemeinerung ist bereits in der Aussage selbst ent-halten: "Die Deutschen sind ..."

Die wahrgenommene Wirklichkeit ist nie eindeutig: Sind die festgestellten Verhaltensweisen 'repräsentativ' und 'charakteristisch'? Sind sie kulturspezifisch, oder enthüllen sie eine persönliche oder soziale Besonderheit (wenn ich einen deutschen Gesprächspartner, trotz guter Kenntnisse seiner Sprache, schlecht verstehe, liegt es an einer 'typisch' deutschen Denkweise, die mir entgeht? Oder ist er konfus? Ist seine Wesensart in den Denkgewohnheiten seines Berufes verankert oder in seinem Milieu, das ich schlecht kenne, usw.?).

Es sei hinzugefügt, daß die Realität des Anderen immer subjektiv empfunden wird, das heißt von einem bestimmten subjektiven Bewußtsein (von einem ego-, sozio- und ethnozentrischen Blick) eingefangen und interpretiert wird. Allerdings kann diese Subjektivität teilweise durch eine Intersubjektivität (die Tatsache zum Beispiel, daß mehrere Personen die gleiche Wahrnehmung bestimmter Verhaltensweisen haben) überwunden werden. Es gab beispielsweise während einer Diskussion mit französischen Lehrern den Konsens, die in deutschen Klassen herrschende Atmosphäre 'anarchistisch' zu finden. Sie waren überrascht, die Schüler essen, stricken und schwatzen zu sehen. In diesem Beispiel leuchtet ein, daß dieses Urteil - es ist kein 'Vorurteil' - einen ethnozentrischen Standpunkt widerspiegelt und sich auf einen impliziten Vergleich mit französischen Klassen stützt. Es zeigt, daß die Wahrnehmung des Anderen immer in einer Beziehung steht, das heißt sie beinhaltet nicht nur den wahrgenommenen Gegenstand und das wahrnehmende Subjekt sondern auch die Beziehung, die zwischen den beiden entsteht.

 

Vorbilder und Verhalten

Eine weitere Quelle, die für Komplexität bei der Vorstellung vom Anderen sorgt, liegt in der Tatsache, daß sie sowohl an 'Vorbilder' als auch an 'Verhaltensweisen' geknüpft ist. In der Tat hat jede Kultur ihre Vorbilder, die sie den Individuen für ihre Wertschätzung als Bezüge und Prototypen anbietet (so gibt es das Vorbild des 'Kavaliers', des 'gentleman', der 'Dame' ...).

Diese ideellen, prototypischen Muster dienen oft als Bezüge, wenn man sich vorstellt, was ein 'richtiger Franzose' oder ein 'wahrhafter Deutscher' ist ... Sie stimmen natürlich nicht mit konkreten Personen überein, stellen aber dennoch die Normen dar, die die Individuen mehr oder weniger integriert haben und nach denen sie sich zu richten versuchen; sie haben also eine doppelte Wirkung auf die Verhaltensweisen: zum einen dienen sie als Bezugspunkt, zum anderen zur Vereinheitlichung. Allerdings kann das Verhalten des Einzelnen in seinem Verhältnis zu den Normen auch von diesen abweichen.

Diese Unterscheidung zwischen Vorbild und Verhaltensweise kann neues Licht auf eine lange Diskussion werfen, die sich bei einem deutsch-französischen Treffen entspann und in der es darum ging, ob die Deutschen pünktlich seien oder nicht. Man kann sagen, es handelt sich um eine Norm, die Teil eines (zumindest traditionellen) Vorbildes ist; die Individuen können sich ihrerseits (ihrer Persönlichkeit, dem sozialen Milieu und dem Kontext zufolge) hinsichtlich dieser Norm in Einklang, nicht betroffen fühlen oder gar ihr entgegenwirken (diese Reaktion wird vor allem in einigen intellektuellen oder unkonformistischen Kreisen spürbar, in denen es darum geht, sich von der, als etwas verstaubte Stereotype wahrgenommenen Norm abzugrenzen); dasselbe könnte zum Thema 'Disziplin', 'Sauberkeit', usw. gesagt werden.

Dazu kommt, daß Leute, die bereits an den Begegnungen teilgenommen haben, dazu neigen, ihr Verhalten zu verändern, um zu zeigen, daß sie ihrem Partner und den seiner Kultur entsprechenden Normen nahe stehen. Zum Beispiel geben sich junge Franzosen zur Begrüßung üblicherweise gegenseitig links und rechts Küßchen auf die Wange. Fremde, für die dieses Verhalten eigentlich nicht Sitte ist, können es annehmen, um sich ihnen anzunähern.

