Arbeitstexte de travail

Strukturiert oder prozessorientiert?
Üb
erlegungen zur Pädagogik von Jugendbegegnungen und Ferienzentren

Prof. Hans-H. Lenharde

Inhaltsverzeichnis

2.3 Zur strukturellen Eigenart des Zusammenlebens

Wenn Teamer, Leiter und junge Urlauber sich für eine Zeit zusammenfinden, dann sieht der Beginn des Lebens mit den anderen recht unterschiedlich aus.

Leiter und Teamer beginnen meist damit, zu klären und zu erklären, wie sie für und mit den dann noch nicht beteiligten Jugendlichen leben wollen - und bereiten die Situation so auf, daß die Bedingungen i.S. ihrer Vorstellungen und Werte vom Leben mit den Jugendlichen günstig sind. In der Praxis habe ich Zentren gesehen, die z.B. aufgrund der Sportambitionen eines Directeurs mit 25 Qualitätsrennrädern für intensive Radsportnutzung ausgestattet waren; in einem anderen Fall hat die Begeisterung eines Leiters für des Bergsteigen dazu geführt, daß mehr als die Hälfte der Ausstattungsaufwendungen für Seile und anderes Kletterzeug angelegt wurden. In beiden zitierten Fällen ist das persönliche Engagement für eine bestimmte Art zu leben (Radsport und Bergsteigen) der Motor, eine Wirklichkeit im Begegnungszentrum zu schaffen, die allen, die dieser sportlichen Leistungsnorm entsprechen, gute Voraussetzungen zum Leben dieser Bedürfnisse bietet. Ich denke, daß diese Leiter mit Leuten, die auch diese Interessenlage haben und Radrennen fahren, bzw. bergsteigerisehe Erlebnisse haben wollen, sehr unterstützend und förderlich umgehen; ....und so habe ich sie auch erlebt.

Und dann schaue ich die jungen Leute an, die da noch mitkommen in dieses Begegnungszentrum in Südfrankreich mit etwa 150 Betten, oder zu der Jugendbegegnung nach Oberbayern. Und ich sehe die vielen anderen subjektiven Ausprägungen. Sie entsprechen zweifelsohne nicht dem Bild, das die Leiter von "ihrer Hobbygruppe" haben, und damit beginnt der so vorprogrammierte Konflikt.

Wer was anderes will, hat es schwerer: Einmal, weil für seine Bedürfnisse ja keine entsprechenden Utensilien da sind und zum anderen, weil er den "normativen Rahmen" der geplanten pädagogischen Aktivitäten verlassen und einen eigenen Handlungsraum aufmachen will, wofür er mit dem notwendigen Gerät versehen werden muß.

So haben die (bei 150 Jugendlichen im Großzeltlager) relativ vielen Tischtennisfans es schwerer, sich mit den drei z. T. sehr renovierungsbedürftigen Tischtennisplatten zu arrangieren; die vielen Radfahrinteressenten, die der Abgelegenheit des Zeltlagers gern mit einem einfachen Radel entkommen und das Leben in den Orten des Gastlandes kennenlernen wollen, bemängeln die wenigen - meist defekten und technisch heruntergekommenen - "Alltagsräder" und geraten in Zorn über die 25 Renommiervehikel, die für spektakuläre Rennaktionen und disziplinierte Trainingstouren nur an Gruppen mit Teamer ausgeliehen werden. - Den spiel- und sammelfreudigen Leuten im Landheim in Oberbayern bedeutet die bereitliegende Topausrüstung für fast alle Schwierigkeitsgrade hochalpiner Kraxelei wenig; sie bleibt - abgesehen von einer Dreitagestour einer Kleingruppe - ungenutzt im Haus; wobei die vielbenutzte Kleinmusikmaschine (wattmäßig zu dürftig angelegt, um dem Soundbedürfnis dieser Stadtjugend zu genügen) kläglich überdreht, die gestarteten Feten ungeeignet begleitet.

