Arbeitstext Nr.1 - Alltag, Vorurteile und interkulturelles Lernen

Arbeitstext Nr.1 ALLTAG,VORURTEILE UND INTERKULTURELLES LERNEN Prof. Dr. Hans Nicklas, Frankfurt 2. verbesserte Auflage 1989 ALLTAG, VORURTEILE UND INTERKULTURELLES LERNEN 1. Was heißt Alltag und wie steht die Begegnungssituation zum Alltaq? Die Kurssituation in den deutsch-französischen Begegnungsprogrammen und der Alltag stehen in einem Spannungsverhältnis zueinander. Dieses Verhältnis kann man positiv und negativ beschreiben: Die positive Beschreibung spiegelt in der Regel die Erwartungen wider, mit denen die Teilnehmer zum Kurs kommen. In der Begegnung mit jungen Menschen aus dem anderen Land wird die Chance des Erlebens von Neuem gesehen, eine Unterbrechung des Alltags, der Pflichten und der Konventionen. Der Kurs scheint die Möglichkeit zu bieten, dem Leistungsdruck und den Zwängen der Arbeit zu entgehen, eine neue Erfahrung von Zeit machen zu können, nicht in einem starr geregelten Tageslauf funktionieren zu müssen, die Trennung von Arbeit und Freizeit aufheben zu können. Weitere erwartete positive Aspekte sind oft die neuen Kontakte, die Erfahrung von Kollektivität und Selbstorganisation, die Möglichkeit des affektiven Auslebens und die Hoffnung, sich als ganze Person einbringen zu können. Die negative Beschreibung der Begegnungssituation in ihrem Verhältnis zum Alltag stellt oft zugleich die Erfahrung dar, die die Teilnehmer im Kurs machen. Einerseits zeigt es sich, daß im Kurs das erhoffte Neue ausbleibt, daß die Teilnehmer nicht fähig sind oder daß ihnen die Kraft fehlt, die Spontaneität aufzubringen, die notwendig wäre, den Alltag zu durchbrechen, daß er wiederkehrt als Kursalltag. Andererseits stellt der Kurs zuweilen eine Fluchtposition vor dem Alltag dar, der Alltag wird für die Dauer des Kurses vergessen, verdrängt; es fehlt die fruchtbare Spannung zum Alltag. So wird der Kurs zur Kehrseite des Alltags, ist nichts qualitativ anderes, er erhält (lediglich) eine Reproduktionsfunktion für

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