Arbeitstext Nr.22 - Europa - ein politischer Mythos?

Jacques Demorgon Die Krise Europas, die Zukunft Europas Nationen und Staatsbürgerschaften: Kulturen und Strategien 1 Regierungen und Bevölkerungen: Europa, doppelt gespalten Den Europäern ist es nicht gelungen, ihre so reiche Vielfalt als echte Einheit zu gestalten. Für die Kohärenz der Konstruktion Europas kann diese Vielfalt also auch eine Bedrohung darstellen. Zwar konnten sich die meisten Europäer zu einem gewissen Erfolg des Euro gratulieren, zur Einführung einer minimalen europäischen Staatsbürgerschaft in Gestalt bestimmter, allen gemeinsamer Rechte sowie Pflichten. Letztere werden allerdings in weitaus geringerem Maße als gemeinsam getragen akzeptiert. Doch es mangelte an einer klaren Gesamtlinie. Die Europäer verharrten in ihrer Ambivalenz. Einerseits war ihre Vielfalt kostbar. Andererseits war sie gefährlich. Einerseits wünschten sie die Einheit, aber die einen erwarteten, dass sie von selber käme, während die ande- ren sie übers Knie brechen wollten; die einen erhofften sie als Verheißung des wirtschaftlichen Zusammenschlusses, die anderen als Ergebnis einer politi- schen Willensbildung. Durch die – mitunter, wie auf dem Balkan, brutalen - Ereignisse sahen sich die Europäer mit den Unzulänglichkeiten, den Grenzen, der Ohnmacht ihrer Pläne und Zielvorstellungen konfrontiert. Seitdem suchte man nach Antworten in zwei Richtungen. Die erste und einfachere war additiv. Sie bestand in der territorialen Erweiterung durch Aufnahme der früher unter sowjetischer Herr-schaft stehenden Länder. Die zweite verstand sich als Synthese. Bei ihr ging es – und geht es noch heute – um den Entwurf einer gemeinsamen Verfassung, auf die sich alle Europäer verständigen können. Aber auch hier handelt es sich zunächst um eine Initiative von oben. Zwar soll sie den Bevölkerungen zur Ratifizierung vorgelegt werden, doch der Austausch zwischen den Menschen, Gruppen und Gesellschaften der europäischen Länder bleibt unzureichend: Unzureichend bleibt auch seine Begleitung mit den not- wendigen Kenntnissen. Europa konstituiert sich bislang als Einheit auf dem kleinsten gemeinsa- men Nenner. Die politisch Verantwortlichen sind eher daran interessiert, Schwierigkeiten und Meinungsverschiedenheiten zu umschiffen, als sie wirk- lich anzugehen. All dies ist in brutaler Weise zum Zeitpunkt des Vertrags von 91

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