 

Da gibt es in jedem Fall: die Schwierigkeit für viele Jugendliche, so zu leben, wie es ihren Bedürfnissen entspricht. Die Phantasiebilder der Leiter vom Leben "ihrer" Gruppe schaffen durch die ihnen mögliche Machbarkeit (Vorplanung und Organisation und materielle Ausstattung i. S. ihrer Wertsysteme) eine Wirklichkeit, die der subjektiven Wirklichkeit vieler junger Leute nicht entspricht; und problematisch dabei ist - denke ich - nur die eingeschränkte Bewußtheit der Mächtigen von diesem Phänomen. Ziele und Planungen von pädagogisch "wertvollem" Gruppenleben und lernintensiven Erfahrungsräumen sind für die Zielsubjekte allzu häufig wertlos, wenn sie wirklich das leben sollen, was sie wollen.

 

Das Problem ist nicht die Unqualifiziertheit der Mitarbeiter, die die Lebensbedingungen der Begegnungsgruppe vor-strukturieren (was immer sie vor-kaufen oder vor-bereiten, wird mehreren oder wenigeren i. S. ihrer Interessen entsprechen bzw. gleichzeitig nicht entsprechen). Mich erstaunte, wie wenig bewußt, wie nicht bemerkt die Herrschaft ihres Wertsystems, ihrer Lebensart war über die vielen subjektiven Eigenarten und Bedürfnisse der Jugendlichen. Die Vielzahl jugendlicher Objekte, die ihren Sinn darin erfüllen, in den Kulissen der Bühnen der Leiter einen Spielplan auszuführen, ist mir einige Male als Horrorphantasie deutlich geworden. Hier schließt sich für mich die Frage an, ob die Jugendlichen dazu da sind, die Gesellschaftsspiel-Marionetten der Lagermachthaber zu sein oder ob die Grundstruktur des Begegnungslebens durch die Macht jugendlicher Lebensinteressen gebildet werden soll, zu deren Förderung und Verwirklichung mitlebende "alte" Wertsystemträger relativ unbedeutende, aufmerksame Begleiter sind.

 

2.4 Gesellschaftsbilder

Bei den Besuchen der jugendlichen "Feriengesellschaften-auf-Zeit" ist unter der speziellen Optik von Mehr- und Minderheiten dieser Aspekt der Gruppenstruktur immer wieder in Variationen deutlich geworden. Unter unterschiedlichen Klassifizierungsansätzen verdeutlichen sich diese Mehrheitsverhältnisse als Interessendivergenzen im Bereich

- der Programmaktivitäten (Sport versus lässig leben, Ausflüge versus Aktion am Ort, Party feiern versus Gruppen-Spielabend),
 
- der zu vereinbarenden Regelungen bezüglich des Zusammenlebens (Sauber- und Ordnung-machen versus "freiheitliche Schlamperei", soziale Dienste für andere und die Gruppen versus jeder erledigt ihn betreffende Arbeiten selbst, Entscheidungen werden von vielen - möglichst allen - in auseinandersetzungsintensiver Plenardiskussion getroffen versus Entscheidungen einiger weniger Machthaber werden als gültig angesehen - wobei das auch z. B. das Team, der Directeur sein konnte),
 
- der Differenzen bezüglich individueller Leistungsnormen (sportlich trainierte versus körperlich ungeübte Radfahrer, diskussionsgeübte, überdurch schnittlich Intelligente versus verbal Einfache und Redeungeübte, selbstbewußte familiär optimal Sozialisierte versus defizitär aufgewachsene Heimkinder).

 

In jeder dieser Dimensionen mit der sich jeweils zeigenden Eigenart entwickelten sich Zusammenlabensprobleme - resultierend aus dem "gültigen" Bild, das jede dieser Kleingesellschaften bestimmte.

Die Minderheit der unsportlichen Radfahrer z. B. erlebte ihre Eigenart (wenig geübte Touren- bzw. Sportrennfahrer zu sein) als diffamierende und möglichst auszumerzende Schwäche, Untugend.

Ich will das am Anfang bereits vorgestellte Beispiel des dicklichen Jungen verdeutlichen. Nach der halben Etappe als "Abgeschlagener" und nicht mitkommender Alleingelassener, weit hinter den anderen sich mühevoll Abstrampelnder, hat dieser Junge sich beim Start zur zweiten Tagesstrecke als einer der ersten aufs Rad gesetzt und die bei seiner Nachzüglerankunft erlebte spöttische Attribuierung durch übersportliche Leistung ausgleichen wollen. Konsequenz: das Leistungssystem der Mehrheit dieser Gruppe veranlaßte ihn zu überhöhter Talfahrt, die mit recht üblen Verletzungen nach einem Sturz im Straßengraben endete. Ein Verletzter, der doch dabei sein wollte, dazugehören wollte, war nun zu einem Kranken - der wie in vielen Alltagsgesellschaften ja als bedauernswert aber zugehörig Erlebter verstanden wird - geworden.

