Arbeitstexte de travail

Strukturiert oder prozessorientiert?
Üb
erlegungen zur Pädagogik von Jugendbegegnungen und Ferienzentren

Prof. Hans-H. Lenharde

Inhaltsverzeichnis

2. Darstellung ausgewählter Praxisbeispiele

2.1. Das Leben der Begegnungsgruppe als Abbildung des Gruppenlebens in den Ausbildungsprogrammen

Eine eigenartige Beobachtung, die die Form des Ferienlebens als ein Wiederholungsphänomen sieht und damit die Rolle und Form der Ausbildung der Gruppenleiter für die Praxis der Begegnungsgruppen als enorm wichtig erscheinen läßt, will ich als einen ersten Praxiseinblick vermitteln.

Aus mehreren ähnlich erfahrenen Situationen wähle ich folgende drei aus, die aus einer Langzeitbeobachtung stammen; dabei wurde die bi-nationale Ausbildung der Teamer über mehrere Jahre ebenso begleitet wie verschiedene Praxisprojekte, die die Ausbildungsteilnehmer dann als Betreuer geleitet haben.

Im ersten Jahr zeichnete sich das im Schulungskurs gelebte Modell der Entscheidungsfindung dadurch aus, daß alle die Aktivitäten der Kleingruppen betreffenden Fragen plenar erörtert wurden. Es gab lange Großgruppentreffen; man trennte sich erst, wenn alle Anwesenden auf Aktivitäten der sich bildenden Untergruppen verteilt waren. - Im zweiten Jahr spielt sich die "Hauptauseinandersetzungsarbeit" der Ausbildungsgroppe im Zusammenhang mit der Verwendung und Kontrolle des pädagogischen Budgets ab. Geld wurde als Machtmittel, als Steuerungsgröße i.S. der Interessen der Ausbilder und Teilnehmer, als Dimension der Konfrontation gelebt. - Im dritten Jahr der Beobachtung gab es eine Entscheidungsform, bei der Leute und Gruppen eines bestimmten Interesses oder Bedarfs - ohne langes Bleiben in der Plenarsituation - bald nach Artikulieren ihrer Vorstellungen aktiv ins Eigenleben gingen und so am Ende die Unentschiedenen - "nicht-recht-wissen-was-tun- Leute" - als kleine Restgruppen ihre Seins-Fragen ohne Anteilnahme und Mitsprache der anderen regelten. In den Ferienzentren der jeweiligen Saison nach einer solchen Aus- bzw. Fortbildung zeigten sich nun deutlich ähnliche Figuren im Hinblick auf die Entscheidungsstrukturen bzw. die Inhalte der Auseinandersetzungen. Im ersten Jahr gab es lange, bis mitternächtliche Dauergroßgruppentreffen, in denen alle (oder fast alle) Jugendlichen zusammenhockend alle Teilprobleme ausdiskutierten - und weniger spontanes Aktiv-Sein in Kleingruppen dominant wurde. Im Folgejahr gab es allerorts Streit und Kampf um das Geld; die Teams setzen es als pädagogisches Druckmittel gezielt i.S. ihrer Interessen bzw. als Auseinandersetzungs-Kristallisator ein. Und im dritten Jahr war die schnelle Aufsplitterung der Großgruppen in eigenlebende Bedürfnis-oder Neigungsgruppen als Hauptorte des Feriengeschehens deutlich.

 

So scheint die "innere Struktur" der Ausbildung ein wichtiger strukturdeterminierender Faktor für das Leben der jungen Leute in den Ferienzentren zu sein. D.h. das in der Ausbildungsgruppe Gelebte scheint subjektiv hohe Bedeutung für das Leben in einer anderen, neuen sozialen Atmosphäre zu haben, so daß die Tendenz zur Wiederholung und Wiedereinrichtung solcher erlebter Strukturen besteht.

