Arbeitstexte de travail

Begegnungen zwischen 9- bis 11-jährigen deutschen und französischen Schülern
D
EUTSCH-FRANZÖSISCHE LANDSCHULHEIMAUFENTHALTE

Lucette Colin
(Übersetzung aus dem Französischen von Gerald Prein)
Deutsch-französische Landschulheimaufenthalte oder
«Interkulturelles Lernen zwischen Grundschulklassen ohne Fremdsprachenkenntnisse»

Inhaltsverzeichnis

TEIL I

Interkultureller Kontakt - Konflikt

A. GESCHICHTEN UM EIN FLOß

1. Die Geschichte eines Konflikts zwischen den französischen und den deutschen Schülern

Das Floß ist fertig und wird zu Wasser gelassen. Seine Anziehungskraft ist enorm, und viele wollen hinauf und den kleinen Wasserlauf überqueren. Diejenigen, die es gebaut haben, akzeptieren zwar, alle auf das Floß zu lassen, meinen aber, gegenüber den anderen Kindern zusätzliche Rechte zu haben. Sie haben folgende Überlegung:

« Wir haben es gebaut, also gehört es uns! »

Es stellt sich heraus - und dies ist eine wichtige Tatsache - daß die Gruppe, die sich am stärksten beim Floßbau eingebracht hat, sich aus Teilnehmern (Kindern und Erwachsenen) deutscher Nationalität zusammensetzt.

Alles verläuft zunächst gut. Es gibt folgende Spielregel: Jeder macht eine Fahrt und gibt dann seine Schwimmweste an ein anderes Kind weiter ; jedes Kind soll zunächst einmal fahren. Zwei Lehrer sind anwesend: ein französischer und ein deutscher (er hatte die Werkstatt "Floß" geleitet).

Ein französischer Schüler, der es zu eilig hat, auf das Floß zu kommen, rutscht aus und fällt ins Wasser. Ihm passiert nichts, außer daß die Umstehenden darüber lachen und der Junge selbst dem Weinen nahe ist.

Es muß dabei gesagt werden, daß dieser Junge, Denis, sich kurz zuvor das Schlüsselbein gebrochen hatte. Es ist noch genagelt, und Denis hat deshalb von seinen Eltern zahlreiche Ermahnungen mit auf den Weg bekommen, was wir gut verstehen können. Aber Denis ist nicht nur vorsichtig, er hat Angst, fürchtet sich dauernd davor, hinzufallen, sich weh zu tun, einen Schlag abzubekommen.

Denis erklärt diese fast phobische Angst damit, daß er weit weg von seiner Familie und dem Arzt sei, der ihn behandelt hatte : "und dann", sagt Denis, "weiß mein Arzt, was ich habe, und ich hätte keine Schwierigkeiten, mit ihm zu reden, wenn mir etwas passieren würde. Wenn ich aber in ein deutsches Krankenhaus müßte, könnten mich die deutschen Ärzte ja gar nicht verstehen".

Und das versetzt ihn in Panik. Denis kommt damit zu dem Ergebnis, daß er sehr vorsichtig sein muß, genauso, wie seine Eltern es ihm gesagt haben.

Nachdem er hingefallen ist, will Denis nicht mehr auf das Floß steigen und gibt seine Schwimmweste einem deutschen Schüler. Ich finde mich selbst auf dem Floß wieder (ich bin jetzt an der Reihe), auf dem sonst nur deutsche Schüler sind. Nachdem meine Fahrt zu Ende ist, gebe ich meine Schwimmweste gemäß der aufgestellten Regel an jemanden weiter, der noch nicht mit dem Floß gefahren ist. Es ist dies ein deutscher Schüler.

Der deutsche Lehrer war unterdessen fort gerufen worden.

Meine Mitfahrer aber geben ihre Schwimmwesten nicht weiter und bleiben auf dem Floß. Es sind in der Hauptsache die Floßbauer. Später höre ich, daß sie den Wasserlauf nicht mit Hilfe des Seils, sondern mit Rudern überqueren wollten. Wichtig ist dabei auch, daß alle Umstehenden bereits mit dem Floß gefahren waren.

