Arbeitstexte de travail

Begegnungen zwischen 9- bis 11-jährigen deutschen und französischen Schülern
D
EUTSCH-FRANZÖSISCHE LANDSCHULHEIMAUFENTHALTE

Margot Umbach
Begegnungen 9 bis 11-jähriger Kinder; zur Kontaktentwicklung: Nähe - Distanz

Inhaltsverzeichnis

9. Nebeneinander/Zusammen

Spontane binational numerisch ausgeglichene gemischte Gruppen entstanden z.B. dann, wenn die Kinder bemerkten: Es gibt für alle etwas Interessantes und einige Kinder hatten ihre speziellen Freundinnen/Freunde der anderen Nation persönlich dazu eingeladen, z.B. Emaillieren.

Die ursprüngliche Gruppe, die sich für das Emaillieren interessiert hatte, waren deutsche Jungen und Mädchen mit einigen Freundinnen. Dann kamen langsam immer mehr französische Kinder hinzu, schließlich gab es eine riesige Runde gemischt sitzender Kinder, die sich bemühten, ihre kleinen Figuren, die vor ihnen lagen mit der entsprechenden Farbe zu versehen. Während der Arbeit selbst, die die Erwachsenen betreuten, gab es meiner Beobachtung nach wenig Kontakt untereinander, obwohl Ellenbogen an Ellenbogen sitzend. Die Aufmerksamkeit richtet sich auf die Instruktionen und auf die Beschaffung des notwendigen Materials. Hilfestellung wurde vor allem durch die Kinder der eigenen Klasse erfragt. Ein Kontakt über das Herumschieben von Farbbeuteln hinaus zwischen deutschen und französischen Kindern begann erst, nachdem die Figuren gebrannt aus dem Ofen kamen, d.h. nach dem eigentlichen Arbeitsgang. Man zeigte sie sich gegenseitig und eine Reihe von Figuren wechselten sehr schnell von deutscher in französische Hand und umgekehrt.

Ich möchte hier eine vergleichbare Situation hinzufügen. Die Gruppe beschäftigte sich mit der Bearbeitung von Holz: vier deutsche Kinder unter einer Mehrzahl französischer Kinder. Die Kinder werkelten nebeneinander her, in direktem Kontakt mit denen der eigenen Nationalität. Es hatte nicht den Anschein, daß die französischen Schüler mit den deutschen viel "zu tun" hatten. Als ich danach mit ihnen ins Gespräch komme, stellt sich heraus, daß die Kinder wechselseitig sehr genau wußten, wer von "den anderen" da war, was sie im einzelnen gemacht haben, und wie! Zwei französische Jungen haben um sich herum gar nichts wahrgenommen! « On a travaillé ».

Bei der Herstellung kleiner Segelschiffe war das gleiche Phänomen zu beobachten: Man störte sich nicht, man braucht sich nicht notwendigerweise. Man konnte Kenntnis voneinander nehmen, mußte aber nicht. Konflikte gab es daher kaum, direkte Kooperation ebenfalls selten. Kontakte beschränkten sich weitgehend auf die Übergabe von Arbeiten.

Die gemeinsame Arbeit an einer Hütte oder einem Floß bringt andere Bedingungen ins Spiel. Die Kinder sind aufeinander angewiesen. Sie müssen miteinander kommunizieren wie auch immer, sonst können sie gemeinsam nichts herstellen. Die Arbeitsgänge zwingen weitgehend zum Koordinieren der Handgriffe. Das bringt Verständigungsprobleme sehr schnell mit sich und die Notwendigkeit, nach Mitteln zu suchen, wie die fehlende Sprache zu ersetzen ist. Man lernt die anderen in ihren Fähigkeiten in Bezug auf Kooperation oder Dominanzverhalten sehr schnell kennen: Ich spüre, wenn mir jemand gegen das Schienbein tritt, wenn ihm nicht paßt, was ich tue. Ich erfahre die andere Möglichkeit, wenn mir jemand (mit Geduld) zeigt, was er von mir erwartet. In einer solchen Situation können die direkt an der Arbeit Beteiligten nicht nebeneinander herarbeiten.

