Arbeitstexte de travail

Begegnungen zwischen 9- bis 11-jährigen deutschen und französischen Schülern
D
EUTSCH-FRANZÖSISCHE LANDSCHULHEIMAUFENTHALTE

Margot Umbach
Begegnungen 9 bis 11-jähriger Kinder; zur Kontaktentwicklung: Nähe - Distanz

Inhaltsverzeichnis

3. Plena - Kontakte im schulischen Rahmen

Erstes Beispiel

Die Sitzweise im Plenum ist wie meistens: man sitzt sich nach Nationalitäten - getrennt - gegenüber. Die Übersetzung - Satz für Satz - übernimmt eine deutsche Begleitperson.

Plenum nach einem Besuch der Kinder auf dem Markt einer Stadt: Etwa 45 Kinder und 8 Erwachsene sitzen in mehrfachen Reihen im Rund. Die Diskussionsorganisation liegt bei den Kindern: Die französische Diskussionsform ist folgende: ein/e Präsident/in ruft die jeweiligen Sprecher auf. Bei den Deutschen nennt jedes Kind nach seinem Beitrag die Person, die als nächste sprechen soll. Die zwei Diskussionsformen existieren eine geraume Zeit nebeneinander. Dann bemerkt ein Franzose, seine Präsidentin rufe nur Franzosen auf, man solle es so machen wie die Deutschen. Der Vorschlag wird angenommen. Eineinhalb Stunden wird konzentriert diskutiert! Störungen sind kaum zu bemerken. Es gibt kaum Nebenbeschäftigungen. Thema : der Besuch der deutschen Kinder auf dem Markt. Was haben die deutschen Kinder auf dem Markt erlebt, gesehen? Was wollen sie von den französischen Kindern wissen? Beobachtungen werden mitgeteilt und ergänzt, Fragen formuliert. Die Kinder ergänzen sich bei den Antworten. Was ist anders? Was ist ähnlich? Warum ist es anders?

Die Kinder tasten sich an Unterschiede zwischen Stadt- und Landbevölkerung heran. Besonders interessant für die deutschen Kinder waren die vielen "natürlichen" Sachen, die Vielfalt von frischen Lebensmitteln, lebendige Tiere, gegenüber ihren eigenen "Plastikmärkten", die Freundlichkeit der Verkäufer und die vielen Unterhaltungen zwischen Käufern und Verkäufern. Bei uns "ist immer alles so unfreundlich"; hier durfte man Tiere streicheln und frische Waren probieren. "Bei uns kommen die Waren in Kisten, Kartons und Tiefkühltruhen." Hier konnte man den Handwerkern bei den Reparaturen auf dem Markt zuschauen, man konnte mit ihnen reden, man durfte lange aussuchen. "Bei uns wollen sie nur schnell und viel verkaufen."

Die Franzosen erzählen sehr genau, wie der Markt organisiert wird und woher Fische und Fleisch und Obst kommen. Dann beginnen die Kinder, die beiden Märkte miteinander zu vergleichen (Die französischen Kinder hatten den deutschen Markt vorher besucht).

Was ist anders? Was ist ähnlich? Warum sind diese Unterschiede vorhanden? Die Kinder beginnen über die Unterschiede zwischen Stadt- und Landbevölkerung zu diskutieren. Die Kinder relativieren von sich aus Aussagen, die ihnen zu absolut erscheinen, sowohl hinsichtlich zu positiver als auch hinsichtlich zu negativer Einschätzung. Sie sind konzentriert aufeinander und mit Interesse an der inhaltlichen Diskussion beteiligt.

Es gibt keinerlei Intervention durch Lehrer. Sie bringen ihre Beiträge unter den gleichen Bedingungen wie die Kinder.

Ein zweiter Teil dieses Vormittagsplenums betrifft die Diskussion über den Plenumsverlauf.

Wie ist das Plenum erlebt worden, positiv? Was ist zu verbessern? Soll diese Form gemeinsamer inhaltlicher Diskussion wiederholt werden?

Das Echo ist überwiegend positiv, es gibt keine Verbesserungsvorschläge, ansonsten sind die meisten zufrieden mit dem Verlauf. Hinzu kommen jedoch Vorschläge zu einer weiteren Plenumssitzung: die Kinder wollen in dieser Form miteinander sprechen, einige mit festen Themen, andere ohne Thema, "einfach so, was einem einfällt." Einige schlagen vor, die Teilnahme solle freiwillig sein.

