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Begegnungen zwischen 9- bis 11-jährigen deutschen und französischen Schülern |
Margot Umbach
Begegnungen 9 bis 11-jähriger Kinder; zur Kontaktentwicklung: Nähe - Distanz
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4. Ein Festabend Die deutschen Kinder haben eingeladen und den Abend vorbereitet. Eine Französin hat nachmittags mit den Deutschen gemalt und Vorbereitungen getroffen. Als ich zum Festraum gehe, höre ich drei französische Jungen miteinander reden : « Ich gehe nicht hin, les boches, ich hasse sie. Ich will nicht zu ihrem Fest. » Die anderen beiden äußern auch, sie hätten keine Lust. Sie wollten draußen bleiben und blieben dabei. Drinnen füllt sich langsam der Raum. Deutsche und französische Kinder springen miteinander im Raum umher. Die Sitzplätze werden vorwiegend nach nationaler Zugehörigkeit gewählt. Effekt: der Raum teilt sich mit wenigen Ausnahmen diagonal in Deutsche und Franzosen, die jeweils zwei anschließende Wände belegen. Das Fest beginnt mit gemeinsamen Spielen, an denen Deutsche und Franzosen teilnehmen, Kinder und Erwachsene. Die Spiele werden von Kindern und Lehrern vorbereitet. Einige Spielvorgaben durch Lehrer unterstützen eine ausgewogene Beteiligung von Deutschen und Franzosen. Die Stimmung ist ausgelassen und fröhlich. Es wird viel gelacht, und die Beteiligung an den Spielen ist gut. Die französischen Kinder zögern etwas mehr, sich an den Spielen zu beteiligen als die deutschen. Auf deutscher wie auf französischer Seite gibt es Kinder, die nicht mitspielen wollen. Der Discoteil, der den Spielen folgt, hat einen anderen Charakter: die Deutschen haben Getränke vorbereitet und Musik, eine kleine Bar, die durch Kinder bedient wird. Die Erwartungen scheinen riesengroß auf das, was da kommen wird. Man ist "gespannt", die meisten setzen sich wieder auf die Bänke an den Wänden und warten auf das, was da kommen wird. "Es" kommt aber nicht. Viele beobachten die Wenigen, die im Raum umherlaufen. Nach vielen Neckereien und Versuchen von einigen Jungen und Mädchen, vor allem deutschen, andere auf die Tanzfläche zu bekommen, werden die Methoden der Jungen den Mädchen gegenüber zunehmend handfester. Es wird gezogen, geschleift, gezerrt, geschoben und geschrien. Dieser "Zugang" scheint sehr ambivalent aufgenommen zu werden: für einige waren es Erfolgserlebnisse, wenn sich ein Junge bzw. Jungen um ein Mädchen bemühten, und Spaß an kleinen Balgereien; anderen schien dieses Vorgehen Angst zu machen, vor allem einigen französischen Mädchen. Sie suchten Schutz in der Nähe einer französischen Begleiterin oder hockten sich eng aneinander in eine « sichere » Ecke. Nur wenige tanzten mit Vergnügen im Raum herum, vor allem einige Mädchen miteinander. In dieser Situation waren die Deutschen die Vorpreschenden und diejenigen, die sich mehr oder weniger handfest "ihre" Mädchen zu erobern versuchten, vor allem aber französische. Aus späteren Gesprächen mit deutschen und französischen Mädchen wurde mir deutlich, daß die Mädchen dies teils "toll" fanden, teils abschreckend aggressiv. Letztere Position wurde vor allem von französischen Mädchen vertreten. Es schien, als ob diese Mädchen Angst vor körperlicher Aggressivität hatten, obwohl Aggressivität im Sinn von gezieltem Wehtun - meiner Beobachtung nach - weder intendiert noch wirklich stattfand. Die Gesamtsituation schien für diese Mädchen und einige französische Jungen eher beunruhigend als erfreulich. Außerdem schienen vor allem einige französische Kinder unter dem Lärm zu leiden, dem Geschreie und Gejohle, das sich mit den Eroberungszügen verband und vor allem von der Seite der Deutschen hervorgerufen wurde. Andere genossen offensichtlich diese uralten Eroberungsspiele und beteiligten sich intensiv daran. Bei kleinen Gesprächen in dieser Situation wurde deutlich, daß für eine Reihe französischer Kinder solche Situationen relativ unbekannt waren und der Lärm, der vor allem von den Deutschen ausging, von ihnen als entnervend empfunden wurde. Daß soviel Lärm gemacht werden durfte, war für einige kaum faßbar, geschweige denn die Handgreiflichkeiten, die vor ihren Augen geschahen. "Da wäre bei uns schon lange ein "Surveillant" gekommen", meinte ein französischer Junge und schaute dabei sinnend auf das Getobe.