Die subjektive Welt eines Minderheitenrepräsentanten wird für denjenigen interessant und bedeutsam, dessen Verständnis in der Rolle des Beobachters bzw. Leiters, Gruppenbetreuers dahin geht, daß er Individualitäten in ihrem existentiellen Sein als bedeutsamsten Teil des Zusammenlebens akzeptiert. Mir ist mehrfach klar geworden, daß die Wertsysteme der meisten Leiter (wohl als Konsequenz ihrer tradierten Vorbilder in Schule und Elternhaus - vor dem bundesrepublikanischen Hintergrund) das reibungslose Miteinanderfunktionieren - meist i. S. der von ihnen repräsentierten Moral - als bedeutend beinhalteten.

So wurde die an anderer Stelle beschriebene Differenzierung einer Leistungsgruppe in zwei unterschiedliche Teilgesellschaften, die abends weiter zusammen gelebt haben, bezeichnenderweise erst am Tag nach dem Sturz des "Sozialfalles" möglich bzw. zugelassen. Die Tendenz zum Gewährenlassen koexistierender Lebensmöglichkeiten und die Sensibilität für das unter den eingerichteten Machtverhältnissen meist nur vorsichtig geäußerte Bedürfnis nach Andersartigkeit ist wenig ausgeprägt. Sicher ist es einfacher, objektive Maßstäbe und Verhältnisse als Basis sozialen Lebens der Feriengruppe anzunehmen; und dabei spielen die Vorstellungen eines "glatt" funktionierenden Ablaufs des Jugend-Begegnungs-Betriebes sicher eine große Rolle. - Inwieweit eine dysfunktionale Zusammenlebensstruktur ausgerechnet in einem so begrenzten Lebensraum als wertvoll erlebt und gelebt werden kann, ist als Denkalternative für viele sicherlich bereits problematisch.

Die in den Jugendzentren vorhandenen Gesellschaftsbilder sind mir erschienen wie strukturelle Abbilder der gesellschaftlichen Formen, mit denen die, die dort leben, ankommen und weiterleben. Bei dem Versuch, subjektiven, anderen Realitäten Raum zu geben, durch die Anregung: das, was den einzelnen Jugendlichen an der Form ihres Zusammenlebens in der Feriengruppe bedeutsam ist, aufzulisten, wird eine große Palette alternativer Lebensvorstellungen betrachtbar und miteinander konfrontierbar.

Die Aufforderung, eine begrenzte Zeit (im Versuch einen halben Tag lang) einmal ganz das zu leben, was dem eigenen Bedürfnis entspricht, brachte einigen klar lebbare Möglichkeiten, anderen konfliktreiche Ausdehnungen in die Sphäre der Partner - und damit Erlebnisse der Grenzüberschreitung und Bedrohung; bei wieder anderen hilflose Handlungs- und Denkunfähigkeit, Inaktivität als Konsequenz des plötzlichen Mangels an Mustern und der ungewohnten Orientierungslosigkeit.

Mir wird deutlich, wie stark bei der Bestimmung der Strukturen gesellschaftlichen Lebens junger Deutscher und Franzosen innere Raster - i. S. vom "engagierten Wollen" zu bestimmten Lebensweisen oder von subjektiven Bildern als mächtige interessenleitende Kräfte - fehlen; die Übernahme dessen, was äußere Kraft (Mehrheiten, machtvolle Teams und normative Instanzen, äußere Bedingungen) nahelegt, ist weit verbreitet.