Das Floß wird jetzt - zumindest in der Hauptsache - von denen benutzt, die es gebaut haben.

Es sind also deutsche Schüler, die mit ihm fahren, und bald wird auf französischer Seite nur noch diese Tatsache wahrgenommen, als die Floßfahrer mit dem Floß nicht mehr ans Ufer zurückkehren.

Die andere Tatsache, daß hier die Erbauer die Früchte ihrer Arbeit genießen, wird von den französischen Schülern als Erklärung nicht angenommen. Sie sind sich sicher, daß der eine Junge dort nicht an der Gruppe teilgenommen hat, die das Floß gebaut hat. Und sie wissen genau, daß dieser Junge ein Deutscher ist.

Die Wut wird immer stärker: "Die Deutschen wollen nicht, daß wir mit dem Floß fahren!"

Geschrei und Flüche prasseln hernieder.

Und Taten folgen: die französischen Schüler beginnen, kräftig an dem Seil zu schaukeln, das über den Fluß gespannt ist und an dem man durch Ziehen das Floß bewegen kann. Dies behindert nun die "Seefahrer" sehr. Das Spiel wird jetzt immer direkter, immer aggressiver: Kieselsteine werden in die Nähe des Floßes (auf das Floß?), an den Seefahrern vorbei (auf die Seefahrer?) geworfen. Aus dem Ausrutschen von Denis wird: "Ein Deutscher hat Denis weggeschubst, um ihm seinen Platz wegzunehmen".

Da tauchen am Rand des Ufers drei deutsche Schüler auf, die einerseits die deutsche Gruppe auf dem Floß beschimpfen (sie pochen darauf, noch nicht gefahren zu sein), andererseits aber auch die französische Gruppe, deren Aggressivität gegenüber ihren Kameraden sie nicht ertragen.

Die Aggressivität der französischen Schüler verlagert sich nun auf die Gruppe der drei Deutschen und insbesondere auf den einzigen Jungen in dieser Gruppe, Andreas, der sie daran zu hindern versucht, das Seil zu bewegen. Beschimpfungen, in denen "dreckiger Schwuler" sehr häufig vorkommt (Andreas trägt einen Ohrring) und Schlägerei.

Andreas geht zu seinem Lehrer (der ja nicht selbst am Ort des Konfliktes ist) und kommt zurück, bestärkt durch das, was ihm gesagt worden ist, nämlich, daß alle auf das Floß dürfen, also in diesem Falle auch er.

Geheimgespräch zwischen den Floßbesetzern und dem Ufer, jedoch in deutscher Sprache. Die Franzosen versuchen, zu verstehen. Da laufen Andreas und die beiden Mädchen, die bei ihm sind, ans andere Ufer, an dem kurz darauf das Floß anlegt. Austausch der Schwimmwesten unter den Deutschen. Die Franzosen, die sehr schnell begreifen, was sich dort abspielt, bleiben an dem Ufer, das zu « ihrer » Seite wird. Das Territorium ist in zwei Hälften geteilt.

Die Aufregung der französischen Gruppe strebt ihrem Höhepunkt zu. Man hört das Wort « Boche! » Die Losung wird ausgegeben: "Wir versenken sie!"

Die Franzosen fangen an, heftig mit dem Seil zu schaukeln. Dies hätte gar nichts bewirkt, wenn die jungen Deutschen nicht versucht hätten, es festzuhalten. Sie klammern sich aber daran fest! Zwei Kinder fallen ins Wasser, eines kann schnell wieder auf das Floß steigen, das andere, Stefan, jedoch nicht. Der Angstschrei, der den Sturz begleitet, dieser Schrei verwandelt sich auf französischer Seite in einen Freudenschrei. "Wir haben sie geschafft, wir haben gewonnen!"

