Arbeitstexte de travail

Interkulturelle Kommunikation und nationale Identität

Inhaltsverzeichnis

III - Zur Entwicklung institutioneller Sensibilität

Die Begegnung leitet einen Bruch ein

Eine deutsch-französische Begegnung ist ein bedeutendes Moment im Leben des Teilnehmers, sei er nun Lehrer, Schüler, Student oder junger Berufstätiger…

Sie ist ein bevorzugtes Moment der Bewußtwerdung. Der Rhythmus des täglichen Lebens mit seiner Routine und seinen Gewohnheiten ist durchbrochen. Dieser Bruch führt zu einer Distanz gegenüber dem täglichen Leben, die fast alle Teilnehmer veranlaßt, über den kulturellen und institutionellen Kontext ihres Alltags nachzudenken. Dies wird als Moment der Negativität bezeichnet: das, was fehlt, fördert das Bewußtsein für das übliche Leben.

Durch die Institutionalisierung der Begegnung (d.h. ihre Vorbereitung und ihren Ablauf) wird eine gewisse Disponibilität für das Geschehen in ihr geweckt. Gewiß wird die Erwartung an die Begegnung häufig enttäuscht. Es besteht immer eine Kluft zwischen den Vorstellungen und ihrem tatsächlichen Ablauf. Diese Kluft zwischen Erwartung und Realität erklärt sich daraus, daß eine Begegnung eben nicht das vorgeplante und organisierte (für uns erdachte?) Alltagsleben ist, das wir gewöhnlich führen.

Wir kommen an einem neuen Ort an, wir treffen neue Leute, die nicht unbedingt unsere Erwartung teilen. Das individuelle und kollektive Leben muß organisiert, manchmal ausgehandelt werden. Dieser Abbau der alltäglichen Lebensgewohnheiten und die Neu-Verhandlung über Raum und Zeit der Begegnung vergegenwärtigen uns, daß das der Routine verhaftete tägliche Leben anders sein könnte, als es irgendwann einmal instituiert wurde… Diese durch die Begegnung eingeführte Negativität erlaubt eine neue Sensibilisierung (und somit Sensibilität) für die Institutionalisierungsprozesse des sozialen Lebens.

Wenn man dieses Phänomen aus der Nähe betrachtet, wird man in seiner Beschreibung mehrere Ebenen unterscheiden können (die übrigens einander durchdringen). Diese Sensibilität kann als auf folgenden Ebenen zu erleben betrachtet werden: des Individuums, der interpersonellen Beziehungen, der Gruppe, der Organisation, der Institutionen, die eine Situation durchdringen.

Diese Sensibiiltät, die durch den von der Begegnung erzeugten Bruch hervorgebracht wurde, führt die Teilnehmer in den meisten Fällen zu einem analysierenden Verhalten und Vorgehen. Jeder einzelne versucht, seinen Platz in dem Institutionalisierungsprozeß, der sich im 'Hier-und-Jetzt' entwickelt, zu finden. Unter diesem Gesichtspunkt könnte man behaupten, daß die Begegnung die Funktion eines Analysators übernimmt, eines Arrangements also, durch das unsere Beziehung zu uns selbst, zum Mitmenschen und zu Gegenständen analysiert werden kann.



Der Begriff der Implikation (Sich-einbringen)

Jeder reagiert (bringt sich ein oder nicht) in diesem Institutionalisierungsprozeß gemäß seiner Position im täglichen Leben: die verschiedenen institutionellen Zugehörigkeiten bestimmen das Verhalten: ein Lehrer wird sich nicht so verhalten, wie ein junger Arbeitsloser… Sie werden sich (verbal und non-verbal) unterschiedlich ausdrücken. Die Begegnung hat in etwa die Funktion eines Spiegels. Sie wird als ein Arrangement zur Analyse der institutionellen Verflechtungen erlebt. Durch den Kontakt mit dem anderen (anders auf Grund seiner Nationalität, seines Geschlechts, seines Sozialstatus, seines beruflichen Werdegangs, seiner Erfahrung, seines Alters, seiner Pläne) entdeckt der Teilnehmer sich selbst. Er wird mit dem Bild konfrontiert, das er von sich gibt. Einige Teilnehmer werden sich unwohl fühlen, wenn ihnen nicht mehr der gewohnte Respekt als Hochschullehrer, als Lehrer… entgegengebracht wird. Die Hierarchie, der Respekt, die Autorität werden neu ausgehandelt. Das 'Hier-und-Jetzt' gibt den anderen einen neuen Status, mit dem man zurechtkommen muß. Diese Kluft zwischen dem gewohnten und dem in der Begegnung erlangten Sozialstatus wirft die Frage nach der Identität auf (nicht nur der nationalen, sondern auch der sozialen).