Kampf für das eigene Sein ist nur (mit Hilfe beteiligter Interventionen des Beobachters) provoziert (also auch von außen stimuliert) realisierbar. Auch in den Feriengesellschaften ist abweichendes Verhalten sichtbar. - Die sehr häufig gesehene resignative Anpassung an das, was eine als zuständig und übermächtig erlebte Instanz (unterschiedlich von den jungen Leuten benannt als: die Monolithen, der Diktator, die Mecs da oben, das ist nun mal so hier, Ordnung ist das oberste Gebot...) fordert, läßt die Ohnmacht, sich selbst zu leben, erkennen. Obrigkeiten und Geregeltheit erscheinen - bei allen hinzugefügten progressiven Sounds der strukturbestimmenden Personen - als wesentliche Elemente im Begegnungsalltag; bei der besonderen kulturdifferenten Basis dieses Bereichs bi-nationalen Zusammenlebens, eine besondere Problematik.

Wie sollte das auch aussehen, wenn die eigenarts-spezifische Lebensformen zweier Kulturen und/oder vieler Individuen aufgefordert würden, aktiv zu existieren? Zwei Lager-Kulturen in einem Begegnungszentrum? Eine Vielzahl unüberschaubarer spezifischer Klein- und Kleinstgruppen? - Anders ausgedrückt, die Vision, durch Förderung der Lebensformen mannigfaltiger subjektiver und sozialer Klein-Systeme ein existenzfähiges anderes Ganzes zu schaffen, ist in den subjektiven Vorstellungswelten der Mehrheit der Macher dieser Begegnungsräume abschreckender als die (Gott sei Dank gut "übersehbare" und nicht prägnant erscheinende) Nicht-Existenz der Elemente dieses Ganzen.

Die Chance zu einem "mehr" an Probierraum für diejenigen, die das Bild der großen Gesellschaft morgen gestalten werden, wird durch das ermöglichte Mehr an Risiko und weniger durch die verbindliche Gültigkeit der Bilder und Werte der Menschen bestimmt, die mit hohem Bewußtheitsgrad Rahmen und Regeln des Gruppenlebens vorgeben und maßgeblich daran beteiligt sind.

 

 

2.5 Minoritäten und Machtstrukturen

Mehrfach sind mir Situationen begegnet, in denen sich eine relativ kleine Gruppe einer Nationalität bzw. einer Interessenrichtung einer machtvollen Majorität anders nationaler oder anders interessierter - eben andersartiger - Leute gegenüber sah.

Ich denke noch einmal an die große Ferienkolonie in Südfrankreich, bei der vierzehn junge Deutsche mit zwei deutschen Betreuern in einer Umgebung von 150 französischen Jugendlichen, einem französischen Directeur und zwölf französischen Teamern lebten. Oder an den zwölfjährigen Jungen, der mit schwerem Rucksack die Fahrradtour mitmachte, bei der sein Leistungsvermögen weit unter dem der übrigen Mitfahrer lag (den ich weit hinter der Gruppe berganschiebend antraf, als er gerade sein vor ohnmächtiger Wut getretenes Rad unter Fluchen wieder fit zu machen versuchte, dabei gleichzeitig vor Überanstrengung immer wieder umkippend).

Nun, was soll diese Wiedervorstellung eigenartiger Personen, die innerhalb verschiedener Zentren an einem Begegnungsprogramm teilnahmen? Ich will die Strukturdiskussion unter dem Aspekt von Minoritäten aufnehmen; jedes Mal handelt es sich um Lebenssituationen, die i. S. meines Wertsystems vor allem auch die Funktion haben, miteinander oder jeder für sich leben zu lernen.

Tatsache im Beispiel Südfrankreich ist, daß das numerische Ungleichgewicht bedeutsam die Möglichkeiten der Verwirklichung der Interessen aller Beteiligten ungleich bestimmte. Ein ausschließlich französisch redender Directeur hielt lange morgendliche Reden, die von der Majorität des Lagers einsichtig und ruhig aufgenommen wurden. Die kleine - z. T. auch nur einsprachige oder doch nicht so fließend zweisprachige - deutsche Gruppe war dieser allmorgendlichen Prozedur verständnislos ausgesetzt und hatte nur mal flüsternd Übersetzungsgelegenheit. - Klar, daß Unmut entstand, der allerdings keine Anregung zur Bearbeitung darstellte, sondern nur nebenbei in negativen Bewertungen dieser "Unterdrückungsstrukturen" Ausdruck fand.

