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Begegnungen zwischen 9- bis 11-jährigen deutschen und französischen Schülern |
Lucette Colin
(Übersetzung aus dem Französischen von Gerald Prein)
Deutsch-französische Landschulheimaufenthalte oder
«Interkulturelles Lernen zwischen Grundschulklassen ohne Fremdsprachenkenntnisse»
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4. Situation Pressekonferenz in Z. Der deutsche Lehrer, der mit der Koordination der Begegnung befaßt war, hatte einige am Ort tätige Journalisten eingeladen, um ihnen das gerade ablaufende Austauschprogramm vorzustellen. Das Problem der Kommunikation zwischen französischen und deutschen Kindern wurde natürlich angesprochen. Nachdem über die non-verbale Kommunikation unter Kindern geredet worden war, stellte einer der Journalisten das "hochheilige" Problem des Sprachenlernens: "Welche französischen Wörter habt ihr gelernt?" Es werden alle Schimpfworte erwähnt, einfache Begriffe, die sich auf das Essen beziehen, wie "le pain", "l'eau", etc., sowie die klassischen Alltagssätze wie "bonjour", "au revoir", "comment t'appelles-tu ?", etc. Das interessanteste war m.E. folgende Anekdote, die eine deutsche Schülerin erzählte. Eine Französin hatte zu ihr "merde" gesagt/ihr "merde" beigebracht, und, so erzählt sie, "ich habe 'Mörder' verstanden". Erst viel später habe sie verstanden, daß "merde" so viel wie "Scheiße" bedeutet, und sie würde immer noch über ihre Verwechslung lachen, da sie zuerst "Mörder" verstanden habe. Sie situierte sich mit ihrer Aufmerksamkeit nicht im System der klassischen Übersetzung, sondern in einem persönlichen Übersetzungssystem, dessen Prozeß "wissenschaftlich" wie folgt abläuft: sie hatte tatsächlich aus dem Wort "merde" etwas herausgehört, und wenn dies nur z.B. die Aggressivität war. Das, was sie gehört hat, assoziiert sich mit einem Wort ihrer Muttersprache, das einen ähnlichen "Sinn" oder die gleiche affektive Resonanz für sie hat. Dieses Wort hat vor allem auch gleiche Laute und Phoneme, was es ihr erleichtert, es gefühlsmäßig zu verstehen. Ein wenig anders gesagt : ein Wort ihrer Muttersprache erlaubt ihr, verbal das auszudrücken, was sie in der Rede des französischen Mädchens gehört hat, und zwar, weil es gleiche Laute und Phoneme besitzt. Man kann sich auch fragen, ob ihre Freude nicht mit der Erleichterung zusammenhängt, daß man nur "Scheiße" und nicht "Mörder" zu ihr gesagt hatte. In Bezug auf die Frage, welche Übersetzung nun adäquater ist, ihre oder die klassische, so will ich mich nicht auf das Wagnis einlassen, dieses Dilemma aufzulösen. Das Vergnügen an der Verwechslung rührt auch von der Entdeckung her, daß die Wörter einen "anderen" Sinn aussagen, als den, den man vermutete. Es ist das gleiche Vergnügen wie beim Wortspiel, wie dies Freud und Lacan analysiert haben; das Vergnügen daran wird noch lebhafter, wenn der andere lacht, wenn die Verwechslung in einem zusätzlichen Register spielt. Dieses Spiel mit dem Stoff der Wörter bereitete einigen Kindern im Programm viel Vergnügen. Es läuft nach folgendem Prinzip ab : angesichts eines fremdsprachigen Wortes, sich nicht am Sinn festhalten, nicht zu verstehen suchen (im Sinne von übersetzen), sondern zu versuchen, auf der Stelle die Laute und Phoneme des fremden Wortes mit einem Wort der Muttersprache zu assoziieren, das möglichst Aggressivität oder einen Bezug zum Sexuellen beinhaltet. So haben z.B. "spät" und "bitte" verschiedenen französischen Schülern viel Vergnügen bereitet. Diese Vergnügen konnten die gleichaltrigen deutschen Schüler nicht verstehen. Doch seltsamerweise habe ich festgestellt, daß es auch zweisprachigen französischen Erwachsenen (auch wenn sie Wortspiele lieben) schwer fiel zu