In der gleichen Weise appellieren die Deutschen, wenn sie die Franzosen als nationalistisch bezeichnen, weniger an einen individuellen Charakterzug (der bei den Teilnehmern an interkulturellen Veranstaltungen wenig vorkommt), als vielmehr an eine in Frankreich dominante Ideologie (die allerdings anderen Ideologien und anderen Traditionen zuwider läuft), die mehr oder weniger von den Individuen integriert wurde und zu chauvinistischen Einstellungen führen kann; allerdings besteht nicht immer Einklang zwischen kundgegebener Ideologie und tatsächlichem Verhalten.

Ein weiterer Faktor, dem man Rechnung tragen muß: die Wirkungen der Interaktion. Man kann einem Ausländer gegenüber dazu verleitet sein, die Züge, die zum Vorbild gehören, zu akzentuieren (so gilt zum Beispiel die Gastronomie als herkömmliches, französisches Vorbild; eine französische Familie, die einen Deutschen bei sich empfängt, möchte sich möglicherweise 'à la hauteur' zeigen und wird ihm ein vollkommen anderes Gericht servieren, als sie es täglich selber ißt; der Deutsche wird daraus den Schluß ziehen, daß die Küche für die Franzosen ungemein wichtig ist und sie viel zu viel essen).

Ich habe nicht versucht, eine allumfassende Aufzählung aller an der Vorstellung vom Anderen beteiligten Elemente und Prozesse zu erstellen; es ging mir lediglich darum, auf die Komplexität hinzuweisen, die sie ausmacht, und die nicht auf die viel zu engen Begriffe von Stereotyp und Vorurteil reduziert werden kann.

 

2. Der kulturelle Unterschied

Die zweite von mir vorgeschlagene Hypothese lautet, daß in gleichem Maß wie Vorurteil und 'Wahrnehmungsunschärfen' auch die Realität des Unterschiedes selbst ein Problem in der interkulturellen Kommunikation darstellen kann.

Dies stellt die Auffassung in Frage, der zufolge die Schwierigkeiten in den Beziehungen lediglich daher existieren, weil die Leute ein stereotypisiertes Bild der Ausländer/Fremden in sich tragen und ihnen gegenüber Vorurteile hegen. Natürlich können solche Einstellungen tatsächlich Grund für Negativurteile, Ablehnung, Diskriminierung und Unverständnis sein (oder umgekehrt auch für 'positive' Vorurteile, deren Angemessenheit ebenso fragwürdig sein kann wie die der negativen). Aber darin liegen nicht die einzigen Ursprünge solcher Reaktionen.

Man kann eine direkte und tiefe Kenntnis des Anderen haben, seine Verhaltensmodi und seine Denkweisen kennen, ohne daß dies ablehnende Haltung, Intoleranz oder Mißverständnisse verhindert. Das Beispiel der derzeitigen Konflikte innerhalb Jugoslawiens hält uns das in tragischer Weise vor Augen. Bevölkerungsgruppen, die jahrelang nebeneinander gelebt haben, sind heute soweit gekommen, sich gegenseitig zu zerreißen. Selbstverständlich sind die Gründe für diesen Zustand nicht nur psycho-soziologischer Natur; politische und historische Faktoren, sowie nationale Interessen spielen eine maßgebliche Rolle; aber alle diese Faktoren für sich allein genommen, könnten sich wahrscheinlich nicht zu solchen Konflikten ausweiten, würden sie nicht auch gleichzeitig kulturelle und psychologische Zwietrachten wiederbeleben.

Die Konfrontation mit der Andersartigkeit (in ihren objektivsten Aspekten, die sich vom kulturellen Unterschied her ableiten) können aggressive Reaktionen hervorrufen und zu Verdammung und Ablehnung führen. Natürlich ist das nicht immer so. In einigen Bereichen (Küche, Ästhetik, Kunst...), wird das Anderssein oft gerne akzeptiert und wird selbst zum Gegenstand der Neugierde, der Anziehung und des Interesses. Diese aufgewerteten Bereiche werden im übrigen auch als höchster Ausdruck der Kultur erachtet (in Bezug auf das Bild des 'Kulturmenschen', der kennt und versteht). Vollkommen anders sieht es aus, sobald es um die tiefstliegendsten Werte und den 'Habitus' geht, die Bestandteil der eigenen Identität sind.

