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Begegnungen zwischen 9- bis 11-jährigen deutschen und französischen Schülern |
Margot Umbach
Begegnungen 9 bis 11-jähriger Kinder; zur Kontaktentwicklung: Nähe - Distanz
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E I N L E I T U N G Vielfältige Erfahrungen in vielfältigen Situationen: eine Möglichkeit, sich vertraut zu machen mit dem Zusammenleben mit fremden Menschen in unbekanntem Rahmen. 1. "Sich vertraut machen mit" bedeutet nicht und sollte nicht kurzschlüssig verstanden werden als "Freunde werden", "Freundschaft schließen". "Sich vertraut machen mit" bedeutet, den/die anderen in verschiedenen Situationen erleben, einschätzen lernen, mit ihnen umgehen lernen, sei es in direktem persönlichen Kontakt, sei es indirekt in Gruppensituationen, in denen nicht notwendigerweise jeder mit jedem zu tun hat. Sich vertraut machen mit etwas, das man bisher nicht kannte, bezieht sich auch auf die Beobachtungen der Schüler in Bezug auf die fremden Lehrer, deren Art, "Schule zu machen" und deren Umgang mit ihren Schülern in der Freizeit. Die Schüler machen Erfahrungen mit fremden "Gesetzen", die ihnen nicht vertraut sind (z.B. Aufsichtspflicht, Lehr- und Lernpflicht während der Begegnung). Sie werden durch die reale Situation zu Vergleichen herausgefordert. Ihre eigenen Erfahrungen und bisweilen gegenläufigen Interessen provozieren Fragen, Argumente und Stellungnahmen. 2. "Sich vertraut machen mit" heißt - im optimalen Fall! - sich auseinandersetzen können mit diesen Gesetzen, Normen, Erwartungen, die durch die fremden Kinder, die Lehrer, die Herberge präsent sind. Es bedeutet auch u.a., Konflikte austragen, die bedingt sind durch die unterschiedlichen Verhaltensweisen und Interessen, Vorschriften und Methoden der Begleitpersonen. Die Schüler reagieren in einem breiten Spektrum, vom erstaunten "wieso denn?", über beharrliches Nachfragen bis zur spöttischen Abwehr und Ablehnung ohne Interesse an einer Klärung. Einige Kinder stehen dem "anders" einfach hilflos und fassungslos gegenüber. Ob es den Kindern gelingt, sich mit den wahrgenommenen Unterschieden auseinanderzusetzen, hängt mindestens von 3 Faktoren ab: a b Positionen zu klären, ansatzweise zu verstehen, warum der andere anders ist und etwas anderes will als ich, hat sich herausgestellt als ein Prozeß, den Kinder in diesem Alter bewältigen können und mit Interesse intensivieren - allerdings nicht immer ohne Hilfe von Erwachsenen. Ein Problem, das sich hier zeigt, ist, daß nicht alle Lehrer vorbereitet sind, solche Prozesse zu unterstützen, da die "Lehrersozialisation" soziales Lernen in unserem Zusammenhang kaum oder gar nicht vorsieht. Dasselbe Problem taucht dementsprechend in Jugendgruppen auf! "Zusammenleben" bringt es mit sich, die anderen als Gruppe und/oder als einzelne wahrzunehmen. Unzählige unerwartete und nicht intendierte Situationen fordern dazu heraus, sich mit dem und den Nicht-Vertrauten auseinanderzusetzen, "das Fremde" zumindest hautnah zu spüren. Die Formen der Auseinandersetzung sind dabei subjektiv sehr verschieden. Sie umfassen Aktion, sprachliches Bemühen, aber auch sich zurückzuziehen, um darüber nachzudenken oder mit anderen darüber zu sprechen. Wieweit und welche Kinder solche produktiven Prozesse des Sicht-Auseinandersetzens mit Situationen und Menschen selbständig entwickeln können, welche Hilfen eventuell sinnvoll wären, müßte noch weiter untersucht werden. Zusammenleben von Menschen, die sich mehr oder weniger fremd sind, ist nicht selbstverständlich harmonisch. Es wäre m.E. ein verhängnisvoller Irrtum, wenn Kinder bzw. Jugendliche aus solchen Situationen nach Hause kämen im Glauben, es gäbe dabei keine Probleme! Es gibt sie zuhauf! Die Problematik der Gastarbeiterkinder in unseren Schulen und Städten weist auf diese Problematik hin. Es sollte bei diesen Begegnungen nicht um harmonisierende Abläufe gehen, von denen alle restlos begeistert sind, weil "es ganz toll" (gedacht : unproblematisch) war. c Die Konsequenz eines solchen Klärungsversuchs ist oft die Frage an die begleitenden Erwachsenen : "Warum ist es bei den anderen nicht so wie bei uns?" Einige bitten in dieser Situation um die Übersetzung für "die anderen", andere - wenige - versuchen die Klärung direkt mit Lexikon, Gestik und Mimik. Bemerkenswert ist die Flexibilität, Neugier und der Humor, den viele Kinder dabei aufbringen, ihre Positionen zu diskutieren und zu revidieren. Solche Situationen können allerdings meist nur mit Hilfe von Übersetzungen durch Erwachsene bewältigt werden. Vielen Erwachsenen gelingt diese Revision nicht, auch wenn sie "soziales Lernen" an der Universität als Schwerpunktfach gewählt haben.
Zusammengefaßt: Die Realität der deutsch-französischen Begegnungen zeigt vielfältige Konfliktfelder. Der Erfahrungswert liegt m.E. darin, daß - die Schwierigkeiten einer deutsch-französischen Gruppe als solche wahrgenommen und angenommen werden. - verschiedene Lösungsversuche erprobt werden können. - Beteiligte an einem Konflikt erleben, daß er u.U. nicht zu lösen ist und sie andere Wege finden müssen, miteinander umzugehen oder sich u.U. auch distanzieren müssen. - die Gefahr der verallgemeinernden Fixierung auf « die » Deutschen « die » Franzosen durch die Vielfalt der Personen und Situationen weitgehend vermieden wird. - Fremdheits- und Distanzgefühle, Nähe und Vertrautsein sich nicht auf nationale Zugehörigkeit reduzieren oder sich lediglich von daher bestimmen lassen. Einzelne Menschen einer anderen Nationalität können vertrauter und näher erlebt werden als manch eine/er der eigenen Landsleute. |