Als ein neuer Inhalt wird vorgeschlagen, mehr über die vorhandenen Konflikte zwischen den deutschen und französischen Kindern zu sprechen und nach Klärungsmöglichkeiten zu suchen. (M.U.: Dieser Vorschlag wurde in jeder Begegnung gemacht, jedoch selten verwirklicht).

Zur Erklärung wird ein aktuelles Beispiel herangezogen: S., ein französisches Mädchen, tritt ein deutsches Mädchen. S. nimmt Stellung : "Jedesmal wenn wir uns sehen, kämpfen wir. Ich weiß auch nicht genau warum; das hat so angefangen. Wir können das ja auch gar nicht bereden." Viele stimmen zu, über dergleichen im Plenum zu reden, auch über Jungen- und Mädchenbeziehungen, die einigen nach ihren Bemerkungen stark zu schaffen machen. Für Probleme und Konflikte zwischen deutschen und französischen Kindern besteht von Seiten der Kinder ein großes Interesse, diese im Plenum mit Hilfe einer Übersetzung durch die Lehrer zu bearbeiten. Das Problem, damit Lehrer in ihre Angelegenheiten schauen zu lassen, ist ihnen bewußt. Entsprechend kommen alternative Vorschläge, z.B. nur auf spezielle Nachfrage um Übersetzung zu bitten. Den meisten scheint deutlich zu sein, daß sie bestimmte Probleme auf der Beziehungsebene nicht ohne verbale Auseinandersetzung und Klärung leben können.

Im Plenum wurde jeder Satz durch eine der deutschen Begleitpersonen übersetzt. Die Kinder wünschten ausdrücklich eine exakte, keine zusammenfassende Übersetzung. Bisweilen fragten sie einen anderen zweisprachigen Begleiter, ob die Übersetzung exakt war. Die extreme Konzentration und Aufmerksamkeit scheint mir eines von vielen Zeichen für ein ausdrückliches Interesse aneinander, das über persönliche 2er und 3er Beziehungen hinausgeht.

 

Zweites Beispiel:

Sitzweise: getrennt nach Nationalitäten, gegenüber. Das Plenum wurde veranlaßt durch ein abendliches Gespräch in der deutschen Klasse. Es waren mehrere Klagen laut geworden über einzelne aggressive Handlungen, z.B.: "Ein Franzose hat mir mit seinem Messer vor dem Gesicht rumgefummelt und mich bedroht." Allgemeiner Unmut, Klagen. Die Deutschen schlagen den Franzosen schließlich ein Plenum vor. Nach einigem Hin und Her akzeptieren die Franzosen das Plenum. Zwei Themen werden bekanntgegeben, "Messer" und « klauen ». Bei den Franzosen hatte sich ebenfalls Unmut angesammelt. Auch in der französischen Klasse wurden Klagen laut. Es kursierte der Vorschlag, eingebracht von einer französischen Begleitperson, die Etagen nach Deutschen und Franzosen zu trennen.

Der Beginn :

FM (französisches Mädchen): "Ein deutscher Junge hat uns mit dem Messer verfolgt."

Mehrere französische Mädchen und Jungen: "Du bist doch immer mit den Deutschen zusammen, du kannst überhaupt nichts sagen!"

FJ (französischer Junge): "Man müßte den Deutschen die Messer abnehmen."

FM: "Du bist ja nur neidisch auf die Deutschen."

FJ: "Z.(Lehrer), nimm den Deutschen die Messer ab!"

FM: "Paßt auf mit den Messern, dann passiert auch nichts."

FM: "Ihr seid bekloppt mit eurem Geschrei über die Messer der Deutschen!"

1 FM, 2 FJ: "Sie bedrohen uns, sie sind Mörder!"

Stimmengewirr

FM: (bezogen auf die letzten Äußerungen) "Nochmal die Deutschen - ihr seid verrückt!"

DJ: "J.(FM) hat Angst. Das ist alles. Deshalb erzählt sie uns so blöde Geschichten".

FJ: (an die Adresse J :) "Ich kollaboriere auf jeden Fall mit den Deutschen!"

(Stimmengewirr, Lachen, Geschrei.)

Ein Lehrer: "Sonst noch Probleme?"

(Man amüsiert sich über die Gewohnheiten "der Deutschen")

FM (J): "Die tun Salz ins Wasser."

(Gejohle)

D u. FM: "Machst du doch selbst!"

Ein Erwachsener: "Es fehlen Sachen!"

DM: "Die Franzosen haben aus unseren Flaschen getrunken."

DJ: "Wen habt ihr denn gesehen?"