Der vom französischen Soziologen Pierre Bourdieu vorgeschlagene Begriff des Habitus bezeichnet das einer sozialen Gruppe eigene System von Werten und Urteilen, von Denk- und Verhaltensweisen und von existentiellen Einstellungen, welches tief von den Mitgliedern der Gruppe verinnerlicht wurde. Der Habitus bedingt stark die Art und Weise, wie wahrgenommen, wie die Verhaltensweisen und Einstellungen anderer interpretiert und wie solche, die als den eigenen ähnlich und vertraut empfunden werden, von anderen, als fremd wahrgenommenen, unterschieden werden. Unterschiede auf der Ebene des Habitus ziehen oft heftige Reaktionen nach sich. Sie sind zum Beispiel in Erscheinung getreten, als in einer Begegnung die Sprache auf die Einstellungen bezüglich der Verhaltensweisen bestimmter ausländischer Gruppen, wie zum Beispiel die Zigeuner in Deutschland oder die Rumänen in Frankreich kam. Das systematische Betteln brachte einige Teilnehmer sehr auf; dabei handelte es sich aber nicht um 'Vorurteile', sondern vielmehr um einen Werteschock und um ein Urteil über die besagten Verhaltensweisen, welche im Widerspruch zum Habitus der eigenen Kultur stehen. Selbst innerhalb der deutsch-französischen Beziehungen kann es zu Zwistigkeiten dieser Art kommen (aber sie treten nur selten in kurz andauernden Begegnungen auf).

Das bedeutet, daß es eine "Toleranzschwelle" für die Akzeptanz der Unterschiede gibt, von der ab dieser Unterschied schwer erträglich und nicht mehr zugelassen wird. In diesem Moment tritt der ethnozentrische Reflex wieder auf. Da diese Verhaltensweisen unsere Werte (Sauberkeit, Redlichkeit, die Notwendigkeit zu arbeiten, usw.), an denen wir stark hängen, verletzen, werden sie als unmoralisch, schockierend und unanständig bewertet. Sie stellen die Grundfeste unserer Identität in Frage und werden daher als Aggressionen empfunden, die eine moralische Mißbilligung und Verurteilung als Antwort rechtfertigen.

In diesem Fall sind die "Wahrnehmungsunschärfen" nicht vorrangig: es sind weniger Stereotypen oder Vorurteile, die den Konflikt auslösen, als vielmehr die Wirklichkeit des kulturellen Unterschiedes selbst (Nachbarschaftserfahrungen und die Schwierigkeiten, die sich aus ihnen ergeben können, veranschaulichen diesen Punkt in analoger Weise).

 

3. Pädagogische Auswirkungen

Welche Konsequenzen soll man aus dieser Analyse für interkulturelles Lernen ziehen?

Wenn dieses sich zum Ziel setzt, "Vorurteile abzubauen", so läuft es stark Gefahr, die wichtigsten auf dem Spiel stehenden Faktoren außer acht zu lassen.

Umso mehr, als diese Diskussion eine ethische Färbung trägt, die zwar an und für sich durchaus anerkennenswert, aber moralisierend ist und damit in erster Linie hemmend wirkt auf die tiefsitzenden Reaktionen derer, die ausgebildet werden sollen, sie aber nicht auslöscht. Dies hat zur Folge, daß Einstellungen der Verneinung und der Idealisierung entstehen. Damit verläßt man aber meiner Ansicht nach den Bereich des Lernens und der Ausbildung zugunsten dessen der "Instruktion". Im allgemeinen Einvernehmen und mit gutem Gewissen wird man Vorurteile (die per Definition immer die der anderen sind) anprangern und Verständnis und Akzeptanz des Unterschiedes predigen.

Die Erfahrung zeigt übrigens, daß diese pädagogische Vorgehensweise nur wenig Wirkung zeigt und meistens nur die sozial kundgegebenen Meinungen berührt, nicht aber die tieferen Einstellungen; der Jugendliche, dem man mehr oder weniger ausdrücklich zu verstehen gegeben hat, daß es "schlecht" sei, Vorurteile zu haben, wird aufhören, sie öffentlich auszusprechen, ohne aber deswegen seine inneren Überzeugungen zu verändern.

