Arbeitstexte de travail

Begegnungen zwischen 9- bis 11-jährigen deutschen und französischen Schülern
D
EUTSCH-FRANZÖSISCHE LANDSCHULHEIMAUFENTHALTE

Margot Umbach
Begegnungen 9 bis 11-jähriger Kinder; zur Kontaktentwicklung: Nähe - Distanz

Inhaltsverzeichnis

Teil II : Situationsbeschreibungen

1. Auszüge aus einem Interview durch einen begleitenden Lehrer (Befragung auf der Rückreise)

Frage:

Wie geht es Euch jetzt, nachdem wir uns gerade verabschiedet haben und 14 Tage mit den französischen Kindern zusammen waren?

Junge:

Ich fand das irgendwie komisch, in Bellevaux haben wir gedacht, wie, jetzt schon fahren wir nach Hause, und dann kamen wir dem Bahnhof immer näher und auf dem Bahnhof haben wir den Zug gesehen, und dann fingen auch die ersten Franzosen schon an zu weinen, und dann wollten wir am liebsten auch wieder aussteigen und sofort noch eine Woche in Bellevaux bleiben. Das geht natürlich nicht. Ich hoffe, daß wir uns nächstes Jahr wiedersehen.

Mädchen:

Ich find's auch ein bißchen komisch. Wir haben erst die Franzosen ganz blöd gefunden und jetzt, wo wir wegfahren, sind wir alle ganz traurig.

Mädchen:

Mir ist aufgefallen, daß von uns weniger Mädchen weinen als Jungen, damit haben wir nicht gerechnet.

Mädchen:

Ich find's schade, daß wir jetzt heim müssen, einige haben ja einen Freund oder eine Freundin gefunden und die müssen sich jetzt trennen, das finde ich schade.

Junge:

Ich freue mich nur, daß ich endlich nach Hause kann.

Junge:

Schön war der Abschied nicht, wir haben uns zwar mit den Franzosen ab und zu gekloppt aber jetzt so plötzlich nach zwei Wochen wieder abfahren, das ist auch nichts. Ich hatte auch schon Tränen in den Augen, aber ich wollte sie verbergen, weil wir gar nicht wissen, ob wir uns noch mal wiedersehen.

Junge:

Ich hab da auch so eine kleine Freundin gehabt und deshalb fiel mir der Abschied so schwer.

Junge:

Uns geht's saumäßig. Bei den französischen Mädchen waren einige dabei, die wir sehr gerne hatten und weil wir jetzt von denen weg müssen, ist uns der Abschied so schwer gefallen.

Junge:

Ich denke dauernd an die und hoffe, daß wir uns im nächsten Jahr wiedersehen.

 

2. Goldorak oder die schöne Illusion einer friedlichen Lagune

Eine Gruppe französischer Jungen wandert langsam zur Lagune, wo sie an diesem Morgen an ihrer Schilfhütte weiterbauen sollten/wollten. Die zuständige Betreuerin ist an diesem Morgen nicht zugegen. Ich trolle mit ihnen mit, um an diesem Morgen ein wenig bei ihnen zu verweilen. Sie kümmern sich nicht um mich und gehen alsbald zu einem kleinen Kiefernhain etwa 50 m von ihrer Hütte entfernt, wo es zu verschiedenen Assoziationsspielen kommt: werfen, verstecken, nachlaufen, erschrecken, hinter Bäumen aufeinanderschießen.

Wie zufällig entwickeln sich zunehmend zwei Jungen italienischer Herkunft als Zielobjekt. Die imaginären Schießereien nehmen zu und verdrängen bald andere Spielarten. Die Verfolgung beginnt, begleitet von Schimpfworten, die in Europa vor allem Italienern zugeordnet werden; die italienischen Jungen werden gegen Bäume gedrängt und mit Stöcken gestoßen. Die Jungen beginnen zu bitten, sie wollen in Ruhe gelassen werden. Sie wollen "mitspielen", ohne offensichtlich zu merken, daß sie zentrale Partner in einem Spiel sind - nur in einem Spiel, das für sie schwierig zu ertragen ist. Der Effekt ist eine Verstärkung von Beschimpfungen und imaginären körperlichen Angriffen. Sie lassen sich beschimpfen, treten und mit Kiefernzapfen und Steinen bewerfen. Sie wehren sich nicht, sondern beginnen zu weinen. Erst als nach etwa zehn Minuten einer schmerzhaft getroffen wird, beginnen sie, sich langsam unter Schluchzen von der Gruppe zu entfernen. Die « Sieger » johlen hinter ihnen her und lassen die letzten Schimpftiraden auf die "faulen Italiener" los.

Auf Seiten der "Sieger" folgt eine kurze Spielflaute, dann beginnen zwei Jungen von neuem mit Schießsalven, jetzt unterbrochen durch das bekannte "piep-piep-piep-piep,tüt - "Kampf-der-Planeten", Roboter im All etc. mit Kurzinformationen im Funkerstil. Das Spiel verdichtet sich.

Nach wenigen Minuten sind alle "eingestiegen": MG-Salven, feindliche Raumkapseln, Explosionen, Schreie Getroffener, Siegesgeschrei der Stärkeren, Anschleichen, Überfall, Töten und zum nächsten Sieg eilen. Ein enthusiastisch gespieltes Spiel: Tempo, Bewegung, Koalition, Angriff-Verteidigung, Erschießen, kunstvoll ins All stürzen.

Zur gleichen Zeit bauen auf der anderen Seite der Lagune im gleißenden Sonnenlicht die Kameraden unter Anleitung eines Lehrers und einer Lehrerin "gemeinsam" ein Floß im Rahmen des gemeinsamen Projektes "Urgesellschaft".

Eine weitere Gruppe im Rahmen desselben Projektes stellt unter einer Pergola Schmuck her.

Bilder eines malerischen Zusammenseins in einer mediterraneen Kulisse

Wo sind die Kinder - wer sind sie an einem solchen Morgen? Zeitraffer der Geschichte: Urgesellschaft für deutsche und französische Kinder - Planetenexplosionen, Kampf im Weltall, Tod, Meer, Wind, eine zauberhafte blaue Lagune, Sand, Schmuck, ein Floß, Schilfhütten, braungebrannte Kinder, schwatzend oder zurückhaltend, arbeitend oder sich drückend...

Photogene Szenen einer Begegnung, weniger allerdings im Kiefernhain als an der Lagune. Vom Floßbau an diesem paradiesisch blauen Morgen gibt es Photos, aus dem Pinienwäldchen nicht. In all diesem, Lehrer und Schüler in ihrem funktionalen Zusammenhang: "Wenn ihr jetzt nicht mithelft beim Bau der Hütte, dürft ihr auch nicht drin schlafen."

Ein jeder ist da mit seiner Geschichte im Rucksack, mit seinen Prägungen eingebunden in die jeweiligen Situationen, die bestimmte Aktivitäten zulassen, andere nicht. Es war sicherlich kein Zufall, daß das Spiel im Pinienhain stattfand, ohne daß eine Lehrkraft zugegen war. Die Angebote der Lehrer, Verhaltensweisen der Kinder, die unerwartet aktualisiert sichtbar werden, sind winzige Bruchstücke, kleinste Einheiten auf einem breiten Hintergrund von Erfahrungen, die Kinder und Erwachsene in die Kontaktsituation einbringen.

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