In diesem Zusammenhang scheint mir die "Nadelöhrtheorie" (die subjektiven Grenzen eines Leiters determinieren wesentlich die Grenzen des Zusammenlebens einer Gruppe) analog hier gültig zu sein; demzufolge spiegeln die Formen des mit einem Leiter eingerichteten Gruppnelebens im wesentlichen die ihm eigenen Bilder von Formen des Lebens in einer Gruppe wider.

Vor dem Hintergrund solcher Bedeutung der Eigenart der Mitarbeiter in der bi-nationalen Jugendarbeit, scheint der subjektive Faktor: Teamer, Leiter, Moniteur, Directeur, viel Aufmerksamkeit zu verdienen und die Persönlichkeitsstrukturen als Ausbildungsgegenstand sollten ganz bewußt viel Beachtung finden.

Daneben wird diese Art Zwang zur Wiederholung der Muster, der eigenen Ausbildung - auch durch die Grund- und Aufbauseminare für Betreuer und Directeurs - bedeutsam. Eine Einsicht in diese subjektiven Eigenarten kann und sollte zu Konsequenzen bei der Form des Ausbildungslebens führen (Problematisierung der arbeitsintensiven Lern- und Theorieseminare mit ausschließlich inhaltsorientierter Ausrichtung und der praxisfeldeigenen freizeitorientierten Lebens- und Aktionsformen mit inhalts- und gleichermaßen person- und beziehungsorientierten Anforderungen). Paradoxer als eine solche Systemdyade mit gegenpoligen Lebenswerten können die beiden Ebenen: 1. Vorbereitung und 2. Durchführung "einer Zeit des Zusammenlebens mit jungen Leuten", für die Mitarbeiter nicht sein.

 

2.2. Zur Veränderbarkeit der normativen Strukturen

Bei Gesprächen mit Ausbildern und Gruppenleitern, die, den Praxiserkundungen vorausgehend, meine Aufmerksamkeit bei der Beobachtung auf neue Aspekte leiteten, (die neben dem individuellen Beobachterinteresse andere Positionen darstellten) ist mehrfach die Möglichkeit struktureller Veränderbarkeit als bedeutsam genannt. Gemeint ist damit u.a. die flexible Handhabung z.B. eines Tageszeitplanes, die Bewegbarkeit des Mobiliars i.S. der gerade aktuellen Bedürfnisse, die Änderung von Regelungen des Zusammenlebens, wenn diese aufgrund der Eigenart aktueller Lebensbedürfnisse unterdrückend sind - oder auch die Mobilität versorgerischer Abläufe - i.S. der Rückkoppelung etwa der Essensqualität an die Geschmacksart bzw. Essensgewohnheiten der jeweiligen Gruppenmitglieder. Mir scheint damit ein Interesse verdeutlicht, Lebensabläufe in den Begegnungsgruppen möglichst "lebendig veränderbar" und wenig "verwaltet festgefahren" zu sehen. Dieser Beurteilungsaspekt im Hinblick auf die Struktur mag nun einerseits zu Reaktionen des Unwohlsein (wegen mangelnder sichernder Festgeschriebenheit) führen oder auch andererseits zur Erleichterung beitragen (wegen der reduzierten Gefahr sich verselbständigender zwanghafter Organisationsstrukturen) - je dem subjektiven Bedürfnis nach eigener und umgebender Ordnung und Geregeltheit entsprechend.

In der Praxis führt dieser Definitionsansatz zu sich widersprechenden Konsequenzen. Folgende Beispiele sollen das erläutern, die aufgrund der Aufmerksamkeit für Veränderungen in einer Gruppe während des Zusammenseins deutlich wurden: Die Belegungsstruktur in einem Ferienzeltlager in Südfrankreich - entwickelt in Diskussionen zwischen dem Directeur und den Teamern über die pädagogischen Ziele - war zu Beginn des Aufenthaltes durch die Wahlmöglichkeit der Jugendlichen ausgezeichnet, d.h. die Jungen und Mädchen (Alter zwischen 15 und 19 Jahren) wurden aufgefordert, selbst zu bestimmen, wer mit wem in Gruppen von 6 bis 12 jeweils ein Zelt bewohnt. So entwickelten sich heterosexuelle Wohngruppen, die sich auf der Basis aktueller Sympathien bzw. aufgrund bestehender Freundschaften bildeten. Ein Kölner Paar (er 19, sie 17 Jahre), das auch zu Haus im Appartement des Jungen Gelegenheit hat, zusammen zu sein, setzte durch diese Anfangsregelung gewohntes Zusammenleben fort. Für andere wer es eine aufregende Sache oder auch eine unangenehme Angelegenheit, anderssexuelle Partner so in der Nähe zu haben.