Sagen wir hier gleich, daß zu keinem Zeitpunkt eine reale Gefahr bestanden hat und Stefan das Ufer in perfektem Crowl erreicht! « Den Schwulen ins Wasser! » rufen jetzt die Franzosen.

Die französischen Mädchen "kommentieren" die Ereignisse: "Unsere sind vielleicht kleiner, aber sie sind stärker", "Wir haben die Schnauze voll von den Deutschen! Wofür halten die sich überhaupt", "Das ist Krieg" sagt Pic, ein asiatisches Mädchen, deren Eltern erst seit kurzer Zeit als politische Flüchtlinge in Frankreich sind, etc.

Das Floß kommt jetzt zum "französischen" Ufer zurück, und die Fäuste werden erhoben. Birgit (die nicht auf dem Floß ist) kommt zu Pascal und gibt ihm gestisch zu verstehen, daß er eine heftige Tracht Prügel zu erwarten hat. Die sanfte Laura antwortet ihr mit einer gedoppelten Botschaft : "Wie bescheuert die doch ist!", eingepackt in ein freundliches Lächeln und in süßlichem Tonfall, was die Franzosen zum Lachen provoziert.

Das Floß ist nun nahe am Ufer. Die Franzosen beginnen, reißaus zu nehmen. Barnabé, der "Realist", erklärt mir, daß es eine Schlägerei geben wird, was er nicht gern hat, und daß er sich lieber verstecken will.

Stefan springt als erster vom Floß und stürzt sich auf Pascal, der zu fliehen versucht.

Diese ganze Gesellschaft findet sich schließlich im Hauptgebäude wieder. Während ich gerade mit einer Kollegin über das, was eben passiert ist, diskutiere, werden wir von einem deutschen Schüler unterbrochen, der einen Dolmetscher braucht, um sich mit einem französischen Schüler auszusprechen. Dieser deutsche Schüler war nicht am Geschehen beteiligt gewesen. Er hat folgende Frage : "Erkläre mir bitte, warum die Franzosen Stefan ins Wasser geworfen haben". Der französische Schüler gibt folgende Antwort: "Sie haben Denis ins Wasser geschubst, und das war die Rache". Daraufhin antwortet der deutsche Schüler: "Na gut, dann gibt's jetzt eben Rache für die Rache".

Das Soziodrama funktioniert. Schreie, Rempeleien, Verfolgungsjagden, Schläge... Die französischen Jungen bleiben in der Nähe des Gebäudes, in dem ihre Lehrer sind. Die meisten haben es auf Pascal abgesehen (Pascal ist ein Kind, das eine ziemlich starke Randstellung innerhalb seiner Klasse einnimmt, das im allgemeinen auch ziemlich aggressiv ist und das im Konflikt um das Floß sehr aktiv war). Wenn er auch nicht von seinen Kameraden verteidigt wird, so stehen sie doch immerhin um ihn herum. Doch es kommt zu heftiger Gewalt; Pascal schluchzt. Denis, der anscheinend in seiner Nähe bleiben wollte, während alle anderen auf Distanz gingen, wird von Sven angerempelt, der eigentlich nur hinter Pascal her war. Denis Faust schlägt heftig zu. Sven fällt auf den Boden. Denis weint aufgeregt und hält sich den Arm, der genagelt ist. Sein Arm ist absolut nicht berührt worden. Der französische Lehrer kommt nun aus dem Raum und hilft, die beiden Lager zu trennen. Die Spannung fällt sofort. Die Franzosen finden wieder zueinander und die Zungen lösen sich wieder.

Was eben geschehen ist, gehört bald schon zur Geschichte, in der die Vorstellungswelt (das Imaginäre) Platz nimmt. Für alle geht es darum, wie sie sich an der Schlägerei beteiligt haben. Stolz wird erzählt, was man für Schläge verteilt hat (selbst wenn dies nicht stimmt). Man erzählt übrigens mit dem gleichen Stolz auch von den Schlägen, die man abbekommen hat. Ein Junge erzählt mir, er hätte einen Schlag abbekommen und nicht einmal zurückgeschlagen. Auf mein "warum" antwortet er: "Ich wollte mir doch nicht die Hand an einem Deutschen schmutzig machen!"