Nicht die Tatsache der numerischen Ungleichheit ist bedeutsam für die Situation, sondern die dort gelebte Art, dieser Minderheit nicht genügend Raum für ihre Kommunikationsbedürfnisse gegeben zu haben; m. a. W.: die praktizierte Herrschaftsform der Machthaber - in diesem Fall des französischen Directeurs und der großen Anzahl sprachmächtiger französischer Teamer und Jugendlicher - ist Gegenstand meiner Strukturanalyse.

Die mir in diesem Rahmen wichtig erscheinende Übersetzungsaktion - nach einem Redeabschnitt der Morgenansprache des Direktors - hat nach einigem "Qu' est - ce que c' est, ce Mec?" bei einigen die Aufmerksamkeit auf das aktuell existierende Minderheitenproblem gelenkt. Eine solche Intervention war nur von einem Gegenmachthaber denkbar, in diesem Fall einem Praxisbeobachter; eine andere Alternative zur Bewältigung dieser weitverbreiteten Strukturform ist zweifelsohne die "revolutionäre" Durchsetzung der Minderheitsrechte. Das scheint nur selten möglich in den deutsch-französischen Begegnungsgruppen, führt jedoch bei Durchleben dieser hochaffektiven Konfliktstruktur sicher zu intensiven selbstwertsteigernden Erfahrungen. Voraussetzung dafür ist ein an dieser Problemstruktur orientiertes und solche Prozesse förderndes Leitungsverhalten. Das ist ein Kernproblem des Lebens in den Zentren.

Einmal weisen die beobachteten, dort gelebten Sozialstrukturen auf die zugrundeliegenden Wertsysteme hin, bei denen "ordentliches Funktionieren" des Ganzen absolute Priorität gegenüber den Bedürfnissen der dort lebenden Jugendlichen hat. Diese eigenartigen Werte der meisten Leitungsteams - i.S. der Organisation möglichst problemlos ablaufender Ferien - sind orientiert an Größen wie: Harmonie, Gemeinschaft, Rücksicht, Gruppenleben etc. und weniger an Lebensanteilen wie: Konflikt, Auseinandersetzung, Individualität, Pluralität, Koexistenz u.a. ähnlichen.

Zum anderen ist das Bewußtsein, an dem sich die "pädagogischen Aktionen" der Leiter orientieren, in dieser Hinsicht wenig ausgeprägt; d.h. die Aufmerksamkeit ist auf Handlungen bezogen, auf Freizeit-Programme, die "en masse" realisiert werden - wenig auf Erlebis- bzw. Erfahrungsräume, die in individueller Unterschiedlichkeit ablaufen und das oft vorstrukturierte, kollektivierte Gruppenleben in seiner Bedeutung für einzelne Jugendliche und minoritäre Gruppierungen häufig relativieren.

So leben im Miteinander der Begegnungsgruppen die unterschiedlichsten Menschen - entsprechend ihrer kulturell-nationalen, ihrer jugend- bzw. altersentsprechenden, ihrer beruflichen bzw. berufslosen, ihrer geschlechtsspezifischen und/oder ihrer sportlichen, intellektuellen u.a. Eigenart und Wertnormen - mit den verschiedensten Erlebnissen einer zunächst einfach erscheinenden Ferienrealität.

Wer entscheidet dabei, welches der vielfältigen Wertsysteme erlaubt bzw. akzeptiert und richtig ist? So lange eine nicht negativ sanktionierte Koexistenz Illusion ist, bleibt die Realität konkurrierender Wertsysteme die Ausnahme im Zusammenleben einer solchen Mikro-Ferien-Gesellschaft. Es handelt sich dabei um Reproduktion des üblichen Mehr-Wert-Systems.

 

Interindividuell gesehen heißt das, daß jeder seinen Selbstwert aus der Tatsache eines "gemachten" Minderwertigen zieht. Etwa in der Form der geringeren Bewertung der Jugendlichen durch die Leiter, der Frauen durch die Männer, der Alten durch die Jugendlichen etc. So wird häufig der eigene Wert durch den abwertenden Vergleich mit anderen erworben; das ist bei den Mittelschichtjugendlichen so gegenüber den Heimkindern, bei den Sportlern so gegenüber den künstlerisch Kontemplativen u.s.f. Bezogen auf Gruppen mit unterschiedlichen Werthintergründen bedeutet es, daß Kulturgruppen die soziale und materielle Form ihrer Lebensart höher bewerten als die anderer und daß demzufolge in den bi-nationalen Begegnungsgruppen eben auch diese Eigenart nationaler Konkurrenzen das Zusammensein mitformt. Ob es dabei um die Art des Essens, der Erziehung, der Kleidung o.ä. geht, die Mehrwertaussage ist verdeckt durchgängig.