Während der Begegnung, wie sie sich herausbildet, vollzieht sich eine Analyse der unterschiedlichen Implikationen der Teilnehmer.

Die Ebenen

- des Individuums
- der interpersonellen Beziehungen
- der Gruppe
- der Organisation
- der Institutionen

sind miteinander verflochten.

Man kann verschiedene Raster benutzen, um die Zugehörigkeiten zu den einzelnen Ebenen zu verdeutlichen. Bestimmte Verhaltensweisen werden erst verständlich, wenn man die affektiven, ideologischen oder organisationellen Implikationen (Verflechtungen, Verstrickungen) der Teilnehmer mit einbezieht.

In allen Begegnungen trifft man auf unter analytischem Gesichtspunkt vielschichtige Situationen. Jemand, der auf der affektiven Ebene Schwierigkeiten hat, zieht sich auf ''gründliche" Beiträge auf der ideologischen Ebene zurück (Flucht vor sich selbst). Ein anderer Teilnehmer wird ein organisatorisches Problem in dem Moment aufwerfen, in dem eine ihn störende ideologische Auseinandersetzung sich anbahnt. Diese unterschiedlichen Verhaltensweisen analysieren das Individuum in seinem Verhältnis zur Gruppe. Bestimmte Erfahrungen führen auch dazu, daß gewisse Untergruppen besondere Einstellungen entwickeln, was ihre kollektive Identität beleuchtet.



Die Begegnung erlaubt drei Ebenen der Analyse

Es scheint, daß drei mögliche Analyseebenen im Ramen der Begegnungen unterschieden werden können:

1) die individuelle Analyse der (eigenen) Implikation

2) die Analyse der Dynamik von Untergruppen

3) die kollektive Analyse der Institutionalisierung der Begegnung selbst und dessen, was dieser Prozeß von der Gesamtheit des institutionellen Gewebes erkennen läßt.

Mit anderen Worten entfaltet sich der analytische Prozeß entweder um das Individuum, um die Gruppe oder um die Institutionen, die die Begegnung durchdringen. Diese Feststellung führt zum Begriff der Transversalität der Begegnung.



Die Transversalität

Die vielfältigen Möglichkeiten der Begegnung, im 'Hier-und-Jetzt', liegen in dem, was sie nicht ist, oder besser in all dem, auf das sie verweist.

Wenn ein Teilnehmer zum ersten Mal in einer DFJW-Begegnung ankommt, nimmt er nur wenig von dem Kontext wahr, in dem sie sich abspielt. Er hat Kontakt zu Personen, was zunächst einen großen Teil seiner Aufmerksamkeit gefangen hält. Zuallererst bemerkt er, daß einige sich lieber auf Deutsch, andere auf Französisch ausdrücken. Wenn seine institutionelle Sensibilität sich verfeinert, wird der Neuling entdecken, daß einige einen von anderen Teilnehmern verschiedenen Status haben. Er teilt z. B. sein Zimmer mit einem oder zwei anderen Teilnehmern. Andere sind in Einzelzimmern untergebracht. Er wird versuchen, die Gründe hierfür zu erfahren. Dies ist der erste Schritt zur Entdeckung der Dinge, die die Begegnung durchdringen.