DM (Nennt vier Namen von FJ)

FJ: "In unserem Zimmer sind Sachen aus dem Schrank gerissen worden, und Creme ist verschmiert worden usw."

DM: "Warum trinken Franzosen aus den Flaschen von uns?"

3 FJ: "Wir haben nur aus Y's Flaschen getrunken. Wir werden eine neue kaufen."

(Alle Jungen einschließlich der, dessen Flasche angetrunken worden ist, gehören zu einer Gruppe, die sich oft und mit ziemlicher Wonne kloppen.)

FJ: "Aus X'Flasche fehlt etwas. Ich habe die Namen notiert."

DM: "Die französischen Jungen sind dauernd ins Zimmer gekommen und haben die Türen geknallt."

FM: "Es ist Geld weg."

FJ: "Als Deutsche ein Messer vermißten, haben sie das ganze Zimmer bei uns durchwühlt und Papiere verstreut."

Fragen von Lehrerin: "Wer war das?"

FJ und FM: sechs Nennungen.

(Vorwiegend amüsierte Stimmung)

DM: "Die Franzosen stören uns genauso. Die machen auch im Zimmer und in den Betten rum. Ich bin nicht einverstanden, daß das nur die Deutschen sein sollen."

FJ: "Das stimmt!"

(Jungen und Mädchen lachen, kichern, "hoho".)

FM (L): "Man soll den Deutschen und Franzosen die Messer abnehmen. Die Franzosen sind so schlimm wie die Deutschen!"

DJ: (bezugnehmend auf die obige Außerung) "L. und andere sagen auch "Scheisse" zu den Deutschen. Sie sollen sich nicht wundern, wenn wir ihnen eine kleben."

DJ: "Zum Beispiel: J., die schlägt und boxt, spielt selbst ganz gefährlich mit dem Messer und droht uns dann, sich umzubringen."

FJ: "Das stimmt!"

(Ein Erwachsener führt ein neues Thema ein: die eventuelle Trennung der Franzosen und Deutschen in zwei Etagen.)

DM: "Es ist viel zu laut. Einer schnarcht, einer singt, einer schreit Ruhe. Die Freundschaft E.-J. ist kaputt!"

DM: "Nicht trennen, dann können die Jungen nicht mehr in die Zimmer!"

FM: "Die deutschen Jungen rennen immer in die Mädchenzimmer. Das stört uns wahnsinnig. Außerdem habe ich Angst wegen der Messer."

DJ: "Viele hassen sich, viele lieben sich. Das ist immer durcheinander. Die einen wollen zueinander, die anderen wollen weg. Schade. Mein Vorschlag ist : Keine Trennung von Deutschen und Franzosen, sondern: die sich lieben, ziehen zusammen, und die sich nicht mögen, woanders hin."

FM: "Ich bin gegen Trennung. Man ist doch da, um sich kennenzulernen und sich zu amüsieren."

DM: "Trennung nutzt auch gar nichts. Wir rennen doch immer rauf und runter. Mit den Messern, das kann gar nicht sein. Viele Deutsche haben sich erst gestern und heute Messer gekauft."

FM: "Die Deutschen und Franzosen spucken . Iiih... "

FM: "Ich bin dafür: alle Jungen oben und alle Mädchen unten."

(Grosses Gejohle, die Kinder springen auf, werfen die Arme hoch.) N E I N! N O N !

 

Überlegungen zu den Plena

Die beiden Beschreibungen von Plena mögen verdeutlichen, welche Spannweiten formal vergleichbare Situationen haben können. Bemerkenswert fand ich in allen Plenasituationen, daß sie nie langweilig waren, immer eine große Aufmerksamkeit für das Geschehen vorhanden und ein bemerkenswertes Engagement vieler zu verzeichnen war, sowohl im Hinblick auf eine aktive Diskussionsbeteiligung als auch im Hinblick auf das Interesse, das Zusammensein zu gestalten und vorhandene Probleme aufzugreifen und zu diskutieren.

Bemerkenswert ist auch, daß die Kinder dieser Altersstufe zu erheblicher Selbstregulation in solchen komplexen Situationen fähig waren. Dieses Phänomen muß allerdings im schulischen Kontext gesehen werden und im Engagement der anwesenden Lehrer, die alle der offenen Diskussion einen hohen Stellenwert beimaßen, auch in ihrer schulischen Alltagspraxis.

Die beschriebenen Plena - und viele andere - wurden weitgehend von Schülern strukturiert. Die Lehrer beteiligten sich weitgehend unter gleichen Bedingungen wie die Schüler.

retour

Inhaltsverzeichnis

weiter