Es hat also dieses Mehr-Wert-Sein immer gleichzeitig eine Minderwertigkeitszuschreibung an sich, und entscheidend für die Verteilung der Minderwertigkeitserlebnisse ist das Herrschaftssystem. So lange die häufig beobachteten unreflektierten Selbst-Bestätigungs-Mechanismen - i.S. des vorausgehend beschriebenen Systems - durch eindimensionale, quasi autoritäre Herrschaft z.B. von "Wertrichtigen", Pädagogen (Directeuren, Moniteuren, Organisatoren) als Machthaber installiert werden, deren Situationsbeurteilungen das Gruppenleben bestimmen, werden die Erlebnisse der weniger wertigen Jugendlichen (Nichtsportler, von der vorgegebenen Sexualnorm Abweichende, Individualitätssansprüchler, Leser, Zärtlichkeitsbeansprucher etc. ..) wesentlich von der Eigenart der Minderwertigkeit sein.

 

Klar, daß die Minderwertigen Verteidigungssysteme errichten; subkulturelle Kleingruppen sind Folge eines solchen Notstandes - solange man diese Formen der selbstentsprechenden Norm und Identitätserhaltung leben kann. In auf "Programmaktivismus" ausgerichteten Zentren sind mir die diffamierten "Hänger" als Restzeichen eines pluralistischen Systems angenehm aufgefallen oder in einem großen Team aus männlich-herben Sporttypen die sensibel intellektuelle Minderheit von einer Betreuerin und einem Leiter, die ihr "kooperatives Außenseitertum" als wichtigen Beitrag zum Gesamt-Lagerleben aushielten. Bedrohlicher wird es, wenn der meist organisationsspezifische Funktionärsapparat seinen Herrschaftsanspruch derart lebt, daß beinahe totale Anpassung an die den Jugendlichen verordneten Lebensnormen der Machthaber gefordert wird. Etwa, wenn geschlechtsspezifische kontrollierbare Schlaf- und Zeltgruppen heterosexuelle Kontakte im Rahmen von Paargruppierungen fast unmöglich machen und die Leitung das eigene Kontrollbedürfnis über alles hebt. Oder, wenn die Harmonisierverordnung einiger Teamer bis in die detaillierteste Rationierung und Organisation z.B. des Essens oder der Sportgeräte reicht. Klar: vermieden wurde und wird in solchen Fällen die z.T. konflikthafte Auseinandersetzung der Jugendlichen miteinander - zugunsten eines ordentlichen, geordneten Zusammenlebens. Und was wird an Sozialverhalten vermittelt dabei? ...

Diese "sauberen" Zentren, deren leitende Vertreter die Problemlosigkeit des geordneten Lebens meist stolz hervorhoben, sind die mir problematisch erscheinenden. Dabei ist meist durch viel Reglementierung des Bedürfnis der Herrschaftsinstanz in zweierlei Hinsicht befriedigt:

- Einmal die Demonstration ihrer pädagogischen Qualifikation und ihres machtvollen Leitungsvermögens
 
- und zum anderen die Verwirklichung eines Wertsystems, innerhalb dessen sich das Leben aller Beteiligten abspielt.

Besonders deutlich wird diese Wiederholung eines weitverbreitet beobachtbaren gesellschaftlichen Vorgangs durch einen Blick auf die (dabei meist untergehenden) Bedürfnisse der Nicht-Starken.

Lebensabläufe - gern gelebte unregelmäßige Tagesrhythmen der jugendlichen Freizeitler z.B. oder gewohnte Geschlechtsbeziehungen junger Erwachsener - sind nicht verwirklichbar; werden - genauer betrachtet - unterdrückt. Dieses Nichtzulassen der "unbequemen" und im Begegnungsrahmen "abgewerteten" Besonderheiten bedeutet für die Betroffenen Erlebnisse des Nicht-Akzeptiert-Seins.