Wenn sie diese Realität entdecken, reagieren einige mehr oder weniger heftig. Warum gibt es Unterschiede im Status? Sind wir nicht alle gleich? – Dies ist das Ideal der kollektiven Gleichheit, der Selbstorganisation…– Der Teilnehmer situiert sich im Feld der Ideen (seiner eigenen). Er wundert sich über eine Realität, die die Begegnung strukturiert. Unter pädagogischem Gesichtspunkt erscheint es interessant, sein Erstaunen als neuartig zu erkennen… denn derselbe Teilnehmer wundert sich in seinem Alltag nicht darüber, daß einige einen höheren Wohnkomfort haben als andere. Die pädagogische Dimension der Institutionalisierung der Begegnung besteht darin, es dem Teilnehmer zu ermöglichen, sich zu wundern, die Unterschiede aufzudecken und ans Tageslicht zu bringen. Wenn er weiterforscht, entdeckt er die Rolle der Gruppenleiter (Teamer). Diese werden bezahlt (mehr oder weniger, es gibt Unterschiede im Status). Deren Auswahl zu verstehen, bedeutet, Schritt für Schritt Einblick in die Animations- und Ausbildungspolitik des DFJW und seiner institutionellen Partner zu gewinnen. Einige Teamer sind ehemalige Gruppenberater, die an vielen deutsch-französischen Begegnungen teilgenommen haben, andere sind Mitarbeiter von Jugendverbänden, die mit dem DFJW zusammenarbeiten, andere wiederum kommen von der Universität; sie wurden engagiert, um einen spezifischen Beitrag zu leisten…

Diese Erkenntnis, zu der die institutionelle Sensibilität führt, ist mehr oder wenig scharf umrissen. Je nach seiner Motivation wird der Teilnehmer diese Dimension mit mehr oder weniger Nachdruck zu verstehen und zu analysieren versuchen.

Die Erkenntnis, daß die Begegnung vom Referat 4 des DFJW instituiert wurde, verweist auf neue Probleme. Was ist das DFJW? Warum finanziert das DFJW einen Bereich 'Ausbildung und Forschung'?… Diese Fragen ziehen das DFJW mit ins Spiel (auf die Bühne), aber auch die beiden Staaten, deren Regierungen, sowie die verschiedenen Kämpfe um Einfluß auf Entscheidungen, die sich innerhalb staatlicher Apparate entwickeln können.

Diese Dimensionen zu erkennen, gestattet, die politische Kontrolle, die über die Finanzierung dieser Begegnungen ausgeübt wird, zu verstehen… und zeigt somit an, was machbar ist und was nicht.
Eine Begegnung ist also das Resultat eines institutionellen Auftrags des DFJW und dieses oder jenes direkten institutionellen Partners: ein Auftrag, der wiederum zurückgeht auf explizite oder implizite Forderungen der Regierungen, der verantwortlichen Vertreter von deutschen oder französischen Jugendverbänden, die im Kuratorium vertreten sind oder nicht, sowie auf implizite oder explizite Forderungen der Gruppenleiter, die mit dem einen oder anderen Referat des Jugendwerks zur Entwicklung einer Politik der Forschung und pädagogischen Innovation zusammenarbeiten.

Wir stellen fest, daß die deutsch-französische Dimension der Begegnung nicht allein der Bilinguismus (die Zweisprachigkeit) ist, sondern auch die Vergegenwärtigung institutioneller Zwänge, die aus dem einen oder anderen Land stammen. Der Teilnehmer entdeckt alle Dimensionen gesellschaftlicher Anforderungen, die seinen persönlichen Bedürfnissen gegenüberstehen.



Zentrum und Peripherie

Wenn der Teilnehmer in dieser Analyse der 'Institution Begegnung' fortschreitet und somit in der Analyse der verschiedenen Institutionen, die die Realität des 'Hier-und-Jetzt' durchdringen, fragt er sich manchmal, ob es nicht, um die deutsch-französische Realität kennenzulernen, interessanter wäre, er führe nach Rhöndorf oder nach Paris, um dort die Verantwortlichen zu treffen in dem Glauben, im Zentrum befänden sich auch die meisten Informationen.

In Wirklichkeit entdeckt man, daß in der Begegnung selbst mehr Informationen vorhanden sind, als in den Gängen oder in den Büros des DFJW in Rhöndorf oder in Paris zu erhalten wären. In jeder Begegnung gibt es jemanden, der das DFJW kennt, der somit über gewisse Informationen verfügt. Häufig stößt man auf Teilnehmer, die Verantwortliche der Institution getroffen haben und die über Nachrichten verfügen, die dann so funktionieren, wie sie im Zentrum funktionieren würden.

