Arbeitstexte de travail

Überlegungen zum Spannungsverhältnis zwischen nationalerJugendarbeit und interkultureller Begegnung:
EINE
UNTERSUCHUNG IN FRANZÖSISCHEN FERIENZENTREN

Dany Robert DUFOUR
(Aus dem Französischen übersetzt von Peter Geble)

Inhaltsverzeichnis

Einleitende Bemerkungen

Unser Projekt war darauf angelegt, in einem ersten Schritt die Ferienzentren als Institution zu untersuchen: weshalb sie existieren, wie sie funktionieren, wozu sie dienen und was die Jugendlichen dort tun; in einem zweiten Schritt hatten wir dann zu untersuchen, was geschieht, wenn es in diesem Rahmen zu internationalen Begegnungen kommt, die in sich schon einen besonderen Charakter tragen.

Voraus ging allerdings eine methodische Frage: wie können diese Art von Begegnungen in den Ferienzentren überhaupt untersucht werden? Dabei scheinen mir zwei Vorgehensweisen möglich: die erste könnte man als "dokumentarische Studie" bezeichnen, die, wie ihr Name besagt, auf schriftlichen Materialien aufbaut. Im Rahmen einer solchen Untersuchung ist man bestrebt, die sachlichen Argumente, die zur Gründung der Zentren geführt haben, sowie die Entwicklung der Zentren selbst anhand von Urkunden nachzuzeichnen und im Anschluß daran Gründung und Entwicklung mit anderen Ebenen (nationalen und politischen) zu verbinden und die Erkenntnisse in einen ideologischen, sozialen und kulturellen Zusammenhang sowie in den Kontext internationaler Geschichte zu stellen. Ich habe für mich einen anderen Ansatz gewählt. Diese zweite Herangehensweise ist vergleichbar mit der ethnologischen "Feldarbeit", d.h. es handelt sich um eine Bestandsaufnahme vor Ort mit einer subjektiven Beschreibung der Qualität der Beziehungen. Mein Interesse war deshalb vor allem darauf gerichtet, was sich in den Ferienzentren abspielt, mit dem Ziel herauszufinden, wie das Leben darin von den verschiedenen Beteiligten empfunden wird. Dazu habe ich einige Ferienzentren besucht und mich dort länger aufgehalten.

Selbstverständlich gibt sich die Wirklichkeit der Zentren einem Besucher, der als Forscher vorgestellt wird, nicht spontan zu erkennen. "Wer ist das? Warum kommt er? Ist er nicht hier, um nachzusehen, ob wir den gestellten Erwartungen entsprechen?", derart sind möglicherweise die Fragen, die sich die "Beobachteten" stellen: die Organisatoren, Leiter, Betreuer und Jugendlichen.

Somit ist das, was sich dem Forscher zur Beobachtung anbietet, alles andere als "natürlich". Er kann nur das beobachten, was man ihn sehen läßt. Dies ist jedoch von Ferienzentrum zu Ferienzentrum verschieden und deshalb ergänzen sich die erhaltenen Informationen weitgehend, so daß davon ausgegangen werden kann, daß ein ausreichend repräsentatives Feld die Basis für die folgenden Ausführungen bildet.

Dieser Text beruht auf "Beobachtungen", die in den letzten Jahren in verschiedenen Ferienzentren angestellt wurden (die entsprechenden Berichte befinden sich im zweiten Teil); dieses Material müßte eigentlich noch durch all die Protokolle über die verschiedenen Treffen mit den Organisatoren, mit den "Directeurs" der einzelnen Zentren und insbesondere mit den Gruppenleitern angereichert werden.

 

 

Teil I: das System der Ferienzentren

1. Das Ferienzentrum ist ein Ort der "Absonderung" einer Altersklasse

Absonderung muß nicht immer "Apartheid" bedeuten mit der üblichen Besetzung anti-humanistischen oder einfach unmenschlichen Verhaltens. Die Behauptung, daß das Ferienzentrum auf der "Absonderung" einer Altersklasse beruht, heißt folgendes: die Ferienzentren wurden eingerichtet, um dort einen bestimmten Bevölkerungsausschnitt, nämlich die Jugendlichen, eine Zeitlang unterzubringen und sie auf diese Weise von anderen Altersklassen zu trennen.