verstehen, was die jungen französischen Schüler zum Lachen brachte. Häufig tendierten sie dazu, da sie ja zweisprachig waren, zunächst einmal nur das deutsche Wort zu hören. "Spät" bedeutet "spät/tard" und nicht "je pete" ("ich pfurze"); "bitte" bedeutet "bitte/je vous en prie" und nicht "la bitte" etwa: (der Schwanz). Durch das Spiel mit dem fremden Wort, nimmt das Kind ihm seine Fremdartigkeit, weil es sich das Wort in einer poetischen Kreation aneignet; dadurch macht es diese fremde Sprache zu seiner eigenen, manipuliert sie, spricht sie als Musik. Die kleinen Liedchen hatten auch einen großen Stellenwert in der Begegnung der französischen und deutschen Mädchen während des Austausches zwischen B. und S. Die Liedchen begleiteten Händeklatschspiele im Kreis oder zu zweit, bei denen das Ziel darin bestand, daß eine Person Gewinner wurde, nachdem alle anderen - wie es der Zufall des Händeklatschens ergab - ausgeschieden waren. Wenn auch von den Französinnen geleitet, waren diese Spiele binational. Ich konnte bemerken, daß die Deutschen dabei entweder schwiegen und es auch schafften, sich zu integrieren, weil sie den Code des "Händeklatschens" perfekt beherrschten, oder aber mitsangen (was die Mehrheit war), da sie durch die ständige Wiederholung der gleichen Klänge mitgerissen wurden. Hier ein Lied als Beispiel: "Dans ma cabane sous terre (in meiner Hütte unter der Erde) Ich habe ein Lied gewählt, bei dem der Sinn wirklich wenig Bedeutung hatte. Diese Art von Liedern wurden von den französischen Schülern als "international" angesehen, in dem Sinne, wie Fußball oder Damespiel das sind.
5. Situation Eines Tages beschwert sich ein Mädchen, daß der Austausch nicht in Italien stattfindet. Angesichts meines Erstaunens oder meines Mitgefühls (es regnete an diesem Tag) kommt sie sofort mit ihrer Erklärung: "Italienisch zu sprechen ist doch sehr viel einfacher als Deutsch!" An dieser Stelle verstehe ich meine Gesprächspartnerin nicht mehr. Ich bitte sie um eine Erklärung, die ich auch ohne Schwierigkeiten bekomme : "Man braucht doch nur", erklärt sie, "an jedes Wort 'a' anzuhängen" und gibt auch gleich ein Anwendungsbeispiel: "aima-vous mangea spaghetti?" (frz.: "Aimez-vous manger des spaghettis?"). Und wirklich schlüpft sie gut in das Italienische hinein. Die Stimme war da, der Tonfall, die Gestik und die Stereotypen für den Fall, daß man wirklich nicht aufgepaßt hätte. Forscher sein verpflichtet, ich bitte sie also um einen Anwendungsversuch mit der deutschen Sprache. Doch das war für sie wirklich unmöglich; es gelang ihr nicht, was sie mir auch gesagt hatte, ins Deutsche, in diese "Haut" hineinzuschlüpfen. "Das ist ganz sie selbst!", hatte ihre Freundin gesagt, als sie diese "Selbstdarstellung" (dtsch. i. Orig.) betrachtete. Sie hatte damit recht und es war auch richtig, daran zu erinnern. Wie Jean-René Ladmiral in seinem Artikel "Le corps entre deux langues" (Der Körper zwischen zwei Sprachen) so richtig bemerkt: "eine andere Sprache zu sprechen, das heißt auch, in die Haut eines anderen zu schlüpfen, den ich in mir selbst entdecke, das bedeutet auch, meinen Körper dem Schein eines sprachlichen Spiegels auszusetzen, der ihn verwandelt und mir Bilder von fremder Mimik zurückwirft, die trotzdem die Meine ist und in der ich mich aber nicht wiedererkenne... Wie im Theater muß ich eine völlig neue Rolle lernen, um den einer anderen Sprache innewohnenden Tonfall spielen oder ausführen zu können. Mit jeder Sprache muß ich einen Text lernen, aber auch eine völlig neue Regieanweisung, der mich zu beugen, ich lernen muß. Ich muß auch ein Kostüm anziehen, ein melodisches Kleidungsstück, das mir an der Haut klebt, das Schritt für Schritt eine ganze Gestik in Gang setzt, die sich zusammen