5. Ein Spielnachmittag Ich möchte einen konkreten Spielnachmittag beschreiben, der von allen Kindern einstimmig als eines der schönsten und befriedigendsten Ereignisse bewertet wurde. Es war ein Nachmittag, an dem der Geburtstag eines Jungen gefeiert werden sollte. Das Bestimmende des Nachmittags war eine Vielzahl von Spielen auf dem Gelände. Die Grundorganisationsvorschläge kamen von den Erwachsenen: Zeit, örtliche Eingrenzung, erste Initiativen, Spiele in Gang bringen. Im Verlauf des Spielnachmittags wurden die Lehrer je nach Situation zu Teilnehmern, Stimulatoren, Zuschauern. Eine Reihe Spiele liefen immer parallel, so daß jeder nach seinem Zugang und Personen wählen konnte. Es waren teils Spiele mit bekannten Regeln, teils für viele unbekannt und neu zu erlernen, teils Phantasiespiele z.B. ein großes Segelboot errichten und ... die Geschichte wurde entwickelt. Es gab Spiele, wo die, die wollten, sich anstrengen konnten, oder wo es um Geschicklichkeit ging oder um Schnelligkeit. Man konnte nach der Beendigung einer Runde wechseln oder bleiben. Diese freie Wahl der Spiele, d.h. selbstverständlich auch die Wahl der Personen, die mitspielten, schien eine hohe Befriedigung bei den meisten auszulösen. Es wurde gespielt bis zum Einbruch der Dunkelheit. Später wurde parallel zu den Spielen ein Feuer vorbereitet zum Grillen. Mit dem Grillen begannen, sich wieder zunehmend kleine nationale Gruppen zu bilden, und der Spielnachmittag - Grillabend - ging unauffällig in die beschriebenen Formen der Flurjagden über. Langsam und stetig verlagerte sich das Spiel in die Flure. Auch an diesem Nachmittag gab es Kinder, die sich kaum aus ihrer Clique lösten und besondere Ansprache brauchten, um sich mit den anderen in Bewegung zu setzen. Einige blieben nach ersten Anfangsschwierigkeiten bei den Spielenden, andere kamen zurück zu einem Baumstamm, wo sich die Zuschauer gesammelt hatten, vornehmlich im nationalen Nebeneinander. Auch hier setzt man sich nicht zufällig neben irgendjemanden! Dieser Spielnachmittag ermöglichte die lockere Wahl von möglicher Nähe und Ferne ohne belastende persönliche Investitionen an Initiative und ohne Angst, zurückgewiesen zu werden. Solche Spielsettings scheinen viele der Komponenten zu minimieren, die manche Kontaktaufnahme so schwer und bisweilen auch enttäuschend machen. Die Spielsettings selbst zeigten sich deutsch/französisch gemischt mit wechselnden Majoritäten. Dieser Nachmittag hat nach Aussagen der Kinder mehr Anklang gefunden als alle anderen Feste und Aktivitäten, die als "gemeinsame" während der Begegnung stattgefunden haben.
6. "Spielen" und "Arbeiten" "Spielen": Die Kinder "spielen" sich im wahrsten Sinne des Wortes aufeinander ein. Sie treffen sich nach Spielinteressen-Gruppen. Sie beobachten sich, erleben sich im Spiel, lernen die Art der anderen im Spiel kennen (grob, hilfsbereit, aggressiv, fair, unfair, laut, stark, schwach, klug, verläßlich, wild, ängstlich, etc.). Sie entdecken sich als P e r s o n e n , sie können sich noch nicht hinter Mauern von Worten anders repräsentieren als sie sind. Sie lernen durch Erfahrung, mit wem sie ihre (Spiel) Interessen teilen, sie lernen die "Spielart" der anderen kennen und entwickeln daraufhin Nähe oder Distanz zueinander. Sie haben die Möglichkeit, sich zu suchen oder zu meiden.
"Arbeiten": Arbeitsgruppen und Interessen-Aktivitäten, so wie sie in den Begegnungen angeboten wurden, bieten Möglichkeiten, sich auf die verschiedensten Weisen kennenzulernen und verschiedene Seiten des Selbst für andere deutlich werden zu lassen. Man kann hier andersartige Erfahrungen miteinander sammeln, nicht nur mit den anderen, sondern auch mit sich selbst in der Herausforderung und im Zusammenleben mit den anderen Kindern und Lehrern. Eine Arbeitsgruppe kann auch Funktionen haben, die aus dem üblichen Erwartungsschema herausfallen, eine Oase der Ruhe und Entspannung und in der Turbulenz des Tages zugleich ein Ort der Konzentration sein, je nach dem, was gemacht wird und wie! An einem Nachmittag wanderte ich mit der Modell-Segelflugzeuggruppe auf einen Hügel. Es wurde nicht viel gesprochen. Es war ein warmer Sommernachmittag, ein leiser Wind, ein tiefblauer Himmel mit Windwolken. Man hörte das leise Sausen der Modell-Flugzeuge. Wir hatten Zeit und genossen die Ruhe. G. erklärte vornehmlich durch Gesten die Windströmungen und warf sein großes Flugzeug in die Luft. Aufmerksamkeit, Spannung, Konzentration, man fühlte den Wind, man sah die Strömungen an den Bewegungen der Flugzeuge. Irgendwann gingen wir zurück. Jeder drückte auf seine Weise volle Befriedigung mit diesen Stunden aus. Was hatten wir erlebt? Ruhe, Wind, Sonne, die Flugzeuge im Wind, Erfolg und Abstürze, Konzentration und Entspannung. Alle sagten auf ihre Weise: Es war schön, die Ruhe und der Wind und die Wiesen. Ja, die Ruhe erwähnten alle! Kurz danach war man wieder voll im Trubel: Jemand hatte ein Vogelnest geräubert mit Eiern und gerade geschlüpften Vögeln... Die verschiedenen Typen von Aktivitäten ermöglichen m.E. zwei wichtige Erfahrungen: 2. eine Hilfe, sich einander zu nähern über Medien, wie das Herstellen von Puppen, Modell-Segelflugzeugen, Fotografieren etc., und Erfahrungen zu machen, gemeinsam etwas herstellen zu können. |