Schließlich läßt die institutionelle Sensibilität erkennen, daß sich das Zentrum am Rande der Institution teilweise reproduziert; es ist aktiv im 'Hier-und-Jetzt' präsent, selbst wenn es an einem anderen Ort ist. Wurde nicht sogar mit viel Unbefangenheit von einer Begegnung behauptet, sie sei während ihrer Dauer der Mittelpunkt des DFJW geworden?

Andere, in einer bestimmten Situation mehr oder weniger deutlich vorhandene transversale Elemente können zu einer institutionellen Analyse sozialer Realitäten führen: Die Anwesenheit von Familien verweist auf die Familie als Institution. Die Teilnehmer werden versuchen, unterschiedliche soziale Rollen in Einklang zu bringen: die des Vaters, des Ehemannes… Die Schwierigkeiten, die entstehen, die Konflikte, die manche Mitglieder der Gruppe gegenüberstellen, funktionieren in diesem Zusammenhang wieder als Analysatoren. In der Analyse der Bedeutung der Konflikte und ausgehend von einem Einzelfall gelangt die Gruppe zu allgemeinen Aussagen. Jedes Gruppenmitglied macht sich die Analyse dadurch zu eigen, daß er sie zu seiner konkreten singularen Situation in Beziehung setzt.

Vor einiger Zeit bildeten sich in bestimmten Begegnungen 'Frauengruppen', die auf die Gestaltung und die Organisation Einfluß nehmen wollten, die aber auch – stärker politisch orientiert – die Beziehung 'Mann – Frau' (Forderung nach Parität im Team) ändern wollten… Auch diese Gruppen wirkten wie Analysatoren. Es handelt sich dabei um konstruierte Analysatoren, d. h. um bewußt ausgearbeitete Arrangements. Diesen konstruierten stehen die natürlichen Analysatoren gegenüber, die in der Begegnung unerwartet auftauchen.

In den Gruppenbegegnungen verwendet man immer noch konstruierte Analysatoren, sei es nur bei der Bildung nationaler Gruppen zu Auswertungszwecken.

Seit der Vereinigung Deutschlands drückte sich nach und nach und immer wieder zwischen Ost- und Westdeutschen eine Spaltung aus.

In vielen deutschen Institutionen können sich die Beziehungen zwischen den beiden Gruppen schwierig gestalten. In einer kürzlichen Begegnung mit drei Nationalitäten im Limousin (Deutsche, Franzosen, Italiener) war die deutsche Gruppe gleichermaßen aus Ost- und Westdeutschen zusammengesetzt. Für die Franzosen und die Italiener waren die Deutschen alle Deutsche. Aber bei ihrer Ankunft hatten die Deutschen unter sich die Mauer wieder aufgebaut. In dieser Begegnung (mit Selbstorganisation) haben die Franzosen und Italiener zunächst einmal abwechselnd das Abendessen zubereitet, bis die Deutschen meinten, sie seien an der Reihe. Die deutschen Mahlzeiten waren ein interessantes Labor deutscher Interkulturalität. Die beiden Untergruppen aus dem Westen (Frankfurt) und aus dem Osten (Cottbus) beobachteten sich zunächst einmal gegenseitig. Danach entstand eine wirkliche Zusammenarbeit mit Verhandlungen darüber, was als Gericht vorgeschlagen werden könnte.

Zwei Teilnehmer aus Berlin und Hannover hatten noch andere kulinarische Traditionen. Ein junger Ostdeutscher hat uns am Ende der Begegnung erzählt, daß dieses gemeinsame Kochen eine außergewöhnliche Gelegenheit für sie geboten hat, sich wirklich mit Westdeutschen zu begegnen. Ein Teilnehmer aus dem Westen war auch mit dieser Arbeit mit Leuten aus dem Osten sehr zufrieden. Nach diesen ersten drei Mahlzeiten wurde der Zyklus fortgesetzt: zunächst die Franzosen, danach die Italiener und dann wieder die Deutschen.

