Arbeitstext Nr.6 - Internationales und interkulturelles Lernen

- I - Vorwort Die beiden nachfolgenden Beiträge von Margot Umbach und Lucette Colin handeln von Begegnungen zwischen 9- bis 11-jährigen deutschen und französischen Schülern, die sich in ihrem Klassenverband zu Landschulheimaufenthalten getroffen haben. Die Texte beruhen auf teilnehmenden Beobachtungen in binationalen Begegnungen, die mit Schülern und Lehrern an zwei Schulen aus jedem Land und in Zusammenarbeit mit der Ligue Française de l'Enseignement et de l'Education Permanente sowie der Arbeiterwohlfahrt stattgefunden haben. Ein Einwand in Bezug auf die Übertragbarkeit der Erfahrungen in diesem Rahmen auf andere Begegnungssituationen ist normalerweise, daß in dieser Altersklasse "noch" Kontaktfreudigkeit bzw. Spontaneität bestehe, so daß man nicht unbedingt von Kindern auf jüngere Erwachsene schließen könne. Überraschenderweise zeigen sich aber bereits in dieser viel gelobten Spontaneität Verhaltensweisen dem Fremden, dem Anderen gegenüber, die durchaus Aufschluß darüber geben können, wie sich - aus ihrer Enkulturation, Sozialisation und Erziehung heraus - junge Erwachsene in der Begegnung mit anderen Kulturen verhalten. Bekanntlich führen diese Prozesse dazu, daß Kinder einen wichtigen Teil der Erwachsenenwelt verinnerlichen und daß dementsprechend viele Eindrücke aus der Kindheit in jedem Erwachsenen weiterleben : die Unterschiede zwischen den Altersklassen sind nicht so groß, wie dies oft angenommen wird. Darüber hinaus geben diese Begegnungen wichtige Hinweise darauf, wie sich Nähe und Distanz im Austausch regeln, daß z.B. Gefühle der Vertrautheit und der Fremdheit nebeneinander bestehen und gleichzeitig gelebt werden können, sich also durchaus miteinander verbinden lassen. Dabei ist die Möglichkeit, sich auf seine eigene Kultur, seine "nationale Gruppe" zurückziehen zu können, äußerst wichtig. - II - All diese Erfahrungen lassen sich um so leichter auf den Breitenaustausch übertragen, je eher es dabei möglich ist, dem "Erleben" einen wichtigen Stellenwert einzuräumen, auch wenn dies vermeintlich auf Kosten von "Lernzielen" geschehen sollte, die vom offiziellen Programm vorgegeben sind. Was diese Lernziele betrifft, so legen die Erfahrungen in den Begegnungen mit den 9- bis 11jährigen nahe, nicht zu hoch zu greifen und z.B. gleich den "Abbau" von Vorurteilen anzustreben. Realistischer ist, mit den eigenen Vorurteilen und Stereotypen leben zu lernen, diese zu relativieren und damit bewußter umzugehen. Die Erfahrungen legen ebenfalls nahe, interkulturelles und internationales Lernen, das vom Prinzip gleichberechtigter Beziehungen zwischen Teilnehmern und Gruppen unterschiedlicher Kulturen ausgeht, als längerfristigen Bildungsprozeß zu betrachten, der auch auf wiederholter Begegnung in einem offenen Rahmen, in dem es nicht um die Reproduktion « bewährter Programme » geht, beruht. Margot Umbach und Lucette Colin hatten sich darauf verständigt, die Schülerbegegnungen aus unterschiedlichen Perspektiven zu behandeln. Deshalb steht einerseits eine möglichst

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