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Begegnungen zwischen 9- bis 11-jährigen deutschen und französischen Schülern |
Margot Umbach
Begegnungen 9 bis 11-jähriger Kinder; zur Kontaktentwicklung: Nähe - Distanz
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7. Freie Zeit In allen Begegnungen bildeten sich in der Freizeit vor allem gleichgeschlechtliche Gruppen heraus: die Jungen spielten vornehmlich Fußball oder je nach Möglichkeit Handball. Die Nationalitäten traten vorwiegend gegeneinander an. Die Mädchen bildeten kleine Gruppen, die je nach Möglichkeiten eigene Spiele spielten (Fingerspiele, Einkaufsbummel, gemeinsame Spielplatznutzung). Am Bach, beim Installieren und Ausprobieren von Wasserrädern und den damit verbundenen Wasserspielen waren Mädchen und Jungen, deutsche und französische Kinder meistens gemischt. Am Strand zum Baden, gleich an welchem, wählten die Kinder ihre Liegeplätze vorwiegend in nationalen Gruppierungen. Beim Toben mischten sich wiederum die Gruppen. Mit zu den beliebtesten Spielen (nach Interviews 1979 und 1980) gehörten Neckereien zwischen kleinen nationalen Gruppen. Formen der Neckereien, der gegenseitigen Herausforderung waren: mit Wasser spritzen, Spucken, « was Kleines klauen » und die anderen zur Jagd herausfordern, aus einem beliebigen Grund angreifen, Beinchen stellen, wegrennen, Türen aufreissen, etwas reinwerfen u. -rufen und ähnliches, Kissenschlachten, in Flucht-Verfolger-Formation über die Flure bis (meist) in eine vorhergesehene Sackgasse. Diese Spiele wurden vor allem von den körperlich relativ Großen und Kräftigen gespielt. In den Zimmern. Zudem gab es intensive Kontakte zwischen verschiedenen Zimmern. Diese Kontakte liefen sowohl zwischen deutschen und französischen Mädchenzimmern als auch zwischen deutschen und französischen Jungenzimmern. Bisweilen hatten die Kinder kleine Geschenke (Postkarten, Fotos, Selbst-Gebasteltes usw.) füreinander. Ich selbst habe diese stillen aber intensiven Kontakte vor allem durch Zufall, Gruppeninterviews und Übersetzungshilfe entdeckt. In den Gruppeninterviews wurden bevorzugte Beziehungen zwischen Kindern deutlich, die ich an öffentlichen Plätzen nie miteinander gesehen hatte, weder beim Spielen noch bei Tisch. Es zeigte sich häufig, daß solche wechselseitig als intensiv und angenehm empfundenen Beziehungen im Rahmen von Zimmerkontakten lagen. Die Übersetzungen bestätigen die Annahme von freundlichen, befriedigenden Beziehungen. Man wollte sich mitteilen, daß man sich möge, etwas aus der eigenen Familiensituation, Lieblingsbeschäftigungen, etc. War die Übersetzung erfolgt, wurde alles mit einem strahlenden Lächeln des/der Adressaten quittiert und die Antwort folgte sogleich mit neuen Fragen verknüpft. Fenster und Balustraden waren in diesem Mikrokosmos immer die "Fenster zur Welt". Man sah alles Wichtige: Personen flanierend, in Aktion, schreiend, bedächtig. Man sah "wer-mit-wem-ging", die Konstellation der Gruppen und Zugehörigkeiten. Alle betraten irgendwann einmal oder ständig diesen "Markt". Was die Zimmer/Fenstersituation so attraktiv macht, scheint mir folgendes zu sein: Während die Kinder aus - offensichtlich für sie - angenehmer Distanz die "anderen" wahrnehmen, wird in das Zimmer hinein erzählt und kommentiert. Man ist informiert, ohne notwendigerweise involviert zu sein. Will man Kontakt aufnehmen, so steht der Wurf mit irgendetwas als oft benutzter Weg offen. Die Reaktion auf einen Wurf oder Wasserguß von oben ist in den meisten Fällen klar: ein Schrei, ein Blick, die Jagd beginnt. Oder: Schimpfen, Drohen und Ähnliches. Selten habe ich echten anhaltenden Ärger erlebt. Auch « zornbebender Ärger » gehört bisweilen zum Spiel. Während einer Ferienbegegnung im Jahre 1981 spielte sich folgende Szene ab: Ein französisches Mädchen legte unübersehbares Make-up auf, zog glänzende Satinshorts an, ließ sich naßgießen und stob mit wildem Geschrei in das Jungenzimmer (Deutsche), aus dem der Guß kam. Beim Hineinrennen wurden noch zwei Erwachsene über diese "Ungeheuerlichkeit" informiert und alsbald hörte man tosendes Gejohle aus dem Jungenzimmer. Revanche ....