 

10. Das Augenmerk auf "die andere Person"

Die äußere Erscheinungsform der Kinder verleitet den Beobachter dazu anzunehmen, daß die Kinder ohne Beziehungen mehr oder weniger nebeneinander her arbeiten, oder höchstens in einem kleinen festen Gruppenverband derselben Nationalität intensiveren Kontakt haben.

Die meisten waren jedoch bestens im Bild, was jeweils die anderen gerade taten, zuvor getan hatten und mit wem sie selbst gern etwas tun würden oder auch nicht. So gab es in verschiedenen Gruppen eine intensive Aufmerksamkeit gegenüber Jungen und Mädchen der jeweils anderen Nationalität, ohne daß notwendigerweise « konkrete gemeinsame Aktionen » zu verzeichnen gewesen wären.

 

11. Beim Essen getrennt oder zusammen

Es gab immer mehr nationale Tische als binationale. Wer sich jedoch an den nationalen befindet, bemerkt alsbald, daß diese zu solchen der anderen Nationalität zum Teil äußerst intensive Beziehungen haben. Man spricht "unter sich" über die anderen: Wer ist mit wem befreundet, wann und wo wird man sich sehen.

Da gibt es vielfach Situationen, in denen deutlich wird, daß man ein Auge hat für ein Kind einer kleinen Gruppe eines anderen nationalen Tisches : Blicke, Lächeln, ein reger Wurfverkehr von Brot, Erbsen oder anderen dazu geeigneten Gegenständen in Richtung auf die Tischgruppe von Interesse. Oft sind Inter-Tisch-Aktivitäten der Anlaß zu langen und sehr bewegten Jagden nach dem Essen draußen, auf den Gängen, im Haus.

"Die anderen" werden während des Essens kaum aus den Augen gelassen. Mädchentische mit gleichbleibender Besetzung, den Freundinnen von Zuhause her, haben andere Tische aufs Korn genommen, meist Jungengruppen. Solche Mädchengruppen sind sonst häufig - wie Zuhause - mit Vorliebe « zum Quatschen » auf ihren Zimmern, lesend, lachend - unendlicher Stoff. Bei diesen entspannten Gesprächen wird deutlich, wie genau sie alles um sich herum registrieren: Ort/Atmosphäre/Personen/Auffälliges/Unterschiedliches im Vergleich mit Zuhause.

Ich war am Anfang der Meinung, diese Gruppen seien der binationalen Situation gegenüber recht distanziert. Heute nehme ich eher an, daß ein großer Teil der Kinder mit Hilfe von und geborgen in ihrer nationalen Freundesgruppe sehr wohl mit großer Intensität die Kinder der anderen Nationalität beobachtet und vielfach "kleine Kontakte" schafft.

Zum Beispiel ist es in einer solchen Gruppe keineswegs gleichgültig, wo sie im Bus bei einem Tagesausflug sitzen : selbstverständlich und vor allem beieinander, dann aber in der Nähe derer, für die sie neu Interesse entwickelt haben. Dieses Interesse zu realisieren, entwickeln sie einiges Organisationstalent.

 

12. "Zusammenarbeiten"

Welchen Stellenwert hat das Hand-in-Hand arbeiten, die konkrete körperliche Kooperation? Optisch ergibt sich oft das Bild eines intensiven Kontaktes. Was geht dabei in den Kindern vor?

Was meines Erachtens möglich wird durch diese Nähe, ist die körperliche Erfahrung des anderen. Ist der andere verletzlich, hilfsbereit, freundlich, vertrauenswürdig oder nicht? Stößt er mich total zur Seite? Bekomme ich Angst? Tut er mir weh? Verunsichert er mich? Anders ausgedrückt: fühle ich mich mit und bei ihm sicher und genieße ich seine Gegenwart oder nicht.

Davon wird weitgehend abhängen, ob ich weiterhin seine Gegenwart meide oder suche. Dadurch, daß Sprache als Kommunikationsmittel nicht zur Verfügung steht, wird eine höhere Konzentration auf das Verhalten des/der anderen nötig.Das was tatsächlich gelebt wird, ist ausschlaggebend, vielleicht der intensivste Zugang zueinander, der unverstellteste, direkteste.

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