Michel Foucault ist zum Theoretiker der Institutionen geworden, indem er ihre Entstehungsgeschichte und ihre Wirtschaftlichkeit nachzeichnete. Alles, was uns als natürlich erscheint - daß die geistig Kranken in spezialisierten Einrichtungen leben, daß die Jugendlichen sich in Ferienzentren zusammenfinden können - ist auf eine historische Entwicklung zurückzuführen. Auf der Grundlage gesellschaftlicher Entwicklung entstehen "Konstrukte" dieser Art und so geraten Körper und Energien zum Gegenstand bestimmter politischer Aussagen bzw. zu Ideologien. Für die Ferienzentren steht eine solche Analyse allerdings noch aus: wahrscheinlich trifft sich hier ein gesundheitspolitisches und pädagogisches Konzept für die Jugend (zum Thema "Erziehung" und "Gesundheit durch Sport" im 19. Jahrhundert vgl. das Buch von P. A. Rey-Herme, Les colonies de vacances en France) mit einer im Vergleich neueren Politik im Bereich der Ferien und der Freizeit.

Als Legitimation für die Trennung ließe sich eine soziale Rechtfertigung finden: die Kinder und Jugendlichen aus bestimmten benachteiligten Bevölkerungsschichten, die nicht in den Ferien verreisen können, sollten das gleiche Recht auf Entfaltung, Freizeit und Ferien haben wie die anderen auch.

Hiermit wird ein sehr wichtiger Punkt berührt. Es heißt, die Ferienzentren hätten es vielen Jugendlichen zum ersten Mal ermöglicht, "das Meer zu sehen"; sie böten auch heute noch vielen Jugendlichen die Gelegenheit, "aus ihrem üblichen Rahmen herauszukommen" und sich mit Aktivitäten vertraut zu machen, zu denen sie bis dahin aus finanziellen Gründen keinen Zugang hatten, oder weil sie ihnen "als nicht für sie bestimmt" verwehrt waren.

Das Problem liegt darin, daß dieses Argument sich auf eine psycho-genetische Begründung stützt, wobei Bezug genommen wird auf eine oder mehrere (1) kognitive und insbesondere affektive Entwicklungsphase(n), durch die sich die Altersklasse der Zwölf- bis Achtzehnjährigen auszeichnen soll.

Aber selbst wenn diese moderne Argumentation (vor nicht einmal hundert Jahren galt man schon sehr viel früher als erwachsen) eine gewisse Stichhaltigkeit für sich beanspruchen könnte (worüber ich mir nicht sicher bin (2), kann man sich die Frage stellen, wie sich daraus eine Begründung für eine "Absonderung" ableiten läßt. Diese Jugendlichen sind anders, meinetwegen! Lassen wir das einmal gelten, warum aber werden sie von anderen Altersklassen abgesondert und nicht in eine auf Gegenseitigkeit beruhende Situation mit Erwachsenen versetzt (ich betone "auf Gegenseitigkeit beruhend", denn obwohl es in den Zentren zwischen den Erwachsenen und den Jugendlichen selbstverständlich Kontakte gibt, sind das noch keine auf Gegenseitigkeit beruhende Beziehungen, sondern solche des Ansprüche-Stellens und des Ansprüche-Erfüllens; darauf werde ich später noch eingehen). Warum wird auch hier eine symmetrische Beziehung mit Erwachsenen und alten Menschen verhindert, von denen sie ebenfalls in anderen Bereichen des Lebens getrennt werden? Denn in der Schule (der einzige Ort, an dem sie mit anderen Erwachsenen als mit den Eltern zusammentreffen) ist die Beziehung pädagogischer Natur (was nicht immer gut geht), und in der Familie (wo es auch nicht unbedingt viel besser geht) erleben sie die Erwachsenen lediglich in ihrer Funktion als Vater und Mutter.

Einige Strömungen in der "aktiven Pädagogik" hatten nicht zuletzt ihren Ausgangspunkt darin, daß sie sich - unter anderem - der Trennung in Altersklassen widersetzen wollten. Der erste Aspekt liegt also in der Trennung in Altersklassen, was uns unmittelbar zum zweiten Aspekt führt, der Zusammenführung der gleichen Altersklassen. Dieses Konzept, das damit einhergeht, steckt in aller Deutlichkeit bereits im Begriff des Ferienzentrums selbst.

Eine bestimmte Altersklasse wird aus einem Gesamtzusammenhang herausgelöst und "gesondert" zusammengefaßt: in der gleichen Art und Weise werden die Kranken in Krankenhäusern aufgenommen, die geistig Kranken und Behinderten in Kliniken, die Alten in Altersheimen, die Jugendlichen in den Schulen und die Straffälligen in Gefängnissen.