Wenn nicht im Rahmen der Begegnungen junger Leute unterschiedlicher sozialer und nationaler Herkunft - wo sonst ist der Raum für Versuche, eigene Identität in der Konfrontation mit individueller und kultureller Andersartigkeit zu erleben? Für den einzelnen Jugendlichen bedeutet die egalisierende Anpassung natürlich auch eine Lernleistung; mir scheint es lediglich problematisch, wenn dieser Rahmen jugendlichen Lebens auch wieder in erster Linie zu genau diesem Eingliederungsdasein - und zwar an und in das Wertsystem pädagogischer Teams - benutzt wird.

In der Situation der so sozialisierten Jugendlichen ist eine Wiederholung des in der Alltagsgesellschaft vermutlich bereits häufig erfahrenen Einordnungsdrucks in ein machtvolles Wertsystem ein Lernmoment mehr, das die Ohnmacht des Individuums verstärkt.

Die schweigenden "Aussenseiter" in den Zentren fallen meist wenig auf und leben -. aufgrund der Aussichtslosigkeit bei der Verwirklichung ihres Lebens in der Gruppe - scheinbar angepaßt mit.

Die Schwierigkeit des akzeptierenden Mitlebens der Leiter mit der Vielfalt unterschiedlich eigenartiger Jugendlicher - i.S. der Unterstützung dieser Menschen bei der Findung und Realisierung ihres Selbst - ist ein offensichtlich gewordener Strukturproblem-Aspekt.

 

Provokativ ausgedrückt: Ein Dilemma bei den Jugendbegegnungsgruppen ist die Struktur der Personen, die diese Gruppen maßgeblich strukturieren. - Je größer dabei die Gruppen, die ein Directeur maßgeblich und einige Teamer faktisch in ihren Lebensabläufen bestimmen, desto größer die Wahrscheinlichkeit, nicht an den Personen orientiert mit den Eigenarten der Jugendlichen zu arbeiten - sondern mit den Projektionen der eigenen Bedürfnisse, mit den entpersönlichten Schablonen Jugendlicher.

Provokativ ausgedrückt: Der numerische Erfolg durchgeführter bi-nationaler Treffen steht im Gegensatz zur intensiven mitmenschlichen Auseinandersetzung; die Strukturen, viele Jugendliche in großen Organisationseinheiten (Zeltlager - mit 200 Teilnehmern) zusammenzufassen, verhindern qualitative Selbstwertgewinnung für jeden einzelnen. Anders formuliert: die Möglichkeit zur Erweiterung der persönlichen Kompetenz und Entwicklung der Persönlichkeit der Jugendlichen während einer deutsch-französischen Begegnung ist nur dann wahrscheinlich, wenn Individualitäten (auch i.S. ihres kulturellen Hintergrundes) als Person (nicht in anonymen Großgruppen) miteinander in Kontakt treten.

Provokativ formuliert: Wie können Jugendliche ihre deutschen bzw. französischen Sprach-, Ordnungs-, Finanz-, Bildungs- und politischen Eigenarten u.a. leben und als Gelebtes erleben, wenn dies in einem Sozialraum geschieht, der vornehmlich mit der Installation einer Großgruppen-Ordnung beschäftigt ist. - M.a.W., die je individuell vorhandene Besonderheit braucht Raum, um lebbar zu werden. Die so von Partnern erlebbare Eigenart ist für Lernen und Sich-verändern sinnlos, wenn des Individuum die Reaktionen affektiver, verstandesmäßiger oder körperlicher Art nicht direkt erfahren kann. Dazu braucht es wieder Raum. Und letztlich wird nur durch gemeinsames Klären (besprechen, bewerten) ein Miteinander real.

Provokativ formuliert: Eine auf gutes Funktionieren einer großen Anzahl von Jugendlichen ausgerichtete Begegnungsarbeit kann kein Mittel sein, das förderungswürdig Völkerverständigung betreibt. Im Gegensatz dazu wird ein überschaubares, "intimes" Beziehungssystem (an Stelle vieler Pädagogiksysteme) die Effekte der deutsch-französischen Jugendarbeit - i.S. vermenschlichterer Lebens-Möglichkeiten in diesem Raum fordern. Aber das hängt natürlich von den Interessen derer ab, die die Wertstruktur dieses in interkulturellen Sonderraumes bestimmen.

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