Arbeitstext Nr.13 - FÜR DIE ENTWICKLUNG INTERKULTURELLER KOMPETENZ IN EUROPA

18 I. WOZU ÜBERHAUPT FORMALE ABSCHLÜSSE? Jacques Demorgon - Hans Nicklas 1.) Allgemeine geschichtliche Ursprünge und Funktionen von Diplomen Historisch sind Diplome und Zeugnisse entstanden im Zuge der Auflösung kleiner (bäuerlicher) Gemeinschaften und der Ent- stehung größerer (städtischer) Kulturen. In kleinen, überschau- baren Gemeinschaften ist die Beurteilung eines Menschen, seiner Fähigkeiten, bestimmte Aufgaben zu verrichten, durch persön- liche Kenntnis und den Augenschein möglich. Die Qualifika- tionsbeglaubigung wird erst notwendig in größeren, für den einzelnen nicht mehr überblickbaren Gesellschaften, also städ- tischen Kulturen. Vorläufer der Diplome und Zeugnisse sind die Empfehlungsschreiben, die die persönliche Kenntnis einer Person einer andern Person zugänglich machen. Der Wert eines Empfehlungsschreibens wurde durch die Person dessen, der das Empfehlungsschreiben verfaßt, ihre Position, die ihr zugeschrie- bene Urteilsfähigkeit etc. beglaubigt. Es ist zwar daran zu erinnern, daß die Sorbonne, die im 13. Jahr- hundert gegründet wurde, bereits damals drei Abschlußgrade ver- gab: „déterminance“, „baccalauréat“ und „licence“. Konsequent erfolgt der Ersatz des Empfehlungsschreibens durch Diplome und Zeugnisse in Europa jedoch erst im Laufe des 19. Jahrhunderts zusammen mit der Entstehung der großen Nationalstaaten. Es gibt zwar Vorläufer auf verschiedenen Gebieten, aber radikal setzen sich Diplome und Zeugnisse erst im Zusammenhang mit der Ent- stehung der bürgerlichen Industriegesellschaften durch. Diese Entwicklung steht im Zusammenhang mit der Verrechtlichung der zwischenmenschlichen Beziehungen und der Entstehung der Bürokratien, die die alten hoheitlichen Aufgaben der Landes- herren ablösten.

RkJQdWJsaXNoZXIy MzYxNzk=