Dazu kommt etwas, das ich in den von mir besuchten Ferienzentren festgestellt habe und das meines Wissens auch für viele anderen Zentren gilt: sie sind unbeweglich und überwiegend an einem bestimmten, genau umrissenen Ort fixiert, ein Zustand, an dem die angebotenen Exkursionen und Ausflüge nicht nur nichts ändern können, sondern den sie dadurch geradezu bestätigen. In einigen wenigen untypischen, aber überaus interessanten Fällen hat man es mit "beweglichen" Einrichtungen zu tun, d.h. die nicht an einen einzigen Ort gebunden sind. Dies bedeutet, daß die meisten Zentren schwerfällige materielle Infrastrukturen ins Spiel setzen, die den Raum, die Architektur vorgeben und durch die Verwaltung dieses Raumes den Rahmen für die Einteilung in verschiedene Bereiche und für die Bewegungsmöglichkeiten der Benutzer überbestimmen. Hinzu kommt, daß dieser Raum wiederum überbestimmt ist, weil die Ferienzentren fast durchweg nicht in eigens für sie konzipierten Bauten untergebracht sind (was aus ökonomischen Gründen verständlich ist), sondern sie finden Aufnahme in Räumlichkeiten, die sich für den Rest der Zeit für andere Institutionen eignen sollen: so werden Schulen, Behindertenstätten, Wohn- oder andere Heime vorübergehend dem Zweck der Ferienzentren zugeführt. Dies bleibt natürlich nicht ohne Folgen für die Zentren, denn schon in der Architektur wird diesen Orten die Zielsetzung, die "Seinsweise" der dort untergebrachten Institutionen eingeprägt: es sind keine Orte, die dazu gedacht sind, miteinander Ferien zu verbringen, sondern es sind Orte, wo gearbeitet wird oder Rehabilitationsmaßnahmen stattfinden sollen. Ihr Ziel ist es also nicht unbedingt, die Aufnahme gegenseiter Kontakte zu fördern. Anders gesagt, wenn an diesen Orten die Wände oft "hören" und manchmal auch "sehen", dann haben sie mit Sicherheit auch ein "Gedächtnis", ein "Unbewußtes", das zu grob ist, um an Freud zu erinnern, aber doch genügend strukturiert, um den Zweck, für den sie bestimmt sind, und die damit einher-gehenden Prägungen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Beweglichkeit (3) oder örtliche Gebundenheit, ein Ort für die Trennung oder nicht: dieser Streitpunkt zieht sich durch die gesamte Entstehungsgeschichte der Zentren. Eine vergleichbare Auseinandersetzung wurde in Frankreich bei der Einführung des öffentlichen Schulwesens geführt, als unterschiedliche Konzeptionen bezüglich der Schulklassen (altershomogene oder altersheterogene Gliederung) vorgelegt wurden, wobei die eine schließlich die andere (fast) vollständig ausgeschlossen hat.

Ich kann an dieser Stelle der Versuchung nicht widerstehen, einige längere Passagen aus der Rede des Bürgers Portiez, des damaligen Abgeordneten des Département Oise, zu zitieren, die dieser am 20. Messidor des Jahres II vor der Convention gehalten hat (4):
"...Durch Reisen werden die bestehenden Vorstellungen erweitert, neue Einsichten gewonnen und Vorurteile "zerstört"... Es wäre wünschenswert, wenn sich die gesamte Erziehung in tätiger Bewegung vollzöge... So widersinnig es erscheinen mag, ich möchte unser Schulwesen "ambulant" machen."
Bürger, erwägt die Möglichkeiten, die sich eröffneten, wenn an schönen Tagen eine ganze Schule aufs Land zöge und dort unter dem Schutz eines steilen Felsens, im Dickicht eines Waldes oder im Grunde eines Tales unmittelbar vor den Augen des Höchsten Wesens die Lehren der Tugend und der Liebe zur Heimat erhielte...
Wenn ausgewählt von ihren Kameraden, einige junge Leute unter der Führung eines Lehrers auf Reisen gingen. Ziel einer solchen Reise müßte es sein, einen Hafen am Meer zu besuchen, eine große Stadt, eine Landschaft, die für ihre Fruchtbarkeit berühmt ist... Schon sehe ich unsere reisenden Freunde mit ihrem Rucksack die Berge hinaufklettern, über Gräben springen und, die Unbilden der Witterung nicht achtend, patriotische Lieder singen. Noch unterwegs werden sie sich ausmalen, was sie nach ihrer Rückkehr vom Gesehenen erzählen und welche kindlichen Überlegungen sie in ihre Erzählungen einflechten werden... Auf der Reise wurden unsere jungen Leute von dem Naturschauspiel überwältigt, das sich ihnen unter den verschiedensten Aspekten darbot... Jene Felder sind unfruchtbar, weil ein fauler Bauer sie nicht pflügt. Ein umsichtigerer Grundbesitzer erhält den Lohn seiner Arbeit in der goldenen Ernte. Ihr werdet in euren Schülern die Neigung zu den Wissenschaften, zu den Künsten, zum Schönen und vor allem zur Landwirtschaft wecken; ihr werdet in ihnen den Wunsch zu lernen entfachen, denn sie werden die Notwendigkeit dazu verspürt haben...
Wenn ihr sie daran gewöhnt, des Nachts in den Wäldern zu wandern und dem Einfluß jeglicher Witterung zu widerstehen, stärkt ihr ihren Körper gegen alle Krankheiten und ihren Geist gegen die Macht der Vorurteile... Im Alter des inneren Aufruhrs werden sie von den schändlichen Genüssen lassen, die die Fähigkeiten des Menschen mindern und insgeheim den Ruin der Familien bereiten.
Überall auf ihrem Weg werden unsere Reisenden die öffentliche Meinung befragt haben, auf Veranstaltungen und bei örtlichen Vereinigungen...
Dieses Gefühl der Unabhängigkeit entwickelt sich ganz besonders durch die Gewohnheit zu reisen...
Ich überlasse es der Umsicht des Komitees für den Öffentlichen Unterricht, die Durchführung der Reisen im einzelnen zu regeln..."