Die Küche ist ein echter Ort der Begegnung gewesen mit Diskussionen, Auseinandersetzungen. Einen Abend gab es deutsche Frikadellen mit echtem Kartoffelbrei. Sowohl die Kinder als auch die Erwachsenen waren begeistert. Die erste Mahlzeit war noch eine Nebeneinanderstellung von Gerichten aus verschiedenen Ländern. Die zweite Mahlzeit stellte eine interne Kohärenz dar, wo alles gemeinsam ausgehandelt worden war, damit es auch für die anderen (die Konsumenten) einen Sinn ergab.



Das Risiko dieser Pädagogik

Eine der möglichen Klippen dieser eine institutionelle Sensibilität anstrebenden Pädagogik (vor allem in ihren individuellen, implikationellen Dimensionen) besteht darin, beim Teilnehmer eine Überbewertung dessen hervorzurufen, was er gerade herausgefunden hat. Das 'Hier-und-Jetzt' der Begegnung bringt ihm im persönlichen Bereich so viel, daß er zu einer extremen Bewertung dieser Entdeckungen neigen kann, die bis zu einer Verneinung der außerhalb liegenden Realität führt. Wenn die institutionelle Sensibilisierung nicht mit einer Sensibilisierung für eine – wie wir es nannten – Analyse der institutionellen Transversalität verbunden ist, wird die Begegnung es den Teilnehmern kaum ermöglichen, der externen Realität gestärkt durch das, was sie während der Begegnung erworben haben, entgegenzutreten. In diesem Fall wird sie bei manchen zu nichts anderem führen als zu der Nachfrage nach einer weiteren… Es besteht die Gefahr, daß sogar eine nicht endende Nachfrage (nach Therapie?) heraufbeschworen wird, die auf die Angst verweist, mit den Belastungen des täglichen Lebens umzugehen.



Weitere mögliche Auswirkungen

Diese Art der Abhängigkeit von Begegnungen kann eine stärker organisationelle Form annehmen. Es wird nicht mehr die Nachfrage nach therapeutischer Hilfestellung vorherrschen, sondern nach einer Organisierung der bisherigen Errungenschaften. Die Begegnung wird nicht mehr als ein vorübergehendes Arrangement aufgefaßt werden, das den Teilnehmern etwas Spezifisches vermittelt, sondern sie wird in einer Kontinuität verschiedener Begegnungen betrachtet… mit Institutionalisierungsversuchen, die der Zustimmung eines Referats des DFJW bedürfen, um das Projekt in die Ausbildungspolitik aufzunehmen.

Einige Teilnehmer können manche Probleme systematisch immer wieder stellen: Probleme, die sich in Diskurse verwandeln, in von Begegnung zu Begegnung immer wiederkehrende Initiativen. Diese Art von Gefahr unterwandert die zu Beginn des Textes beschriebene Bereitschaft, neue Erfahrungen aufzunehmen. Ohne diese Bereitschaft, ohne diese Fähigkeit verliert die Begegnung ihren Erkundungscharakter und wird zu einer Situation bürokratischer Reproduktion.

In der Geschichte der Begegnungen war verschiedentlich zu beobachten, wie sie organisatorische Wendungen erhielten. Wenn die Sensibilisierung für institutionelle Probleme nur in diese Art Reaktionen einmündet, liegt der Schluß nahe, daß sie noch nicht ausreichend ist. Im Grunde genommen strebt die 'pédagogie transversaliste' an, den Teilnehmern analytisches Rüstzeug zu vermitteln, dessen sie sich außerhalb der Begegnung in der sozialen Realität, in der Alltagspraxis, bedienen können…

Allein diese Art der Aneignung und Umsetzung von Fähigkeiten macht den Wert dieser Pädagogik aus, (die garantiert, daß im Sommer ein Gruppenleiter sein Wissen nicht, um andere zu manipulieren, einsetzt, sondern um selbst ein Vermittler dieser ethnologischen und institutionellen Sensibilität zu sein.)



Objekt-Gruppe und Subjekt-Gruppe

Worauf man in solchen Begegnungen hinarbeiten kann, ist die Herausbildung (das Hervorbringen?) von Subjekt-Gruppen im 'Hier-und-Jetzt', die aber nicht unbedingt eine Institutionalisierung anstreben. Es sollte gelernt werden, sich zu organisieren, um Bedürfnisse gemeinsam zu realisieren.