Die Regelung wurde durch eine Umstrukturierungsanweisung des Directeurs nach einigen Tagen verändert - in Richtung der Herstellung der Trennung der Geschlechter bei der Zeltbelegung, bei gleichzeitiger Zuordnung von Teamern zu jeder Zeltgruppe.

Im Sinne des Untersuchungsinteresses kann man hier zweifelsohne feststellen, daß diese Struktur mobil wurde - und ein Merkmal, das wichtiges Definitionskriterium sein kann, auftritt; i.S. der Veränderungskonsequenzen für die dort Lebenden und i.S. des Wertsystems des Beobachters sieht das anders aus: Die jungen Leute, die einen Erfahrungsraum selbst eingerichtet hatten (im Erlaubnisraum der Machthaber, die pädagogisch experimentierend den Bereich der Geschlechtspartner etwas aufmachten), in dem Probleme besprechbar wurden (das Unwohlsein mit dem ungewohnten, andersgeschlechtlichen Nachbarn) bzw. Möglichkeiten genutzt und fortgesetzt wurden (miteinander Nähe haben, andersgeschlechtliche Menschen ansehen können, körperliche Kontakte aufnehmen können), wurden mit den "normalen" Jugendbegegnungsstrukturen konfrontiert - durch Veränderung von oben. Im Rahmen einer Moralinformation wurde dem wieder einzuführenden Wertsystem des Directeurs zur Gültigkeit verholfen und das Leben neu orientiert.

Die Einflüsse der Macht (Gesetze, Angst des Directeurs vor Karriere-gefährdenden Konsequenzen) und die Struktur der realen Machtverteilung wurden so deutlich und auch für die Jugendlichen spürbar.

Protest wurde (sowohl im Team, wie bei den Jugendlichen) nur leise und in der Vertrautheit privatistischer Gespräche mit den beobachtenden Besuchern geäußert. Eindrucksvoll wirkte die - nur per Erzählung bekannt gewordene - Standpauke, die einzelne diffamierend bestrafte, die das in dem zunächst bereitgestellten Erfahrungsraum ausprobiert hatten (nämlich auch mal zu zweit in einem Bett zu liegen und Kontakt aufzunehmen), was dann von den Verantwortlichen nicht mehr i.S. des von ihnen vertretenen und für sie subjektiv gültigen Wertsystems ertragen und zugelassen werden konnte.

 

Im zweiten Beispiel geht es um die Veränderung der Gemeinschaftsnorm, d.h. der Vorherrschaft von Gesamtgruppenaktivitäten gegenüber der Alternative, Einzelne oder Kleingruppen gleichberechtigt anders daneben leben zu lassen. Diese, manchmal mit pädagogischer Ideologie geschickt verbrämte - ein Volk, ein Team, eine gültige Lösung - normative Basisstruktur für gesellschaftliches Leben in den Begegnungsgruppen wurde mehrfach deutlich; in diesem Fall entwickelte sich daraus ein mehr pluralistisches Nebeneinander unterschiedlicher Lösungen.