Die Stärke und die Widerstandsfähigkeit der Stereotypen und Vorurteile kommen nicht nur von Unwissenheit, Aberglauben oder einer Pervertierung der Moral. Sie rühren von den verschiedenen Funktionen her, die sie in der Dynamik der zwischenmenschlichen und Intergruppen-Beziehungen ausüben (Funktion der Absicherung, des Abbaus der Unsicherheit, des sozialen Vergleichs, der Verstärkung der eigenen Identität, der Selbstbestätigung, die die Sozialpsychologie in den Prozessen der Zuschreibung, der Kategorisation und der Stereotypisierung gut herausgestellt hat).

Das Vorurteil ist, wie Jacques Demorgon zu Recht unterstreicht, sehr stark sowohl mit der Wirkungsweise als auch mit der dynamisch-affektiven Grundlage unserer Selbst- und Fremdrepräsentation verflochten: "Wenn eine Person ihr Vorurteil aufrechterhält, weiß sie ziemlich diffus, daß sie es aus zweitrangigen Gründen beibehält. Was es für sie hauptsächlich zu bewahren gilt, ist die Handlungsfähigkeit, die sie sich auch anläßlich der Herausbildung dieses Vorurteils "erworben" hat. Sie weiß nicht, ob sie fähig ist, sich anderen Inhalten anzuschließen." (DFJW Arbeitstexte Nr. 12, Seite 44). Auf diese Prozesse einzuwirken, ist eher eine Frage der Bewußtmachung und einer persönlichen Entwicklung (die in gleichem Maße das Gefühl und den Körper, wie auch den Geist miteinbezieht) als eine Frage des Unterrichts.

Das erzieherische Vorgehen enthält zudem ein gewisses Paradox: auf der einen Seite wird übermittelt, man solle dem anderen, seiner Art zu denken und seinen Werten mit Respekt und Toleranz begegnen. Aber andererseits führt es dazu, die Denkweise der Jugendlichen zu bekämpfen und das pädagogische Projekt des Lehrers oder des Leiters als das einzig Wahre darzustellen (obwohl er oftmals lediglich seine eigenen Werte, Ideologien, die aus der Geschichte und dem sozio-kulturellen Umfeld seines Berufstandes geschöpften Einstellungen wiedergibt).

Aus all diesen Gründen dürfte sich die interkulturelle und internationale Ausbildung meiner Ansicht nach nicht als wesentliches Ziel die Bekämpfung von Stereotypen und Vorurteilen setzen.

 

Zielsetzung, Methodologie und Rahmen der Ausbildung

Welches Ziel sollte man ihr nun setzen? Es geht darum, diejenigen, die diese Ausbildung wünschen, zu einer selbstreflektierenden und intersubjektiven Herangehensweise anzuregen und ihnen somit zu ermöglichen, die Faktoren, mechanismen und Reaktionen besser zu verstehen, welche innerhalb der interkulturellen Kommunikation zum Tragen kommen.

Ein erster notwendiger Schritt in dieser Art des Vorgehens besteht im Ausdrücken der Stereotypen, Vorurteile und der gegenseitigen Vorstellungen in einer echten Begegnungssituation (in einer als urteilsfrei akzeptierten Atmosphäre). Dieses Aussprechen ist ein unerläßlicher Ausgangspunkt, da man nur mit deutlich gewordenen Vorstellungen arbeiten kann; sie stellen das Material dar, von dem ausgehend ein selbstreflektierender Ansatz aufbauen kann: Wie haben sich diese Vorstellungen herausbildet? Welchen Anteil haben bei ihnen Vorurteile und welchen die Erfahrung? In welchen Situationen haben sie sich bestätigen, bzw. erweitern lassen? Welche Wahrnehmungs- und sozio-kognitiven Mechanismen kommen zum Tragen? usw. Die Antworten auf diese Fragen führen zu einer Bewußtmachung der Zusammenhänge und der der Wahrnehmung des Anderen zugrunde liegenden Mechanismen.

Wie sehen nun die Bedingungen, der Rahmen und die Methode einer solchen Arbeitsweise aus?
Ich habe mich, für meinen Teil, auf die Erfahrungen der "Entwicklungsgruppen" (groupes d'évolution - siehe Lipiansky, 1991) gestützt. Diese Vorgehensweise schöpft ihre theoretischen Grundlagen und Methoden aus unterschiedlichen Strömungen der Psychologie: die "Gruppendynamik" Kurt Lewins; die "Begegnungsgruppen" (basic encounter groups) von C. Rogers; die "Diagnostikgruppen" (groupes de diagnostic) psychoanalytischer Färbung (W. Bion, Foulkes, D. Anzieu, R. Kaès, J.C. Rouchy ...); die systemische Sichtweise der Palo Alto Gruppe... Diese begründet sich auf der "Metakommunikation" (das heißt auf der Verbalisierung und Analyse dessen, was im "Hier und Jetzt", während der Begegnung selbst geschieht). Dies ist eine lange, schwierige Arbeit, die sich an Widerständen stößt und zu Konflikten führen kann. Sie ist aber in der Lage, zu einer Bewußtmachung und zu tiefgehenden Veränderungen zu führen.