Die Bande von Sabrina und Clarisse setzt ihre Kommentare über die Kraft der Franzosen fort; die Faust von Denis wird zur Sensation. Alle versuchen, mir zu erklären, daß er "die Deutschen zu Brei geschlagen" hätte, wenn nicht sein Problem mit dem gebrochenen Schlüsselbein gewesen wäre.

Die Mädchen in ihrer Rolle der "Frau/Mutter des Helden" versorgen die Verletzten mit Küssen auf ihre « Wunden ». Die Jungen machen sich erst nachgiebig-zögernd, dann aber männlich-bestimmt von ihrer Pflege los.

Barnabé kommentiert : "Sie zeigen uns, daß sie hier zu Hause sind, daß ihnen alles gehört, das Floß und auch der Rest".

Dieser Analyse stimmt die Mehrheit zu und ein Schüler ergänzt : "Wenn wir zu Hause (in Frankreich) wären, dann wäre das nicht die gleiche Sache!"

 

2. Ein deutsch-französisches Territorium?

Diese Überlegung von Barnabé ist interessant. So erklärte sich auch die "Hüttengruppe" (Werkstatt Hüttenbau), die binational war, nur zögernd dazu bereit, auch diejenigen in die Hütten zu lassen, die nicht daran mitgebaut hatten. Diese psychologische Reaktion ist gleicher Art wie diejenige, die ursprünglich zum Konflikt um das Floß geführt hatte, bevor dieser Konflikt durch andere Variablen verändert wurde, andere Dimensionen annahm.

Die Franzosen in der deutsch-französischen Hüttengruppe äußerten zu allem Überfluß auch noch den Wunsch daß die Hütten vor ihrer Rückkehr nach Frankreich zerstört würden, gewissermaßen aus Gründen der "Gerechtigkeit", damit sie den Deutschen der Gruppe nicht weiter gehörten und ihnen selbst auch nicht mehr. Die Tatsache, daß die deutschen Jugendlichen auch nach Hause fahren mußten, wurde überhaupt nicht beachtet. Für die Franzosen blieben die Hütten in Deutschland, gehörten damit weiterhin der deutschen Nation, somit allen Deutschen, somit auch denen aus der Gruppe, die sie gebaut hatten.

Wir berühren hier das Problem der nationalen Identität. Die Franzosen der "Hüttengruppe" weigern sich, den Augenblick des Treffens als einen vorübergehenden Zeitraum anzuerkennen, der "deutsch-französisch" oder ein "Deutsch-Frankreich" wäre. Es gibt Frankreich, es gibt Deutschland; die Begegnung situiert sich entweder hier oder dort. Sie ist notwendigerweise asymmetrisch. Man weigert sich, die Zeit, den Raum und die Objekte auszuklammern, ein "Zwischendrin" anzuerkennen, das außerhalb des Makro-Sozialen läge.

Das Spiel mit dem Floß bringt auf der Ebene der Vorstellungswelt (des Imaginären) in soziodramatischer Form einen französischen Raum nach Deutschland hinein; es gibt einen Konflikt, sagen die Franzosen, weil der Raum deutsch ist. Sicherlich hätte der gleiche Konflikt auch während eines rein französischen Landschulheimaufenthalts zwischen zwei Schülerclans stattfinden können. Was hieran interessant ist, ist der Gebrauch der interkulturellen Variable durch die an den Konflikten Beteiligten und das, worauf sich diese Variable stützt.

Die französischen Mädchen in W. hatten den Wunsch geäußert, in ihrem Zimmer Sprüche anzubringen wie z.B.: "Hier waren Französinnen". Sie wollten in Deutschland nach ihrer Abreise (eine Dimension der Trauer um das Treffen) eine französische Realität hinterlassen. Es wäre (ihrer Meinung nach) unnötig, zu schreiben: "Hier waren Deutsche", denn wir sind ja in Deutschland.