8. Räume - Bewegung - Kommunikationsflächen Eine Beobachtung: Als ich eine Schülerbegegnung 18 -19jähriger besuchte, nahm ich mit Betroffenheit die "Ausbrüche" wahr, die ausgelöst wurden beim Verlassen der Klassenzimmer. Es schien so, als ob "das Leben" der Schüler auf Gängen, Fluren, auf den Treppen, im Treppenhaus stattfand. Saßen in den Klassen nahezu wortlos und bewegungslos Deutsche und Franzosen nebeneinander, scheinbar (!) unfähig der anderen Sprache - die Übersetzungsleistungen waren mehr als mittelmäßig - brach Bewegung und Kommunikationsinteresse wie ein mittlerer Vulkan aus den meisten heraus, sobald sie durch die Klassentür « nach außen » traten.
Einzelne und kleine Gruppen suchten einander, Verabredungen wurden getroffen, Informationen und Pläne ausgetauscht. Die Architekten bezeichnen wohl nicht umsonst nicht die Klassen als "Kommunikationsbereich", sondern vor allem Gänge, innere « Plätze », Kreuzungen von Gängen, (Sitz-) Nischen etc.
Die Gänge: « Toben » Warum sind diese Formen so beliebt? Was ist die Funktion der endlosen Flurtobereien? Ich nehme folgendes an: Die Bewegung in den Fluren ermöglicht beliebige Distanz und Nähe, zufällige und intendierte hautnahe körperliche Erfahrungen mit den verschiedensten Kindern. Man kann sich auflauern, warten, irgendwann muß jeder "vorbeikommen". Man kann die Begegnungssituation allein herbeiführen oder in kleinen Gruppen. Die Begegnungen bringen keinerlei Verpflichtungen. Man kann verweilen oder vorbeigehen. Das Risiko, der persönliche Einsatz ist gering. Es ist nicht allzuviel Mut erforderlich, auf diese Weise ein Treffen herbeizuführen. Die Angst vor Enttäuschung ist deshalb ebenfalls relativ gering. Ich bin geneigt anzunehmen, daß viele Elemente dieser freien Begegnungssituation sich in strukturierten Spielsituationen wiederfinden.
Die Zimmerbelegung und die Funktion derselben Meine vorläufige Annahme ist, daß dieses Phänomen verschiedene Facetten hat. Das Zimmer mit vertrauten Partnern bedeutet:
Eine weitere Erfahrung: Auffallend war, daß gerade die beiden Zimmer, zwischen denen sich die hier beschriebenen Kontakte entwickelt hatten, eines in auffallendem Maße gemeinsam hatten: Sie waren nach meinem subjektiven Empfinden auf angenehme Weise wohnlicher als die anderen Zimmer. Mit kleinen Hilfsmitteln, z.B. Blumen und Zweigen hatten sich die Mädchen die Zimmer verschönt. Es schien anderen wie mir zu gehen. Während in den anderen Zimmern häufig wüste Tobereien stattfanden, die der Wohnlichkeit selten zugute kamen, "benahmen" sich in diesen beiden Räumen die hereinkommenden Kinder anders. Es war gewöhnlich ruhig. Man unterhielt sich, versuchte sich mit Gesten oder einzelnen bekannten Worten das Wichtigste mitzuteilen. Man war höflich und klopfte an. Das qroße Türengeknalle und Rumgebrülle schien hier vorbeizufluten wie um zwei Inseln besonderer Art. In dem deutschen Zimmer wohnte das unter Franzosen beliebteste Mädchen (nach meinen Interviewaufzeichnungen), in dem französischen Zimmer zwei der unter den Deutschen beliebtesten Mädchen. D.h.: die Zimmer wurden oft frequentiert, und die Kontakte der Mädchen waren außerordentlich vielfältig. Hatten sich hier Mädchen gefunden, die sich auf der gleichen "Wellenlänqe" empfanden? Jedenfalls suchten sie sich und hatten große Sympathie füreinander. Etwas ähnliches scheint sich am gleichen Ort zwischen einem deutschen und französischen Jungenzimmer abgespielt zu haben: Während ich mit einer der Zimmergemeinschaften sprach (F), kamen aus dem Nachbarzimmer (D) ununterbrochen einzelne Jungen herein. Sie setzten sich bisweilen kurz dazu, oder suchten etwas Bestimmtes, oder einer wollte einem anderen kurz beschreiben, was er mit ihm machen wollte. Meine Verblüffung wuchs, als einer der Jungen aus dem Nachbarzimmer (D) eine kleine Tasche von einem französischen Jungen aus dessen Reisetasche herausholte, daraus einen Kuli entnahm, dem dazugehörigen Jungen entsprechend Zeichen machte, dieser freundlich nickte, worauf ersterer mit dem Kuli verschwand. Solche und ähnliche Ereignisse setzen einen erheblichen Kontakt und