Die bi-nationale Gruppe war im Massif Central mit Fahrrädern unterwegs. Es gab vorher ausgearbeitete, in Etappen gegliederte Touren mit vororganisierten Übernachtungen und Routenplan. Unsere beobachtende Begleitung der Gruppe (einer mit PKW und somit als Außenstehender - und einer als begeisterter und mitmachender Radfahrer) begann in der Mitte der Gesamttour. Erste Begegnung war die mit einem Jungen (leicht fettleibig, ca. 14 Jahre, recht unsportlich wirkend), der abgeschlagen, weinend und wütend hilflos sein Rad mit schwerem Rucksack bergauf schob. Das war offensichtlich zu viel. Er war überfordert und machte seiner Ohnmacht durch Fußtritte gegen das Rad Luft. - Mein Angebot, das schwere Gepäck im Auto mittransportieren zu lassen, nahm er gern an; dann blieb er mit seiner Situation allein. Ca. sechs km weiter rastete die Gruppe mit vier Begleitern an der Kirche eines Dorfes und organisierte ein Picnic. - Denen ging es dabei ganz gut. Auch unter ihnen gab es eine Gruppe Matter (eine Begleiterin und mehrere Mädchen), denen eine Strecke mit derartigen Anstrengungen zu viel war. Kritik wurde laut.

Abends, am Etappenziel, gab es (nach einem weiteren Vorfall, s. u.) Krach - durch Kritik derer, denen diese Art Urlaub eher wie eine strapaziöse, ungewohnte Maloche schien. Ergebnis: Eine Minderheit, die es zwar schwer hatte, die Sportgeist- und Leistungsnorm der naturburschenhaften, körpertüchtigen französischen "Gastgeberteamer" anzugreifen und daneben das eigene Spazierfahrinteresse als alternative Leistungsnorm gültig werden zu lassen, setzte eine kürzere und weniger bergige Strecke als ihren Weg durch; mit früherem Ende, Tramp- bzw. Busstrecke als Abschluß und Fahrradtransport durch die Organisation.

Die "monokulturelle Programmstruktur", bei der anfangs alle alles gemeinsam bewältigen, wurde durch den ausgelebten Konflikt, bei dem unterschiedliche subjektive Leistungsnormen und Vorstellungen von "Radtour und Erholung im Urlaub" konfrontativ aufeinander prallten, anders - als im voranstehenden Praxisfall - bewältigt. Die Machtverteilung im Rahmen dieser Gruppe und in dieser Situation wird zum Vehikel einer Lösung, die das Nebeneinander voneinander differierender Lebensweisen ermöglicht, weil in jeder Interessengruppe Teamer vertreten waren und nicht das Wertsystem eines absoluten Machthabers andere Lösungen neben seiner unmöglich machten. Dabei handelte es sich hier nicht um einen Wert-Fall, bei dem Vertreter des staatlichen Wertsystems eine durch Gesetzregelung sanktionierte Form erzwangen.

Die Ungewohnheit, subjektiver Eigenart - besonders aus der Position und dem Selbstverständnis machtvoller pädagogischer Verantwortlichkeit eines seine Werte absolut nehmenden Leiters - zum Leben zu verhelfen, ist ein Strukturaspekt, der sich durch die Erziehungsgeschichte erklären läßt. In diesem Zusammenhang sind die historisch bedeutsamen Erziehungsideale etwa des Schreberschen Zeitgeist 's und deren z.T. noch heutige Gültigkeit in der Bundesrepublik Deutschland beachtenswert.

Solche Strukturdeterminanten bringen Eltern, Lehrer, Directeurs und Betreuer schnell dazu, ihre Funktion darin zu sehen, die Kinder, Jugendlichen, Partner und Miturlauber dazu zu bringen, daß sie i.S. des ihrem Leben zugrundeliegenden Wertsystems mitleben. Grundproblem des Strukturdilemmas ist, daß sich nicht Subjekte mit dem Bewußtsein von der Relativität der Gültigkeit ihrer Werte und Lebensformen begegnen, um z.B. neugierig und offen den anderen als eigenständigen Partner in seiner Eigenart und Andersartigkeit kennenzulernen und zu fordern - auch von ihm zu lernen - sondern daß sich eine Gesellschaft von Besitzenden (einer gültigen Moral und rechtskräftiger Werte) und Besitzlosen (Unerzogenen, Unanpassenden und Unmoralischen) - analog der Wirtschaftsstruktur - im Lehensraum der Begegnungsgruppen reproduziert.

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