Man trifft diesen Ansatz selten in den nationalen Institutionen (besonders den Einrichtungen für Jugendliche) an. Das Prinzip, welches deren pädagogischen Projekten zugrunde liegt, ist ein Vereinigungsprinzip (principe "associatif"): man versammelt Jugendliche, die gewisse Punkte gemein haben (Wertesystem, Ziele, Aktivitäten...), um die Ähnlichkeit unter ihnen zu erhöhen.

Dagegen würde die interkulturelle Ausbildung eher auf einem dissoziativen Prinzip (principe "dissociatif") beruhen. Und zwar insofern, als sie sich an ein Publikum wendet, welches sich durch seine kulturelle Heterogenität auszeichnet und versucht, auf der Basis des Unterschiedes einen Dialog zu ermöglichen. Insofern auch, als sie eine Arbeit der "déconstruction" (im Sinne von Zerlegung einer Konstruktion) von Vorurteilen und Stereotypen fordert, aber auch universalistischer Ideologien und nationaler Identitäten. Es geht nicht so sehr darum, zwischen den Beteiligten Beziehungen aufzubauen, die einzig und allein in Gemeinsamkeiten begründet wären, sondern gleichzeitig auch die Verschiedenartigkeiten mit ihren Höhepunkten, aber auch mit ihren Tiefen zu erleben.

Eine lediglich ideologisch begründete Bekräftigung kulturellen Relativismus sowie die Ermahnung für Toleranz und Akzeptanz des Anderen ist, wenn auch eine ethisch notwendige Grundhaltung, oft ungenügend. Wenn in der Tat einige der negativen Reaktionen aus der Realität des kulturellen Unterschiedes selbst entstehen, so reicht es nicht aus, die Leute anzuregen, diesen Unterschied zu "akzeptieren". Vielmehr muß man erkennen, was er konkret in der Kommunikation und in der Begegnung auslöst und sich genau darüber austauschen, wobei jeder seinen Standpunkt und seine inneren Werte vertreten und sagen können sollte, inwiefern die des Anderen ihn brüskieren oder schockieren. Es geht nicht darum, die Meinungsverschiedenheiten zu schlichten und Konflikte zu vermeiden, sondern darum zu erleben und zu verstehen, von welchen Quellen sie gespeist werden.

Diese Art von Austausch führt nicht unbedingt zu einer Harmonisierung oder zur Annäherung der Standpunkte, hilft aber jedem einzelnen, die Motive seiner Reaktionen und die des Anderen zu verstehen. Denn es besteht kaum eine Möglichkeit, Konflikte zu lösen oder Unverständnis zu beseitigen, wenn man nicht erfaßt, was ihnen zugrunde liegt.

Kurzum, interkulturelles Lernen sollte, anstatt Vorurteile bei Jugendlichen (oder Erwachsenen) zu bekämpfen und ihnen "gute Einstellungen" einzutrichtern, vielmehr jedem einzelnen helfen, die psycho-soziale Logik seiner Reaktionen der Andersartigkeit gegenüber zu erfassen. Denn die Beziehungen zum Anderen - zum Fremden - sind immer zweidimensional: eine Dimension der Stereotype und des Vorurteils, die im sozio-kognitiven Prozeß der Kategorisierung und der Zuschreibung verankert sind; und eine zweite Dimension, die des tatsächlichen Unterschiedes der Verhaltensmodi, des "Habitus", der Wertesysteme, der eine mehr oder weniger überwindbare Distanz zwischen den Beteiligten verursacht. Es gilt eher, diese Distanz zu berücksichtigen und mit ihr umzugehen, als die Illusion aufrecht zu erhalten, sie könne aufgehoben werden. Ein solches Vorgehen kann dem einzelnen ermöglichen, wenn er es wünscht, seine Einstellungen zu ändern und zwar im direkten Austausch mit dem Anderen und nicht innerhalb eines vorab festgeplanten Programms, mag es auch von noch so "erleuchteten" Leitern stammen.