Als ich die Diskussion mit Barnabé noch einmal aufnahm, war ich darüber erstaunt, dabei die typischen Aussprüche des "ausländischen Gastes" zu hören, oder sogar - gehen wir noch weiter - die typischen Reden einer kulturellen Minorität ohne territoriale Anbindung.

In der Tat verband Barnabé seinen Kommentar über den Konflikt um das Floß mit dem Problem der nordafrikanischen Arbeitnehmer in Frankreich. Letzere haben eine Unterkunft (« Hier habe ich ein Zimmer »), haben auch eine Arbeit, aber diese Arbeit bleibt in Frankreich (alles, was während des Aufenthaltes in Deutschland gebaut worden ist, bleibt in Deutschland, das Floß, die Hütten, etc.), sie sind bei uns nicht zu Hause, verstehen nicht immer Sprache und Gebräuche und wollen eigentlich immer in ihr Land zurück.

Das Deutsch-Französische kann für Barnabé nur dann existieren, wenn alle Entscheidungen gemeinsam getroffen werden. Aber er sieht von vornherein zwei Probleme. Eins davon ist mit dem Unterschied der Erwartungen und Bedürfnisse verbunden:

"Ich kenne Deutschland überhaupt nicht, ich interessiere mich für Dinge, für die sich die Deutschen nicht interessieren, weil sie die schon zu gut kennen".

Das andere Problem ist mit der Ungleichheit des Wissens verbunden:

"Wenn mir die Deutschen sagen, daß der Zoo gut ist, so kann ich gar nicht anders, als ihnen zu glauben, denn sie kennen ihn ja".

Bemerkenswert ist, daß Barnabé dazu kommt, den letzteren Punkt zu korrigieren, indem er sagt, daß sich das Problem der Ungleichheit des Wissens vielleicht viel eher stellt zwischen den Kindern einerseits - allen Kindern, Deutschen und Franzosen, und den Erwachsenen andererseits - allen Erwachsenen, Deutschen und Franzosen in diesem Falle.

Barnabé schlägt Lösungen vor, um das "Deutsch-Französische" entstehen zu lassen. Zum Beispiel, wenn es einen französischen Tag, dann einen deutschen Tag usw. geben würde.

Aber Barnabé fällt es schwer, zu erläutern, was denn ein "französischer Tag" sein soll. Er sagt, dies wäre ein Tag, an dem man französisch äße, die Betten mit Laken gemacht wären, alle Französisch sprächen. Doch dann findet Barnabé diese Definitionen idiotisch. Er meint, all dies könne es nicht geben und schlägt als letzte Lösung vor, daß Deutsche und Franzosen die gleiche Sprache sprechen. Und zwar eine Sprache, die weder das Deutsche noch das Französische wäre, sondern z.B. Englisch, und daß sie auch alles genau wie die Engländer machten: "Konfitüre auf das Fleisch tun, hohe Hüte tragen...".

Aus dieser sehr reichhaltigen Diskussion mit Barnabé finde ich bemerkenswert, welche Bedeutung dieses neunjährige Kind der Dimension der nationalen Identität beimißt. Er kommt sogar dahin, das Aufgeben der jeweiligen nationalen Identität vorzuschlagen, damit ein deutsch-französisches Territorium entstehen könne... Ich möchte auch bemerken, daß Barnabé andauernd auf das Problem der Sprache trifft, die als Institution schwer zu analysieren ist, da sie primär ist, konstitutiv für den psychischen Kern, und das hinter sich herzieht, was Lacan den "großen Anderen" nennt ; deshalb auch Barnabés Vorschlag einer gemeinsamen Sprache, die weder die französische noch die deutsche Sprache wäre.