mit der Sprache ausweitet, es gibt etwas, das dem angehört, was ich mit 'perilinguistisch' bezeichnet habe". Die Reise zwischen den Sprachen ist eine unersetzbare Gelegenheit, sich auf der Ebene des eigenen Körpers zu erfahren. Der Schüler Pascal z.B. fühlt sich perfekt in die deutsche Sprache ein. Seine Wahl liegt vorzugsweise in Schimpfwörtern, Flüchen und aggressiven Wörtern. Pascal, das ist der Schulversager aus einem sozial sehr stark benachteiligten Milieu, wie man vorsichtig sagt. Er hat Verhaltensstörungen. Er ist ein Kind, das von den anderen abgelehnt wird. Er träumt davon, "Rocker" zu werden. Er stellt die Aggressivität dar... und gleichzeitig kleben ihm all diese Etiketten an der Haut, und sagen das und schreiben das und geben ihm seine Rolle. Da er seine Rolle perfekt spielt, wundert man sich nicht, daß er sich wirklich in der Situation des Schulversagers, des Aggressiven etc. befindet. Schon beim ersten Kontakt fällt er auf als "der Fall", bemerke ich ihn als "den Fall". Also finde ich mich häufig neben ihm wieder. Meistens ist er in der Nähe der deutschen Schüler; er beobachtet sie, hört ihnen zu, nimmt ihr Sprechen, ihre Wörter, ihre Gesten in sich auf. Er bedient sich meiner Anwesenheit - wie ich mich der seinen bediene -, indem er mich nach der Übersetzung von Wörtern fragt, die er sich aneignet, und mich darum bittet, einzelne Diskussionen zu situieren. Mit ihm habe ich bestimmt meinen besten Deutschlehrer gefunden. Alles, was er in sich aufnimmt, holt er wieder heraus, versucht er, im Zufall der Situationen, die auftreten, anzubringen, und sollten sie nicht schnell genug von alleine auftreten, dann ruft er sie eben hervor. Er spricht Deutsch mit den Deutschen, beschimpft sie wie ein Deutscher, greift sie an wie ein Deutscher. Er spricht Deutsch von seinem eigenen Platz aus. In der anderen Sprache entdeckt Pascal einen "anderen Ich-selbst", bis hin zu seinem Körper. Er ist konfrontiert, wie Jean-René Ladmiral weiter sagt, "mit der fremdartigen Erfahrung, die ungewöhnliche Bekanntschaft mit diesem anderen zu machen, der ich selbst bin in einer anderen Sprache". Und wenn Pascal anfängt, als Franzose seine französischen Kameraden auf Französisch zu beschimpfen, und als "Deutscher" auf Deutsch, dann macht er aus allen Sprachen ein Mittel, zu seiner Rolle zurückzukommen. Er lebt in den Wörtern eine damit eng verbundene Geschichte, die ihnen Inhalt verleiht, ohne jedoch dabei den Prozeß ausmachen zu können, der ihn selbst in Szene setzt, jedoch stets auf der Suche nach ihm. Eines Abends sagt mir Pascal, nachdem er heftig geweint hatte, daß er es leid wäre. Er stellte fest, daß seine Interventionen (Worte/Taten) auf Deutsch und auf Französisch das gleiche bewirkten. Aus diesem Grunde, bemerkt Pascal, könne er nicht mehr sprechen. Denn wenn es auch mehrere Register gibt, so bleibt er doch immer Pascal! Zum Abschluß dieses zweiten Teils über das Problem der Sprache möchte ich noch folgende Bemerkung hinzufügen. Wenn auch der Ausgangspunkt von Innovation, wie wir gesehen haben, im Erlernen von Zeichen liegt, was die Schule als Aufgabe erfüllen sollte, so werden die Grenzen eines solchen Umgangs mit Zeichen schon von den Zukunftsperspektiven der Kinder aufgezeigt, denen das Angebot gilt. An diese Tatsache hat mich wiederum ein kleiner Dialog mit Pascal erinnert: L. Colin: "Würdest du gern Sprachen lernen?" Pascal: "In der Schule lerne ich Deutsch; das macht mir viel Spaß" (Die deutsche Lehrerin hatte mir in der Tat von der Leichtigkeit erzählt, mit der Pascal Deutsch lernte.) L. Colin: "Wirst du Deutsch auf dem Gymnasium weitermachen?" Pascal: "Ich werde doch nie aufs Gymnasium kommen". L. Colin: "Ich hatte vergessen, daß alles nicht so einfach ist..." |