 

Tragweite und Grenzen

Ich bin mir durchaus der Tatsache bewußt, daß diese pädagogischen Überlegungen - welche ich hier lediglich skizziert habe - Grenzen haben und eine ganze Reihe von Fragen aufwerfen, die ich abschließend zur Sprache bringen möchte.

Zunächst könnte man einwenden, es betreffe nur eine Minderheit und eine kleine Anzahl von Begegnungssituationen. Es ist klar, daß eine starke Motivation, ein gewisses Engagement und ein persönliches Miteingebundensein erforderlich sind, was man nicht unbedingt bei allen Teilnehmergruppen antrifft.

Die interkulturelle Pädagogik ist in der Tat, falls man sich auf sie einlassen will, wie C. Camilleri zu Recht erinnert, "ein riskantes Unterfangen für alle Beteiligten, wie es jedes Zusammentreffen unterschiedlicher Modelle ist" (1989, S. 395).

In diesem Sinne richtet sich diese Art der Herangehensweise zunächst an all diejenigen, die selbst in der interkulturellen Ausbildung mitarbeiten wollen (vor allem Lehrer, Gruppenleiter, Ausbilder...).

Jedoch denke ich, daß einige der dargestellten Prinzipien auch Anwendung (bzw. eine Übertragung) in anderen Situationen finden können. Ich nehme in aller Kürze den Schulaustausch als Beispiel. Ich konnte feststellen, daß den Lehrern, die ihn organisieren, oft am Herzen liegt, bei ihren Schüler, wenn sie Vorurteile und Stereotypen ausdrücken, ihr Auftauchen zu tadeln und diese "richtigzustellen". Dies geschieht selbstverständlich mit den besten erzieherischen Absichten. Die Jugendlichen nehmen sehr rasch auf, daß diese Art des Ausdrucks nicht gebilligt wird und zwingen sich möglicherweise, sie zu unterdrücken. Könnte der Lehrer nicht, anstatt die Sicht des Jugendlichen zurechtzurücken, sich für seine Denkweisen offen zeigen?

Er kann sie durch nondirektives Fragen dazu bringen, die Gründe für ihre Vorstellungen zu entdecken (vor allem mit Jugendlichen, die sicherlich fähig sind, sich auf so ein Vorgehen einzulassen): Wie sind sie entstanden? Ist es etwas, was sie gehört, oder was sie festgestellt haben? Von welchen Begegnungen oder Erfahrungen gehen sie aus? Können sie mit ihren Austauschpartnern darüber sprechen? Wie reagieren diese darauf? Interpretieren diese ihr eigenes Benehmen auch so wie sie es tun? Und so weiter ...

Man kann also mit sehr einfachen, alltäglichen Worten die an den wechselseitigen Wahrnehmungen beteiligten Mechanismen versuchen zu beschreiben.

Auf dieser Ebene versucht der Lehrer weniger, sein Wissen zu übermitteln, sondern erleichtert eine Aussprache und eine Kommunikation, was einen Nachdenkprozeß in Gang setzt. Ich bin mir sicher, daß einige Lehrer intuitiv die Vorzüge und Vorteile dieser Art von Vorgehen gefunden haben.

Ein Punkt muß noch unterstrichen werden. Trotz einer beachtlichen Anzahl von Forschungsarbeiten und Überlegungen, befindet sich die interkulturelle Pädagogik noch in ihren Anfängen. Selbst wenn sie sich auf die Beiträge der Humanwissenschaften stützen kann, so muß sie doch weitgehend ihre Methoden und Mittel selbst erfinden.

Eine der Schwierigkeiten in dieser Richtung besteht darin, daß Forschungen und Erfahrungen selbst in einer gewissen kulturellen Tradition verwurzelt sind. Wir müssen uns also vor der Versuchung bewahren, unseren Standpunkten und unseren Modellen eine universelle Reichweite zu gewähren.

Es ist im Gegenteil ratsam, sich darüber bewußt zu sein, daß unsere Konzepte über Interkulturalität Ausdruck einer ethnozentrischen Sichtweise sein können.

Darum besteht auch die erste Etappe einer pädagogischen Reflexion auf diesem Gebiet darin, die verschiedenen, nationalen Gewohnheiten im Verständnis der Begriffe, Methoden und Probleme, die dieses Gebiet in jedem Land definieren, gegenüberzustellen. Dies ist bereits eine Form interkultureller Erfahrung.

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