Schließlich kann man bemerken, daß Barnabé das Deutsch-Französische und das Interkulturelle nur in der Idealperspektive der Homogenisierung betrachtet, selbst wenn er mit seinem Vorschlag der "deutschen Tage" und "französischen Tage" eine Bearbeitung der Unterschiede in Angriff zu nehmen scheint. Zuletzt zieht er diesen Vorschlag zurück, denn für ihn bleibt der Ort der Begegnung (hier Deutschland) eine der grundsätzlichen Gegebenheiten.

 

3. Eine schwierige Position für den Lehrer?

Es kann m.E. als sicher gelten, daß die eben beschriebenen Probleme um das Floß erst dann begonnen haben, als der deutsche Lehrer zu einer anderen Gruppe gegangen war. Er war in der Tat der einzige, der für die Einhaltung der Regel hätte sorgen können, und zwar aufgrund seines Platzes und seiner Querverbindungen. Er hatte an der Werkstatt "Floß" teilgenommen, sie sogar betreut, er könnte deshalb von einem Ort aus innerhalb der Gruppe sprechen ; er ist der Lehrer der Schüler, was eine gewisse Macht ihnen gegenüber beinhaltet ; er ist Deutscher und hätte somit auf Deutsch mit ihnen diskutieren können, warum ihre Haltung ein Problem darstellte...

Ich denke, daß, wenn dieser Lehrer in das Geschehen eingegriffen hätte, wenn er da geblieben wäre, er den Konflikt nicht so weit hätte kommen lassen, und wenn er nur das Problem mit seinen Schülern gemeinsam analysiert hätte.

Genauso wäre der französische Lehrer eingeschritten, wenn sich das Problem umgekehrt gestellt hätte (Franzosen auf dem Floß, die keine Deutschen darauf ließen).

Dennoch glaube ich, daß der französische Lehrer nur schwerlich eingreifen konnte. Er hat es getan, als der Konflikt gefährliche Dimensionen annahm durch das gebrochene Schlüsselbein von Denis (Denis, der außerdem noch, wie der Lehrer sagte, ein sehr nervöses Kind ist, das sehr gewalttätig wird, wenn es sich aufregt). Auch will ich nicht die erzieherische Konzeption dieses Lehrers unterbewerten, der auf jeden Fall Überblick über das Geschehen hatte und wahrscheinlich der Meinung war, er hätte hier nicht einzugreifen.

Allerdings habe ich bemerkt, daß die französischen Lehrer (Klassenlehrer, Begleiter, Direktorin...) im allgemeinen so etwas wie ein Unbehagen empfanden, wenn sie tadelnd in der deutschen Gruppe intervenierten, oder, allgemeiner gesagt, wenn sie ihr Nichteinverständnis mit dem, was geschah, zu zeigen hatten. Sie sagten nichts, taten nichts, aber dachten sich ihren Teil! Sie würden etwas gesagt haben, hätten etwas getan, wenn es eine französische Gruppe gewesen wäre. Dies ist eine Situation, wie sie jeder von uns vielleicht schon in einem anderen Zusammenhang kennengelernt hat. Wenn man sich in einer sozialen Situation befindet, in der die Verhaltensnorm von einer Minderheit übertreten wird, die zusätzlich noch eine ethnische Minderheit ist (z.B. Nordafrikaner in der Metro in Paris), dann entscheidet man sich viel später zum Eingreifen, als wenn es sich um eine von der Norm abweichende Minderheit der eigenen Kulturgruppe handelt. Diese Bemerkung betrifft nicht nur Gefühle der Mißbilligung, die man einer Minderheit gegenüber empfinden kann, sondern auch andere Gefühle und Verhaltensweisen: z.B. die Tatsache, mitzulachen. Man lacht nur dann schnell mit Unbekannten, wenn man mit ihnen ethnisch solidarisch ist... Bei Personen einer anderen Kultur gibt es im allgemeinen ein Moment der Selbstbeherrschung, das dem Mitlachen oder Mitempfinden vorausgeht... Man fühlt, daß während dieses Zeitraums, in dem dieser Übergang zum Handeln in der Schwebe steht, eine Reflexion und eine intellektuelle Kontrolle ablaufen.

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