Angestrebt werden kann, daß gemeinsam Voraussetzungen geschaffen werden, die es erlauben, vom Stadium der Objektivierung zum Subjekt-Sein zu gelangen. Diese Objektivierung (man wird zu einem Objekt umgewandelt) kann durch den institutionellen Auftrag von Seiten des DFJW bewirkt werden, aber auch durch jede Person oder Gruppe, die sich instituieren will, d. h. die bürokratisch die Gesamtheit des Erlebten auf bestimmte vorherrschende Ideen reduzieren will (die dann Ausschließlichkeitscharakter annehmen).
Die Subjekt-Gruppe entsteht übrigens häufig als Reaktion auf einen alles umfassenden oder "totalitären" Diskurs. So schlug jemand in Otzenhausen während eines Plenums, in dessen Inhalt die Teilnehmer ihre Interessen immer weniger wiederfanden, eine Kleingruppe vor, "um dem anderen zuzuhören". Diese Gruppe entstand und sammelte sich um die Fragen "Wie seid Ihr hierhergekommen? Wie habt ihr die Grenze überschritten?" Hervorzuheben ist, daß diese Gruppe, die von einem Franzosen angeregt wurde, sich (mit Ausnahme von zwei Deutschen) aus Franzosen zusammensetzte und Französisch sprach – im Gegensatz zum Plenum, in dem Deutsch dominierte.

Eine Subjekt-Gruppe kann auch aus dem Vorhaben, etwas gemeinsam zu schreiben, entstehen. Mehrere Personen beschließen, eine Analyse des Geschehens zu erstellen. Dabei handelt es sich um ein motiviertes, ergiebiges Schreiben, das nichts mit der offiziellen Sprache des Abschlußberichts über die Begegnung gemein hat. Während der Abschlußbericht in instituierter Sprache abgefaßt wird, ist dieses spontane Schreiben (man kann es auch als instituierendes Schreiben bezeichnen, insofern als es einer Gruppe erlaubt, sich aus dem Objekt-Sein zu lösen) ein Katalysator, um eine Gruppe zum Stadium des Subjekt-Seins zu führen.

Dieses Horchen auf die Gruppe, das es erlaubt, den Vorschlag zu machen, der die Rolle des Katalysators spielt, um die Gruppe aus ihrem Objekt-Sein herauszuführen, ist ein Beitrag der institutionellen Sensibilisierung. Dieses Horchen unterscheidet sich von manchen Manipulationen mancher Praktiken der Gruppendynamik, insofern als es nicht auf die Errichtung der Macht einer Führungsperson abzielt, sondern das Verlangen einer Gruppe entfalten will, zur Aktion überzugehen, und das ihrer Mitlieder, sich als Subjekte zu konstituieren.



Die Frage der Vereinnahmung

Wer benutzt wen? Dies ist eine Frage, die sich in jeder Begegnung stellt. Einige haben Angst, sich einzubringen, weil sie die institutionellen Prozesse nicht genug durchschauen. Die institutionelle Sensibilität kann deshalb zu einem gewissen Mißtrauen führen. Werde ich nicht manipuliert? Wer wird das von mir in einem Workshop spontan Geschriebene verwenden? Der Teilnehmer, der einen Text schreibt, vermutet, daß der Teamer ihn vielleicht für seinen Abschlußbericht verwenden wird. (Dieser Bericht ist Bestandteil der Unterlagen an das DFJW für die Restzahlung seiner finanziellen Beiträge).

Ein Teilnehmer, der sich dessen bewußt wird, erlebt diesen Wert des Geschriebenen (und demnach seine Kosten) nur noch als mögliche Vereinnahmung seiner Arbeit durch die Institution. Diese Frage kann die Frage des Parasitentums, das kann die Frage der Beziehung zu "seinem Werk" sein. In dieser Hinsicht gibt es noch Wichtiges zu analysieren, Nicht-Gesagtes zu explizieren… und zu vermitteln…

 

retour
Inhaltsverzeichnis
weiter