beachtliche Übereinstimmung und Koordination voraus. Diese Jungen hatten zudem eine Reihe von Spielen entwickelt, bei denen beide Zimmer gleichermaßen verwendet wurden. Bis zu diesem Zeitpunkt, einen Tag vor der Abfahrt der Gruppe, hatte ich auf den "öffentlichen Plätzen" noch keinen dieser französischen und deutschen Jungen miteinander spielen oder in sonstigem Kontakt gesehen. Beim Essen saß man unter sich. Tischtennis spielten z.B. diese Jungen nie miteinander. Im Verlauf der Begegnungen bin ich persönlich immer vorsichtiger geworden mit Aussagen über Qualität und Häufigkeit von Kontakten zwischen deutschen und französischen Kindern. Vieles scheint nicht im "öffentlichen Rahmen" deutlich zu werden (Strand, Essen, Spiele). Das Bewußtsein der "nationalen" Zugehörigkeit verblaßte bei den hier beschriebenen Kontakten in bemerkenswerter Weise. Sie schien in vielen Situationen ohne jegliche Relevanz. Auf Bemerkungen oder Fragen nach "den französischen Kindern", bzw. "deutschen", erfolgte oft kaum eine Reaktion. Kannte man sie? Tat man etwas mit ihnen? Die Äußerungen waren mehr oder weniger indifferent. Erwähnte ich konkrete Personen, mit denen sie Kontakt hatten, wurden die Reaktionen engagiert : "Ja klar mit X,Y, das ist doch klar ..."
Die Belebung eines Raumes.
Brettspiele. Zwei Kinder, ein deutscher und ein französischer Junge, kommen herein, um Schach zu spielen. Sie sind Freunde. Lachend setzen sie sich zum Spiel, ulken herum, wer anfängt, necken sich, zeigen sich ein Paar Tricks, was man alles mit den Figuren machen kann, zeigen sich, wie man schummeln kann, konzentriert und zugleich mit dem ganzen Körper die ganze Zeit in Bewegung. Ihre Bewegungen sind offen aufeinander zu, oft schauen sie sich an und lächeln. Hat einer nach der Meinung des anderen einen Fehler gemacht, wird das Spiel durch Mimik und Gestik unterbrochen. Der andere zeigt, welche Lösungen er gewählt hätte. Beide entwickeln weitere Alternativen. Konzentration, dazwischen Nicken, Lächeln. Dann zeigt einer durch Mimik und Bewegung an, daß er das Spiel fortsetzen will. Es geht weiter. Bald sammeln sich um die Spieler mehrere Kinder, oft bis zu zehn, Deutsche und Franzosen. In einer dichten Traube hängen sie um das Schachbrett. Nähe, Interesse. Einige machen Bemerkungen zum Spiel, andere unterhalten sich, während sie in der Traube "hängen", dicht an dicht, über etwas anderes. Einmal spielen ein Deutscher und Franzose in der Traube miteinander mit zwei Handpuppen. Das Schachspiel schien sie nicht sonderlich zu interessieren. Es müssen andere Gründe gewesen sein, die sie an der Traube anzogen. Die Nähe der anderen? Daß es da gleich neben sich Kinder der eigenen und der anderen Nationalität gab? Allein und fern von der Traube setzten sie das Spiel nicht fort. In der Nähe der Traube siedeln sich an Tischen und Fensterbänken noch andere Kinder an. Einige lesen, andere erzählen. Der Raum wäre groß genug gewesen, daß sie sich gleichmäßig hätten verteilen können. Die Dichte schien anziehender zu sein. Zur gleichen Zeit befanden sich jedoch auch an anderen Stellen des Raumes einzelne oder Paare, die sich mit den verschiedensten Dingen beschäftigten, Puppen fertigstellten, Comics lasen, allein oder in kleinen Gruppen, mit Briefen beschäftigt oder mit Schreiben. In der Verteilungsdichte jedoch lag der Schwerpunkt stets in der Nähe der Traube. Die von der Traube entferntesten gehörten in den meisten Fällen derselben Nationalität an.
Wechsel. Nicht beeinflußt von der Nationalität derer, die hereinkamen oder im Raum waren, schienen die Kinder zu sein, die bei deutschen und französischen Kindern beliebt und ihrerseits sehr initiativ bei der Entwicklung von Spielen und Ideen waren. Oft initiierten diese Kinder - vor allem deutsche Jungen -dem Anschein nach mit einigem Interesse und bester Laune - Gruppen mit gemischten Nationalitäten. Es waren häufig die, die sich auch mitunter in die Zimmer der anderen Nationalität begaben, um mit ihnen dort die Betten zu teilen. Einer dieser Jungen war zum Beispiel einer der Partner in dem beschriebenen Schachspiel. |