Den Reisen kam also ursprünglich, bevor sie zu ideologisch besetzten Konstrukten wurden, die Aufgabe zu - wie es dieser schöne, in seiner Nostalgie überholte Text bezeugt -, mit der Welt zusammenzuführen durch eine Trennung vom "Alltäglichen", die aber nicht mit einer Absonderung zu verwechseln ist (5).

 

1) Die Besonderheit der Altersklasse der Zwölf- bis Achtzehnjährigen wird manchmal sogar dahingehend
spezifiziert, daß sie in eine Gruppe von Heranwachsenden im Voralter (12-15 Jahre) und in eine Gruppe von Heranwachsenden im Jugendalter (15-18 Jahre) unterteilt wird. zurück
 
2) Beim Kleinkind können sensomotorische und kognitive Entwicklungsphasen unterschieden werden (s. Piaget's Epistemologie). Sehr viel schwieriger ist es, das Stadium des "Jugendalters" als solches theoretisch zu begründen. Die Rechtfertigungen, die ich kenne, sind alle weder psychologischer, noch soziologischer Art, sondern soziographischer Natur: es wird Bezug genommen auf das Alter, das durchgängig eine konstante Variable darstellt, aber mit dem so umgegangen wird, daß daraus eine abgetrennte Variable entsteht. Selbstverständlich kann es vorkommen, daß man, wenn konstante und veränderbare Variablen miteinander in Beziehung gesetzt werden, dabei signifikante Korrelationen erhält: dennoch bleibt die Frage offen, ob damit wirklich etwas über die psychologische Realität der Zwölf- bis Achtzehnjährigen ausgesagt wird. Wenn dies doch geschieht, dann nur in der Gutgläubigkeit in einen "Denkfehler", der darin besteht, daß eine Hypothese bereits zur Schlußfolgerung wird: ausgehend von Ergebnissen soziologischer Art wird auf rein psychologisch begründete Grundlagen geschlossen. zurück
 
3) Unter Beweglichkeit verstehe ich nicht vorrangig ein von-Ort-zu-Ort-Ziehen, wie es von den Pfadfindern bei
der Geländeerkundung betrieben wird, sondern vor allem eine soziale Beweglichkeit, eine soziographische, eine, die auf die Welt, auf die Gesellschaft des Bürgers im allgemeinen zuführt. zurück
 
4) Zitiert nach P. A. Rey-Herme, a.a.O. zurück
 
5) Ich frage mich, ob in den Begriffen wie « randonnée » und « Entdeckung des Milieus », wie sie von einer den
C.E.M.E.A. nahestehenden Strömung der Animation verwendet werden, nicht etwas nachklingt, was auf
dem alt bekannten Grundsatz beruht: teilen, um die jeweils voneinander Getrennten gegenseitig auszuspielen,
kurzum: teilen, um zu herrschen (das kann man in theoretischer Hinsicht als zu schwach und in praktischer
Hinsicht, zumindest was die Dauer der Begegnung angeht, als zu verkürzt ansehen).

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